Nur bedeute uns die Gemeinschaft keine Gleichförmigkeit in der

Religion. Es gibt verschiedene Arten, das Universum anzuschauen, ihrer

Entwicklung ist freier Platz zu lassen, auch die Religion selbst muß

sich individualisieren. Bei Erörterung der verschiedenen Gestaltungen

der Religion verwirft Schleiermacher mit großer Entschiedenheit die

Vernunftreligion, von welcher die Aufklärungszeit so viel erwartete,

ihm gilt sie als ein bloßer Schatten, als eine magere und dünne

Religion. Auch allgemeine Begriffe, wie Pantheismus oder Personalismus,

erzeugen aus eigenem Vermögen keine lebensvolle Gestalt, das

geschieht lediglich in geschichtlichen, positiven Religionen, welche

in bestimmter Art die unendliche Religion im Endlichen darstellen.

In ihnen allein erscheint alles wirklich und kräftig, nur hier hat

jede einzelne Anschauung ihren bestimmten Gehalt und ein eigenes

Verhältnis zu den übrigen, jedes Gefühl seinen eigenen Kreis und seine

besondere Beziehung. Ein solches »Individuum der Religion« kann nicht

anders entstehen als dadurch, daß irgendeine einzelne Anschauung

des Universums aus freier Willkür zum Zentralpunkt der Religion

gemacht und alles darin auf sie bezogen wird. Dazu bedarf es großer

Führer, aber auch eines weitverbreiteten Verlangens, das durch sie

eine Befriedigung findet. Von hier aus erhält Schleiermacher die

Aufgabe, bei den einzelnen Religionen zu zeigen, wie sich bei ihnen

die Anschauung des Unendlichen eigentümlich darstellt und ihnen damit

eine ausgeprägte Individualität verleiht. So zeigt er es beim Judentum,

so namentlich eingehend beim Christentum. Die unmittelbare Anschauung

des Christentums ist ihm »die des allgemeinen Entgegenstrebens alles

Endlichen gegen die Einheit des Ganzen, und die Art, wie die Gottheit

dieses Entgegenstreben behandelt, wie sie die Feindschaft gegen sich

vermittelt und der größer werdenden Entfernung Grenzen setzt durch

einzelne Punkte über das Ganze ausgestreut, welche zugleich Endliches

und Unendliches, zugleich Menschliches und Göttliches sind. Das

Verderben und die Erlösung, die Feindschaft und die Vermittlung, das

sind die beiden unzertrennlich miteinander verbundenen Seiten dieser

Anschauung, und durch sie wird die Gestalt alles religiösen Stoffs im

Christentum und seine ganze Form bestimmt.«

[Randnotiz: Das Christentum]

Durch die Fortdauer dieses Gegensatzes wird der durchgehende Charakter

aller seiner religiösen Gefühle heilige Wehmut; diese Empfindung

erfüllte auch den Stifter des Christentums, von dem Schleiermacher mit

tiefster Empfindung und aufrichtiger Ehrfurcht ein ergreifendes Bild

entwirft. Was in ihm an Grundanschauung hervorbrach, wie überhaupt die

Grundanschauung jeder positiven Religion, ist an sich ewig, aber sie

selbst und ihre ganze Bildung ist vergänglich. Veränderungen sind nicht

nur möglich und statthaft, sondern bei dem Fortschritt der Menschheit

unerläßlich: »Das große Werk der geistigen Schöpfung dauert noch fort«;

eine solche Weiterbildung fordert Schleiermacher auch für die eigene

Zeit, »welche so offenbar die Grenze ist zwischen zwei verschiedenen

Ordnungen der Dinge«. Wiederholt weist er darauf hin, daß die große

Umwälzung der Reformation das Dogma völlig unverändert gelassen hat.

* * * * *

Die hier der Religion gegebene Gestalt wird in den späteren Schriften

weiterentwickelt, in der Grundrichtung aber festgehalten. Der Begriff

der Anschauung tritt zurück vor dem des Gefühls, das Gefühl aber

wird dahin vertieft, daß es nicht ein besonderes Seelenvermögen

neben anderen bedeutet, sondern vielmehr die tiefste Wurzel alles

Seelenlebens, das »unmittelbare Selbstbewußtsein«, die »ursprüngliche

Einheit oder Indifferenz des Denkens und Wollens« bildet; nur im

Gefühl scheint der Mensch der Welt unmittelbar verbunden zu sein und

ihre Wirkungen ungetrübt aufzunehmen; die Religion aber entspringt aus

dem Gefühl der unbedingten Abhängigkeit. Wie die Religion in dieser

Fassung eine volle Selbständigkeit auch gegen die Philosophie besitzt,

so entwickelt sie auch ihren eigenen Gedankenkreis, sie bringt nicht

Behauptungen von der Welt, sondern Beschreibungen der frommen Gefühle,

sie kann daher mit der Philosophie in keiner Weise zusammenstoßen.

Auch in den späteren Werken, die einen engeren Zusammenhang mit

dem geschichtlichen Christentum suchen, bleibt es dabei, daß die

Religion ihre Größen nicht von draußen entlehnt, sondern sie bei sich

selbst erzeugt. Wenn in der christlichen Glaubenslehre, dem größten

systematischen Werke Schleiermachers, das Wesen der Frömmigkeit darin

gesetzt wird, »daß wir uns unserer selbst als schlechthin abhängig

oder, was dasselbe sagen will, als in Beziehung mit Gott bewußt sind,«

so wird hinzugefügt, »wenn schlechthinige Abhängigkeit und Beziehung

mit Gott in unserem Satze gleichgestellt wird, so ist dies so zu

verstehen, daß eben das in diesem Selbstbewußtsein mitgesetzte Woher

unseres empfänglichen und selbsttätigen Daseins durch den Ausdruck Gott

bezeichnet werden soll, und dieses für uns die wahrhaft ursprüngliche

Bedeutung desselben ist.« So ist dies Abhängigkeitsgefühl in keiner

Weise durch ein vorhergehendes Wissen von Gott bedingt.

* * * * *

Solche Fassung der Religion macht es möglich, wie schon die Reden

deutlich zeigten, mit der Ergreifung der Wirklichkeit unter der

Form der Ewigkeit, auf welcher die Religion bestehen muß, eine

geschichtliche Betrachtungsweise zu verbinden, der Verschiedenheit der

Zeiten ihr volles Recht zu gewähren, ohne einem haltlosen Relativismus

zu verfallen. Es leuchtet ein, wie mächtig das für eine Verständigung

der Religion mit der Wissenschaft und dem Ganzen des Kulturlebens ist.

Auf eine solche Verständigung beider Gebiete hat Schleiermacher stets

mit größtem Eifer gedrungen, er hat in dieser Richtung stark auf das

deutsche Leben und darüber hinaus gewirkt.

* * * * *

[Randnotiz: Die Religion im Ganzen des Kulturlebens]

Gewiß steht diese Fassung der Religion manchem Zweifel offen, im

besonderen mag sich die Frage erheben, die so oft in der geistigen

Arbeit auftaucht, ob die Persönlichkeit nicht größer war als das Werk,

ob Schleiermachers innerliche und reiche, dazu in geschichtlichen

Zusammenhängen wurzelnde Persönlichkeit in die Lehren und Begriffe

nicht mehr hineingelegt hat, als sie an sich selbst enthielten. Aber

unberührt von solchen Fragen und Zweifeln bleibt sowohl die Tatsache,

daß er zuerst der Religion in der Wissenschaft und im allgemeinen

Geistesleben einen selbständigen Platz erstritten hat, und das von

innen heraus, vom eigenen Leben des Menschen her, als die andere,

daß die Wiederbelebung der Religion bei uns ihm außerordentlich

viel verdankt: er nimmt hier eine führende Stellung ein. Das uns

Deutschen eigene Verlangen, bei den letzten Fragen des Menschenlebens

Tiefe und Freiheit miteinander festzuhalten, hat er wie kein anderer

erfüllt. Auch sei in seinem Bilde stets gegenwärtig gehalten, daß

das Abhängigkeitsgefühl, das seine Religion beherrschte, durchaus

keine Gedrücktheit des Gemütes noch auch eine matte Ergebung in alle

Schlechtigkeit des Weltlaufs erzeugte, vielmehr zog Schleiermacher

aus jenem Gefühl den freudigsten Mut zum Handeln und eine unbeugsame

Kraft, sich allen Widerständen gegenüber zu behaupten. Wie bei so

vielen religiösen Naturen war auch bei ihm das Bewußtsein eines

Getragenwerdens von weltüberlegener Macht eine Quelle starken und

zuversichtlichen Wirkens in der Welt und einer Standhaftigkeit in allen

Lebenslagen.

* * * * *

[Randnotiz: Pflichten, Güter und Tugenden]

Eine Vermengung von Religion und Moral hat Schleiermacher stets

bekämpft, aber die Gesinnung, welche seine Religion durchdringt,

hat ihn auch die Moral aufs erheblichste fördern lassen, auch hier

regte die Lage der Zeit zu bedeutendem Wirken an. Aus der moralischen

Verweichlichung hatte Kant die Zeit aufs gründlichste aufgerüttelt,

aber nun entstand die Gefahr, daß die Moral das Recht anderer

Lebensaufgaben verkümmere und auch bei sich selbst in eine zu enge Bahn

gerate; dieser Gefahr hat Schleiermacher durch Lehre und Tat energisch

entgegengewirkt. Gewiß läßt sich bestreiten, ob er in seinen Begriffen

die eigentümliche Art der Moral mit genügender Schärfe gefaßt und ihre

Aufgabe deutlich genug abgegrenzt hat, aber auch wer hier von ihm

abweicht, muß ihm große Verdienste auch auf diesem Gebiete zuerkennen:

er hat die Moral sowohl den Prinzipien nach in universalster Weise

gefaßt als auch sie in die einzelnen Lebensgebiete ebenso kräftig wie

geschickt hineingearbeitet, er hat auch das Alltägliche in ihrem Lichte

sehen gelehrt. Universal ist seine Behandlung der Moral, indem er

diese von der Einseitigkeit des Pflichtgedankens befreit und auch den

Gütern und Tugenden ihr volles Recht gewährt -- er hat überhaupt diese

Einteilung erst aufgebracht --; sie ist universal, indem er das ganze

Leben in die ethische Betrachtung hineinzieht und das Sittliche nicht

als ein besonderes Gebiet, sondern als ein Naturwerden der Vernunft

versteht; sie ist endlich universal, indem sie sich zur besonderen

Aufgabe macht, Vernunft und Individualität, Ganzes und Einzelnes zu

vollem Ausgleich zu bringen. Darin vornehmlich findet Schleiermacher

das Eigentümliche seines Strebens gegenüber der Einseitigkeit Früherer,

welche entweder das Ganze dem Einzelnen oder den Einzelnen dem Ganzen

aufgeopfert haben, dort zu epikureischem Genuß, hier mit rauhem

Pflichtgebot. Immer verficht er das gute Recht der Individualität, aber

immer schätzt er das Individuum nur als eine Verkörperung des Ganzen.

»Das Gesetztsein der an sich selbst gleichen und selbigen Vernunft

zu einer Besonderheit des Daseins«, das bleibt der Grundstein seiner

Überzeugung und zugleich der Quell eines eigentümlichen Lebens.

* * * * *

Weiter aber hat Schleiermacher eine besondere Stärke darin, alle

Lebensverhältnisse in eine ethische Beleuchtung zu stellen, und

damit auch das zu vertiefen, ja zu heiligen, was leicht der bloßen

Oberfläche des Lebens anzugehören scheint. Über Ehe, über häusliches

Leben, über Erziehung usw., auch über gesellige Umgangsformen ist kaum

je treffender und edler gesprochen worden als von Schleiermacher. In

höchstem Maße schätzt er aber Staat und Vaterland, er erweist sich in

ihrer Verfechtung als einen der tüchtigsten und mutigsten Vorkämpfer

unseres Volkes vor und in den Freiheitskriegen. Mit Unrecht wird das

Große, das er in dieser Richtung gewirkt hat, hinter die Leistung

Fichtes ganz und gar zurückgestellt; man kann diesen sehr schätzen

und muß es dennoch unrichtig finden, wenn er als der einzige geistige

Führer der Befreiungskriege hingestellt wird, da Schleiermachers Wirken

dem seinigen durchaus ebenbürtig war.

* * * * *

[Randnotiz: Beteiligung am bürgerlichen Leben]

Schleiermacher brauchte nicht erst durch die Katastrophe von Jena

aus dem Weltbürgertum aufgerüttelt zu werden wie Fichte, er hat

sich schon vorher als sein Gegner bekannt, er hat gemäß seiner

Richtung auf Individualität und Mannigfaltigkeit stets sowohl den

allgemeinen Gedanken der Nation als seinen besonderen Staat in hohen

Ehren gehalten. Kurz vor jener Schlacht bekennt er die Überzeugung,

jedes Volk solle durch seine besondere Einrichtung und Lage eine

besondere Seite des göttlichen Ebenbildes darstellen; der Sache

der Menschheit dienen könne man nur, wenn man vom Wert des eigenen

Volkes überzeugt sei. »Nur wer die Bestimmung des eigenen Volkes

kennt, wird die rechte Freude haben an der Sache der Menschheit.« So

hat er wiederholt schöne Worte gesprochen über die Bedeutung eines

Volkes, zugleich hat er Pflichten des einzelnen daraus abgeleitet.

»Ein Volk ist ein ausdauerndes Gewächs in dem Garten Gottes; es

überlebt manchen traurigen Winter, der es seiner Zierden beraubt, und

oft wiederholt es seine Blüten und Früchte.« »Ein Volk soll eine

lange Reihe aufeinanderfolgender Geschlechter aufs engste verbinden,

die alte heilige Gemeinschaft ihr Recht in jedem Gemüt ausüben und

das Gemeinwesen jedem wichtiger sein als alles, was sich auf sein

persönliches Wohl bezieht.« Demgemäß hat Schleiermacher eine allgemeine

Beteiligung am öffentlichen Leben für eine Pflicht im besondern auch

des Christen erklärt. Er findet es, so spricht es eine Predigt von 1809

aus, dem Christentum widersprechend, nur um der Strafe willen untertan

zu sein und nur zu gehorchen, um ein Übel zu vermeiden. Denn das Wesen

der Frömmigkeit sei Selbständigkeit und fester Mut -- wer aber nicht

aus Lust und Liebe sich am bürgerlichen Leben beteilige, der verliere

diesen Geist. Solcher Schätzung des Volkes und eines politischen

Wirkens entsprach die entschiedenste Absage an den Kosmopolitismus

jener Zeit. Schon vor der großen Katastrophe mahnte Schleiermacher:

»Wer anstatt auf sein Volk und mit seinem Vaterlande zu wirken,

sich weiter ausstreckt und es gleich auf das Ganze des menschlichen

Geschlechts anlegt, der wird in der Tat erniedrigt, anstatt erhöht zu

werden. Denn wer jene große Haltung, jene mächtige Hilfe verschmäht,

kann doch auf das Ganze unmittelbar nicht anders wirken, als indem

er als einzelner auf einzelne wirkt.« Mit großer Energie verwirft er

»die gemeine Rede, die, dem Himmel sei Dank, noch jung ist und nur

einer schlechten erschlafften Zeit angehört, daß die wissenschaftlich

Gebildeten am wenigsten ein Vaterland hätten«. Dem setzt er die Worte

entgegen: »Alle, die Gott zu etwas Großem berufen hat in dem Gebiete

der Wissenschaften, in den Angelegenheiten der Religion, sind immer

solche gewesen, die von ganzem Herzen ihrem Vaterlande und ihrem Volke

anhingen und dieses fördern, heilen, stärken wollten.« Auch den Krieg

für das Vaterland findet er mit seiner religiösen Überzeugung ganz wohl

vereinbar: »Wo Gott ist, ist Friede; wo das Göttliche sich erst bildet,

Streit.« »Gott kämpft immer gegen das Böse und bleibt ein Gott des

Friedens.«

* * * * *

Solche Schätzung hat Schleiermacher naturgemäß an erster Stelle seinem

eigenen Volk und Vaterlande gezollt. Schon in einer wenig beachteten

Stelle der Reden über die Religion (1799) hat er das »väterliche

Land« im Gegensatz zu England und Frankreich als eine besonders

geeignete Stätte »für heilige und göttliche Dinge« gepriesen; als dann

die schwere Erschütterung kam, hat er seine nationale Überzeugung

noch kräftiger bekannt und inmitten aller Wirren und Zweifel sie

unerschütterlich festgehalten.

In einem Augenblick, wo nach der großen Katastrophe alle Aussicht auf

einen Aufstieg zu verschwinden schien, schrieb er die Worte: »Niemals

kann ich dahin kommen, am Vaterland zu verzweifeln. Ich glaube zu fest

daran, ich weiß es zu bestimmt, daß es ein auserwähltes Werkzeug und

Volk Gottes ist. Es ist möglich, daß alle unsere Bemühungen vergeblich

sind und vorderhand harte und drückende Zeiten eintreten -- aber das

Vaterland wird gewiß herrlich daraus hervorgehen in kurzem.« In solcher

Gesinnung hat Schleiermacher in den Jahren der Vorbereitung und der

Erhebung aufs kräftigste gewirkt, er hat auch politische Sendungen

übernommen, besonders aber hat er weiteste Kreise durch seine Predigten

in Berlin bewegt, von denen nach allgemeinem Zeugnis eine gewaltige

Kraft der Befestigung und der Erneuerung ausgegangen ist. Den Höhepunkt

dieses Wirkens bildete seine Predigt am 28. März 1813 bei der Feier des

Kriegsanfanges. Ihm zu Füßen saßen die Freiwilligen, die ihre Gewehre

draußen an die Wand der Kirche gelehnt hatten. Von der Wirkung dieser

Predigt wird berichtet: »Und als er zuletzt noch mit dem Feuer der

Begeisterung die zum Kampfe gerüsteten edeln Jünglinge anredete, dann

an deren großenteils anwesende Mütter sich wandte -- da durchzuckte es

die ganze Versammlung, und in das laute Weinen und Schluchzen derselben

rief Schleiermacher sein versiegelndes Amen.«

* * * * *

[Randnotiz: Volk und Vaterland]

Schleiermacher hat sich dabei Volk und Vaterland stets in engster

Verbindung mit dem Staate und seiner Verbindung der Kräfte zu einer

dauernden Einheit gedacht. Besonders dem preußischen Staate war

seine treue Hingebung zugewandt, und von ihm hat er alles Heil für

Deutschlands Zukunft erwartet. Wie klar er in diese Zukunft sah, das

zeigen Äußerungen vom 12. Juni 1813 (in einem Briefe an Friedrich

Schlegel): »Nach der Befreiung ist mein höchster Wunsch auf ein wahres

deutsches Kaisertum, kräftig und nach außen hin allein das ganze

deutsche Volk und Land repräsentierend, das aber wieder nach innen den

einzelnen Ländern und ihren Fürsten recht viele Freiheit läßt, sich

nach ihrer Eigentümlichkeit auszubilden und zu regieren.« Österreich

ward dabei ausgeschlossen. So sah Schleiermacher das Werk des Mannes

voraus, der später unter seinen Konfirmanden war.

* * * * *

Alles zusammen rechtfertigt es vollauf, daß wir auch Schleiermacher

zu den Hauptträgern des deutschen Idealismus rechnen, ihn als solchen

achten und ehren. Uns Deutsche treibt unsere Natur mit gleicher Stärke

sowohl zum Aufbau einer unsichtbaren Welt im Reiche des Gedankens und

Gemütes als zu einem kräftigen Wirken und Schaffen in der sichtbaren

Welt; daß beides nicht nur aufs beste vereinbar ist, sondern sich

gegenseitig zu fördern vermag, das zeigt uns die Persönlichkeit und das

Lebenswerk Schleiermachers.

Hegel

Unter den Nachfolgern Kants hat auf das Ganze des Geisteslebens niemand

größeren Einfluß geübt als Hegel (1770--1831), zeitweilig hatte er auch

Kant in den Hintergrund gedrängt; rasch ist dann ein jäher Rückschlag

gekommen, aber wenn Hegel längere Zeit überwiegend Widerspruch und

Ablehnung fand, so hat er niemals aufgehört, auf das Kulturleben stark

zu wirken; das wird neuerdings immer mehr anerkannt, und es wächst

zugleich das Verlangen nach einer unbefangenen Würdigung des zweifellos

hervorragenden Denkers.

* * * * *

Hegel ist im Kreise der deutschen Denker vornehmlich der Logiker

und Systematiker, in sicherem und ruhigem Fortgang hat er seine

Gedankenwelt herausgearbeitet und seine Art der Betrachtung über alle

Gebiete ausgedehnt. Man muß bis Aristoteles zurückgehen, um ein System

zu finden, das so sehr alle Verzweigung des Lebens in seine Beleuchtung

gestellt hat; ja in der Straffheit der Anordnung dürfte Hegel selbst

Aristoteles übertreffen. Dagegen fehlt ihm dessen ruhige, alle Fülle

des einzelnen liebevoll aneignende und in ihrer Eigentümlichkeit

anerkennende Art, eine starke Gewaltsamkeit ist bei Hegel nicht zu

verkennen. Aber es bleibt die Größe und der Reiz der Gestaltung der

gesamten Gedankenwelt aus einem einzigen Guß, dazu erhalten in dieser

Gestaltung Bewegungen eine philosophische Verkörperung und Steigerung,

welche dem Ganzen der modernen Kultur eigentümlich und wesentlich sind.

Hegel selbst ist ein wichtiges Glied der allgemeinen Kulturbewegung,

schon deshalb verlangt und verdient er eine eingehende Würdigung.

* * * * *

[Randnotiz: Hegel und Kant]

Auch Hegel läßt sich nur von Kant aus verstehen. Kant hatte das Denken

und mit ihm das Erkennen über die bloßen Individuen hinausgehoben, er

hatte ihm eigne Gesetze und Kräfte zuerkannt, ja er hatte in ihm das

Vermögen eines Weltbildens aufgedeckt. Aber nach seiner Überzeugung

blieb bei Entwicklung dieses Vermögens das Denken an einen fremden

Stoff gebunden, bei Ablösung davon schien es in völlige Leere zu

fallen. Allem Streben des Menschen, die letzten Tiefen der Wirklichkeit

zu ergründen, ward damit eine unüberwindliche Schranke gesetzt. Hegel

glaubte, diese Schranke überschreiten, das Denken von der Bindung an

den Stoff befreien, es ganz auf sich selber stellen und in ein Erzeugen

der Wirklichkeit verwandeln zu können. Es schien ihm das dadurch

erreichbar, daß er das Denken nicht als eine geschlossene Größe,

sondern als ein Werdendes, als ein Sichselbersuchen und -vollenden,

als einen aus sich selbst fortschreitenden Prozeß verstand, einen

Prozeß, der im Hindurchgehen durch Satz und Gegensatz immer mehr

Gehalt gewinnt und schließlich die ganze Welt als sein eignes Werk

erkennt. Die Philosophie wird hier zur Beschäftigung des Denkens mit

sich selbst, von allgemeinsten Umrissen beginnend scheint es dadurch

fortzuschreiten, daß es Widersprüche sowohl aus sich hervortreibt

als sie überwindet, daß es somit auseinander geht und sich wieder

zusammenfaßt; die Logik, welche seine Gesetze ermittelt, scheint nicht

neben der Wirklichkeit zu stehen, sondern ihre innerste Seele und ihre

treibende Kraft zu bilden; »es ist ihr nicht um ein Denken über etwas,

das für sich außer dem Denken zugrunde läge, zu tun, um Formen, welche

bloße Merkmale der Wahrheit abgeben sollten, sondern die notwendigen

Formen und eignen Bestimmungen des Denkens sind der Inhalt und die

höchste Wahrheit selbst.«

Von der Welt aus angesehen hat die Philosophie die Aufgabe, die

Zerstreuung des ersten Anblicks zu überwinden, alle Mannigfaltigkeit

aus der Entfaltung eines Ganzen zu verstehen, alles scheinbar Ruhende

in Fluß zu bringen, die verschiedenen Seiten und Beziehungen der Dinge

als gegenseitig bedingt und aufeinander angewiesen zu begreifen, die

bloße Tatsächlichkeit in Notwendigkeit zu verwandeln. In dem »bunten

Spiel der Welt, als des Inbegriffs des Existierenden, zeigt sich

zunächst nirgends ein fester Halt, alles erscheint hier nur als ein

Relatives, bedingt durch anderes und ebenso anderes bedingend.« Die

Philosophie gewährt diesen Halt, sie läßt vom Ganzen her sehen und aus

seiner Bewegung alles einzelne verstehen. »Das Wesen ist das Ganze, das

Ganze aber ist nur das sich durch seine Entwicklung vollendende Wesen.«

Daher ist Wahrheit des Erkennens hier nicht eine Übereinstimmung mit

der Welt, wie sie um uns liegt, sondern zu ihrer Erreichung bedarf

es einer Umwandlung und Durchleuchtung dieser Welt; die Welt denken

heißt hier »ihre empirische Form umändern und sie in ein Allgemeines

verwandeln«.

Dies Allgemeine bedeutet hier nicht eine bloße Gemeinschaft gewisser

Eigenschaften, sondern ein unendliches Gesamtleben, das die Welt

in sich trägt und sie aus sich heraus entwickelt. »Das wahrhafte

unendliche Allgemeine ist schöpferische Macht.« Daß dieses Unendliche,

das Ganze und Allgemeine, als das wahrhaft Seiende anerkannt werde,

nicht aber das Endliche als solches gelte, da es in Wahrheit nur in

jenem ist, darin wird hier der Idealismus der Philosophie gesetzt.

* * * * *

[Randnotiz: Denken und Wirklichkeit]

Indem so das Denken bei sich selbst eine Geschichte gewinnt, es

zugleich aber als der Kern aller Wirklichkeit gilt, trägt es in alle

Gebiete eine geschichtliche Bewegung hinein, und zwar eine Bewegung,

die sich nicht in ruhigem Aufstieg allmählich, sondern durch Gegensatz

und Kampf hindurch in großen Umwälzungen vollzieht. Aus dem Ja wächst

alsbald ein Nein hervor, über These und Antithese treibt es hinaus zu

einer überlegenen Synthese, aber aus dieser entsteht bald wieder ein

Gegensatz, und so geht es weiter und weiter, bis endlich das Denken

sich völlig durchgebildet und sich zugleich des ganzen Umfangs der

Wirklichkeit bemächtigt hat und in ihr sein eignes Werk erkennt.

* * * * *

Diese Fassung des Denkens muß auch Hegels Verfahren gegen das Kants

aufs wesentlichste verändern. Kant beginnt von Gesamtleistungen,

vornehmlich der Bildung einer Erfahrung, als unbestreitbaren Tatsachen,

und ermittelt dann, was an geistigem Vermögen in diesen Tatsachen

steckt, seine Methode ist daher analytisch-regressiv; die Hegels

dagegen ist synthetisch-progressiv, sie hat ihre Stärke darin, die

Begriffe einander zu verketten, alles Starre in Fluß zu bringen, vom

einen zum andern überzuleiten, an jedem Punkt die Bewegung des Ganzen

gegenwärtig zu halten.

Dieses Selbständigwerden des Denkens und sein weltbildendes Schaffen

aus eignen Gesetzen und Kräften stellt an den Menschen eigentümliche

Forderungen. Er hat sich jener Bewegung unbedingt unterzuordnen und

ihren Notwendigkeiten willig zu folgen, er muß sich hüten, seine

eignen Meinungen und Zwecke in sie hineinzutragen und dadurch ihr

Bild zu verzerren. In solcher freien Unterordnung unter den Lauf des

Ganzen besteht alle echte Moral. Hat aber der Mensch die Unterordnung

vollzogen und sich ganz in die Bewegung des Denkens versetzt, so darf

er volles Vertrauen daraus haben im Reiche der Wahrheit zu stehen.

Denn die in uns waltende Vernunft ist Vernunft überhaupt, ist das

Göttliche im Menschen, nicht etwas Bloßmenschliches. »Der Geist,

sofern er Geist Gottes ist, ist nicht ein Geist jenseits der Sterne,

jenseits der Welt, sondern Gott ist gegenwärtig, allgegenwärtig und als

Geist in allen Geistern.« So dürfen wir nicht nur guten Mutes bei der

Erforschung der Wahrheit sein, wir müssen es sein, um unsere Kraft voll

einzusetzen: »Der Mut der Wahrheit, Glaube an die Macht des Geistes ist

die erste Bedingung des philosophischen Studiums, der Mensch soll sich

selbst ehren und sich des Höchsten würdig achten. Von der Größe und

Macht des Geistes kann er nicht groß genug denken. Das verschlossene

Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mut des

Erkennens Widerstand leisten könnte; es muß sich vor ihm auftun und

seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse

bringen.«

[Randnotiz: Größe und Macht des Geistes]

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 9 / 13 段