Die nähere Durchführung des Grundgedankens hat darzutun, daß alle

Mannigfaltigkeit des Geschehens der Entwicklung des Geistes zum

Bewußtsein der Freiheit dient. Das ist nun nicht wohl möglich ohne

eine energische Zusammendrängung und vielfache Gewaltsamkeit, die

Individualität des Geschehens findet bei weitem nicht ihr gebührendes

Recht. Aber andererseits erweist sich eine gewaltige Kraft in dem

Vermögen, ausgedehnte Gebiete zu strenger Einheit zusammenzufassen

und mit knappen, oft sehr treffenden Worten zu charakterisieren. Auch

sei bei der Beurteilung gegenwärtig, daß sich damals das Bild der

Geschichte unvergleichlich enger und einfacher ausnahm als in der

Gegenwart. Den Mittelpunkt bildete dort das Verhältnis des Altertums

zur Neuzeit durch das Christentum hindurch; das Leben des Orients mit

all seinem Reichtum wurde als eine bloße Vorstufe angesehen, es war das

die Zeit des stolzen Selbstbewußtseins Europas, die Zeit, der Europa

als einziger Sitz höherer Bildung galt, und wo man, um mit F. A. Wolf

zu reden »Asiaten und Afrikaner als literarisch nicht kultivierte, nur

zivilisierte Völker« von der höheren Bildung ausschloß. Demgegenüber

hat Hegel schon eine größere Weite.

* * * * *

Seinem Gesamtverfahren gemäß zerlegt Hegel die Geschichte in drei

Hauptperioden: das Versenktsein des Geistes in die Natürlichkeit,

das Heraustreten in das Bewußtsein seiner Freiheit (aber noch mit

der unmittelbaren Natürlichkeit als einem Momente behaftet), das

Selbstbewußtsein und Selbstgefühl des Wesens der Geistigkeit. In der

näheren Entwicklung nimmt die Religion eine hervorragende Stelle ein,

erst die Anerkennung einer höheren Ordnung gibt nach Hegel dem Menschen

einen Wert bei sich selbst. So sagt er (zunächst im Hinblick auf die

Neger): »Daraus, daß der Mensch als das Höchste gesetzt ist, folgt,

daß er keine Achtung vor sich selber hat, denn erst mit dem Bewußtsein

eines höheren Wesens erlangt der Mensch einen Standpunkt, der ihm

eine wahre Achtung gewährt.« In allen verschiedenen geschichtlichen

Gestaltungen der Religion bemüht sich Hegel einen Vernunftgehalt

aufzuweisen. »In jeder Religion ist göttliche Gegenwart, ein göttliches

Verhältnis, und eine Philosophie der Geschichte hat in den verkümmerten

Gestalten ein Moment des Geistigen aufzusuchen.« Aber zugleich tritt

er aufs entschiedenste dafür ein, daß die Religion nur zusammen mit

der geistigen Arbeit, nicht von ihr abgelöst, segensreich wirken

könne. In der Absonderung vermöge die Religion die Leidenschaften

und Begierden nicht zu bezwingen. »Damit das Herz, der Wille, die

Intelligenz wahrhaft werden, müssen sie durchbildet werden, das Rechte

muß zur Sitte, zur Gewohnheit werden, die wirkliche Tätigkeit muß zu

einem vernünftigen Tempel erhoben sein, der Staat muß eine vernünftige

Organisation haben, und diese macht erst den Willen der Individuen zu

einem wirklich rechtlichen. Das byzantinische Reich ist ein großes

Beispiel, wie die christliche Religion bei einem gebildeten Volke

abstrakt bleiben kann, wenn nicht die ganze Organisation des Staates,

der Gesetze nach dem Prinzipe derselben rekonstruiert wird. Das

Christentum war zu Byzanz in den Händen des Abschaums.«

[Randnotiz: Die germanische Welt]

Die Höhe und den Abschluß der geschichtlichen Entwicklung findet Hegel

in der »germanischen Welt«; die Neuzeit habe hier die Aufgabe, die

Innerlichkeit des Geisteslebens, die durch das Christentum eröffnet,

aber zunächst im Gegensatze zur Welt verblieben sei, dieser zuzuführen

und ihre ganze Weite damit zu durchdringen.

Das Ganze klingt in eine befriedigte, ja freudige Stimmung aus. »Die

Entwicklung des Prinzips des Geistes ist die wahrhafte Theodizee, denn

sie ist die Einsicht, daß der Geist sich nur im Elemente des Geistes

befreien kann, und daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht,

nicht nur von Gott kommt, sondern Gottes Werk selber ist.«

* * * * *

Im geistigen Schaffen, im Reich des »absoluten Geistes«, wie Hegel

es nennt, unterscheidet er drei Hauptgebiete: Kunst, Religion,

Philosophie. Alle haben zum Inhalt dieselbe Wahrheit, aber sie stellen

diese in verschiedener Weise dar und bilden dabei eine Stufenfolge.

Die Kunst gibt die Wahrheit in der Form der sinnlichen Anschauung,

die Religion in der der Vorstellung und des Gefühls, die Philosophie

als die Vollenderin des Ganzen in der des reinen Denkens. In jedem

der Gebiete aber wird eine Bewegung aus eigner Kraft und sachlicher

Notwendigkeit aufzuweisen gesucht, die durch Satz und Gegensatz

verläuft. So treten alle Gebiete geistigen Lebens in dasselbe Licht

und verbinden sich zu einem großen Ganzen, überall ist es der

Gedankengehalt, der sie beherrscht und gestaltet; ob sie dabei ihre

Individualität vollauf zu wahren vermögen, ob überhaupt das Leben

damit nicht in eine zu enge Bahn geleitet wird, das ist eine andere

Frage. Namentlich der Religion wird es hier schwer gemacht, eine

Selbständigkeit gegen die Philosophie zu behaupten.

* * * * *

Indem Hegel das Schöne als »eine bestimmte Weise der Äußerung und der

Darstellung des Wahren« faßt, stellt er die Aufgabe, überall einen

Gedankengehalt aufzusuchen und alles künstlerische Schaffen von da aus

zu verstehen; die Kunst befreit durch ihre Darstellungen innerhalb

der sinnlichen Sphäre zugleich von der Macht der Sinnlichkeit.

Durch solches Verlangen eines Gehalts tritt Hegel in einen geraden

Gegensatz zu denen, welche die Form für das Wesentliche am Kunstwerk

erklären und in ihr den Grund des Gefallens am Schönen finden. Hegels

Fassung enthält den Antrieb, die Kunst mit dem Ganzen des geistigen

Lebens in einen engen Zusammenhang zu bringen und auch in ihr eine

der Gesamtbewegung des Geistes entsprechende Entwicklung durch Satz

und Gegensatz aufzuweisen. Das hat er in Wahrheit durch ebenso

ausgebreitete wie tiefeindringende Arbeit getan, seine Forschungen

zur Ästhetik sind das Bedeutendste, was unsere Literatur auf diesem

Gebiete besitzt. Daß die Wirkung dieser Lehre oft minder günstig war,

indem sie zum Aufstöbern eines Begriffes, eines »Grundgedankens« in

den Kunstwerken drängte und dabei viel unerquickliches Räsonnement

hervorrief, ist nicht ohne weiteres dem Denker selbst zur Last zu legen.

* * * * *

[Randnotiz: Religion]

Besonders tief hat Hegels Arbeit in die Behandlung der Religion

eingegriffen. Er bringt ihr die höchste Schätzung entgegen, er hat

sich von früh an mit ihren Problemen eifrig befaßt, auf keinem

anderen Gebiet erreicht seine Sprache eine solche Wärme wie hier.

Die Religion ist ihm im allgemeinsten Sinne »Beschäftigung mit

Gott«. »Als Tätigkeit tut sie nichts anderes als die Ehre Gottes zu

manifestieren, die Herrlichkeit desselben zu offenbaren. Die Völker

haben dann dies religiöse Bewußtsein als ihre wahrhafte Würde, als

den Sonntag des Lebens angesehen; aller Kummer, alle Sorge, diese

Sandbank der Zeitlichkeit, verschwebt in diesem Äther, es sei im

gegenwärtigen Gefühl der Andacht oder in der Hoffnung. In dieser Region

des Geistes strömen die Lethefluten, aus denen Psyche trinkt, worin

sie allen Schmerz versenkt, alle Härten, Dunkelheiten der Zeit zu

einem Traumbild gestaltet und zum Lichtglanze des Ewigen verklärt.«

Seine wissenschaftliche Erörterung und Begründung der Religion hat

sich zunächst nach zwei Richtungen hin zu rechtfertigen: einmal gegen

eine bloß historische Behandlung, dann aber gegen eine Begründung der

Religion auf das Gefühl, wie Schleiermacher sie unternommen hatte.

Der bloß historischen Betrachtungsweise hält Hegel entgegen, es sei

ein unabweisbares Bedürfnis der Gegenwart, die Religion nicht auf

bloße Autorität hinzunehmen, sondern »durch denkende Vernunft Gott zu

erkennen«. »Die Vernunft ist der Boden, auf dem die Religion allein

zu Hause sein kann.« Auch könnten unmöglich der historische Glaube

und die philosophische Forschung ruhig nebeneinander stehen bleiben.

»Wäre das Erkennen der Religion nur historisch, so müßten wir solche

Theologen wie Kontorbedienten eines Handelshauses ansehen, die nur über

fremden Reichtum Buch und Rechnung führen, die nur für andere handeln,

ohne eigenes Vermögen zu bekommen.« Auch sei es eine Verkehrung der

Philosophie, sie als nur mit der Welt befaßt, als »Weltweisheit« und

göttlichen Dingen fremd darzustellen, im Gegenteil habe die Philosophie

Gott zum Gegenstande und eigentlich zum einzigen Gegenstande: »Auch

die Philosophie hat keinen anderen Gegenstand als Gott, und ist so

wesentlich rationelle Theologie, und als im Dienst der Wahrheit

fortdauernder Gottesdienst.« Es sei dabei freilich nicht vergessen,

daß Hegel den Gottesbegriff ganz im Sinne seiner eignen Philosophie

versteht und damit die ganze Religion wesentlich umgestaltet. »Gott ist

das an und für sich schlechthin Allgemeine.«

[Randnotiz: Religion und Vernunft]

In anderer Richtung bekämpft Hegel die Begründung der Religion auf

das bloße Gefühl, wobei er aber die eigentümliche Fassung des Gefühls

bei Schleiermacher verkennt und diesem in seiner Kritik entschiedenes

Unrecht tut. Die Zurückführung des Glaubens auf das Gefühl würde, so

meint er, jenen ganz subjektiv machen, das Gefühl habe den zufälligsten

Inhalt, »es sproßt die königlichste Blume auf demselben Boden neben

dem wucherndsten Unkraut auf«. Nach Hegel empfängt das Gefühl seine

Wahrheit erst durch den Gedanken: »Der wahre Nerv ist der wahrhafte

Gedanke; nur wenn er wahr ist, ist das Gefühl auch wahr.« Damit wird

das Gefühl nicht verworfen, aber es hat seinen wahrhaften Inhalt erst

von der Philosophie zu empfangen.

Der Inhalt der Religion ist nun bei Hegel, wie sich schon zeigte,

derselbe wie der der Philosophie, nur gibt die Religion die Wahrheit

in der Form der Vorstellung, die Philosophie in der Form des Begriffs,

des reinen Denkens; dort stehen die einzelnen Sätze als Tatsachen

unmittelbar nebeneinander, hier werden sie als zusammenhängend und

notwendig dargetan. Die Religion ist für alle Menschen, nicht aber die

Philosophie. So hat denn die Philosophie »die Vernunft zu versöhnen

mit der Religion und diese in ihren mannigfaltigen Gestaltungen als

notwendig zu erkennen«. Der gemeinsame Inhalt von Philosophie und

Religion ist nach Hegel, »sich als einzelner als das Allgemeine zu

setzen und sich als einzelner aufhebend sein wahrhaftes Selbst als das

Allgemeine zu finden«; so wird Religion »Beziehung des Geistes auf

den absoluten Geist«; da aber diese Beziehung schließlich innerhalb

des absoluten Geistes liegt, das Endliche letzthin in Gott ist, so

ist Religion im höchsten Sinne nicht ein Verhältnis des Menschen zu

Gott, sondern ein Verhältnis Gottes zu sich selbst. »Gott setzt das

andere und hebt es auf in seiner ewigen Bewegung.« Die Religion ist

letzthin »die Idee des Geistes, der sich zu sich selbst verhält, das

Selbstbewußtsein des absoluten Geistes«. Durch den Weltprozeß hindurch

erfolgt hier eine Selbsterfassung und Selbstvollendung Gottes, wie denn

Hegel auch geradezu sagt: »Ohne Welt ist Gott nicht Gott.«

* * * * *

[Randnotiz: Das Christentum]

Diese »Religion des absoluten Geistes« sucht dann Hegel als identisch

mit dem Christentum, als eine Erhebung des Christentums zu voller

philosophischer Klarheit nachzuweisen; die christliche Lehre von der

Erlösung durch ein Eingehen Gottes in die Welt, von einem Ausgehen

und Zurückkehren zu sich selbst, ist dabei der verbindende Gedanke.

Eine große Künstlichkeit dieses Verfahrens ist nicht zu verkennen,

doch werden zugleich bedeutende Gedanken entwickelt. Ein solcher ist,

entsprechend der Hegelschen Art vom Ganzen her zu verstehen, daß

auch in der Religion an der einzelnen Stelle nichts geschehen kann,

was nicht im Ganzen begründet und von dort zugeführt ist. »Daß der

Gegensatz an sich aufgehoben ist, macht die Bedingung, Voraussetzung

aus, die Möglichkeit, daß das Subjekt auch für sich ihn aufhebe.« »Nur

vermittels dieses Glaubens, daß die Versöhnung an und für sich und

gewiß vollbracht ist, ist das Subjekt fähig, imstande, sich selbst in

diese Einheit zu setzen. Diese Vermittlung ist absolut notwendig.«

Ferner verficht Hegel mit großer Entschiedenheit die Unabhängigkeit

der Substanz der Religion von sinnlichen Zeichen und Wundern. »Die

Beglaubigung des Sinnlichen, sie mag einen Inhalt haben, welchen sie

will, bleibt unendlichen Einwendungen unterworfen«; »was für den Geist

Wahrheit haben, was er glauben soll, muß nicht sinnliches Glauben sein;

was für den Geist wahr ist, ist ein solches, für welches die sinnliche

Erscheinung heruntergesetzt wird. Indem der Geist vom Sinnlichen

anfängt und zu diesem seiner Würdigen kommt, ist sein Verhalten gegen

das Sinnliche zugleich ein negatives Verhalten.« So ist die sinnliche

Geschichte für den Geist nur Ausgangspunkt, über den es fortzuschreiten

gilt. Ferner dringt Hegel auch in diesen Ausführungen stets darauf,

die Religion als eine Sache nicht der Vergangenheit und des gelehrten

Wissens, sondern der lebendigen Gegenwart zu behandeln. »Was der Geist

tut, ist keine Historie; es ist ihm nur um das zu tun, was an und für

sich ist, nicht Vergangenes, sondern schlechthin Präsentes.«

* * * * *

So enthält auch Hegels Religionsphilosophie wertvollste Anregungen.

Aber daß diese Religion eines Ausgehens und Zurückkehrens der Gottheit

zu sich selbst der christlichen Religion nur durch recht künstliche

Deutung gleichgesetzt werden kann, daran läßt sich nicht zweifeln;

alle Größen sind dabei verschoben, alles ist vom Moralischen ins

Intellektuelle umgedeutet.

* * * * *

[Randnotiz: Die Philosophie]

Den Gipfel des Lebens findet Hegel in der Philosophie, sie ist eine

Erfassung der Wahrheit in der Form des Denkens, sie ist »der sich

in Geistesgestalt wissende Geist oder das begreifende Wissen«. Ihre

Entwicklung aber liegt in ihrer Geschichte, sie ist nichts besonderes

neben dieser. Nur muß die Geschichte in ein Ganzes zusammengefaßt

und vom Gedanken durchleuchtet werden. Die Lehren der einzelnen

Denker sind nicht bloße Meinungen und Einfälle der Individuen,

sondern in dem, was an ihnen wahr ist, sind sie notwendige Stufen des

Gedankenprozesses. Diese Überzeugung drängt dahin, den Platz jeder

einzelnen Leistung innerhalb des Ganzen aufzusuchen, sein Hervorgehen

und sein Einmünden in das Ganze darzustellen, auch bei den einzelnen

Denkern in aller Mannigfaltigkeit eine Hauptidee zu erkennen und diese

mit voller Klarheit herauszuheben; alles Nebensächliche wird dabei

energisch abgestreift. Der Fortschritt der Bewegung erfolgt aber

wieder nach dem Gesetze des Gegensatzes, mittels eines Hindurchgehens

durch These und Antithese, bis endlich eine allumfassende Synthese

gewonnen wird. Diese glaubt Hegel aber in der Gegenwart erreicht.

So kann es nicht als vermessen erscheinen, von hier aus den ganzen

Bereich der Vergangenheit aufzuhellen und den Wahrheitsgehalt jeder

besonderen Leistung festzustellen. Das Ganze erscheint damit als

ein »in sich zurückkehrender Kreis, der seinen Anfang voraussetzt

und ihn nur im Ende erreicht«. »Jeder Schritt des Fortgangs ist auch

eine Rückannäherung an den Anfang.« Ein solches Insichzurückkehren

erscheint Hegel als die wahre Unendlichkeit, während er die schlechte

Unendlichkeit einer ins Endlose fortlaufenden geraden Linie vergleicht.

In jener wahren Unendlichkeit erreicht das Leben ein volles

Beisichselbstsein und zugleich inmitten der unablässigen Bewegung ein

sicheres Ruhen in sich selbst.

* * * * *

Auch in diesem Abschluß zeigt Hegel eine gewaltige Kraft des

Denkens mit gewagter, höchst angreifbarer Behauptung aufs engste

verbunden. Es erfolgt hier eine kräftige Gegenwirkung gegen

ein Auseinanderfallenlassen der Gedankenbewegung in zerstreute

Einzelleistungen, auch gegen ein Gleichsetzen von Haupt- und

Nebensachen und ein Verweilen bei diesen; bloße Gelehrsamkeit wird von

Hegel wenig geschätzt, er meint, daß sie »da immer am breitesten sich

ausdehnt, wo am wenigsten zu holen ist«. Indem eine Gesamtbewegung

alles umfaßt, alles einzelne aus sich hervortreibt und in sich

zurücknimmt, wird ein packendes Bild geboten. Aber auch die Gefahren

dieses Verfahrens liegen deutlich zutage, an Widerspruch konnte es

nicht fehlen.

* * * * *

Es ist nicht leicht, zum Ganzen der Hegelschen Gedankenwelt Stellung

zu nehmen. Da alle Mannigfaltigkeit einem einzigen Grundgedanken

dient, so scheint die Sache damit auf ein schroffes Entweder -- Oder zu

kommen: entweder völlige Billigung oder völlige Ablehnung. Die nähere

Erörterung dieser Frage ist eine Sache der Philosophie, sie wird dabei

die Mahnung Hegels gegenwärtig zu halten haben, daß Systeme nur durch

Systeme zu widerlegen sind. -- Unsere Würdigung kann sich nur an die

geschichtlichen Wirkungen halten, diese aber waren unbestreitbar groß.

Die hier mit gewaltiger Energie erhobene Forderung, eine den Meinungen

und Zwecken der Menschen überlegene sachliche Wahrheit anzuerkennen und

ihren Forderungen nachzukommen, sich in die Dinge selbst zu versetzen

und sie aus sich selbst zu verstehen, hat stärkend und erhöhend

auf die geistige Arbeit gewirkt. Die Voranstellung des Ganzen vor

alles Einzelne, das Sehen vom Ganzen her, hat der wissenschaftlichen

Forschung fruchtbare Anregungen gegeben, indem sie überall auf ein

Begreifen des Einzelnen aus den Zusammenhängen drang und die Individuen

als einen Ausdruck ihrer Zeit zu verstehen suchte; sie hat noch mehr

auf politischem und sozialem Gebiet gewirkt, indem sie die Aufgabe

des Ganzen vor alle Interessen der Individuen zu stellen und die

Macht wie den Wirkungskreis des Ganzen zu steigern antrieb; aus Hegel

haben nicht nur die sozialdemokratischen Theorien geschöpft (Marx,

Engels, Lassalle), man kann sagen, daß seine Auffassung den geistigen

Hintergrund des gesamten sozialen Wirkens des modernen Staates bildet.

Daß Hegel in aller Mannigfaltigkeit des Nacheinander eine durchgehende

Bewegung aufwies, in ihr einen Fortschritt aus eigener Kraft verfocht,

alle Erscheinungen in ein Verhältnis gegenseitiger Bedingtheit brachte,

alles sich gegenseitig suchen, tragen, fördern ließ, das hat nicht nur

im Ergebnis vieles gewinnen lassen, es hat auch die Art des Denkens

geschmeidiger und flüssiger gemacht, es hat ihm eine freiere Stellung

zum Stoffe gegeben. Daß Hegel die ungeheure Macht der Verneinung im

menschlichen Leben, die aufrüttelnde und weitertreibende Macht des

Widerspruches in ihm vollauf zur Anerkennung brachte, das hat einen

großen Ernst in die Behandlung der Dinge gebracht, aber da seinem Nein

immer auch ein Ja gegenwärtig war, zugleich eine innere Erhebung. Es

ist ein großartiger Versuch, in der Wirklichkeit durch Schmerz und

Leid hindurch das Walten einer Vernunft zu enthüllen, ein großartiger

Versuch auch, mit voller Hingebung an die Bewegung der Zeit eine

Betrachtung zeitüberlegener Art zu verbinden und damit den Lebensdrang

bei sich selbst zur Ruhe zu bringen. Wohl ist hier das letzte Ziel eine

Versöhnung mit dem Ganzen der Wirklichkeit, aber diese fordert eine so

völlige Umwandlung des nächsten Anblicks der Dinge und kostet so viel

Arbeit und Opfer, daß sie mit dem landläufigen Optimismus nicht das

mindeste gemein hat.

* * * * *

[Randnotiz: Hegels Nachwirkung]

Hegel hat immer darauf gedrungen, die Philosophie nicht als das Werk

der bloßen Individuen, sondern als einen Ausdruck der Zeit, als eine

Offenbarung ihres Strebens und Wollens zu verstehen. Auch von seiner

eigenen Philosophie läßt sich sagen, daß sie Hauptbewegungen der

Zeit die höchste wissenschaftliche Fassung gibt. Die Neuzeit bekennt

die höchste Schätzung des Denkens und Erkennens, bei Hegel wird es

zu weltschaffender Macht erhoben und soll wie ein Sauerteig alle

Verhältnisse durchdringen; die Neuzeit trägt in sich einen starken

Fortschrittsglauben, bei Hegel erhält er die tiefste Rechtfertigung

aus dem Ganzen einer großen Gedankenwelt; die Neuzeit enthält einen

kräftigen Lebenstrieb, von ihm aus sieht sie Vernunft in die Welt

hinein und neigt zur Bejahung des Lebens; diese Bejahung kann keinen

großartigeren Ausdruck finden, als sie bei Hegel gefunden hat.

* * * * *

Das alles hat auch eine Gegenseite. Punkt für Punkt ist es Zweifeln und

Einwendungen ausgesetzt; diese möge jeder bei sich selbst erwägen und

danach seine Stellung zu Hegel nehmen. Das aber läßt sich von allen

verlangen, daß sie auch ihm selbst gegenüber die Forderung erfüllen,

die er uns immer von neuem ans Herz gelegt hat: aus dem Ganzen zu sehen

und die Dinge nicht nach einem fremden Maßstab zu messen, sondern sie

aus ihrem eigenen Wollen und Wesen zu verstehen.

Zeitgenossen Hegels

Aus der Reihe der deutschen Denker haben wir nur eine beschränkte

Auswahl geboten, wir glaubten uns dabei an diejenigen halten zu sollen,

von denen eine Kraft der Lebensbejahung ausgeht, und die damit zu

weiteren Kreisen sprachen, nicht bloß zur gelehrten Zunft. Aber es

bleibe nicht unerwähnt, daß neben den geschilderten Denkern in der

Bewegung, die mit Kant begann, andere hervorragende Männer stehen, die,

ebenfalls Idealisten, entweder andere Wege gingen oder in ihrem Wirken

nicht so weite Kreise gewannen. Wenigstens einige davon seien hier

angeführt.

* * * * *

[Randnotiz: Die Pädagogik. Schopenhauer. Fries]

Waren die Denker, die wir schilderten, an erster Stelle damit befaßt,

große Weltbilder zu entwerfen und von ihnen her das menschliche Leben

zu deuten, so widerstand Herbart entschieden dieser »kosmischen« Art,

mit eindringender Schärfe und Klarheit durchforschte und zergliederte

er in unermüdlicher Arbeit das menschliche Gedankengewebe, suchte

er mehr Anknüpfung an das unmittelbare Seelenleben und wies in ihm

einfache Gesetze, feste Verkettungen, durchgehende Zusammenhänge

auf; er hat damit namentlich der Erziehungslehre wertvollste Dienste

geleistet. Herbart ist es, welcher der Pädagogik zuerst eine eigene

Begriffswelt schuf und sie damit erst zu einer strengen Wissenschaft

erhob. Sein Einfluß geht in dieser Richtung durch die ganze gebildete

Welt.

* * * * *

So verschieden die von uns betrachteten Denker waren, sie gelangten

schließlich alle zu einer Lebensbejahung, sie alle glaubten mit

Sicherheit eine Vernunft unserer Wirklichkeit dartun zu können.

Dem widerspricht mit großer Energie und in krystallklarer Sprache

Schopenhauer, insbesondere bildet er ein volles Gegenstück zu Hegel.

Suchte Hegel alle Mannigfaltigkeit durch die Arbeit des Denkens zu

verketten und die Welt in ein wohlgegliedertes Begriffsreich zu

verwandeln, so folgt Schopenhauer dem unmittelbaren Eindruck und

der nächsten Empfindung der Dinge, weniger ein logisches Gefüge

als eigentümliche Stimmungen halten mit starken Schwingungen seine

Gedankenwelt zusammen; wollte Hegel das Wirkliche durchweg als ein

Vernünftiges erweisen und durch das Denken mit der Welt versöhnen,

so steht Schopenhauer ganz und gar unter dem Eindruck einer tiefen

Unvernunft des Daseins und weiß sie packend zu schildern; als höchste

Aufgabe der Philosophie erscheint hier die, eine Befreiung von dieser

elenden Wirklichkeit, eine Erlösung einzuleiten. Damit treten ganz

andere Seiten der Welt in den Vordergrund: es wird namentlich das

Dunkle, das Triebhafte, das Unbewußte in ihr hervorgekehrt; das Böse

erscheint hier nicht als eine bloße Minderung des Guten, sondern

als eine positive Macht; mehr Geheimnis umhüllt damit den Kern der

Wirklichkeit. Ein Zusammenhang mit der Romantik ist unverkennbar, nur

ist hier alles mehr ins Negative, aber auch ins Gewaltige gewandt.

Indem eine Tiefe hinter der Welt, eine völlig andere Art des Seins mehr

geahnt als wissenschaftlich ergriffen wird, erfolgt ein entschiedener

Bruch mit einer niederen Lebensgier und den Gütern, die für sie gelten,

es erfolgt eine kräftige Aufrüttelung, eine gänzliche Umkehr wird

gefordert, eine Annäherung an eine religiöse Lebensgestaltung vollzogen.

* * * * *

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 11 / 13 段