Eine solche Ewigkeit dürfen wir aber nicht erst jenseits des Grabes

suchen. Denn wenn in besonderen Wendepunkten der Zeiten die Religion

das Recht und die Pflicht hat, den Menschen gänzlich über das irdische

Leben hinauszuheben, so bleibt »der natürliche, nur im wahren Falle

der Not aufzugebende Trieb des Menschen der, den Himmel schon auf

dieser Erde zu finden und Ewigdauerndes zu verflößen in sein irdisches

Tagewerk, das Unvergängliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu

erziehen«. Wohl ist die Religion auch der Trost des widerrechtlich

zerdrückten Sklaven, aber vor allen Dingen ist dies religiöser Sinn,

daß man sich gegen die Sklaverei stemme, und, so man es verhindern

kann, die Religion nicht bis zum bloßen Troste der Gefangenen

hinabsinken lasse.

Eine Ordnung der Dinge aber, die fähig wäre, auf dieser Erde Ewiges in

sich aufzunehmen, ist die besondere geistige Natur der menschlichen

Umgebung, aus welcher der Einzelne mit allem seinem Denken und Tun

und mit dem Glauben an die Ewigkeit desselben hervorgegangen ist, das

Volk, von welchem er abstammt, und unter welchem er gebildet wurde,

und zu dem, was er jetzt ist, heraufwuchs. So gründet sich »der Glaube

des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit auch auf

dieser Erde auf die Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem

er selber sich entwickelt hat, und der Eigentümlichkeit desselben.

-- Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er die Ewigkeit seiner

selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die ewige Ordnung der Dinge,

in die er sein Ewiges legt; ihre Fortdauer muß er wollen, denn sie

allein ist ihm das entbindende Mittel, wodurch die kurze Spanne seines

Lebens hienieden zu fortdauerndem Leben hienieden ausgedehnt wird. --

Das Leben, bloß als Leben, als Fortsetzen des wechselnden Daseins hat

für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er hat es nur gewollt als Quelle

des Dauernden; aber diese Dauer verspricht ihm allein die selbständige

Fortdauer seiner Nation; um diese zu retten, muß er sogar sterben

wollen, damit diese lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er

von jeher gemocht hat.«

* * * * *

[Randnotiz: Das Volk des Gemütes]

Und nun das deutsche Volk! Fichte ist der erste, der es das Volk des

Gemütes genannt hat. In dem, was er dafür an Beweisen anführt, mag

manches angreifbar sein, so namentlich seine Erörterungen über die

Sprache, aber im Grundgedanken trifft er gewiß den Kern der Sache. Er

findet die Größe des deutschen Volkes in der vollen Ursprünglichkeit

seines Schaffens, in dem Leben und Wirken von innen heraus, in dem

Bewegen der letzten Tiefen. Aus solcher Art »wird der deutsche Geist

neue Schachten eröffnen, und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe,

und Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen

Zeitalter sich Wohnungen erbauen.«

* * * * *

Als Zeugnisse solcher Innerlichkeit nennt er die deutsche Behandlung

der Religion mit ihrer tiefernsten Sorge für die Rettung der Seelen.

Dabei hat er besonders Luther vor Augen, den er weniger konfessionell

als in seiner reinmenschlichen Größe faßt. Ihm widmet er folgende

Worte: »Ihn ergriff ein allmächtiger Antrieb, die Angst um das ewige

Heil, und dieser ward das Leben in seinem Leben, und setzte immerfort

das Letzte in die Wage und gab ihm die Kraft und die Gaben, die die

Nachwelt bewundert. Mögen andere bei der Reformation irdische Zwecke

gehabt haben, sie hätten nie gesiegt, hätte nicht an ihrer Spitze ein

Anführer gestanden, der durch das Ewige begeistert wurde; daß dieser,

der immerfort das Heil aller unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen

sah, allen Ernstes allen Teufeln in der Hölle furchtlos entgegenging,

ist natürlich und durchaus kein Wunder. Dies ist nun ein Beleg von

deutschem Ernst und Gemüt.«

Ein anderes Zeugnis liefert die deutsche Philosophie mit ihrem

Verlangen, die Wirklichkeit von innen her zu verstehen und den Menschen

über das sinnliche Dasein hinauszuheben. Denn »wo selbständiger

deutscher Geist sich regte, da genügte das Sinnliche nicht, sondern

es entstand die Aufgabe, das, freilich nicht auf fremdes Ansehen zu

glaubende, Übersinnliche in der Vernunft selbst aufzusuchen und so

erst eigentliche Philosophie zu erschaffen, indem man das freie Denken

zur Quelle unabhängiger Wahrheit machte«. Dafür beruft er sich auf

Leibniz wie auf Kant, dahin rechnet er auch sein eigenes Streben.

-- Als weiteres Zeugnis wird die Blüte des deutschen Bürgertums in

den Reichsstädten des Mittelalters angeführt, das somit, hier wohl

zuerst, auch die Schätzung eines Philosophen findet. Indem er endlich

die Hauptaufgabe der eignen Zeit in die Erziehung der Nation zum

Menschen setzt, darf er sich auf Pestalozzi als auf ein leuchtendes

Vorbild deutscher Gesinnung und deutscher Art berufen. »Er hat ein

mühevolles Leben hindurch im Kampfe mit allen möglichen Hindernissen

-- gerungen nach einem bloß geahnten, ihm selbst durchaus unbewußten

Ziele, aufrechtgehalten und getrieben durch einen unversiegbaren und

allmächtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen verwahrlosten

Volke.«

* * * * *

[Randnotiz: Die Nation als Glied der Menschheit]

Ein Volk, das solche Gaben und Aufgaben in sich trägt, ist der

Menschheit unentbehrlich, es kann und wird nicht untergehen. Aber die

Geschicke vollziehen sich nicht ohne uns und unser Wirken, es bedarf,

mit solcher Mahnung schließt Fichte die Reden, unserer eigenen

höchsten Kraftanspannung, um die drohenden Gefahren zu überwinden.

»Ist in dem, was in diesen Reden dargelegt worden, Wahrheit, so seid

unter allen neueren Völkern ihr es, in denen der Keim der menschlichen

Vervollkommnung am entschiedensten liegt und denen der Vorschritt in

der Entwicklung derselben aufgetragen ist. Gehet ihr in dieser eurer

Wesenheit zugrunde, so gehet mit euch zugleich alle Hoffnung des

gesamten Menschengeschlechtes auf Rettung aus der Tiefe seiner Übel

zugrunde.« Eine solche Aufforderung trägt bei allem Ernst in sich

unmittelbar die Gewißheit ihrer Erfüllung. Klar ist dabei, daß Fichte

die Nation stets als Glied der Menschheit faßte, wie er denn auch in

der Wendung zum Nationalen das Weltbürgertum keineswegs aufgab, und daß

er in der Nation weniger einen fertigen Besitz als eine große Aufgabe

sah. Ein hochmütiger, dabei träger Rassendünkel liegt ihm, der alles

auf Tat und eigenes Erringen stellt, so fern wie nur irgend möglich.

Was Fichte weiter an politischen Gedanken äußerte, das steht unter

dem Einfluß der Vorbereitung und des Beginns der Freiheitskriege.

Immer blieb er ein Mahner zur Freiheit und Selbständigkeit, auch

seine letzten Schriften verfechten die Gleichheit alles dessen, was

menschliches Angesicht trägt. Aber zugleich findet die Nation und ihre

Geschichte mehr Würdigung, auch der wahrhafte Krieg, d. h. ein Krieg,

den ein Volk zur Rettung seiner Selbständigkeit führt, wird mit aller

Energie verteidigt. Dann nämlich ist »die allgemeine Freiheit und

eines jeden bedroht; ohne sie kann er leben gar nicht wollen, ohne

sich für einen Nichtswürdigen zu bekennen. Es ist darum jedem für die

Person und ohne Stellvertretung -- denn jeder soll es ja für sich

selbst tun -- aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod.« Wird ein solcher

Krieg verkündigt, »so soll dem Erleuchteten sich das Herz erheben

beim Anbruche seines Vaterlandes, und er soll es begierig als vollen

Ernst ergreifen«. So wäre Fichte 1813 am liebsten selbst mit ins Feld

gezogen, so hat er nach bestem Vermögen als Landwehrmann Dienst getan,

ja er ist, wenn auch indirekt, als ein Opfer des Krieges gefallen,

indem er von einer schweren Seuche angesteckt wurde, die seine Frau bei

der Pflege erkrankter Verwundeter befallen hatte. Noch seine letzten

Phantasien beschäftigten sich mit dem Vaterland und dem Vordringen der

deutschen Heere.

* * * * *

[Randnotiz: Der wahrhafte Krieg]

Unter solchen Kämpfen und Stürmen verblaßte die Idee eines ewigen

Friedens, die er früher begeistert verkündigt hatte. Wie weit er

davon abgerückt war, das zeigt im besonderen eine merkwürdige

Abhandlung über Macchiavelli, in der er sich ganz in dessen Ansicht

von der Bösartigkeit der Menschen versetzt und zugleich in die

Notwendigkeit, die Politik nach solcher Art zu bemessen. Hier heißt

es: »Die Zeitphilosophie war in der letzten Hälfte des abgelaufenen

Jahrhunderts gar flach, kränklich und armselig geworden, darbietend als

ihr höchstes Gut eine gewisse Humanität, Liberalität und Popularität,

flehend, daß man nur gut sein möge und dann auch alles gut sein lasse,

überall empfehlend die goldne Mittelstraße, d. h. die Verschmelzung

aller Gegensätze zu einem dumpfen Chaos, Feind jedes Ernstes, jeder

Konsequenz, jedes Enthusiasmus, jedes großen Gedankens und Entschlusses

und überhaupt jedweder Erscheinung, welche über die lange und breite

Oberfläche um ein weniges hervorragte, ganz besonders aber verliebt in

den ewigen Frieden.«

So sind die gewaltigen Bewegungen der Zeit an Fichte nicht spurlos

vorbeigerauscht, aber auch in den Verschiebungen seiner Ansichten

wahrte er treu sein eigenes Wesen, und in alle Ziele, die er verfolgte,

legte er ganz dieses Wesen hinein. In ihm war ein stürmischer Eifer,

ein rücksichtsloses Vorwärtsdrängen, aber auch eine große Liebe, eine

Liebe namentlich zu den schwer kämpfenden Gliedern des Volkes; von

aller Menschenfurcht frei, bildet er durch sein Leben und Wirken ein

deutliches Zeugnis dafür, was eine Persönlichkeit vermag, die lediglich

auf sich selber steht und mit ganzer Hingebung ausführt, was Natur und

Geschick ihr gebietet. Daß er überall auf einfache Grundzüge und auf

einfache Ziele drang, war und bleibt ein hohes Gut für unsere deutsche

Art, die leicht zur Kompliziertheit neigt, auch die gewaltige Kraft

der Bewegung, die von ihm ausgeht und der uns leicht anhaftenden

Schwerfälligkeit entgegenwirkt, ist heute noch nicht erloschen. Die

Geschichte der Philosophie rechnet ihn zu den führenden Geistern, dem

nationalen Leben unseres Volkes aber darf er wie ein treuer Eckart

gelten, als ein unermüdlicher Mahner zur Hingebung an die Gemeinschaft,

zur Aufbietung aller Kräfte, zur Wahrung eines festen und freudigen

Glaubens an unser Volk auch inmitten schwerer Gefahren und Nöte.

Eine große Krise wies ihm die Aufgabe zu, sein Volk zu wecken und zu

sammeln, er hat diese Aufgabe durch sein ganzes Wirken und Sein in

hervorragender Weise gelöst, dem Aufstieg deutschen Wesens bleibt sein

Name unzertrennlich verbunden. Er war bei allen Härten seiner Art ein

ganzer Mensch, eine markige Persönlichkeit, ein Lehrer seines Volkes

in großem Stile; so konnte man mit Recht auf sein Grabmal die Worte

setzen: »Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, so

viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.«

Die Romantik

Die Schätzung der Romantik ist neuerdings umgeschlagen; ein Beispiel

dessen, wie mit den Wandlungen des eigenen Lebens sich auch die Bilder

vergangener Zeiten verändern. Es ist noch nicht lange her, da war

die Romantik in Acht und Bann getan, und Romantiker galt fast als

Scheltwort; nun haben Verschiebungen im eigenen Leben uns jener Zeit

innerlich näher gebracht und uns mehr Verständnis für sie gegeben.

Es hat aber der Versuch einer unbefangenen Würdigung der Romantik

große Schwierigkeiten: nicht nur widersteht ihre eigentümliche Natur

einer scharfen begrifflichen Fassung, sondern es verhindert auch die

Fülle verschiedener Gestalten und das Wirken verschiedener Strömungen

in ihr ein einfaches gemeinsames Bild. Immerhin darf unsere Arbeit

jene Erscheinung nicht unbeachtet lassen, da sie sowohl in engem

Zusammenhange mit philosophischen Bewegungen steht, als auch auf die

geistige Entwicklung unseres Volkes, im besondern die Ausbildung seines

nationalen Sinnes, nicht unerheblich gewirkt hat.

* * * * *

Voraussetzung und Ausgangspunkt der Romantik ist die Befreiung

des Menschen vom Druck einer ihn bindenden Welt, wie sie Kant und

im Anschluß an ihn Fichte vollzogen hatten. Aber diese Befreiung

nimmt jetzt eine völlig andere Richtung als bei jenen. Dort war die

Befreiung zugleich die Aneignung einer allgemeinen Vernunft und die

Unterordnung unter das selbstgewollte Gesetz, zum Kern des Lebens wurde

damit das moralische Verhalten des Menschen, das Individuum empfing

seine Bedeutung von der Gesamtordnung her und durch sein Wirken für

diese. Der Romantik dagegen wird das Individuum zum Selbstzweck, das

Individuum, das, als geistig begabt und künstlerischen Schaffens fähig,

alle Bindungen löst, alle Zusammenhänge aufgibt, sich lediglich auf

sein eigenes Vermögen stellt; statt der moralischen Lebensführung

entwickelt sich hier eine künstlerische, die moralische Persönlichkeit

weicht hier der schöpferischen, möglichst ins Geniale gehobenen

Individualität, die in der Ausbildung und Verfechtung ihrer eigenen Art

eine stolze Freude findet.

* * * * *

[Randnotiz: Romantische Stimmung]

Das ergibt mannigfache Folgen für das Verhältnis des Menschen zu

anderen wie zu sich selbst. Kants und Fichtes moralische Weltanschauung

verkündete die Gleichheit alles Menschenwesens und fand das Große

vornehmlich in dem, was uns allen gemeinsam ist, die ästhetische

der Romantik hingegen kehrte möglichst die Unterschiede hervor und

hob das künstlerische Subjekt scharf von seiner Umgebung ab, --

der Romantik namentlich ist das Wort »höher« ein Lieblingsausdruck

geworden, »höheres« Leben, »höhere« Bildung, »höhere« Sittlichkeit

usw. --; waren jene Denker darin stark, in dem Einfachen und

Schlichtmenschlichen Großes aufzudecken, so überwog hier die Neigung,

auf das alltägliche Dasein wie auf etwas Niederes herabzusehen, das

prosaische »Philistertum«, auch die »Beschränktheit häuslicher Frauen«

(Fr. Schlegel) zu verspotten, gern in fremde Regionen zu fliehen,

entlegene Vorgänge aufzusuchen, dem Außergewöhnlichen, Geheimnisvollen,

Wunderbaren besondere Schätzung zu zollen. Was unmittelbar bei uns

vorgeht, wird gern als ein Symbol einer verborgenen tieferen Welt

betrachtet, die in unser Dasein hineinragt, sich uns aber nur in

gewissen Andeutungen und Ahnungen zu erkennen gibt.

Die Führer der moralischen Lebensgestaltung fanden den Kern der Seele

im Wollen, dies Wollen aber konnte nicht fest und kräftig sein ohne

volle Klarheit und Bewußtheit, so war alles Unbewußte als eine niedere

Stufe zu überwinden; den Romantikern dagegen lag jener Kern im Befinden

des Subjekts, im freischwebenden Gefühl, der in Begriffe unfaßbaren

»Stimmung«, die hier zuerst selbständig auftritt; das Unbewußte

erscheint hier nicht als etwas Niederes und Abzulegendes, sondern als

der Urquell des Lebens, aus dem es unablässig schöpfen muß, und von

dem aus es sich immer wieder zu erneuern hat. Absichten zu haben und

nach Absichten zu handeln, das erscheint hier als etwas Niederes; zur

Forderung wird vielmehr, »sich ohne alle Absicht auf dem inneren Strom

ewig fließender Bilder und Gefühle frei zu bewegen« (Fr. Schlegel).

Alle Geschlossenheit des Wesens dünkt hier eine bloße Enge, der freien

Bewegung und dem Spiel der Phantasie wird unbegrenzter Raum gelassen.

* * * * *

[Randnotiz: Romantische Kunst]

Auch die Gestalt, welche das künstlerische Schaffen hier annimmt,

bildet einen entschiedenen und vollbewußten Gegensatz zu einer anderen

Art. Die von dem freischwebenden Subjekt getragene und vornehmlich auf

sein Ergehen gerichtete romantische Kunst weiß sich grundverschieden

von der klassischen mit ihrer Richtung auf den Gegenstand und mit

ihrem Streben, zu ihm das rechte Verhältnis zu finden. Diese ist

durchgängig auf Maß und Grenze bedacht, sie will alles einzelne straff

zusammenfassen und zum Ganzen einer Wirkung verbinden, sie erstrebt

einen klaren Aufbau unter sicherer Abwägung aller Verhältnisse, sie

findet ihr Vorbild vornehmlich in der Höhe der griechischen Plastik.

Die romantische Kunst hingegen verwirft alle feste Begrenzung, sie

sucht das Unendliche und schwelgt in ihm, ihr verlaufen die Linien

oft ineinander, und über der Erregung einzelner starker Eindrücke

kommt sie nicht zu einem gegliederten Aufbau, die Lieblingsform ihrer

literarischen Äußerung bildet der Aphorismus; zur Höhe der Kunst wird

hier die Musik, in ihr hat die romantische Denkart den vollendetsten

Ausdruck gefunden.

* * * * *

So gewiß sich im seelischen Leben und im geistigen Schaffen der

Romantik eine bedeutende Art bekundet, es liegt hier Gesundes und

Ungesundes oft nahe beieinander, und echtes Schaffen verschlingt sich

oft mit erkünstelter Überspannung. Das Streben, alle festen Begriffe

zu überspringen und im Gefühl sich der Wirklichkeit unmittelbar zu

verbinden, mit ihr eins zu werden, ganz in sie überzufließen, ergibt

leicht nicht nur eine Formlosigkeit und Verschwommenheit, sondern auch

ein Zurücksinken in Sinnlichkeit, und zwar eine Sinnlichkeit nicht

naiver Art; die Romantik erweist das gute Recht der Mahnung Plotins,

daß wer über die Vernunft hinausstrebt, leicht aus ihr herausfällt.

Auch die hier waltende Neigung des Individuums, sich vornehmlich

mit sich selbst und mit seinem Zustande zu befassen, führt leicht

zu einer Verkünstelung des Lebens, indem es immer wieder hinter

sich selbst zurücktritt, das Fühlen fühlen, das Genießen genießen

möchte; nahe liegt dabei auch ein Aufwuchern persönlicher Eitelkeit.

Aber so hoch wir solche Fehler und Schwächen anschlagen mögen, die

förderlichen Wirkungen der Romantik auf das deutsche Leben dürfen

sie uns nicht vergessen lassen. Den Romantikern verdanken wir eine

wesentliche Verstärkung des künstlerischen Elements im deutschen

Leben, sie haben den Geschmack auch weiterer Kreise gehoben, sie haben

die literarische Kritik bei uns eingebürgert, sie haben wie kaum

eine andere Bewegung unsere Sprache bereichert, indem sie ihr mehr

Rhythmus und musikalischen Klang, mehr Anschaulichkeit und mehr Farbe

verliehen. Sie haben mit ihrer künstlerischen Kultur die schon alternde

Aufklärung von der Höhe des Lebens vertrieben und ihre Schranken voll

zur Empfindung gebracht; ihnen verdanken wir, daß der Begriff der

»Bildung« vom Körperlichen aufs Geistige übertragen ward und damit

ein neues Lebensideal entstand, auch eine neue Zusammenfassung der

Menschen (»die Gebildeten«). Auch hat die Romantik, namentlich in

ihrem weiteren Verlauf, uns weitere Blicke in die Welt, in Natur und

Geschichte eröffnet. So hat sie uns in der Natur neue Seiten erblicken

lassen, starke Farben sowohl als das Dämmerlicht, den Reiz des tiefen

Waldes wie der träumerischen Mondnacht, sie hat uns damit namentlich

die vaterländische Natur seelisch nähergebracht. Aber zugleich hat ihre

bewegliche Phantasie uns ferne Länder und Zeiten vor Augen gerückt und

sie mit anschaulicher Frische zu uns wirken lassen.

* * * * *

[Randnotiz: Staat und Vaterland]

Zu den Problemen von Staat und Vaterland verhielt der Beginn der

Romantik sich sehr kühl, konnte doch Friedrich Schlegel sagen: »Nicht

in die politische Welt verschleudere du Glauben und Liebe, aber

in der göttlichen Welt der Wissenschaft und der Kunst opfere dein

Innerstes in den heiligen Feuerstrom ewiger Bildung.« Eine Wandlung

darin erfolgte durch einen Anschluß an die historische Denkart, die

um dieselbe Zeit zum Durchbruch kam und die Gemüter überwältigend

fortriß. Es vollzog sich damit eine eingreifende Wandlung des Denkens

und Lebens für den Gesamtstand der Menschheit. Die Neuzeit hatte ihren

eigentümlichen Charakter in möglichster Losreißung vom Druck einer

tausendjährigen Überlieferung und in Entfaltung einer zeitüberlegenen

Vernunft gefunden, diese Vernunft wurde ihr ein Gerichtshof, vor dem

alles Bestehende sein Recht zu erweisen hatte, sie wurde ihr auch eine

Macht der Gestaltung des Lebens aus der gemeinsamen Menschennatur und

aus allgemeinen Begriffen. Auch die Behandlung der Geschichte trat

damit unter die Herrschaft der Vernunft, diese prüfte jene daraufhin,

was aus ihr zu gewinnen, namentlich aus ihr zu lernen sei; solche

direkte Beziehung auf das eigene Streben und die Frage nach dem

Nutzen hinderten eine reine Betrachtung und unbefangene Würdigung der

Vergangenheit. Darin erfolgt nun um die Wende der Jahrhunderte und

darüber hinaus eine große Veränderung. Die Geschichte befreit sich von

jenem ihr auferlegten Joch und bringt ihren Tatbestand zu ungehemmter

Wirkung. Unabweisbar wird nun die Forderung, sich offenen Sinns in die

früheren Epochen zu versetzen, sie bei sich selbst zu erfassen, aus

sich selbst zu verstehen, nach eigenem Maße zu messen. Damit tritt

zugleich die Individualität der verschiedenen Zeiten und Völker in den

Vordergrund, die Menschheit findet sich weit reicher, als sie bis dahin

dachte, eine unermeßliche Fülle des Lebens eröffnet sich ihrem Blicke.

Ja, es erwächst daraus, nicht ohne Hilfe romantischer Denkart, eine

neue Philosophie der Geschichte, eine neue Fassung des Verhältnisses

von Gegenwart und Vergangenheit. Die Geschichte erscheint nunmehr als

eine zusammenhängende Bewegung, die, aller menschlichen Absicht und

Reflexion weit überlegen, aus eigenen Kräften und nach eigenen Gesetzen

in stillem Wirken und Weben sicher vorwärtsschreitet. Die Dinge

scheinen hier aus eigener Natur zu werden und aus bewußtlosem Triebe zu

wachsen; wie bei einem lebendigen Wesen scheint hier ein Bildungsgesetz

des Ganzen alle Gestaltung des Einzelnen zu beherrschen. An diesen

Strom des geschichtlichen Werdens sich anzuschließen wird auch der

Gegenwart geboten, da sie damit erst einen festen Grund und eine

sichere Richtung gewinne. Indem diese »organische« Denkweise auch die

Verzweigung des geistigen Lebens ergreift, Staat, Recht, Sprache, Kunst

usw., scheint durchgängig eine reinere und reichere Tatsächlichkeit

und ein mit ihr gesättigtes Leben aufzusteigen. Überall soll der

Mensch die Verhältnisse nicht mehr nach seinen Zwecken meistern,

sondern sich selbst in der Hingebung an das große Werk der Geschichte

innerlich erweitern, seinem Leben und Schaffen mehr Individualität

und mehr seelische Nähe verleihen. So soll er z. B. das Recht nicht

aus abstrakten Begriffen erschließen, sondern aus den Zeugnissen des

Volksgeistes schöpfen, welche die Vergangenheit uns zuführt.

* * * * *

[Randnotiz: Geschichtliche Denkweise]

Gewiß hat diese Sache zwei Seiten, jene geschichtliche Denkweise hat

unverkennbar auch große Gefahren: zunächst läßt sich bezweifeln, ob

die Geschichte aus unbewußtem Wirken heraus einen sicheren Fortgang

hervorbringt, ob sie eine durchgehende Vernunft in sich selber trägt;

gewichtiger noch ist das Bedenken, ob jene Fassung der Geschichte nicht

das Recht der lebendigen Gegenwart arg verkümmere, ob sie den Menschen

nicht in ein zu kontemplatives, tatloses Verhalten zur Wirklichkeit

bringe. Aber so hoch wir diese Gefahren anschlagen mögen, sie können

uns nicht daran hindern, die gewaltige Bereicherung anzuerkennen,

die das gemeinsame Leben dieser romantisch-historischen Denkweise

schuldet. Im besondern wir Deutsche verdanken ihr viel. Unsere große

mittelalterliche Vergangenheit war wie verschüttet und begraben,

unsere Kultur erschien als eine von heute und gestern, wesentliche

Züge unserer Art verkümmerten dabei stark, unser Leben drohte in eine

zu enge Bahn zu geraten. Wie wenig wußte man z. B. von der reichen

Literatur jener Zeit, wie war ihre große Kunst halb verschollen! Nun

wurden die zerrissenen Fäden wieder angeknüpft, nun gewann unser Leben

wieder weitere Zusammenhänge, nun fühlten wir festeren Boden unter den

Füßen, nun wurde unsere eigene Art uns mehr erschlossen, und mit der

genaueren Kenntnis wuchs auch die Liebe zu unserem Volk, wuchs auch der

Stolz auf seine Geschichte, auch die Freude an der heimatlichen Natur

mit ihren großen Erinnerungen. Diese besonderen Erfahrungen ruhen aber

auf Wahrheiten allgemeinerer Art, die auch für die Philosophie nicht

verloren sein konnten.

Schelling

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 5 / 13 段