Denn darüber kann kein Zweifel sein: Schelling gehört in die erste

Reihe unserer großen Denker, und das deutsche Geistesleben verdankt

ihm viel. Aber es liegt das mehr in Anregungen als in fertigen

Ergebnissen. Wenn gesagt ward, daß oft die Werke größer sind als die

Menschen, oft aber auch die Menschen größer als ihre Werke, so gilt

letzteres besonders von Schelling. Reichste geistige Gaben trafen

bei ihm zusammen, mit gewaltiger Kraft hat er alles behandelt, was er

ergriff. Alle Kleinheit lag ihm fern, er wußte alles ins Große zu heben

und aus dem Ganzen zu sehen. Er widerstand aller Verengung des Lebens

nach besonderen Richtungen hin, er steht sicher über dem Gegensatz

eines Moralismus und Ästhetizismus, er hat auch bei der Wendung zur

Religion dem Denken volle Freiheit gewahrt und eine »christliche«

Philosophie entschieden abgelehnt, er hat dem menschlichen Leben

eine metaphysische Tiefe gegeben, das Geheimnisvolle in ihm stark

empfunden und kräftig zur Darstellung gebracht. Auch daß er selbst

stets im Suchen verblieb, gibt seiner Untersuchung eine eigentümliche

Frische und Ursprünglichkeit, hält ihr alles Lehrhafte fern. Daß

aber solche Größe in seinen Werken nicht zu entsprechendem Ausdruck

kam, das lag vornehmlich an einem Widerspruch zwischen seinem Wesen

und seinem Wollen, einem Widerspruch, den man wohl als tragisch

bezeichnen kann. Sein Wesen macht ihn stark in der künstlerischen

Intuition, im Sehen und Beleben großer Umrisse, im kraftvollen

Anschlagen der Grundstimmungen einer Gedankenwelt, dabei ergreift er

uns oft mit zauberischer Gewalt; sein Wille aber drängte ihn zu einem

systematischen Aufbau, zu einem Durchbilden und Gliedern bis ins

einzelne hinein, und dabei versagte seine Kraft.

Aber es bleibt dabei, daß er die verschiedenen Gebiete und Probleme

des Lebens mit einer Frische und Anschaulichkeit uns nahebringt wie

kein anderer unserer großen Denker, der schwächste Systematiker ist er

zugleich der mächtigste Künstler unter allen. Er hat das Lebensproblem

der Menschheit auf eine Höhe gehoben, die noch immer belebender

Wirkungen fähig ist. So wollen wir dieses Große bei ihm suchen und

uns seiner erfreuen; bei seinen Irrungen aber wollen wir des Wortes

gedenken, das er selbst in seiner Berliner Antrittsvorlesung sprach:

»Hat einer mehr geirrt, so hat er mehr gewagt, hat er sich vom Ziel

verlaufen, so hat er einen Weg verfolgt, den die Vorgänger ihm nicht

verschlossen hatten.«

Schleiermacher

Schleiermachers (1768--1834) geistige Art teilt mit der Schellings

manche Züge. Auch er stand zu Beginn seiner Laufbahn den Romantikern

nahe, auch er hat seine Selbständigkeit gewahrt und ist später weit

über jene hinausgewachsen; auch sein Denken zerlegt die Welt in

Gegensätze, aber es will sie umspannen und sie ohne Verwischung ihrer

Unterschiede zusammenhalten, so namentlich Denken und Sein, Reales

und Ideales, Natur und Geist, Freiheit und Notwendigkeit; auch in

ihm wirkt stark eine künstlerische Art, läßt ihn das Mannigfache

zusammenschauen und beherrscht auch seine Darstellung. Aber zugleich

bleiben beträchtliche Unterschiede. Es fehlt Schleiermacher das

Gigantische und Umwälzende, aber auch das Gewagte und Gewaltsame des

Schellingschen Verfahrens; Schleiermacher stellt sich nicht kühn und

keck der Welt gegenüber, um sie nach seinen Entwürfen umzugestalten,

sondern er versetzt sich liebevoll in die Dinge hinein und sucht sie

bei sich zu beleben, um dann eine fruchtbare Wechselwirkung mit der

eigenen Seele herzustellen. Er schmiedet die Gegensätze nicht mit

diktatorischem Gebot zu einer Einheit zusammen, aber er bringt sie in

ein Verhältnis gegenseitiger Beziehung und Förderung, er verbindet

sie zu einem seelenvollen Gewebe; er führt weniger in stürmischem Zuge

das Leben auf neue Bahnen, als er mit hingebender Betrachtung mehr in

ihm entdeckt, mehr aus ihm macht, seinen ganzen Umfang liebevoll klärt

und veredelt. So ist er durchaus ein Denker eigener Art und will als

solcher gewürdigt sein.

* * * * *

[Randnotiz: Geistesart und Lebensarbeit]

Auch seine Lebensarbeit setzt die Kantische Befreiung des Menschen

von einer fremden Welt voraus, auch im Hinausgehen über Kant hat sie

diese Grundlage festgehalten. Aber wenn auch für Schleiermacher damit

das Subjekt in die erste Linie trat, so hat er ihm ein eigentümliches

Verhältnis zur Wirklichkeit gegeben, das ihn von den Romantikern

deutlich scheidet. Er hat den Hauptstandort des Lebens in der

Innerlichkeit der Seele gesucht, er hat hier nicht nur ein stilles

Heiligtum, sondern auch einen festen Halt gegen die Nöte und Wirren des

Lebens gefunden. Solches Zurückgehen auf die Tiefen der Seele bedeutet

ihm aber keine Flucht vor der Welt, kein Sichverschließen in eine

einsame Klause, sondern in der Seele selbst hat er eine Welt gefunden

und diese Welt mit aller Kraft zu beleben gesucht und verstanden. Ihn

durchdringt ein fester Glaube an ein Ganzes der Menschheit, das in

jeder Seele unmittelbar gegenwärtig ist und das Leben des einzelnen

trägt, aber nicht nur muß dieser das Bild der Menschheit in sich

erst zu voller Anschauung bringen, er hat auch innerhalb des Ganzen

eine besondere Art zu entwickeln, das Ganze in eigentümlicher und

unvergleichlicher Weise in sich selber darzustellen. Damit erhält

die Seele eine große Aufgabe und eine fortlaufende Bewegung im

eigenen Bereich, sie fällt um so weniger aus der großen Wirklichkeit

heraus, als die Menschheit und die ihr innewohnende Vernunft für

Schleiermacher die Tiefe der Welt zu bilden scheint. Zugleich entsteht

ein eigentümliches Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Aufs

entschiedenste wird hier abgelehnt, das Individuum als ein bloßes

Mittel für die Gemeinschaft zu behandeln und sein Tun einer allgemeinen

Formel zu unterwerfen, aber es wird auch nicht nach Art der Romantik

als ein völliger Selbstzweck erklärt und selbstbewußt von seiner

Umgebung abgehoben, es bleibt als eine eigentümliche Darstellung des

Ganzen von diesem umfaßt und auf es angewiesen, von ihm aus empfängt es

sein Maß. Diese Ausgleichung der Gegensätze ist für Schleiermacher auch

zu einer persönlichen Wahrheit geworden: er hat in allen Lebenslagen

den größten Wert auf die Gemeinschaft gelegt, sie zu heben und zu

stärken gestrebt, aber er hat sich zugleich die vollste Unabhängigkeit

innerhalb der Gemeinschaft gewahrt und ist mannigfachen Anfechtungen

gegenüber tapfer und treu den Weg seiner eigenen Überzeugung gegangen.

Überhaupt verband sich in seinem Leben in bewunderungswürdiger

Weise mit Zartheit und Innigkeit des Gefühls eine große Kraft und

Mannhaftigkeit des Handelns, die künstlerische Anmut seiner Darstellung

darf uns diesen festen Kern seines Wesens ja nicht übersehen lassen. Er

ist, als Ganzes genommen, wohl die anziehendste Persönlichkeit im Kreis

unserer großen Denker.

* * * * *

Seine Wirkungen auf das gemeinsame Leben gehen nach dreifacher

Richtung: er hat das Ganze des Seelenlebens befestigt und vertieft,

er hat der Religion zuerst eine volle Selbständigkeit auch in der

Wissenschaft erkämpft, er hat die Moral vor drohender Verengung zu

bewahren und mit dem Ganzen des Lebens eng zu verknüpfen gesucht.

* * * * *

[Randnotiz: Vertiefung des Seelenlebens]

Jene Vertiefung des Seelenlebens erfolgt in hartem Kampf mit der

alternden Aufklärung, Schleiermacher zeigt hier mit besonderer

Klarheit, nach welcher Richtung damals die Sehnsucht der Besten ging.

Es galt, dem Leben einen Sinn und Wert bei sich selbst zu erringen, es

von aller niedrigen Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit zu befreien, in

welche die Zeitumgebung es hatte sinken lassen. Die Bewegung dagegen

findet ihren bedeutendsten und schönsten Ausdruck in Schleiermachers

»Monologen«. Sie beginnen mit einem Preise eines Lebens aus einem

vollen Beisichselbstsein der Seele. Hier allein im innersten Handeln

erfolgt eine Erhebung von der Notwendigkeit zur Freiheit, von dem

Wandel der Zeit zur Ewigkeit. »Auf mich selbst muß mein Auge gekehrt

sein, um jeden Moment nicht nur verstreichen zu lassen als einen

Teil der Zeit, sondern als Element der Ewigkeit ihn herauszugreifen

und in ein höheres freieres Leben zu verwandeln.« Das aber nicht in

Losreißung, sondern im Zusammenhang mit dem All; verstehen wir es

nur nicht als bloß körperliche Masse, sondern »was Welt zu nennen

ich würdige, ist nur die ewige Gemeinschaft der Geister, ihr Einfluß

aufeinander, ihr gegenseitiges Bilden, die hohe Harmonie der Freiheit«.

»Mir ist der Geist das erste und das einzige: denn was ich als Welt

erkenne, ist sein schönstes Werk, sein selbstgeschaffener Spiegel.«

Diesem unendlichen All der Geister hat sich das Endliche und Einzelne

einzufügen und Wirkungen von ihm zu empfangen. Aber im eignen Innern

bleibt es frei, die Freiheit ist in allem das Ursprüngliche, das Erste

und Innerste. Ihre Aufgabe ist es, »die Menschheit in mir zu bestimmen,

in irgendeiner endlichen Gestalt und festen Zügen sie darzustellen und

so selbstwerdend Welt zugleich zu bilden«. Indem sich so Endliches und

Unendliches in uns verbindet, wird die Selbstanschauung unmittelbar

auch zu einer Anschauung der Menschheit, und der Gedanke der Menschheit

wiederum führt zum unermeßlichen Gebiet des reinen Geistes. Im

Anschauen seiner selbst findet der Geist Unsterblichkeit und ewiges

Leben, daher heißt es: »Beginne schon jetzt dein ewiges Leben in steter

Selbstbetrachtung; sorge nicht um das, was kommen wird, weine nicht

um das, was vergeht, aber sorge, dich selbst nicht zu verlieren, und

weine, wenn du dahin treibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in

dir zu tragen.«

* * * * *

Um aber jenes Ziel zu erreichen, gilt es vor allem, das Bewußtsein

der Menschheit in sich selbst zu voller Klarheit zu wecken und es das

Handeln leiten zu lassen, damit sich das Leben mit voller Sicherheit

über das sinnlose tierische Dasein zur Höhe der Vernunft erhebe. Aber

so notwendig solche Erweckung eines Allgemeinen in uns ist, sie allein

gibt unserem Leben noch keinen rechten Sinn, dazu wird gefordert, daß

jeder Mensch auf eigene Art, in neuer eigener Mischung der Elemente

die Menschheit darstellt. Dies Ausbilden einer Besonderheit ist alles

eher als eine Absonderung von anderen Menschen. Denn »wer sich zu einem

bestimmten Menschen bilden will, dem muß der Sinn geöffnet sein für

alles, was er nicht ist«. »Die höchste Bedingung der eigenen Vollendung

im bestimmten Kreise ist allgemeiner Sinn.« Zur Ausbildung eines

solchen Sinnes bedarf es aber vor allem der Liebe. »Keine Bildung ohne

Liebe, und ohne eigene Bildung keine Vollendung in der Liebe: eins das

andere ergänzend, wächst beides unzertrennlich fort.«

* * * * *

[Randnotiz: Vertiefung des Gemeinschaftslebens]

Eine derartige Gesinnung drängt auch zur Gestaltung der Welt. Ihr

kann aber nicht eine bloße Verbesserung der Außenwelt genügen, auch

nicht eine bloße Veränderung der Organisation des Zusammenlebens,

sie muß eine innere Erhebung der geistigen Gemeinschaft zu echter

Bildung erstreben; dabei aber stellen sich sofort Gefahren ein,

denen es entgegenzuarbeiten gilt. Jene Gemeinschaft nämlich bedarf

zum Zusammenhalten bestimmter Mittel und Ordnungen, wie der Sprache

und der Sitte; diese aber bedrohen leicht das Eigenleben mit

einer Verkümmerung. Aber dem läßt sich widerstehen und nach einer

Ausgleichung streben, wenn nur das eigene Innere zu voller Kraft

belebt ist. »Harmonisch in einfacher schöner Sitte leben kann kein

anderer, als wer die toten Formeln hassend eigene Bildung sucht und so

der künftigen Welt gehört; ein wahrer Künstler der Sprache kann kein

anderer werden, als wer freien Blickes sich selbst betrachtet und des

inneren Wesens der Menschheit sich bemächtigt hat.«

* * * * *

So liegt schließlich die Lösung aller Aufgaben in uns selbst, in dem,

was wir aus uns machen; streben wir nur immer mehr zu werden, was wir

von Haus aus sind. Die Unabhängigkeit, die wir damit gewinnen, befreit

uns auch von den Schranken, welche das Geschick uns setzt. Denn in uns

waltet die Götterkraft der Phantasie, sie stellt den Geist ins Freie,

sie hebt ihn über jede Gewalt und jede Beschränkung hinaus, sie macht

uns fähig, die ganze Welt in Besitz zu nehmen, das Fremde in Nahes, das

Zukünftige in Gegenwart zu verwandeln.

* * * * *

Ein solches Leben von innen heraus, ein solches Bilden seiner

selbst wird durch den Gedanken an Alter und Tod nicht im mindesten

eingeschüchtert. An uns selbst liegt es, Mut und Kraft durch das ganze

Leben zu wahren. »Ein selbstgeschaffenes Übel ist das Verschwinden

des Mutes und der Kraft; ein leeres Vorurteil ist das Alter.« Aus dem

Bewußtsein der inneren Freiheit und ihres Handelns entspringt ewige

Jugend und Freude. Wer im Alter klagt, daß ihm die Jugend fehlt, dem

hat in der Jugend das Alter gefehlt.

»Das ist des Menschen Ruhm, zu wissen, daß unendlich sein Ziel ist, und

doch nie stillzustehen im Lauf, zu wissen, daß eine Stelle kommt auf

seinem Wege, die ihn verschlingt, und doch an sich und um sich nichts

zu ändern, wenn er sie sieht, und doch nicht zu verzögern den Schritt.

Darum ziemt es dem Menschen immer in der sorglosen Heiterkeit der

Jugend zu wandeln. Nie werd' ich mich alt dünken, bis ich fertig bin;

und nie werd' ich fertig sein, weil ich weiß und will, was ich soll.«

So verbleibt nichts, das die Festigkeit und die Freudigkeit des Lebens

erschüttern könnte, das aus ursprünglicher Innerlichkeit hervorgeht;

auf modernem Boden hat Schleiermacher so das Innenleben in sich selbst

zu begründen gesucht und damit unser Dasein bereichert.

[Randnotiz: Selbständigkeit der Religion]

Am stärksten hat er in das allgemeine Leben eingegriffen durch sein

Wirken auf dem Gebiete der Religion. Ist er es doch gewesen, der

dieser zuerst in der Denkarbeit eine volle Selbständigkeit erstritten

und sie zugleich in ihrer unterscheidenden Eigentümlichkeit vollauf

zu entwickeln unternommen hat. Daran fehlte es bisher. Bis in die

Neuzeit hinein war die Religion viel zu sehr an die kirchliche Form

gebunden, viel zu sehr geschichtliche Tatsächlichkeit, um sich um

ihren allgemeinen Begriff und seine Begründung viel zu kümmern, das

Denken war ganz von der besonderen Gestalt eingenommen. In der Neuzeit

wurde das anders, aber wo ein Bedürfnis nach wissenschaftlicher

Rechtfertigung der Religion entstand, da suchte man es zunächst von der

Weltanschauung her zu befriedigen; für weitere Kreise war es namentlich

die in der Welt bemerkte, aber aus ihren eigenen Zusammenhängen

anscheinend unerklärbare Zweckmäßigkeit, die den Schluß auf das Dasein

eines höheren Wesens als des Urhebers zu rechtfertigen schien. Als die

Unzulänglichkeit dieses Verfahrens zum Bewußtsein kam, stellte sich

ihm der Versuch entgegen, die Religion auf die Moral zu gründen, die

großartigste Ausführung dessen gibt uns Kant. Aber die Dürftigkeit

einer Religion, welche lediglich der Moral zu dienen hat, konnte ihm

selbst und seinen Zeitgenossen nur entgehen, weil die Persönlichkeit

unter dem Einfluß der religiösen Überlieferung aus den Begriffen weit

mehr machte, als wissenschaftlich dargetan war; eine Selbständigkeit

der Religion und zugleich die Entwicklung eines eigentümlichen Lebens

ward damit nicht erreicht. Dies Verdienst blieb Schleiermacher

vorbehalten, er hat hier nicht nur die Einsicht gefördert, sondern

das religiöse Leben selbst aufs wesentlichste vertieft. Seine

Überzeugungen haben sich naturgemäß im Verlauf seines Lebens vielfach

weitergebildet, zwischen seinen in vollster Jugendfrische gehaltenen

Reden über die Religion und dem Augenblick, wo er auf seinem Sterbebett

sich und den Seinigen das heilige Abendmahl reichte, liegt viel

Bewegung. Aber der Grundzug blieb in allen Weiterbildungen unverändert,

das Streben, im Innersten der Seele, im reinen Gefühl der Religion

eine sichere Stätte zu bereiten und hier einen zuverlässigen Maßstab

für alles zu finden, was die Überlieferung an uns bringt. Unsere

Schilderung folgt zunächst der ersten Auflage jener Reden, da sie

die eigentümliche Art des Mannes im ursprünglichsten Hervorbrechen

zeigt. Daß er über Religion zu den »Gebildeten unter ihren Verächtern«

spricht, grenzt sein Unternehmen schärfer ab, als der heutige

Sprachgebrauch annehmen läßt. Denn die Ausdrücke »Bildung« und

»gebildet« waren eben erst vom Körperlichen aufs Geistige übertragen

worden, und sie bezeichneten zunächst die Anhänger der sich wider die

Aufklärung erhebenden neuen künstlerischen Denkart, es waren also die

Modernen seiner eigenen Zeit, welche Schleiermacher für die Religion zu

gewinnen suchte; so stellt er ihre Verfechtung ganz auf den Boden der

neuen Zeit.

* * * * *

[Randnotiz: Das Wesen der Religion]

Zunächst gewinnt er seiner eigenen Überzeugung freien Raum durch

ein Abweisen unzulänglicher Fassungen. Es gilt eine Abgrenzung

der Religion sowohl gegen Metaphysik als gegen Moral, es gilt eine

Abweisung der landläufigen Art der Religion, welche aus ihr ein

bloßes Gemisch von Metaphysik und Moral machte, es gilt aber auch

eine Auseinandersetzung mit dem tiefergehenden Versuche Kants, die

Religion auf die Moral zu gründen. Schleiermacher meint, daß, so

gut die Moral eine Unabhängigkeit von der Religion verlangen dürfe,

ebensowohl man dieser eine solche zugestehen müsse; es sei eine

Verachtung der Religion, sie in ein anderes Gebiet zu verpflanzen

und da dienen zu lassen. Das Nein führt dann rasch zum Ja: »Die

Religion begehrt nicht das Universum seiner Natur nach zu bestimmen

und zu erklären wie die Metaphysik, sie begehrt nicht aus Kraft der

Freiheit und der göttlichen Willkür des Menschen es fortzubilden und

fertigzumachen wie die Moral. Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln,

sondern Anschauung und Gefühl. Anschauen will sie das Universum, in

seinen eigenen Darstellungen und Handlungen will sie es andächtig

belauschen, von seinen unmittelbaren Einflüssen will sie sich in

kindlicher Passivität ergreifen und erfüllen lassen. Sie will im

Menschen das Unendliche sehen, dessen Abdruck, dessen Darstellung.«

»Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und

Geschmack fürs Unendliche.« Im Anschauen erfolgt nach Schleiermacher

ein Einfluß des Angeschauten auf den Anschauenden, ein ursprüngliches

und unabhängiges Handeln des ersteren wird vom letzteren seiner Natur

gemäß aufgenommen und zusammengefaßt. Was wir anschauen, ist nicht die

Natur der Dinge, sondern ihr Handeln auf uns; das Universum aber ist

in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich uns in allem,

was es hervorbringt, und es handelt damit auf uns; alles Einzelne nun

als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des

Unendlichen hinzunehmen, das ist Religion. »Alle Begebenheiten in der

Welt als Handlungen eines Gottes vorstellen, das ist Religion.« Mit

der Anschauung aber ist untrennbar ein Gefühl verbunden. »Anschauung

ohne Gefühl ist nichts und kann weder den rechten Ursprung, noch die

rechte Kraft haben, Gefühl ohne Anschauung ist auch nichts: beide

sind nur dann und deswegen etwas, wenn und weil sie ursprünglich eins

und ungetrennt sind.« Wenn Schleiermacher es als einen gänzlichen

Mißverstand verwirft, daß die Religion handeln solle, so steht sie

darum nicht gleichgültig neben dem Handeln. »Bei ruhigem Handeln, das

aus seiner eigenen Quelle hervorgehen muß, die Seele voll Religion

haben, das ist das Ziel des Frommen.« »Die religiösen Gefühle sollen

wie eine heilige Musik alles Tun des Menschen begleiten, er soll alles

mit Religion tun, nichts aus Religion.« Für die nähere Gestaltung

bleibt dem Individuum freier Raum, denn das Universum läßt sich in

verschiedener Art anschauen, daher soll keiner seine besondere Art

dem anderen aufdrängen wollen. »Im Unendlichen steht alles Endliche

ungestört nebeneinander, alles ist eins und alles ist wahr.«

* * * * *

[Randnotiz: Anschauung und Gefühl]

Wie aber kommen wir zu solcher Anschauung des Universums und dem

ihr verbundenen Gefühl? Die äußere Natur kann weder mit ihrer Größe

noch ihrer Schönheit sie erzeugen, sie wirkt nur dann religiös,

wenn Religion schon vorhanden ist; den Stoff für diese finden wir

vielmehr in der Menschheit. »Um die Welt anzuschauen und um Religion

zu haben, muß der Mensch erst die Menschheit gefunden haben, und

er findet sie nur in Liebe und durch Liebe.« In der Menschheit und

ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit ergreifen wir »die Harmonie

des Universums, die wunderbare und große Einheit in seinem ewigen

Kunstwerk«. Jedes Individuum ist seinem inneren Wesen nach ein

notwendiges Ergänzungsstück zur vollkommenen Anschauung der Menschheit.

Jeder ist zugleich ein Kompendium der Menschheit, jede Persönlichkeit

umfaßt in einem gewissen Sinne die ganze menschliche Natur. Noch über

die Menschheit dringt der Gedanke insofern hinaus, als die Menschheit

mit ihren Veränderungen und ihrem Werden nicht selbst das Universum

sein kann, vielmehr wird sie sich zu ihm verhalten, wie die einzelnen

Menschen sich zu ihr verhalten. Solche Ahnung von etwas außer und über

der Menschheit enthält jede Religion, aber dies ist auch der Punkt, wo

ihre Umrisse sich dem gemeinen Auge verlieren.

So wenig die Anschauung des Universums unmittelbar auf das Handeln

wirkt, sie erzeugt Gefühle, welche das Ganze des Lebens erhöhen.

So erzeugt sie Ehrfurcht und Demut, so auch Liebe und Zuneigung zu

den Brüdern, ohne deren Dasein wir einer Anschauung der Menschheit

entbehren müßten. Die Anschauung des Unendlichen stellt ferner das

Gleichgewicht und die Harmonie des menschlichen Wesens wieder her,

welche unwiederbringlich verlorengehen, wenn jemand sich, ohne zugleich

Religion zu haben, einer einzelnen Richtung der Tätigkeit überläßt.

* * * * *

Solche Überzeugungen ergeben eine eigentümliche Stellung zu den

Dogmen und Lehrsätzen der Religion, auch zu den Ideen Gott und

Unsterblichkeit; diese alle werden im universalsten Sinne gedeutet.

»Unsterblichkeit darf kein Wunsch sein, wenn sie nicht erst eine

Aufgabe gewesen ist, die ihr gelöst habt. Mitten in der Endlichkeit

eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick, das

ist die Unsterblichkeit der Religion.«

* * * * *

[Randnotiz: Religiöse Gemeinschaft]

Eine Religion solcher Art ist nicht lehrbar, es gilt nur die Hemmungen

zu entfernen, welche der von ihr verlangten Anschauung des Universums

entgegenstehen. Eine solche Hemmung bildet namentlich eine bloß

verstandesmäßige Betrachtung der Dinge, welche nicht nach ihrem Was

und Wie, sondern nur nach ihrem Woher und Wozu fragt, eng verbunden

damit ist die Richtung auf den bloßen Nutzen; auch die Gefahr liegt

nahe, daß der Mensch unter den Druck mechanischer und unwürdiger

Arbeit gerate und damit die Ruhe und Muße verliere, in sich die Welt

zu betrachten. Eine Hilfe erwartet Schleiermacher namentlich von der

religiösen Gemeinschaft, denn zur Gemeinschaft drängt die Religion, wie

er sie faßt, mit Notwendigkeit. »Ist die Religion einmal, so muß sie

notwendig auch gesellig sein.«

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 8 / 13 段