Während Fichte uns heute mit lebendiger Kraft zugegen ist und höchste

Verehrung genießt, hat Schelling (1775--1854) mit überwiegender

Ungunst zu kämpfen, die Gegenwart pflegt mehr bei dem zu verweilen,

was in seiner Leistung verfehlt oder doch angreifbar ist, als bei

dem, was in ihr an Großem und Fruchtbarem liegt. Sie erinnert sich

seiner Naturphilosophie und verwirft sie als eine kecke Überhebung

des Denkens, als eine Vergewaltigung wissenschaftlicher Forschung;

sie erinnert sich auch seines späteren Versuchs, das Böse von Gott

her zu erklären und alle Mannigfaltigkeit der Religionen in eine

einzige, im Christentum gipfelnde Bewegung zusammenzufassen; auch hier

erscheint das Verfahren als gewaltsam und dem Befunde der Wirklichkeit

widersprechend. Solcher Tadel hat guten Grund, aber man sollte nicht

versäumen, den Mann aus dem Ganzen und aus seiner eigenen Art zu

sehen und zu verstehen; wo das geschieht, da wird auch das Große und

Fruchtbare seines Lebenswerkes sein Recht erhalten, auch das Verfehlte

in eine andere Beleuchtung treten, da wird zugleich verständlich

werden, weshalb von den großen Denkern jener Zeit keiner unserem

größten Dichter näher stand als Schelling.

[Randnotiz: Schelling und Fichte]

Schelling ist von Fichte sowohl in der persönlichen Art als in der

Richtung des Denkens grundverschieden. War Fichte fast ausschließlich

mit dem Menschen als handelndem Wesen befaßt, und bildete ihm die

übrige Welt einen bloßen Hintergrund, so ist Schelling von Anfang

an auf das Ganze der Welt gerichtet, ihm faßt es sich zu einer

lebendigen Einheit zusammen, aus der Verbindung damit muß der Mensch

sich selbst verstehen, nur daraus kann er seinem Leben einen Inhalt

und eine Größe geben; Fichte war ganz davon erfüllt, den Menschen

moralisch aufzurütteln, ihn zu heben und umzuwandeln, er rief ihn zu

unermüdlicher Tätigkeit auf, Schelling dagegen gab ihm mehr Verkettung

mit der Welt, ein innigeres Verhältnis zu den Dingen, ihm ward die Höhe

des Lebens ein künstlerisches Schauen und möglichst auch Schaffen der

Wirklichkeit; drängte Fichte mit stürmischer Gewalt in eine bessere

Zukunft hinein, so fesselte Schelling der Blick in die Geschichte und

das Verlangen, die Welt aus ihrem Werden zu verstehen und zugleich

dem Leben eine größere Tiefe zu geben; wirkt Fichte vornehmlich durch

die strenge Geschlossenheit seiner Art, so tut es Schelling durch

seinen Reichtum und seine Beweglichkeit; wohl geht ein gemeinsamer

Grundcharakter durch all sein Wirken hindurch, aber im Nähern der

Richtung und Arbeit ist Schelling immer im Fluß geblieben, er hat immer

neue Einflüsse aufgenommen, sich selbst immer neue Probleme gestellt;

wo immer er aber wirkte, da hat er nicht nur eine Fülle von Anregungen

ausgestreut, sondern da hat er das Ganze der Behandlung ins Große und

Weite gehoben, da hat er gewaltige geistige Kraft gezeigt. Im Wirken

auf die Gesinnung der Menschen steht er weit hinter Fichte zurück, im

Wirken auf den Stand der Kultur und des Geisteslebens ist er jenem weit

voraus.

* * * * *

Eine nähere Verfolgung der verschiedenen Phasen seines Denkens gehört

in die Geschichte der Philosophie, wir dürfen uns nach einer kurzen

Charakteristik der Gesamtart auf die Gebiete beschränken, in denen

seine Arbeit das gemeinsame Leben stärker bewegt hat, es sind das

aber die Gebiete der Natur, der Kunst, der Religion; sie alle waren

jederzeit seinem Denken gegenwärtig, aber seinen Schwerpunkt hat es

nach und nach vom einen ins andere verlegt. Den Höhepunkt bildete eine

künstlerische Erfassung des Weltalls und eine entsprechende Gestaltung

des Lebens, hier vor allem hat Schelling zündende Ideen entwickelt und

hohe Ziele vorgehalten, die auch der Gegenwart nicht veraltet sind.

* * * * *

Die Gesamtart Schellings wird dadurch bezeichnet, daß sich ihm das

Leben mehr vom Subjektiven ins Objektive, vom Einzelnen ins Ganze

verschiebt; die Welt wird ihm zur Entfaltung einer begründenden und

durchwaltenden Einheit, die Dinge erkennen, das bedeutet ihre Stellung

im Weltall bestimmen, sie nach Schellings Ausdruck »konstruieren«,

das Leben schöpft seinen Geistesgehalt aus einem Erfassen und Erkennen

des Ganzen. Dabei ist kein Zweifel daran, daß der Mensch sich in

die Welteinheit versetzen und von ihr aus sein Leben führen könne.

»Alle anderen Geschöpfe sind von dem bloßen Naturgeist getrieben und

behaupten durch ihn ihre Individualität; im Menschen allein als im

Mittelpunkt geht die Seele auf, ohne welche die Welt wie die Natur

ohne Sonne wäre.« »Im Menschen allein erscheint das ganze volle Sein

ohne Abbruch.« Solcher Überzeugung kann es nicht vermessen scheinen,

daß der Mensch versuche, die Welt von innen her zu verstehen, vielmehr

gilt dieses als seine Hauptbestimmung, und nur dies gibt seinem Leben

und Handeln rechten Wert. Freilich tut dazu eine große Umwandlung not,

am eignen Wesen und an der Art der Betrachtung, der Mensch darf nicht

seine kleinmenschlichen Absichten den Dingen aufdrängen wollen, er darf

sie nicht nach seinen subjektiven Einfällen drehen und deuten, sondern

er muß sie in voller Hingebung nur bei sich selber schauen, sein Denken

muß sich ganz ihrer Notwendigkeit fügen, es von ihr erfüllen und

treiben lassen. Hat es aber den Zusammenhang mit den tiefsten Gründen

erreicht, so darf es wagen, von ihnen aus die Welt zu entwickeln, die

Wirklichkeit zu »konstruieren«.

* * * * *

[Randnotiz: Schellings Gesamtart]

Solche Forderung einer Versetzung vom Einzelpunkt in das All zeigt eine

enge Verwandtschaft mit Spinoza, hier wie da ein kosmischer Sinn,

ein Sehen alles Einzelnen im Großen und Ganzen. Aber es besagt einen

erheblichen Unterschied, daß die Welt sich bei Schelling nicht wie

bei jenem in beharrendem Gleichgewicht befindet, sondern daß sie ein

fortschreitendes Leben, eine Selbstoffenbarung des Absoluten bildet,

daß wir demnach das Werden von den ersten Anfängen her entrollen,

uns in die schaffenden Gründe versetzen müssen, um die Wirklichkeit

zu verstehen. Damit tritt die Geschichte und eine geschichtliche

Betrachtung großen Stiles in den Vordergrund; das Bild des Geschehens

erhält dadurch eine besondere Spannung, daß auch das Einzelne eine

gewisse Selbständigkeit erlangt, und daß damit die Bewegung zu einem

unablässigen Kampf zwischen Freiheit und Notwendigkeit wird. Das gibt

der Geschichte bei ihrer Größe auch eine herbe Tragik, da schließlich

doch die Notwendigkeit des Objektiven über die Freiheit des Subjektiven

siegen muß.

* * * * *

Weiter aber ist wesentlich, daß hier das Leben des Alls in den beiden

einander ergänzenden Reihen von Natur und Intelligenz, von Realem

und Idealem, von Bewußtlosem und Bewußtem verläuft. Solche innere

Verwandtschaft von Denken und Natur läßt es nicht als unmöglich

erscheinen, von jenem aus einen Weg in das Innere der Natur zu finden,

wie das die Naturphilosophie versucht.

* * * * *

[Randnotiz: Naturphilosophie]

Diese Naturphilosophie ist nur aus der eigentümlichen Lage jener

Zeit heraus zu verstehen und gerecht zu würdigen. Die aufsteigende

Bewegung des deutschen Lebens hatte ein starkes Kraftbewußtsein des

Menschen erzeugt, sein Geist fühlte sich als Bildner und Schöpfer der

Wirklichkeit; es war nicht zu verwundern, daß der vordringende Zug

des Lebens auch die Natur ergriff und sie von innen her aufzuhellen,

ja sie in eigenes Leben zu verwandeln unternahm. Solches Unternehmen

aber brachte notwendig einen harten Zusammenstoß mit der herrschenden

mechanischen Lehre. Diese hatte bei Beginn der Neuzeit die Natur von

der Umstrickung und Entstellung durch menschliche Begriffe befreit und

sie zuerst aus sich selbst, aus ihren eigenen Kräften und Gesetzen,

zu erklären unternommen; dabei war alles seelische Element aus ihr

als etwas Fremdes vertrieben, war auch das Problem des Lebens weit

zurückgestellt. Das 18. Jahrhundert hatte diese Bahn in der Hauptsache

weiter verfolgt, es zeigte eine besondere Stärke im Scheiden und

Klassifizieren des Tatbestandes, seine Arbeit war tüchtig, aber

nüchtern und trocken. Nun kam eine künstlerische Bewegung auf, stellte

das Leben voran und bestand auf einem Verstehen der Welt von innen her;

daß ihr bei der Natur jene mechanische Erklärung im Wege stand, daß sie

auch für ihre Verdienste kein entgegenkommendes Verständnis hatte, das

zeigt uns mit besonderer Deutlichkeit Goethe und sein kühles, ja wohl

auch feindliches Verhältnis zu den Führern jener mechanisch-exakten

Lehre. Schelling nun war es, der jenem künstlerischen Verlangen eine

philosophische Verkörperung gab, der in systematischer Ausführung die

Natur als ein inneres, auf sich selbst beruhendes und aus sich selbst

bewegtes Ganzes zu erweisen suchte. Den Schlüssel zu einem solchen

Verständnis bot ihm seine Überzeugung von der engen Zusammengehörigkeit

von Intelligenz und Natur, die Überzeugung von ihrer gemeinsamen

geistigen Wurzel. So scheint kühnem Mut sich ganz wohl ein Weg ins

Innere der Natur eröffnen zu können. »Was wir Natur nennen, ist ein

Gedicht, das in geheimer, wunderbarer Schrift verschlossen liegt. Doch

könnte das Rätsel sich enthüllen, würden wir die Odyssee des Geistes

darin erkennen, der wunderbar getäuscht, sich selber suchend, sich

selber flieht; denn durch die Sinnenwelt blickt nur wie durch die

Worte der Sinn, nur wie durch halbdurchsichtigen Nebel das Land der

Phantasie, nach dem wir trachten.«

* * * * *

Zur Verstärkung seiner eigenen Stellung ist Schelling unablässig

bemüht, der mechanischen und atomistischen Lehre ihre Schranken

vorzuhalten. Er meint, durch die atomistische Erklärung erführe man

nur, wie es dieser oder jener Physiker machen würde, wenn er die Natur

zu schaffen hätte. Wohl sei die mechanische Physik innerhalb ihrer

Grenzen »ein Meisterstück des Scharfsinns und der mathematischen

Präzision«, ihre Prinzipien aber seien grundlos. Ihr Hauptfehler sei,

die Natur nur als etwas Starres, Gegebenes, in einzelne Teile Zerlegtes

zu betrachten; »erhebt man sich über den Standpunkt des Gegebenseins

und zur Idee des Universums, so fällt alle Atomistik zusammen.« »Daß

die Materie aus Teilen +bestehe+, ist ein bloßes Urteil des Verstandes.

Sie besteht aus Teilen, +wenn+ und +so lange+ ich sie teilen will. Aber

daß sie ursprünglich, an sich, aus Teilen bestehe, ist falsch.« Auch

der Begriff der »Erfahrungswissenschaft« reizt ihn zum Widerspruch,

leicht trage dabei, so meint er, der Forscher seine eigene Lehre in die

Empirie hinein und gebe jene dann als ihm aus ihr entgegengebracht.

»Daß nur jene warmen Lobpreiser der Empirie, die sie auf Kosten der

Wissenschaft erheben, dem Begriff der Empirie treu uns nicht ihre

eigenen Urteile und das in die Natur Hineingeschlossene, den Objekten

Aufgedrungene für Empirie verkaufen wollten, denn so viele auch davon

reden zu können glauben, so gehört doch wohl etwas mehr dazu, als viele

sich einbilden, das Geschehene aus der Natur rein herauszusehen und

treu, so wie es gesehen worden, wiederzugeben.« So ähnlich hätte auch

Goethe sprechen können.

* * * * *

[Randnotiz: Die Natur als Organismus]

Jener »blinden und ideenlosen Art der Naturforschung« setzt Schelling

seine Naturphilosophie als eine »höhere« Erkenntnis entgegen. Diese

Erkenntnis verlangt zunächst, daß der Natur ein Leben aus sich selbst,

eine volle Selbständigkeit zuerkannt werde. »Die Natur ist nicht bloß

Produkt einer unbegreiflichen Schöpfung, sondern diese Schöpfung

selbst, nicht nur die Erscheinung oder Offenbarung des Ewigen,

sondern zugleich das Ewige selbst.« Eben das sei ihr eigentümlich, daß

hier das Produkt zugleich ein Produzierendes sei, daß sie mit sich

selbst in Wechselwirkung stehe; eben darin erweise sie sich als ein

lebendiges Ganzes, als ein Organismus. »Hätte die Natur nur mechanisch

sich gebildet, so wäre sie nicht sowohl Produkt als bloße mechanische

Zusammensetzung aus dem schon Vorhandenen. Ist die Welt bloß mechanisch

zusammengesetzt, so muß alle spezifische Differenz schon vorausgesetzt

werden. Ist aber die Welt nicht mechanisch, sondern durch organische

Entwicklung aus Einer ursprünglichen Synthesis entstanden, so ist

alle Qualitätsverschiedenheit im Universum selbst schon Produkt des

allgemeinen Organismus.« Der allgemeine Organismus, so meint Schelling,

muß allen besonderen vorangehen; »nicht das Ganze kommt aus den Teilen,

sondern die Teile mußten aus dem Ganzen entspringen.« »Der Organismus

ist nicht die Eigenschaft einzelner Naturdinge, sondern umgekehrt, die

einzelnen Naturdinge sind ebensoviele Beschränkungen oder einzelne

Anschauungsweisen des allgemeinen Organismus.« Das ist ein Versuch zur

Umkehrung der gesamten modernen Naturwissenschaft, ein Wiederbeleben

der Antike und der Renaissance.

* * * * *

Aus dem allgemeinen Begriff der Natur wird dann zu erweisen gesucht,

daß ein Gegensatz von Prinzipien notwendig sei, um sie in beständiger

Tätigkeit zu erhalten und sie zu verhindern, sich in ihrem Produkt

zu erschöpfen; damit wird es »erstes Prinzip einer philosophischen

Naturlehre, in der ganzen Natur auf Polarität und Dualismus

auszugehen«, ihr Schaffen schreitet durch den Gegensatz von Positivem

und Negativem, von Anziehung und Abstoßung fort.

Die einzelnen Formen erscheinen dabei als verschiedene Stufen ein

und derselben Organisation, es scheint der schöpferischen Natur bei

allen verschiedenen Gestaltungen ein gemeinsames Ideal vorzuschweben,

dem das Produkt allmählich sich nähert, jene Gestalten erscheinen

als Abkömmlinge ein und desselben Stammes. Das ergibt den Gedanken,

daß die höheren Stufen die niederen haben durchlaufen müssen, und

damit eine Entwicklungslehre; diese unterscheidet sich aber von der

Darwins deutlich dadurch, daß hier das Hervorgehen des Höheren aus dem

Niederen als ein Werk der schöpferischen Gesamtnatur, nicht als direkte

Abstammung verstanden wird. Überhaupt legt Schellings Fassung der Natur

mehr Wert darauf, daß die einzelnen Erscheinungen mit dem Ganzen, als

daß sie untereinander zusammenhängen.

* * * * *

Das sind Gedanken beachtenswerter Art, wie immer man sich zu ihnen

stellen mag. Aber sobald sie zu näherer Ausführung kommen, sich zu

einem System verdichten und zugleich versuchen, den ganzen Befund der

Natur durch eine in Gegensätzen fortschreitende Bewegung bis ins

einzelne hinein zu »konstruieren«, wird das Unzulängliche, ja Verkehrte

des Unternehmens augenscheinlich; es wurde das nicht erst später

erkannt, sondern schon von der Mehrzahl der Zeitgenossen. Der Versuch

ward nicht nur mit untauglichen Mitteln ausgeführt, er enthielt von

Haus aus eine Überspannung menschlichen Vermögens sowie eine Verkennung

der eigentümlichen Art der Natur, wie die Erfahrung sie uns zeigt: es

war ein Versuch, eine künstlerische Fassung der Natur, die als solche

ein gutes Recht hat und die Seelen immer wieder anziehen wird, der

Wissenschaft aufzudrängen. Unvermeidlich führt ein solcher Versuch zu

einer fortwährenden Vermengung von Spekulation und Tatbestand, leicht

auch zu einem Spiel mit leeren Begriffen.

* * * * *

[Randnotiz: Entwicklungslehre]

Daß die Kühnheit des Unternehmens auch eine Größe bekundet, läßt sich

dabei vollauf anerkennen, sowie auch dieses, daß wertvolle Anregungen

von hier ausgegangen sind. Diese Gedankenbewegung drängt dahin,

eine Einheit der Naturkräfte aufzusuchen, sie bereitet mit ihrem

Influßbringen der Natur eine wissenschaftliche Entwicklungslehre vor,

sie stellt das Problem des Lebens mehr in den Vordergrund, sie hält der

mechanischen Lehre mit gutem Recht ihre Schranke vor, sie ist mit dem

allen ein Stück der deutschen Geistesentwicklung, das sich unmöglich

ignorieren läßt. Begreiflich ist es, daß diese Lehre am ehesten bei

künstlerisch gesinnten Geistern Anklang fand, wofür Goethe uns als

Zeugnis dienen darf. Wenn er in späteren Jahren meinte, seiner früheren

Naturauffassung habe »die Anschauung der zwei großen Triebräder der

Natur: der Begriff von Polarität und von Steigerung gefehlt«, wer

dürfte diese Gedanken mehr bei ihm angeregt haben als Schelling?

Endlich haben wir bei Schelling nicht bloß die Naturphilosophie,

sondern auch seine Gesamtauffassung des Verhältnisses von Natur und

Geist zu beachten. Er hat die Natur uns nähergerückt und sie uns höher

schätzen gelehrt, er hat das sinnliche Element in den Zusammenhängen

von Welt und Leben mehr zu Ehren gebracht und damit einer dem deutschen

Leben drohenden Abstraktheit entgegengewirkt; sagt er doch geradezu,

»daß in Sachen der Wissenschaft, der Religion und Kunst so wenig als

in weltlichen Geschäften je ohne überwiegende Naturkraft etwas Großes

vollbracht worden, und daß die erhabensten Äußerungen der Seele ohne

eine kräftige Sinnlichkeit tot und unwirksam für die Welt sind.«

* * * * *

[Randnotiz: Die Kunst]

Auch auf die wissenschaftliche Arbeit ist von hier aus dahin gewirkt,

den Zusammenhang und die gegenseitige Bedingtheit von Geistigem und

Sinnlichem, von Seelischem und Körperlichem mehr zur Anerkennung zu

bringen. Endlich hat die Darstellung Schellings mehr sinnliche Kraft

und Fülle, mehr künstlerische Anschaulichkeit, mehr sprudelnde Frische

als die irgendeines anderen jener großen Denker.

Später trat in der Arbeit Schellings die Natur vor der Kunst zurück,

aber es war das kein Verlassen, sondern ein Weiterverfolgen des

eingeschlagenen Weges. Natur und Intelligenz waren für Schelling

zusammengehörige Seiten eines einzigen Alls, die den Gegensätzen

überlegene Einheit wird jetzt mehr hervorgekehrt und die Hauptaufgabe

darin gesetzt, diese Einheit dem Denken und Leben zu voller Gegenwart

zu bringen. So entsteht eine Identitätsphilosophie. Das Organ aber, mit

dem wir diese Einheit erfassen, ist die Kunst, das Kunstwerk bringt

eine Synthese von Natur und Freiheit; indem es den Gegensatz von

bewußter und bewußtloser Tätigkeit aufhebt, erlangt es den Charakter

einer bewußtlosen Unendlichkeit. Kunst und Philosophie sind einander

nahe verwandt. »Nehmt der Kunst die Objektivität, so hört sie auf zu

sein, was sie ist, und wird Philosophie; gebt der Philosophie die

Objektivität, so hört sie auf Philosophie zu sein und wird zur Kunst.

-- Die Philosophie erreicht zwar das Höchste, aber sie bringt bis zu

diesem Punkt nur gleichsam ein Bruchstück des Menschen. Die Kunst

bringt den ganzen Menschen, wie er ist, dahin, nämlich zur Erkenntnis

des Höchsten, und darauf beruht der ewige Unterschied und das Wunder

der Kunst.« Von einem Wunder der Kunst hat Schelling auch sonst gern

gesprochen, er nennt die Kunst »die einzige und ewige Offenbarung, die

es gibt, und das Wunder, das, wenn es auch nur einmal existiert hätte,

uns von der absoluten Realität jenes Höchsten überzeugen müßte«. Das

Wunder aber besteht ihm in der Erhebung des Bedingten zum Unbedingten.

Zur höchsten Aufgabe wird nunmehr, alles einzelne in der Einheit zu

sehen, Denken und Sein im Ewigen vereinigt zu erblicken, so daß weder

der Begriff als die Wirkung des Dinges, noch das Ding als die Wirkung

des Begriffs verstanden werde, sondern beides unmittelbar zusammengehe.

* * * * *

Auch Sittlichkeit wie Religion verlangen eben dieses, das Leben ganz

und gar in die Einheit zu stellen und sich von ihr führen zu lassen.

Wir müssen wissen, daß nicht wir handeln, sondern daß eine göttliche

Notwendigkeit in uns handelt, wie denn auch alle großen Männer

»gewissermaßen Fatalisten« waren. Das Böse besteht darin, daß der

Mensch etwas für sich selbst und aus sich selbst sein will. Von der

Religion heißt es: »Wahre Religion ist Heroismus, nicht ein müßiges

Brüten, empfindsames Hinschauen oder Ahnen. Diejenigen nennt man Männer

Gottes, in denen das Erkennen des Göttlichen unmittelbar zum Handeln

wird, die im großen und ganzen gehandelt haben ohne Bekümmernis um

das Einzelne.« Dabei ist Schelling stets darauf bedacht, das Handeln

in engstem Zusammenhang mit dem Erkennen zu halten, da an diesem doch

letzthin alle innere Erhebung hängt, »die Sittlichkeit, welche vom

Intellektualen sich trennt, ist notwendig leer, denn nur aus diesem

nimmt sie den Stoff ihres Handelns«.

[Randnotiz: Künstlerische Kultur]

Wie sich von da aus ein Ideal künstlerischer Kultur in großem

Stile entwickelt, das zeigen die Vorlesungen über die Methode des

akademischen Studiums, eine Schrift reich an großen Ideen und

feinsinnigen Bemerkungen. Es hat diese künstlerische Kultur nichts zu

tun mit einem Ästhetizismus, der den Genuß des bloßen Subjekts zum Ziel

der Ziele macht, wie denn auch Schelling der Romantik nicht zu nahe

gerückt werden darf, vielmehr ist hier die Kunst der Weg, den Menschen

in einen inneren Zusammenhang mit den Tiefen des Alls zu bringen und

ihn damit zu seinem wahren Wesen zu führen. Die Macht des Wissens wird

hier aufs höchste geschätzt, die Bildung zum vernunftmäßigen Denken als

die einzige zum vernunftmäßigen Handeln erklärt, auch der Wissenschaft

das Vermögen zugesprochen, die Erfahrung vorauszunehmen, die den

Menschen nicht ohne vielen Verlust der Zeit und der Kraft erzieht. Aber

das Wissen sei dabei richtig gefaßt, es ist nicht ein Anhäufen bloßer

Gelehrsamkeit, auch nicht ein Sichabschließen in einzelne Fächer,

es ist vielmehr recht verstanden geistiges Schaffen. »Alle Regeln,

die man dem Studium vorschreiben könnte, fassen sich in der einen

zusammen: Lerne nur, um selbst zu schaffen. Nur durch dieses göttliche

Vermögen ist man wahrer Mensch, ohne dasselbe nur eine leidlich klug

eingerichtete Maschine.«

Die Philosophie als die Grundwissenschaft ist die Wissenschaft von

den Ideen, Ideen aber sind hier nicht bloß menschliche Begriffe,

sondern geistige Mächte, in denen der tiefste Grund der Wirklichkeit

sich offenbart und zu uns spricht; die Ideen allein geben dem Handeln

Nachdruck und sittlichen Wert.

* * * * *

[Randnotiz: Der Sinn der Geschichte]

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 6 / 13 段