Verehrung genießt, hat Schelling (1775--1854) mit überwiegender
Ungunst zu kämpfen, die Gegenwart pflegt mehr bei dem zu verweilen,
was in seiner Leistung verfehlt oder doch angreifbar ist, als bei
dem, was in ihr an Großem und Fruchtbarem liegt. Sie erinnert sich
seiner Naturphilosophie und verwirft sie als eine kecke Überhebung
des Denkens, als eine Vergewaltigung wissenschaftlicher Forschung;
sie erinnert sich auch seines späteren Versuchs, das Böse von Gott
her zu erklären und alle Mannigfaltigkeit der Religionen in eine
einzige, im Christentum gipfelnde Bewegung zusammenzufassen; auch hier
erscheint das Verfahren als gewaltsam und dem Befunde der Wirklichkeit
widersprechend. Solcher Tadel hat guten Grund, aber man sollte nicht
versäumen, den Mann aus dem Ganzen und aus seiner eigenen Art zu
sehen und zu verstehen; wo das geschieht, da wird auch das Große und
Fruchtbare seines Lebenswerkes sein Recht erhalten, auch das Verfehlte
in eine andere Beleuchtung treten, da wird zugleich verständlich
werden, weshalb von den großen Denkern jener Zeit keiner unserem
größten Dichter näher stand als Schelling.
[Randnotiz: Schelling und Fichte]
Schelling ist von Fichte sowohl in der persönlichen Art als in der
Richtung des Denkens grundverschieden. War Fichte fast ausschließlich
mit dem Menschen als handelndem Wesen befaßt, und bildete ihm die
übrige Welt einen bloßen Hintergrund, so ist Schelling von Anfang
an auf das Ganze der Welt gerichtet, ihm faßt es sich zu einer
lebendigen Einheit zusammen, aus der Verbindung damit muß der Mensch
sich selbst verstehen, nur daraus kann er seinem Leben einen Inhalt
und eine Größe geben; Fichte war ganz davon erfüllt, den Menschen
moralisch aufzurütteln, ihn zu heben und umzuwandeln, er rief ihn zu
unermüdlicher Tätigkeit auf, Schelling dagegen gab ihm mehr Verkettung
mit der Welt, ein innigeres Verhältnis zu den Dingen, ihm ward die Höhe
des Lebens ein künstlerisches Schauen und möglichst auch Schaffen der
Wirklichkeit; drängte Fichte mit stürmischer Gewalt in eine bessere
Zukunft hinein, so fesselte Schelling der Blick in die Geschichte und
das Verlangen, die Welt aus ihrem Werden zu verstehen und zugleich
dem Leben eine größere Tiefe zu geben; wirkt Fichte vornehmlich durch
die strenge Geschlossenheit seiner Art, so tut es Schelling durch
seinen Reichtum und seine Beweglichkeit; wohl geht ein gemeinsamer
Grundcharakter durch all sein Wirken hindurch, aber im Nähern der
Richtung und Arbeit ist Schelling immer im Fluß geblieben, er hat immer
neue Einflüsse aufgenommen, sich selbst immer neue Probleme gestellt;
wo immer er aber wirkte, da hat er nicht nur eine Fülle von Anregungen
ausgestreut, sondern da hat er das Ganze der Behandlung ins Große und
Weite gehoben, da hat er gewaltige geistige Kraft gezeigt. Im Wirken
auf die Gesinnung der Menschen steht er weit hinter Fichte zurück, im
Wirken auf den Stand der Kultur und des Geisteslebens ist er jenem weit
voraus.
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Eine nähere Verfolgung der verschiedenen Phasen seines Denkens gehört
in die Geschichte der Philosophie, wir dürfen uns nach einer kurzen
Charakteristik der Gesamtart auf die Gebiete beschränken, in denen
seine Arbeit das gemeinsame Leben stärker bewegt hat, es sind das
aber die Gebiete der Natur, der Kunst, der Religion; sie alle waren
jederzeit seinem Denken gegenwärtig, aber seinen Schwerpunkt hat es
nach und nach vom einen ins andere verlegt. Den Höhepunkt bildete eine
künstlerische Erfassung des Weltalls und eine entsprechende Gestaltung
des Lebens, hier vor allem hat Schelling zündende Ideen entwickelt und
hohe Ziele vorgehalten, die auch der Gegenwart nicht veraltet sind.
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Die Gesamtart Schellings wird dadurch bezeichnet, daß sich ihm das
Leben mehr vom Subjektiven ins Objektive, vom Einzelnen ins Ganze
verschiebt; die Welt wird ihm zur Entfaltung einer begründenden und
durchwaltenden Einheit, die Dinge erkennen, das bedeutet ihre Stellung
im Weltall bestimmen, sie nach Schellings Ausdruck »konstruieren«,
das Leben schöpft seinen Geistesgehalt aus einem Erfassen und Erkennen
des Ganzen. Dabei ist kein Zweifel daran, daß der Mensch sich in
die Welteinheit versetzen und von ihr aus sein Leben führen könne.
»Alle anderen Geschöpfe sind von dem bloßen Naturgeist getrieben und
behaupten durch ihn ihre Individualität; im Menschen allein als im
Mittelpunkt geht die Seele auf, ohne welche die Welt wie die Natur
ohne Sonne wäre.« »Im Menschen allein erscheint das ganze volle Sein
ohne Abbruch.« Solcher Überzeugung kann es nicht vermessen scheinen,
daß der Mensch versuche, die Welt von innen her zu verstehen, vielmehr
gilt dieses als seine Hauptbestimmung, und nur dies gibt seinem Leben
und Handeln rechten Wert. Freilich tut dazu eine große Umwandlung not,
am eignen Wesen und an der Art der Betrachtung, der Mensch darf nicht
seine kleinmenschlichen Absichten den Dingen aufdrängen wollen, er darf
sie nicht nach seinen subjektiven Einfällen drehen und deuten, sondern
er muß sie in voller Hingebung nur bei sich selber schauen, sein Denken
muß sich ganz ihrer Notwendigkeit fügen, es von ihr erfüllen und
treiben lassen. Hat es aber den Zusammenhang mit den tiefsten Gründen
erreicht, so darf es wagen, von ihnen aus die Welt zu entwickeln, die
Wirklichkeit zu »konstruieren«.
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[Randnotiz: Schellings Gesamtart]
Solche Forderung einer Versetzung vom Einzelpunkt in das All zeigt eine
enge Verwandtschaft mit Spinoza, hier wie da ein kosmischer Sinn,
ein Sehen alles Einzelnen im Großen und Ganzen. Aber es besagt einen
erheblichen Unterschied, daß die Welt sich bei Schelling nicht wie
bei jenem in beharrendem Gleichgewicht befindet, sondern daß sie ein
fortschreitendes Leben, eine Selbstoffenbarung des Absoluten bildet,
daß wir demnach das Werden von den ersten Anfängen her entrollen,
uns in die schaffenden Gründe versetzen müssen, um die Wirklichkeit
zu verstehen. Damit tritt die Geschichte und eine geschichtliche
Betrachtung großen Stiles in den Vordergrund; das Bild des Geschehens
erhält dadurch eine besondere Spannung, daß auch das Einzelne eine
gewisse Selbständigkeit erlangt, und daß damit die Bewegung zu einem
unablässigen Kampf zwischen Freiheit und Notwendigkeit wird. Das gibt
der Geschichte bei ihrer Größe auch eine herbe Tragik, da schließlich
doch die Notwendigkeit des Objektiven über die Freiheit des Subjektiven
siegen muß.
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Weiter aber ist wesentlich, daß hier das Leben des Alls in den beiden
einander ergänzenden Reihen von Natur und Intelligenz, von Realem
und Idealem, von Bewußtlosem und Bewußtem verläuft. Solche innere
Verwandtschaft von Denken und Natur läßt es nicht als unmöglich
erscheinen, von jenem aus einen Weg in das Innere der Natur zu finden,
wie das die Naturphilosophie versucht.
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[Randnotiz: Naturphilosophie]
Diese Naturphilosophie ist nur aus der eigentümlichen Lage jener
Zeit heraus zu verstehen und gerecht zu würdigen. Die aufsteigende
Bewegung des deutschen Lebens hatte ein starkes Kraftbewußtsein des
Menschen erzeugt, sein Geist fühlte sich als Bildner und Schöpfer der
Wirklichkeit; es war nicht zu verwundern, daß der vordringende Zug
des Lebens auch die Natur ergriff und sie von innen her aufzuhellen,
ja sie in eigenes Leben zu verwandeln unternahm. Solches Unternehmen
aber brachte notwendig einen harten Zusammenstoß mit der herrschenden
mechanischen Lehre. Diese hatte bei Beginn der Neuzeit die Natur von
der Umstrickung und Entstellung durch menschliche Begriffe befreit und
sie zuerst aus sich selbst, aus ihren eigenen Kräften und Gesetzen,
zu erklären unternommen; dabei war alles seelische Element aus ihr
als etwas Fremdes vertrieben, war auch das Problem des Lebens weit
zurückgestellt. Das 18. Jahrhundert hatte diese Bahn in der Hauptsache
weiter verfolgt, es zeigte eine besondere Stärke im Scheiden und
Klassifizieren des Tatbestandes, seine Arbeit war tüchtig, aber
nüchtern und trocken. Nun kam eine künstlerische Bewegung auf, stellte
das Leben voran und bestand auf einem Verstehen der Welt von innen her;
daß ihr bei der Natur jene mechanische Erklärung im Wege stand, daß sie
auch für ihre Verdienste kein entgegenkommendes Verständnis hatte, das
zeigt uns mit besonderer Deutlichkeit Goethe und sein kühles, ja wohl
auch feindliches Verhältnis zu den Führern jener mechanisch-exakten
Lehre. Schelling nun war es, der jenem künstlerischen Verlangen eine
philosophische Verkörperung gab, der in systematischer Ausführung die
Natur als ein inneres, auf sich selbst beruhendes und aus sich selbst
bewegtes Ganzes zu erweisen suchte. Den Schlüssel zu einem solchen
Verständnis bot ihm seine Überzeugung von der engen Zusammengehörigkeit
von Intelligenz und Natur, die Überzeugung von ihrer gemeinsamen
geistigen Wurzel. So scheint kühnem Mut sich ganz wohl ein Weg ins
Innere der Natur eröffnen zu können. »Was wir Natur nennen, ist ein
Gedicht, das in geheimer, wunderbarer Schrift verschlossen liegt. Doch
könnte das Rätsel sich enthüllen, würden wir die Odyssee des Geistes
darin erkennen, der wunderbar getäuscht, sich selber suchend, sich
selber flieht; denn durch die Sinnenwelt blickt nur wie durch die
Worte der Sinn, nur wie durch halbdurchsichtigen Nebel das Land der
Phantasie, nach dem wir trachten.«
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Zur Verstärkung seiner eigenen Stellung ist Schelling unablässig
bemüht, der mechanischen und atomistischen Lehre ihre Schranken
vorzuhalten. Er meint, durch die atomistische Erklärung erführe man
nur, wie es dieser oder jener Physiker machen würde, wenn er die Natur
zu schaffen hätte. Wohl sei die mechanische Physik innerhalb ihrer
Grenzen »ein Meisterstück des Scharfsinns und der mathematischen
Präzision«, ihre Prinzipien aber seien grundlos. Ihr Hauptfehler sei,
die Natur nur als etwas Starres, Gegebenes, in einzelne Teile Zerlegtes
zu betrachten; »erhebt man sich über den Standpunkt des Gegebenseins
und zur Idee des Universums, so fällt alle Atomistik zusammen.« »Daß
die Materie aus Teilen +bestehe+, ist ein bloßes Urteil des Verstandes.
Sie besteht aus Teilen, +wenn+ und +so lange+ ich sie teilen will. Aber
daß sie ursprünglich, an sich, aus Teilen bestehe, ist falsch.« Auch
der Begriff der »Erfahrungswissenschaft« reizt ihn zum Widerspruch,
leicht trage dabei, so meint er, der Forscher seine eigene Lehre in die
Empirie hinein und gebe jene dann als ihm aus ihr entgegengebracht.
»Daß nur jene warmen Lobpreiser der Empirie, die sie auf Kosten der
Wissenschaft erheben, dem Begriff der Empirie treu uns nicht ihre
eigenen Urteile und das in die Natur Hineingeschlossene, den Objekten
Aufgedrungene für Empirie verkaufen wollten, denn so viele auch davon
reden zu können glauben, so gehört doch wohl etwas mehr dazu, als viele
sich einbilden, das Geschehene aus der Natur rein herauszusehen und
treu, so wie es gesehen worden, wiederzugeben.« So ähnlich hätte auch
Goethe sprechen können.
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[Randnotiz: Die Natur als Organismus]
Jener »blinden und ideenlosen Art der Naturforschung« setzt Schelling
seine Naturphilosophie als eine »höhere« Erkenntnis entgegen. Diese
Erkenntnis verlangt zunächst, daß der Natur ein Leben aus sich selbst,
eine volle Selbständigkeit zuerkannt werde. »Die Natur ist nicht bloß
Produkt einer unbegreiflichen Schöpfung, sondern diese Schöpfung
selbst, nicht nur die Erscheinung oder Offenbarung des Ewigen,
sondern zugleich das Ewige selbst.« Eben das sei ihr eigentümlich, daß
hier das Produkt zugleich ein Produzierendes sei, daß sie mit sich
selbst in Wechselwirkung stehe; eben darin erweise sie sich als ein
lebendiges Ganzes, als ein Organismus. »Hätte die Natur nur mechanisch
sich gebildet, so wäre sie nicht sowohl Produkt als bloße mechanische
Zusammensetzung aus dem schon Vorhandenen. Ist die Welt bloß mechanisch
zusammengesetzt, so muß alle spezifische Differenz schon vorausgesetzt
werden. Ist aber die Welt nicht mechanisch, sondern durch organische
Entwicklung aus Einer ursprünglichen Synthesis entstanden, so ist
alle Qualitätsverschiedenheit im Universum selbst schon Produkt des
allgemeinen Organismus.« Der allgemeine Organismus, so meint Schelling,
muß allen besonderen vorangehen; »nicht das Ganze kommt aus den Teilen,
sondern die Teile mußten aus dem Ganzen entspringen.« »Der Organismus
ist nicht die Eigenschaft einzelner Naturdinge, sondern umgekehrt, die
einzelnen Naturdinge sind ebensoviele Beschränkungen oder einzelne
Anschauungsweisen des allgemeinen Organismus.« Das ist ein Versuch zur
Umkehrung der gesamten modernen Naturwissenschaft, ein Wiederbeleben
der Antike und der Renaissance.
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Aus dem allgemeinen Begriff der Natur wird dann zu erweisen gesucht,
daß ein Gegensatz von Prinzipien notwendig sei, um sie in beständiger
Tätigkeit zu erhalten und sie zu verhindern, sich in ihrem Produkt
zu erschöpfen; damit wird es »erstes Prinzip einer philosophischen
Naturlehre, in der ganzen Natur auf Polarität und Dualismus
auszugehen«, ihr Schaffen schreitet durch den Gegensatz von Positivem
und Negativem, von Anziehung und Abstoßung fort.
Die einzelnen Formen erscheinen dabei als verschiedene Stufen ein
und derselben Organisation, es scheint der schöpferischen Natur bei
allen verschiedenen Gestaltungen ein gemeinsames Ideal vorzuschweben,
dem das Produkt allmählich sich nähert, jene Gestalten erscheinen
als Abkömmlinge ein und desselben Stammes. Das ergibt den Gedanken,
daß die höheren Stufen die niederen haben durchlaufen müssen, und
damit eine Entwicklungslehre; diese unterscheidet sich aber von der
Darwins deutlich dadurch, daß hier das Hervorgehen des Höheren aus dem
Niederen als ein Werk der schöpferischen Gesamtnatur, nicht als direkte
Abstammung verstanden wird. Überhaupt legt Schellings Fassung der Natur
mehr Wert darauf, daß die einzelnen Erscheinungen mit dem Ganzen, als
daß sie untereinander zusammenhängen.
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Das sind Gedanken beachtenswerter Art, wie immer man sich zu ihnen
stellen mag. Aber sobald sie zu näherer Ausführung kommen, sich zu
einem System verdichten und zugleich versuchen, den ganzen Befund der
Natur durch eine in Gegensätzen fortschreitende Bewegung bis ins
einzelne hinein zu »konstruieren«, wird das Unzulängliche, ja Verkehrte
des Unternehmens augenscheinlich; es wurde das nicht erst später
erkannt, sondern schon von der Mehrzahl der Zeitgenossen. Der Versuch
ward nicht nur mit untauglichen Mitteln ausgeführt, er enthielt von
Haus aus eine Überspannung menschlichen Vermögens sowie eine Verkennung
der eigentümlichen Art der Natur, wie die Erfahrung sie uns zeigt: es
war ein Versuch, eine künstlerische Fassung der Natur, die als solche
ein gutes Recht hat und die Seelen immer wieder anziehen wird, der
Wissenschaft aufzudrängen. Unvermeidlich führt ein solcher Versuch zu
einer fortwährenden Vermengung von Spekulation und Tatbestand, leicht
auch zu einem Spiel mit leeren Begriffen.
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[Randnotiz: Entwicklungslehre]
Daß die Kühnheit des Unternehmens auch eine Größe bekundet, läßt sich
dabei vollauf anerkennen, sowie auch dieses, daß wertvolle Anregungen
von hier ausgegangen sind. Diese Gedankenbewegung drängt dahin,
eine Einheit der Naturkräfte aufzusuchen, sie bereitet mit ihrem
Influßbringen der Natur eine wissenschaftliche Entwicklungslehre vor,
sie stellt das Problem des Lebens mehr in den Vordergrund, sie hält der
mechanischen Lehre mit gutem Recht ihre Schranke vor, sie ist mit dem
allen ein Stück der deutschen Geistesentwicklung, das sich unmöglich
ignorieren läßt. Begreiflich ist es, daß diese Lehre am ehesten bei
künstlerisch gesinnten Geistern Anklang fand, wofür Goethe uns als
Zeugnis dienen darf. Wenn er in späteren Jahren meinte, seiner früheren
Naturauffassung habe »die Anschauung der zwei großen Triebräder der
Natur: der Begriff von Polarität und von Steigerung gefehlt«, wer
dürfte diese Gedanken mehr bei ihm angeregt haben als Schelling?
Endlich haben wir bei Schelling nicht bloß die Naturphilosophie,
sondern auch seine Gesamtauffassung des Verhältnisses von Natur und
Geist zu beachten. Er hat die Natur uns nähergerückt und sie uns höher
schätzen gelehrt, er hat das sinnliche Element in den Zusammenhängen
von Welt und Leben mehr zu Ehren gebracht und damit einer dem deutschen
Leben drohenden Abstraktheit entgegengewirkt; sagt er doch geradezu,
»daß in Sachen der Wissenschaft, der Religion und Kunst so wenig als
in weltlichen Geschäften je ohne überwiegende Naturkraft etwas Großes
vollbracht worden, und daß die erhabensten Äußerungen der Seele ohne
eine kräftige Sinnlichkeit tot und unwirksam für die Welt sind.«
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[Randnotiz: Die Kunst]
Auch auf die wissenschaftliche Arbeit ist von hier aus dahin gewirkt,
den Zusammenhang und die gegenseitige Bedingtheit von Geistigem und
Sinnlichem, von Seelischem und Körperlichem mehr zur Anerkennung zu
bringen. Endlich hat die Darstellung Schellings mehr sinnliche Kraft
und Fülle, mehr künstlerische Anschaulichkeit, mehr sprudelnde Frische
als die irgendeines anderen jener großen Denker.
Später trat in der Arbeit Schellings die Natur vor der Kunst zurück,
aber es war das kein Verlassen, sondern ein Weiterverfolgen des
eingeschlagenen Weges. Natur und Intelligenz waren für Schelling
zusammengehörige Seiten eines einzigen Alls, die den Gegensätzen
überlegene Einheit wird jetzt mehr hervorgekehrt und die Hauptaufgabe
darin gesetzt, diese Einheit dem Denken und Leben zu voller Gegenwart
zu bringen. So entsteht eine Identitätsphilosophie. Das Organ aber, mit
dem wir diese Einheit erfassen, ist die Kunst, das Kunstwerk bringt
eine Synthese von Natur und Freiheit; indem es den Gegensatz von
bewußter und bewußtloser Tätigkeit aufhebt, erlangt es den Charakter
einer bewußtlosen Unendlichkeit. Kunst und Philosophie sind einander
nahe verwandt. »Nehmt der Kunst die Objektivität, so hört sie auf zu
sein, was sie ist, und wird Philosophie; gebt der Philosophie die
Objektivität, so hört sie auf Philosophie zu sein und wird zur Kunst.
-- Die Philosophie erreicht zwar das Höchste, aber sie bringt bis zu
diesem Punkt nur gleichsam ein Bruchstück des Menschen. Die Kunst
bringt den ganzen Menschen, wie er ist, dahin, nämlich zur Erkenntnis
des Höchsten, und darauf beruht der ewige Unterschied und das Wunder
der Kunst.« Von einem Wunder der Kunst hat Schelling auch sonst gern
gesprochen, er nennt die Kunst »die einzige und ewige Offenbarung, die
es gibt, und das Wunder, das, wenn es auch nur einmal existiert hätte,
uns von der absoluten Realität jenes Höchsten überzeugen müßte«. Das
Wunder aber besteht ihm in der Erhebung des Bedingten zum Unbedingten.
Zur höchsten Aufgabe wird nunmehr, alles einzelne in der Einheit zu
sehen, Denken und Sein im Ewigen vereinigt zu erblicken, so daß weder
der Begriff als die Wirkung des Dinges, noch das Ding als die Wirkung
des Begriffs verstanden werde, sondern beides unmittelbar zusammengehe.
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Auch Sittlichkeit wie Religion verlangen eben dieses, das Leben ganz
und gar in die Einheit zu stellen und sich von ihr führen zu lassen.
Wir müssen wissen, daß nicht wir handeln, sondern daß eine göttliche
Notwendigkeit in uns handelt, wie denn auch alle großen Männer
»gewissermaßen Fatalisten« waren. Das Böse besteht darin, daß der
Mensch etwas für sich selbst und aus sich selbst sein will. Von der
Religion heißt es: »Wahre Religion ist Heroismus, nicht ein müßiges
Brüten, empfindsames Hinschauen oder Ahnen. Diejenigen nennt man Männer
Gottes, in denen das Erkennen des Göttlichen unmittelbar zum Handeln
wird, die im großen und ganzen gehandelt haben ohne Bekümmernis um
das Einzelne.« Dabei ist Schelling stets darauf bedacht, das Handeln
in engstem Zusammenhang mit dem Erkennen zu halten, da an diesem doch
letzthin alle innere Erhebung hängt, »die Sittlichkeit, welche vom
Intellektualen sich trennt, ist notwendig leer, denn nur aus diesem
nimmt sie den Stoff ihres Handelns«.
[Randnotiz: Künstlerische Kultur]
Wie sich von da aus ein Ideal künstlerischer Kultur in großem
Stile entwickelt, das zeigen die Vorlesungen über die Methode des
akademischen Studiums, eine Schrift reich an großen Ideen und
feinsinnigen Bemerkungen. Es hat diese künstlerische Kultur nichts zu
tun mit einem Ästhetizismus, der den Genuß des bloßen Subjekts zum Ziel
der Ziele macht, wie denn auch Schelling der Romantik nicht zu nahe
gerückt werden darf, vielmehr ist hier die Kunst der Weg, den Menschen
in einen inneren Zusammenhang mit den Tiefen des Alls zu bringen und
ihn damit zu seinem wahren Wesen zu führen. Die Macht des Wissens wird
hier aufs höchste geschätzt, die Bildung zum vernunftmäßigen Denken als
die einzige zum vernunftmäßigen Handeln erklärt, auch der Wissenschaft
das Vermögen zugesprochen, die Erfahrung vorauszunehmen, die den
Menschen nicht ohne vielen Verlust der Zeit und der Kraft erzieht. Aber
das Wissen sei dabei richtig gefaßt, es ist nicht ein Anhäufen bloßer
Gelehrsamkeit, auch nicht ein Sichabschließen in einzelne Fächer,
es ist vielmehr recht verstanden geistiges Schaffen. »Alle Regeln,
die man dem Studium vorschreiben könnte, fassen sich in der einen
zusammen: Lerne nur, um selbst zu schaffen. Nur durch dieses göttliche
Vermögen ist man wahrer Mensch, ohne dasselbe nur eine leidlich klug
eingerichtete Maschine.«
Die Philosophie als die Grundwissenschaft ist die Wissenschaft von
den Ideen, Ideen aber sind hier nicht bloß menschliche Begriffe,
sondern geistige Mächte, in denen der tiefste Grund der Wirklichkeit
sich offenbart und zu uns spricht; die Ideen allein geben dem Handeln
Nachdruck und sittlichen Wert.
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[Randnotiz: Der Sinn der Geschichte]