Gemäß der Grundanschauung Schellings von der Selbstentwicklung des Alls

steht hier die Philosophie in engem Zusammenhang mit der Geschichte,

diese wird hier, in weitestem Sinn genommen, zur Hauptstätte des

Geschehens. Der Denker kann aber die Geschichte in so großem Sinne

nicht fassen, ohne zwischen ihr und Historie deutlich zu scheiden;

jene eröffnet uns die großen Grundzüge des Werdens, sie ist mehr

Philosophie der Geschichte, als was sonst Geschichte heißt. Dieses,

als das Bild der geschichtlichen Erfahrung vom Menschen aus, wird

hier als Historie bezeichnet. Geschichte in jenem Sinne ist »weder

das reine Verstandes-Gesetzmäßige, dem Begriff Unterworfene, noch das

rein Gesetzlose, sondern was mit dem Schein der Freiheit im Einzelnen

Notwendigkeit im Ganzen verbindet«. So verstanden tritt die Geschichte

in eine enge Verbindung mit der Religion, die Bewegung der Menschheit

zerlegt sich in drei Perioden, die der Natur, des Schicksals, der

Vorsehung. Von hier findet das Christentum, welches in der Geschichte

die Epoche der Vorsehung beginnt, hohe Anerkennung. »Die bewußte

Versöhnung, die an die Stelle der bewußtlosen Identität mit der Natur

und an die der Entzweiung mit dem Schicksal tritt und auf einer höheren

Stufe die Einheit wiederherstellt, ist in der Idee der Vorsehung

ausgedrückt.« Während die alte Welt die Einheit als das Sein des

Unendlichen im Endlichen faßt, ist der erste Gedanke des Christentums

die »Versöhnung des von Gott abgefallenen Endlichen durch seine

eigene Geburt in die Endlichkeit«. Dem Christentum ist die Geschichte

wesentlich, nur muß dann die Geschichte in einem weit höheren Sinne

gefaßt werden, als es gewöhnlich geschieht. »Die christlichen

Religionslehrer können keine ihrer historischen Behauptungen

rechtfertigen, ohne zuvor die höhere Ansicht der Geschichte selbst,

welche durch die Philosophie wie durch das Christentum vorgeschrieben

ist, zu der ihrigen gemacht zu haben.« Schelling erklärt es von hier

aus als bedenklich, das Christentum starr an seine Anfänge zu binden

und in ihm nicht eine Idee anzuerkennen, welche davon unabhängig durch

alle Zeiten zu wirken vermag. Überhaupt verlangt er eine Befreiung

seiner ewigen Wahrheit von vergänglichen Formen: »Der Geist der

neuen Zeit geht mit sichtbarer Konsequenz aus Vernichtung aller bloß

endlichen Formen, und es ist Religion, ihn auch hierin zu erkennen.«

* * * * *

Was die Historie anbelangt, so führt Schelling den härtesten

Kampf gegen eine lehrhafte Geschichtschreibung, welche eine

subjektiv-menschliche Betrachtungsweise in die Geschichte trage, da

doch selbst unter dem Heiligsten nichts sei, was heiliger wäre als die

Geschichte, dieser große Spiegel des Weltgeistes, dieses ewige Gedicht

des göttlichen Verstandes. Die echte Behandlung der Geschichte muß

eine künstlerische sein. »Die Kunst ist es, wodurch die Historie,

indem sie Wissenschaft des Wirklichen als solchen ist, zugleich über

dasselbe auf das höhere Gebiet des Idealen erhoben wird, auf dem

die Wissenschaft steht.« »Der absolute Standpunkt der Historie ist

demnach der der historischen Kunst.« Indem bei solcher Betrachtung

die einzelnen Handelnden bei aller subjektiven Freiheit als Werkzeuge

und Mittel einer höheren Notwendigkeit erscheinen, die sich hier als

Schicksal darstellt, »kann die Geschichte die Wirkung des größten

und erstaunenswürdigsten Dramas nicht verfehlen, das nur in einem

unendlichen Geist gedichtet sein kann«. Wir brauchen nur an Ranke zu

denken, um uns zu vergegenwärtigen, welchen Einfluß diese Fassung der

Geschichte und der Geschichtschreibung auf die wissenschaftliche Arbeit

gewonnen hat.

* * * * *

Mit der Historie verbindet Schelling eng die Jurisprudenz als die

Wissenschaft vom Staate. Denn der Hauptgegenstand der Historie im

engeren Sinne ist ihm die Bildung eines »objektiven Organismus der

Freiheit oder des Staates«. Auch der Staat wird hier über das Vermögen

und die Zwecke des bloßen Menschen hinausgehoben, auch er ist eine

Darstellung des absoluten Organismus und hat daher seinen Zweck in sich

selbst.

* * * * *

[Randnotiz: Bildende Kunst und Natur]

Schellings Art, künstlerische Probleme zu behandeln, erscheint in

besonders fesselnder Gestalt in der Abhandlung über das Verhältnis

der bildenden Künste zur Natur. Wie aus überströmendem Reichtum

streut hier der Denker eine Fülle packender und klärender Gedanken

aus, Gedanken über Form, Anmut, Charakter, Seele im Schaffen der

bildenden Kunst, er verficht dabei die Behauptung, daß nur durch die

Vollendung der Form die Form vernichtet werden könne, er findet dieses

Ziel der Kunst im Charakteristischen erreicht. »Die äußere Seite oder

Basis aller Schönheit ist die Schönheit der Form. Da aber Form ohne

Wesen nicht sein kann, so ist, wo nur immer Form ist, in sichtbarer

oder nur empfindbarer Gegenwart auch Charakter. Charakteristische

Schönheit ist daher die Schönheit in ihrer Wurzel, aus welcher dann

erst die Schönheit als Frucht sich erheben kann; das Wesen überwächst

wohl die Form, aber auch dann bleibt das Charakteristische die noch

immer wirksame Grundlage des Schönen.« »Die Schönheit der Seele

an sich, mit sinnlicher Anmut verschmolzen: diese ist die höchste

Vergöttlichung der Natur.« Nach einer Darstellung und Vergleichung

der Eigentümlichkeit der antiken und der modernen bildenden Kunst

in Plastik und Malerei wendet er sich zur eigenen Zeit und spricht

auch für sie zuversichtliche Hoffnungen aus, stets die Überzeugung

bekennend, daß die Schicksale der Kunst von den allgemeinen Schicksalen

des menschlichen Geistes abhängig sind. Wenn die Kunst nur aus

der lebhaftesten Bewegung der innersten Gemüts- und Geisteskräfte

entspringt, die Begeisterung genannt wird, wenn es ohne einen großen

allgemeinen Enthusiasmus keine öffentliche Meinung, keinen befestigten

Geschmack gibt, so bedarf auch das künstlerische Schaffen unserer

Zeit einer solchen Begeisterung. »Warum sollten wir aber eine solche

nicht für sie erwarten können, da doch in ihr eine neue Welt sich

bildet, die allen bisherigen Maßstäben entwächst? Sollte nicht jener

Sinn, dem sich Natur und Geschichte lebendiger wieder aufgeschlossen,

auch der Kunst ihre großen Gegenstände zurückgeben?« Es bedarf dazu

aber einer Veränderung in den Ideen, es bedarf eines neuen Wissens,

eines neuen Glaubens, um die Kunst zu der Arbeit zu begeistern,

»wodurch sie in einem verjüngten Leben eine der vorigen ähnliche

Herrlichkeit offenbarte«. So gilt es nicht rückwärts, sondern vorwärts

zu schauen und der eigenen Kraft zu vertrauen. Dafür ist Schelling

stets eingetreten, daß die Befassung mit der Geschichte die eigene

Aufgabe der Gegenwart in keiner Weise schädigen dürfe. »Aus der Asche

des Dahingesunkenen Funken ziehen und aus ihnen ein allgemeines Feuer

wieder anfachen wollen, ist eitle Bemühung.« Solche Hoffnung einer

Neubelebung der Kunst setzt Schelling namentlich auf Deutschland.

»Dieses Volk, von welchem die Revolution der Denkart in dem neueren

Europa ausgegangen, dessen Geisteskraft die größten Erfindungen

bezeugen, das dem Himmel Gesetze gegeben -- er denkt dabei an erster

Stelle sicherlich an den von ihm aufs höchste geschätzten Kepler -- und

am tiefsten von allen die Erde durchforscht hat, dem die Natur einen

unverrückten Sinn für das Rechte und die Neigung zur Erkenntnis der

ersten Ursachen tiefer als irgendeinem anderen eingepflanzt, dieses

Volk muß in einer eigentümlichen Kunst endigen.«

* * * * *

[Randnotiz: Das deutsche Volk]

Die besondere Art und Begabung des deutschen Volkes hat Schelling oft

beschäftigt, freilich ganz überwiegend vom Standpunkt der Philosophie

und der eigenen Arbeit aus. Am eingehendsten geschieht das in einem

Fragment aus dem handschriftlichen Nachlaß »Über das Wesen deutscher

Wissenschaft«. In der deutschen Wissenschaft sieht Schelling »das wahre

Innere, das Wesen, das Herz der Nation«. Zeugnisse dieser Behauptung

sind die religiösen und wissenschaftlichen Revolutionen, mit denen

dieses Volk allen anderen vorangegangen, und in denen es ein Interesse

des Gemüts und Geistes für den Grund aller Erkenntnis an den Tag gelegt

hat, wie keine andere Nation je getan. »Zu eigentümlich von Gemüt und

Geist ist dieses Volk gebildet, um auf dem Weg anderer Nationen mit

diesen gleichen Schritt zu halten. Es muß seinen eigenen Weg gehen,

und wird ihn gehen, und sich nicht irren noch abwenden lassen, wie es

immer vergebens gesucht wurde.« Als die Geburtsstunde der deutschen

Wissenschaft betrachtet Schelling die Zeit der Reformation, er sieht in

der konfessionellen Spaltung, welche sie brachte, kein Unglück, da er

hofft, daß der deutsche Geist »die Einheit, die er als einen Zustand

erkenntnislosen Friedens verließ, auf einer höheren Stufe als bewußte

Einheit, in größerem Sinn und weiterem Umfang einst wiederherstellen

werde«. Die deutsche Wissenschaft hat die Aufgabe, »die Lebendigkeit

aller Dinge und der ganzen Natur anschauend, sich bis zu dem Urquell

aller Ichheit, dem zu erheben, von dem alles andere Ich in der

Absonderung nur Schatten und Schein, in der Einheit betrachtet das

lebendige Teil und reale Ebenbild ist«. Nach dieser Richtung haben

Kepler und Leibniz, Jakob Böhme und Hamann gewirkt; seine höchste Höhe

erreichte aber dies Streben in der Bewegung, die mit Kant begann. »Das

Urteil der Geschichte wird sein, nie sei ein größerer äußerer und

innerer Kampf um die höchsten Besitztümer des menschlichen Geistes

gekämpft worden, in keiner Zeit habe der wissenschaftliche Geist in

seinem Bestreben tiefere und an Resultaten reichere Erfahrungen gemacht

als seit Kant.« Als die Vollendung dieser Bewegung betrachtet Schelling

seine eigene Philosophie.

* * * * *

[Randnotiz: Die Aufgabe des deutschen Geistes]

Als besonders charakteristisch für den deutschen Geist erscheint

seine Richtung auf Metaphysik und das eng damit verbundene Verlangen,

Religion und Wissenschaft zur Freundschaft zusammenzubringen. »Die

deutsche Nation strebt mit ihrem ganzen Wesen nach Religion, aber ihrer

Eigentümlichkeit gemäß nach Religion, die mit Erkenntnis verbunden und

auf Wissenschaft gegründet ist.« Von der Metaphysik spricht Schelling

in höchsten Tönen, er meint, alles Hohe und Große in der Welt sei

durch etwas geworden, das im allgemeinsten Sinne Metaphysik heißen

könne. Metaphysik aber beruhe auf dem Talent, ein Vieles unmittelbar in

Einem und hinwiederum Eines in Vielem begreifen zu können, mit einem

Wort »auf dem Sinn für Totalität«.

Selbst den Krieg bringt Schelling in Verbindung mit der Metaphysik

in diesem weiteren Sinne. »Es gibt keinen rechtlichen Krieg, als der

um der Idee willen geführt wird, d. h. der religiös ist. Nicht als

Maschine, die von Willkür bewegt wird, sondern dem Gesetz Gottes und

der Natur gehorchend, die den Krieg eingesetzt haben, soll der Streiter

siegen oder fallen.« Unumwunden legt Schelling dar, wie gerade dem

Deutschen große Gefahren drohen, wie er sich besonders leicht der

Tiefe des eigenen Wesens entfremde, aber das erschüttert nicht sein

Vertrauen, daß er sich immer wieder zu sich selbst zurückfinden wird,

und daß er vornehmlich jetzt sich vor einem neuen Aufstieg befindet.

»Wiedergeburt der Religion durch die höchste Wissenschaft, dieses

eigentlich ist die Aufgabe des deutschen Geistes, das bestimmte Ziel

aller seiner Bestrebungen. Nach der notwendigen Zeit des Übergangs und

der Entzweiung nehmen wir dieses durch die religiöse Revolution eines

früheren Jahrhunderts begonnene Werk an eben dem Punkte auf, wo es

verlassen wurde. Jetzt fängt die Zeit der Vollführung und Vollendung

an.«

Endlich sucht er aus dem Gedanken, daß die Weite des Wesens und die

Offenheit selbst für Widersprüche eine eigentümliche Größe des Menschen

sei, einen Vorzug deutscher Art zu begründen. »Man hat es oft bemerkt,

daß alle übrigen Nationen von Europa durch ihren Charakter viel

bestimmter sind als die deutsche, welche daher wegen ihrer allgemeinen

Empfänglichkeit als die Wurzel, wegen der in ihr liegenden Kraft der

Vereinigung des Widerstreitenden wohl als die Potenz der anderen

Nationen betrachtet werden könnte. Sollte nicht das Los des Deutschen

darin das allgemeine des Menschen sein, daß auch er die verschiedenen

Stufen, welche andere Völker gesondert darstellen, allein alle

durchliefe, um auch am Ende die höchste und reichste Einheit, deren die

menschliche Natur fähig ist, darzustellen?«

* * * * *

[Randnotiz: Die Wendung zur Religion]

Wie in dieser Schilderung des deutschen Wesens das Verhältnis zur

Religion das Bild wie die Schätzung beherrscht, so wird bei Schelling

überhaupt immer mehr die Religion zur Seele des Strebens. Es besagte

das eine große Wendung, die keinen völligen Bruch mit der bisherigen

Überzeugung darstellt, die aber doch eine Ablenkung von ihr vollzieht.

Die Religion bedeutete immer dieser Philosophie sehr viel, da ihr

Grundcharakter ein Versuch des Sehens und Verstehens der Wirklichkeit

aus der sie begründenden Einheit ist; so haben auch die früheren

Schriften viel Beziehung zur Religion. Aber das Verhältnis von

Gott und Welt stellte sich früher und später sehr verschieden dar,

es war ein weit stärkeres Hervortreten des Problems des Bösen, das

diese Wandlung bewirkte. Früher galt Schelling die Welt als eine

ungetrübte Offenbarung der ewigen Einheit, und das Böse war nur ein

Versuch, ein vergeblicher Versuch des Endlichen, sich dem Unendlichen

entgegenzuwerfen. Jetzt aber wird das Böse weit tiefer in den Kern

der Wirklichkeit zurückverlegt und als eine »positive Verkehrtheit

der Prinzipien« erklärt, ernst und nachdrücklich wird jetzt zu seiner

vollen Würdigung aufgefordert. Schelling meint, man müsse das Böse mit

dem Herzen ignorieren, nicht mit dem Kopf; er erklärt es für einen

großen Irrtum, das gute Prinzip ohne das Böse erkennen zu wollen.

Denn »wie in dem Gedicht des Dante geht auch in der Philosophie nur

durch den Abgrund der Weg zum Himmel«. In Wahrheit bestimmt dieser

Punkt durchgängig mehr als irgendwelcher anderer die Hauptrichtung

des geistigen Strebens. Seit Jahrtausenden besteht ein harter Kampf

der erlesensten Geister darüber, ob das Böse der Welt, das keine

unbefangene Betrachtung leugnen kann, sich in eine Vernunftordnung

irgendwie einfügen und dadurch für die letzte Betrachtung zum

Verschwinden bringen lasse, oder ob es sich starr behaupte, ein

rationales Bild der Wirklichkeit hindere, damit aber das Streben und

Denken entweder zur Verzweiflung oder zum Suchen neuer Ordnungen

treibe. Der deutsche Idealismus stand im großen und ganzen zu der

ersteren Überzeugung. Allerdings hatte er nichts mit jenem flachen

Optimismus gemein, den sich Welt und Leben ohne weiteres bequem

zurechtlegt, er erkannte mit voller Klarheit die Schäden des nächsten

Standes, er forderte mit größtem Ernst eine Erhöhung oder gar Umwälzung

seiner, er hat stets mit voller Entschiedenheit alles Idealisieren

des Daseins als eine Unwahrheit abgelehnt. Aber er stand zugleich zu

dem Glauben, daß geistige Kraft den Schäden gewachsen sei, daß eine

überlegene Vernunft im menschlichen Leben walte und sich durch volle

Aufbietung unseres Vermögens auch in eigenen Besitz verwandeln lasse.

Alle Schäden der Menschen erschütterten nicht die Überzeugung von einer

Größe und Würde des Menschen. Aus solcher Überzeugung wurde dann das

Bild unserer Welt entworfen.

Das alles verschiebt sich nun bei Schelling, und indem es sich

verschiebt, treten ganz andere Seiten der Wirklichkeit in den

Vordergrund und entstehen ganz neue Probleme.

* * * * *

[Randnotiz: Das Böse in der Welt]

Schelling findet das Böse schon in der Natur, in durchgehenden

Hemmungen und Verunstaltungen ihres Lebens, auch in der

allesbeherrschenden Macht des Todes. Es steigert sich weiter im

Bereich des menschlichen Lebens, im besonderen ist es das Sinnlose

des unaufhörlichen Kommens und Gehens, was den Denker bedrückt und

weitertreibt. »Die ganze Natur müht sich ab und ist in unaufhörlicher

Arbeit begriffen. Auch der Mensch seinerseits ruht nicht, es ist, wie

ein altes Buch sagt, alles unter der Sonne so voll Mühe und Arbeit, und

doch sieht man nicht, daß etwas gefördert, wahrhaft erreicht werde,

etwas nämlich, wobei man stehen bleiben könnte. Ein Geschlecht vergeht,

das andere kommt, um selbst wieder zu vergehen. Vergebens erwarten

wir, daß etwas Neues geschehe, woran endlich diese Unruhe ein Ziel

finde; alles was geschieht, geschieht nur, damit wieder etwas anderes

geschehen kann, das selbst wieder gegen ein anderes zur Vergangenheit

wird, im Grunde also geschieht alles umsonst, und es ist in allem Tun,

in aller Mühe und Arbeit der Menschen selbst nichts als Eitelkeit:

alles ist eitel, denn eitel ist alles, was eines wahrhaften Zweckes

ermangelt.« An diesen Schäden hat die Gegenwart besonders zu tragen,

da ihr ein innerer Halt verloren gegangen ist. Es haben sich nämlich

die überkommenen Überzeugungen, welche das Leben trugen, gelockert

und ihre ursprüngliche Kraft verloren, aber das wagt man sich nicht

zu gestehen. »Aus Furcht, den behaglichen Zustand zu zerstören,

vermeidet man der Sache auf den Grund zu sehen oder es auszusprechen,

daß die moralischen und geistigen Mächte, durch welche die Welt, wenn

auch bloß gewohnheitsmäßig, noch zusammengehalten worden, durch die

fortschreitende Wissenschaft längst untergraben sind.«

Indem solche Eindrücke Schelling dahin treiben, das Böse in die

tiefsten Gründe der Wirklichkeit zu versetzen und es als einen Abfall

von Gott zu verstehen, treibt ihn sein Erkenntnisverlangen, solchen

Abfall irgendwie begreiflich zu machen und demgemäß den Weltanblick

zu gestalten. Das Hauptproblem liegt darin, daß das Böse letzthin nur

aus Freiheit stammen und daher eine von Gott unabhängige Wurzel haben

muß, daß andererseits aber nichts gänzlich außer Gott gesetzt werden

kann. Diese Verwicklung treibt unseren Denker zu kühner Spekulation in

der Art eines Jakob Böhme. Das Böse soll aus einem dunkeln Naturgrunde

stammen, der nur eine Stufe einer weiteren Bewegung bedeuten sollte,

der aber sich selbständig gemacht hat, nun den Fortgang hemmt, nun die

Lebenskräfte in seine Dienste zieht und ihren wahren Zielen entfremdet.

Damit hat das Böse eine unheimliche Macht erlangt, von der nur eine

überlegene Hilfe, eine Offenbarung göttlicher Macht uns und die Welt

erlösen kann.

* * * * *

Dieser Gedankengang ist begreiflich, wie immer man sich zu ihm stellen

mag, die nähere Ausführung ist aber so gewagt, so wunderlich, sie

entspricht so wenig der von Kant verlangten kritischen Selbstbesinnung

des Menschen, daß ein derartiges Verfahren uns heute ganz fremd

geworden ist. Solche Ablehnung braucht aber nicht die Anerkennung

dessen zu hindern, daß hier manche bedeutende Gedanken entwickelt

sind, manches in neue Beleuchtung gestellt ist. Besondere Beachtung

findet jetzt das Problem der Freiheit, ihr Zusammenhang mit dem

Ganzen der Weltansicht wird dem Denker zu einer »notwendigen Aufgabe,

ohne deren Auflösung der Begriff selber wankend, die Philosophie

aber völlig ohne Wert sein würde«. »Denn diese große Aufgabe allein

ist die unbewußte und unsichtbare Triebfeder alles Strebens nach

Erkenntnis von dem Niedrigsten bis zum Höchsten; ohne den Widerspruch

von Notwendigkeit und Freiheit würde nicht Philosophie allein, sondern

jedes höhere Wollen des Geistes in den Tod versinken, der jenen

Wissenschaften eigen ist, in welchen er keine Anwendung hat.«

[Randnotiz: Wollen als Grundlage aller Natur]

Solcher Schätzung der Freiheit entspricht es, daß als Grundkraft der

Seele hier mit großer Bestimmtheit das Wollen verkündigt wird, ja daß

es heißt, »Wollen ist die Grundlage aller Natur.« Auch Fichte hatte

das Wollen als die Hauptkraft des Lebens erklärt, aber es war das bei

ihm das von Vernunft erfüllte und auf Vernunft gerichtete Wollen;

Schelling dagegen bringt das Dunkle, Triebhafte, Dämonische in ihm

zur vollen Anerkennung; ihm wird damit das Leben nicht eine sichere

Fortentwicklung, sondern ein beständiger Kampf zwischen Höherem und

Niederem, fortwährend bedarf es eines Ringens mit der dunkeln Tiefe

unserer Natur, fortwährend gilt es, das in uns bewußtlos Wirkende

durch freie Tat zum Bewußtsein zu erheben. Zugleich aber glaubt

Schelling einen kräftigeren Begriff vom Guten zu gewinnen und das Ganze

des Lebens zu vertiefen. »Ein Gutes, wenn es nicht ein überwundenes

Böse in sich hat, ist kein volles lebendiges Gute.« »Die aktivierte

Selbstheit ist notwendig zur Schärfe des Lebens; ohne sie ist nur

völliger Tod, ein Einschlummern des Guten. Wo nicht Kampf ist, da ist

nicht Leben.« Damit soll auch der Begriff der Persönlichkeit mehr

Gehalt und Kraft gewinnen, ihm ist eigentümlich eine innere Bewegung,

welche die Natur des Selbst durch Freiheit zur Geistigkeit erhebt. Der

Begriff des Geistes aber fällt nach Schelling nicht schon mit dem des

Guten zusammen. Denn auch in den Geist reicht der Zwiespalt hinein,

der die Welt auseinanderreißt, auch innerhalb des Geistes müssen wir

kämpfen, ja »die höchste Korruption ist auch die geistigste«. Auch

beim Gottesbegriff erstrebt Schelling eine Überwindung abstrakter

Fassungen, die mit einem bloßen Allgemeinbegriff das Wesen zu treffen

glaubten, und eine Kräftigung des Gehalts; in dieser Hinsicht heißt es:

»Nicht die Vernunft ist die Ursache des vollkommenen Geistes, sondern

nur, weil dieser ist, gibt es eine Vernunft.« »Das allgemeine Wesen

existiert nur, wenn das absolute Einzelwesen es ist.« Auch verlangt

Schelling eine möglichst anthropomorphe Fassung des Gottesbegriffes, da

nur ein lebendiger und uns naher Gott Hilfe und Rettung bringen könne.

[Randnotiz: Gott und der Weltprozeß]

Auf eine solche Rettung aber vertraut Schelling felsenfest, und er

begründet sein Vertrauen durch seine Fassung der Geschichte und des

gesamten Weltprozesses, die auf eine solche Rettung angelegt sind. Es

gilt nur, daß der Mensch die großen göttlichen Taten erkenne und sein

eigenes Leben dadurch erfüllen lasse, daß er eintrete in die Bewegung

der Welt, in den Kampf um ihre Vollendung. Diese Überzeugung läßt ihn

auch die Zeichen der Zeit trotz alles Ernstes günstig deuten. »Je

greller man den Unfrieden, die Zerwürfnisse, die Auslösung drohenden

Erscheinungen unserer Zeit schildern mag, desto gewisser kann der

wahrhaft Unterrichtete in diesem allen nur die Vorzeichen einer neuen

Schöpfung, einer großen und belebenden Wiederherstellung erblicken,

die allerdings ohne schmerzliche Wehen nicht möglich war, der die

rücksichtslose Zerstörung alles dessen, was faul, brüchig und schadhaft

geworden, vorausgehen mußte.« Der Philosophie, im besonderen seiner

eigenen, teilt Schelling dabei eine große Rolle zu.

* * * * *

Eine weite Kluft zwischen den hier so eindringlich geschilderten

Schäden der menschlichen Lage und dem empfohlenen Heilmittel ist

unmöglich zu verkennen. Wie kann eine Veränderung der Weltanschauung so

viel erreichen lassen? Schelling selbst sucht den Einwand abzuwehren,

daß die Philosophie solcher Aufgabe nicht gewachsen sei, es müsse,

so meint er, nur eine starke Philosophie sein, »eine solche, die

mit dem Leben sich messen kann, die ihre Kraft aus der Wirklichkeit

selbst nimmt und darum auch selbst wieder Wirkendes und Dauerndes

hervorbringt.« Aber es bleibt doch dabei, daß ein Wandel der Begriffe

ohne weiteres auch einen Wandel der Gesinnung mit sich bringen soll;

was aber ist das anderes als Rationalismus, und zwar ein Rationalismus,

der um so mehr zum Widerspruch reizt, als er eben das für irrational

Erklärte rational zu verstehen sucht? Schellings Versuch, das

Christentum als den Kern und Sinn der ganzen Wirklichkeit zu erweisen,

ist ein großes Wollen unmöglich abzusprechen, aber die Ausführung

zeigt dasselbe Überspringen der menschlichen Schranken und dieselbe

Vergewaltigung des Tatbestandes im Gebiet der Geschichte, wie in dem

der Natur die Naturphilosophie.

* * * * *

[Randnotiz: Philosophie der Mythologie]

Dasselbe gilt von Schellings Philosophie der Mythologie, welche die

ganze Fülle der geschichtlichen Religionen als eine aufsteigende

Stufenfolge mit dem Christentum als Höhe- und Zielpunkt zu verstehen

sucht. Auch hier blitzen glänzende Gedanken auf, auch hier fehlt es

nicht an packenden Schilderungen. So ist es namentlich anziehend, wie

Schelling sich mit dem Pantheismus auseinandersetzt, der in seiner

eigenen Natur so tief wurzelte, und über den ihn doch der Fortgang

seines Strebens zwingend hinaustrieb. »Der Pantheismus in seiner bloßen

Möglichkeit ist der Grund der Gottheit und aller wahren Religion.

-- Der Monotheismus ist nichts anderes, als der esoterisch, latent,

innerlich gewordene Pantheismus. -- Nichts hat je über die Gemüter der

Menschen wahre Gewalt erlangt, dem nicht eigentlich dieser, zur Ruhe

gebrachte und befriedigte (zum Frieden gebrachte) Pantheismus zugrunde

lag.«

* * * * *

Der Abschluß der äußeren Laufbahn Schellings war wenig glücklich. Unter

großen Erwartungen wurde er 1841 nach Berlin berufen, um Zeitströmungen

zu bekämpfen, die man für bedenklich hielt. Auch er selbst steckte

das Ziel sich hoch, hoffte er doch »eine Burg zu gründen, in welcher

die Philosophie von nun an sicher wohnen soll«. Das Ergebnis war

eine Enttäuschung; es kamen noch andere Gründe hinzu, Schelling zur

Einstellung seiner Tätigkeit zu bewegen. Leider beherrscht dieser

Ausgang noch immer zu sehr die gesamte Schätzung des Mannes.

* * * * *

[Randnotiz: Anregungen und Ergebnisse]

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 7 / 13 段