Solche Erhebung der Moral zu einer weltschaffenden Größe bringt es

mit sich, daß sich aus ihr auch Grundüberzeugungen vom Ganzen der

Wirklichkeit entwickeln, Grundüberzeugungen, praktische Ideen, die

keine theoretischen Lehrsätze sind und nicht als solche verwandt werden

dürfen, die aber dem pflichtmäßig handelnden Menschen unbedingt gewiß

sind; sie sind Sache des Glaubens, aber eines Glaubens, an dem aller

Wert des Menschen hängt, und der sich von einem dogmatischen Glauben

aufs deutlichste unterscheidet. Der erste Punkt dieses moralischen

Glaubens ist die Idee der Freiheit, die allein Moral überhaupt möglich

macht, Freiheit im Sinne einer Selbstbestimmung des vernünftigen

Willens; der zweite die Idee der Unsterblichkeit, da die notwendige

Forderung einer vollendeten Heiligkeit des Wandels sich innerhalb des

Erdenlebens unmöglich erfüllen läßt, ein schlechthin Unmögliches aber

nie die volle Kraft der Seele gewinnen könnte; der dritte die Idee

Gottes, als des Trägers einer naturüberlegenen Ordnung, die das Glück

zur Glückswürdigkeit in das rechte Verhältnis bringt. Von diesen Ideen

ist aber die erste als die grundlegende die weitaus wichtigste, die

anderen dienen mehr zur Ausführung und zur Hilfe. Im Grunde ist es

der Glaube an das in uns gegenwärtige Wirken einer Welt der Freiheit

gegenüber aller bloßen Natur, der Kant eine volle Gewißheit und

freudigen Lebensmut gibt. »Die Idee der Freiheit ist die einzige unter

allen Ideen der reinen Vernunft, deren Gegenstand Tatsache ist.«

* * * * *

[Randnotiz: Das moralische Gesetz in uns]

Wie sich ihm mit dem allen unser Verhältnis zu den großen Lebensfragen

darstellt, darüber spricht er sich an einer Stelle der Praktischen

Vernunft aus, die für das Ganze seiner Denkart zu bedeutend und zu

bezeichnend ist, als daß wir auf eine Anführung verzichten möchten.

Er sucht zu zeigen, daß eine nähere Einsicht in die tiefsten Gründe

der Wirklichkeit unserem moralischen Handeln leicht gefährlich werden

könnte. »Statt des Streits, den jetzt die moralische Gesinnung mit

den Neigungen zu führen hat, in welchem nach einigen Niederlagen doch

allmählich moralische Stärke der Seele zu erwerben ist, würden Gott

und Ewigkeit mit ihrer furchtbaren Majestät uns unablässig vor Augen

liegen. -- Die Übertretung des Gesetzes würde freilich vermieden, das

Gebotene getan werden; weil aber die Gesinnung, aus welcher Handlungen

geschehen sollen, durch kein Gebot mit eingeflößt werden kann, der

Stachel der Tätigkeit hier aber sogleich bei Hand und äußerlich ist,

die Vernunft also sich nicht allererst emporarbeiten darf, um Kraft zum

Widerstande gegen Neigung durch lebendige Vorstellung der Würde des

Gesetzes zu sammeln, so würden die mehrsten gesetzmäßigen Handlungen

aus Furcht, nur wenige aus Hoffnung und gar keine aus Pflicht

geschehen, ein moralischer Wert der Handlungen aber, worauf doch allein

der Wert der Person und selbst der der Welt in den Augen der höchsten

Weisheit ankommt, würde gar nicht existieren.

Nun, da es mit uns ganz anders beschaffen ist, da wir, mit aller

Anstrengung unserer Vernunft, nur eine sehr dunkle und zweideutige

Aussicht in die Zukunft haben, der Weltregierer uns sein Dasein und

seine Herrlichkeit nur mutmaßen, nicht erblicken oder klar beweisen

läßt, dagegen das moralische Gesetz in uns, ohne uns etwas mit

Sicherheit zu verheißen oder zu drohen, von uns uneigennützige Achtung

fordert, übrigens aber, wenn diese Achtung tätig und herrschend

geworden, allererst alsdann und nur dadurch Aussichten ins Reich

des Übersinnlichen, aber auch nur mit schwachen Blicken erlaubt; so

kann wahrhafte sittliche, dem Gesetze unmittelbar geweihte Gesinnung

stattfinden und das vernünftige Geschöpf des Anteils am höchsten Gute

würdig werden, das dem moralischen Werte seiner Person und nicht bloß

seiner Handlungen angemessen ist. Also möchte es auch hier wohl damit

seine Richtigkeit haben, was uns das Studium der Natur und des Menschen

sonst hinreichend lehrt, daß die unerforschliche Weisheit, durch die

wir existieren, nicht minder verehrungswürdig ist in dem, was sie uns

versagte, als in dem, was sie uns zuteil werden ließ.«

* * * * *

Zeigt diese Stelle einmal, wie tief eine religiöse Überzeugung in Kants

Gemüte wurzelt, so bekundet sie nicht minder die eigentümliche Art des

von ihm entwickelten Idealismus. Bisher suchte die Philosophie aus

dem Ganzen der Weltanschauung dem Leben seine Richtung zu geben, es

hatte seine Ziele und Güter aus der mit dem All befaßten Wissenschaft

zu empfangen. Darin vollzieht nun Kant eine völlige Umkehrung.

Ein spekulatives Eindringen in die letzten Gründe ist nach seiner

Überzeugung dem Menschen schlechterdings versagt, aber deshalb brauchen

wir nicht auf allen Sinn der Wirklichkeit zu verzichten, wir finden

ihn und zugleich die Richtung des Lebens vom Handeln her, von einem

Handeln, das sich selbst zu einer Welt erweitert, aus seiner Tätigkeit

eine Welt der Freiheit hervorbringt.

Ein Idealismus, der daraus hervorgeht, scheint unserem Denker

weit kräftiger und lebensvoller als einer, der einer verwickelten

Weltanschauung entspringt; auch hat er den Vorteil, sich auf etwas zu

gründen, was jedem Menschen nahe und gegenwärtig ist, was daher jeder

ohne viel gelehrtes Wissen bei sich beleben kann. Es ist der Mensch als

Mensch, den diese Denkweise aufruft.

* * * * *

Nachdem so die Weltmacht der Moral völlig gesichert ist, darf sie ihr

Maß an das vorgefundene Dasein legen, darf sie den ganzen Umkreis

des Lebens an sich zu ziehen und von sich aus zu gestalten suchen.

Sie wird dabei vor allem eine völlige Unabhängigkeit vom Stande der

Menschen wahren, nicht ihre Vorschriften danach einrichten und darauf

herabstimmen, was im Durchschnitt getan wird; für »höchst verwerflich«

wird es erklärt, »die Gesetze über das, was ich tun soll, von

demjenigen herzunehmen oder dadurch einschränken zu wollen, was getan

wird«. Die Moral hat ihr Gesetz und ihr Gericht in sich selbst, das Tun

und Treiben der Menschen ändert daran nicht das mindeste. »Wenn ein

jeder löge, wäre deswegen das Wahrreden eine bloße Grille?«

[Randnotiz: Das radikale Böse]

Bei solcher Unabhängigkeit der Moral kann es in keiner Weise

erschrecken und niederdrücken, wenn der Mensch sich in weitem Abstande

von ihr befindet. Das aber ist nach Kants Überzeugung in der Tat der

Fall. Sein Urteil über den moralischen Stand der Menschheit ist wenig

günstig. Er beklagt vor allem die Unlauterkeit des Menschen, seinen

Mangel an Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, er findet in ihm einen

Hang zum Bösen, der nicht zu vertilgen, sondern nur zu überwiegen ist,

er meint, daß das Böse nicht bloß in den Neigungen, sondern im Willen

liege, indem man jenen nicht widerstehen wolle. So hat Kant die Lehre

von einem »radikalen« Bösen, und er spricht wohl von einer Bösartigkeit

der menschlichen Natur; auch seine näheren Ausführungen zeigen ein

starkes Mißtrauen gegen die moralische Haltung des Menschen. »Aus so

krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz

Gerades gezimmert werden.«

Da dies aber seine Hochschätzung des Menschenwesens als eines Trägers

sittlicher Freiheit in keiner Weise vermindert, so entsteht eine starke

Spannung, und es erklärt sich auch, wie Kant weniger darauf bedacht

ist, eine Verständigung zwischen der sittlichen Forderung und dem

Menschen der Erfahrung herbeizuführen, als das sittliche Gesetz in

seiner vollen Reinheit und Strenge aufrechtzuhalten; alle Laxheit, alle

Neigung zu Kompromissen findet bei ihm entschiedenste Ablehnung.

Es bringt ihm daher echte Moral einen fortwährenden Kampf mit sich,

einen Kampf zwischen Neigung und Pflicht, zugleich aber eine hohe

Schätzung der Tapferkeit, wie er denn die Tugend geradezu als

moralische Tapferkeit bezeichnet, deren Fahne es hochzuhalten gilt.

So ist das Leben, das hier entsteht, wahrlich nicht leicht und

bequem, es verlangt unaufhörliche Anspannung aller Kraft, es verlangt

fortwährende Selbstüberwindung, aber es erlangt in dem allen auch

eine unvergleichliche Größe und Freude, es hat seinen Lohn in sich

selbst, braucht ihn nicht von draußen her zu empfangen, es hebt über

das gewöhnliche Glück hinaus und trägt in sich selbst eine hohe

Befriedigung.

* * * * *

Wenn Kant von der Moral als der herrschenden Macht alle Lebensgebiete

gestaltet, so mag das eine große Gefahr für die Entfaltung der

Eigentümlichkeit dieser dünken. In Wahrheit ist eine Verengung

nicht zu leugnen, da Kant die Moral lediglich auf das Verhältnis zu

Menschen beschränkt, nur Pflichten des Menschen gegen Menschen kennt.

Andererseits verhindert die hohe Fassung der Moral als eines Reiches

der Freiheit und Selbsttätigkeit mit Sicherheit ein Sinken zu einem

bloßen Moralismus, der alles nur daraufhin ansieht, wie weit es der

Besserung der Individuen nütze; die Moral greift hier weniger in den

näheren Bestand der Gebiete ein, als sie ihrem Ganzen die Richtung

auf höchste Zwecke, auf jenes Reich der Freiheit gibt; so wirkt sie

konzentrierend, klärend und kräftigend auf den ganzen Umfang des Lebens.

* * * * *

[Randnotiz: Kant und die Religion]

Am wenigsten erlangt wohl ihr volles Recht die Religion, wenn sie

als »die Erkenntnis aller unsrer Pflichten als göttlicher Gebote«

verstanden wird. Denn streng genommen würde sie damit ein bloßes Mittel

zur Verstärkung der Moral, und es wäre dabei nicht einmal gewiß, ob

das bloß eine Hilfe für menschliche Schwäche wäre, die ein Starker

wohl auch entbehren könnte, oder ob sie eine Wahrheit aus eigenem

Rechte besitzt. Was aber den Inhalt betrifft, so liegt nach Kant in

der Religion aller Wert am Tun. Dabei läßt sich vollauf anerkennen,

daß der eigentümliche Charakter der Religion wenig zur Geltung kommt,

und doch die Energie bewundern, mit der die moralische Seite der

Religion hervorgekehrt, allem Scheinwesen in ihr widerstanden, ihr

Leben vor allem in unmittelbare Gegenwart gestellt wird. Bezeichnend

sind hier die Worte: »Alles was außer dem guten Lebenswandel der

Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden,

ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes,« und die anderen:

»daß ein Geschichtsglaube Pflicht sei und zur Seligkeit gehöre, ist

Aberglaube.« Es ist aber »Aberglaube der Hang, in das, was als nicht

natürlicherweise zugehend vermeint wird, ein größeres Vertrauen zu

setzen, als was sich nach Naturgesetzen erklären läßt, -- es sei

im Physischen oder Moralischen«. Kant ist darum besorgt, daß die

Selbständigkeit der Moral durch ihre Verkettung mit der Religion

Schaden leide; so dringt er mit höchstem Eifer darauf, daß nicht die

Moral auf die Religion, sondern die Religion auf die Moral gegründet

werde. Kants persönliche Religion war ohne Zweifel weit reicher

und tiefer als die von ihm in Begriffe gefaßte, ein Bewußtsein der

Abhängigkeit von einer höheren Macht und ein Vertrauen auf diese Macht

geht durch alle seine Schriften. Ein bloßer Moralist konnte nicht

sagen, daß, wenn man von einem letzten Zwecke der Welt sprechen dürfe,

er nicht in der Glückseligkeit der vernünftigen Wesen zu suchen sei,

sondern in der Ehre Gottes.

* * * * *

[Randnotiz: Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit]

Zu größerem Reichtum entfaltet sich die moralische Grundanschauung

Kants in der Gestaltung des menschlichen Zusammenseins. Hier haben

sich in allen Verhältnissen die beiden Tugenden zu bewähren, die

ihm als die höchsten gelten: Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Die

Pflicht der Wahrhaftigkeit geht in erster Linie nicht gegen andere,

sondern gegen uns selbst, in der Lüge und Unaufrichtigkeit schaden

wir vornehmlich uns selbst, indem wir dadurch die Achtung zerstören,

die wir uns selbst als einem moralischen Wesen schulden. Zur Pflicht

der Wahrhaftigkeit gehört auch, daß wir überall aus selbständiger

Entscheidung und eigner Überzeugung handeln, auch uns davor hüten,

blinde und äußere Bekenntnisse nachzusprechen. Gewiß schützt auch

strenge Gewissenhaftigkeit uns nicht vor Irrung, aber diese trifft dann

nicht unsere Gesinnung. »Es kann sein, daß nicht alles wahr ist, was

ein Mensch dafür hält (denn er kann irren), aber in allem, was er sagt,

muß er wahrhaft sein.«

Das Verhältnis der Menschen untereinander werde aber durch die Idee

der Gerechtigkeit bestimmt, sowohl im privaten Verkehr als im Staate

als im weltbürgerlichen Verkehr der Völker. Wie hoch Kant von der

Gerechtigkeit denkt, das zeigen die Worte: »Wenn die Gerechtigkeit

untergeht, hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben«;

von der Ungerechtigkeit aber sagt er: »Niemals empört etwas mehr als

Ungerechtigkeit, alle anderen Übel, die wir ausstehen, sind nichts

dagegen.«

Demnach empfiehlt es sich, das Verhältnis von Mensch zu Mensch mehr auf

Gerechtigkeit und gegenseitige Achtung als auf Liebe zu stellen. Liebe

kann nicht geboten werden, und Mitleid ist kein großes Gegenmittel

gegen den Eigennutz. Es fällt hier stark ins Gewicht, daß Kant wenig

von den Neigungen des Menschen hält und sie viel zu veränderlich

findet, um auf sie unser Leben zu bauen.

Aus der Selbstachtung aber, die ich als Glied eines Reiches der

Freiheit haben darf, geht unmittelbar eine Achtung auch der anderen

hervor; umgekehrt läßt sich sagen, daß, wo diese Achtung fehlt, es

im Grunde auch an echter Selbstachtung gebricht. »Der Hochmütige ist

jederzeit im Grunde seiner Seele niederträchtig.«

* * * * *

[Randnotiz: Kants Staatsideal]

Im Staatswesen aber wirkt die Kantische Grundüberzeugung zur

Voranstellung der Ideen Recht und Freiheit. Die hohe Schätzung der

Freiheit, welche Kant im Ganzen des Lebens bekundet, muß natürlich

auch hierher wirken; vom Recht aber sagt er, daß es der Augapfel Gottes

auf Erden sei. Der enge Zusammenhang von Recht und Freiheit erhellt

aus der Definition des Rechts als »des Inbegriffs der Bedingungen,

unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach

einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden

kann«. Den Staat aber definiert er als eine »Vereinigung einer Menge

von Menschen unter Rechtsgesetzen«. So ist der Staat hier vor allem

Rechtsgemeinschaft, er gilt als von den Individuen her entstanden; mag

Kant seine Entstehung aus einem Vertrage als Faktum bekämpfen, als

Idee hält er sie fest. So kann hier von einem nationalen Staate, auch

von einem Kulturstaate nicht die Rede sein; diese Begriffe blieben

einer späteren Entwicklung vorbehalten. In die nähere Ausführung

wirken Gedanken ein, welche die Französische Revolution, namentlich

ihr Beginn, auch in Deutschland weiten Kreisen zugeführt hatte. Die

Forderungen der Freiheit, Gleichheit, Selbständigkeit spielen bei Kant

eine große Rolle, aber er hat sie ethisch vertieft und auch in der

näheren Ausführung maßvoll gestaltet. Sein politisches Ideal ist eine

Repräsentationsverfassung, »alle wahre Republik ist und kann nichts

anderes sein als ein repräsentatives System im Volke«. Bei aller

Freiheitsliebe hat er wenig Sympathie für die Demokratie, er sieht

in ihr eine Gefahr für die Freiheit des einzelnen, die ihm besonders

am Herzen liegt, »Volksmajestät« erklärt er für einen »ungereimten

Ausdruck«. Eine nahe Verwandtschaft mit den Lehren des englischen

Liberalismus ist in diesem Aufbau des Staates von den Individuen her

nicht zu verkennen, aber solche Verwandtschaft darf erhebliche innere

Unterschiede nicht übersehen lassen. Dort ist es der Mensch, wie er

leibt und lebt, dem die Freiheit und mit ihr ein hoher Wert zuerkannt

wird, bei Kant ist es die Persönlichkeit als Glied einer sittlichen

Welt; dort ist das höchste Ziel das Wohlergehen der Gesellschaft,

bei Kant dagegen die Begründung eines Reiches der Freiheit und

Gerechtigkeit auf dem eigenen Boden der Menschheit; dort mußte man,

um die eigenen Ziele erreichbar zu finden, den Menschen moralisch

vortrefflich denken und ihn damit idealisieren, bei Kant verhindert,

wie wir sahen, alle Hochschätzung der Vernunft im Menschenwesen nicht

die volle Anerkennung schwerer Mängel und Schäden. Es hängt damit

eng zusammen, daß seine Art der Freiheit keine Weichheit kennt,

vielmehr einen strengen Charakter hat; dafür ist z. B. bezeichnend

die entschiedene Verteidigung der Todesstrafe als einer Forderung der

Gerechtigkeit.

* * * * *

Das Verlangen einer Ordnung der menschlichen Verhältnisse aus der

Idee der Gerechtigkeit hat Kant auch auf das Verhältnis der Völker

ausgedehnt und auch für die äußere Politik eine Leitung durch die

Idee des Rechts verlangt. Hier stößt er besonders hart mit den

Durchschnittsverhältnissen und auch mit den Durchschnittsmeinungen

zusammen, aber hier zeigt er auch besonders deutlich die unbeugsame

Festigkeit seiner Überzeugung, sein Vermögen, unbeirrt durch allen

Widerspruch mit ruhiger Kraft den eigenen Weg zu verfolgen. Mit größter

Energie tritt er dafür ein, daß nie das Recht der Politik, wohl aber

die Politik jederzeit dem Rechte angepaßt werde. Was eine vom Rechte

absehende Politik an äußeren Vorteilen etwa gewinnen lassen kann,

das wiegt nach seiner Überzeugung weitaus nicht den Schaden auf, der

aus der Geringachtung dessen hervorgeht, was dem menschlichen Leben

allein einen Wert zu geben vermag. Wohl ist, so meint er, Ehrlichkeit

nicht immer die beste Politik, aber sie ist besser als alle Politik.

Politiker, die nur auf den Erfolg ausgehen und sich dabei ihrer

Menschenkenntnis rühmen, mögen die Menschen kennen, nicht aber kennen

sie den Menschen und was aus ihm gemacht werden kann.

* * * * *

[Randnotiz: Der ewige Friede]

Aus solchem Zusammenhange ist auch die Schrift vom ewigen Frieden zu

verstehen, der das 18. Jahrhundert von früh an beschäftigt hatte, der

aber von Kant mit besonderem Nachdruck vertreten wird. Er entwickelt

diesen Gedanken nicht bloß in jener Schrift, er verficht ihn eifrig

auch sonst, er erklärt dabei den Krieg als »das größte Hindernis des

Moralischen«, er stellt die Forderung, den Krieg erstlich nach und nach

menschlicher zu gestalten, ihn darauf seltener zu machen, ihn endlich

als Angriffskrieg ganz verschwinden zu lassen.

Sein Ideal ist ein »allgemeiner Staatenverein (analogisch mit

dem, wodurch ein Volk Staat wird)«, nur er vermöge einen wahren

Friedensstand herbeizuführen. Die Schwierigkeiten dessen entgehen

Kant freilich nicht, in seiner Rechtslehre führte ihn ihre Erwägung

sogar dahin, den ewigen Frieden eine »unausführbare Idee« zu nennen.

Aber er bleibt ihm doch das letzte Ziel des ganzen Völkerrechts, und

für ausführbar erklärt er die »politischen Grundsätze, die darauf

abzwecken, nämlich solche Verbindungen der Staaten einzugehen, als zur

kontinuierlichen Annäherung zu denselben dienen«. An einer anderen

Stelle erklärt er, der ewige Friede sei »keine leere Idee, sondern eine

Ausgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in

denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden)

beständig näher kommt«.

* * * * *

Beim Fortschrittsgedanken, der uns hier begegnet, ist Kants

Stellung eigentümlich genug. Seine Geringschätzung der moralischen

Beschaffenheit des Menschen, namentlich seine Überzeugung von der

tiefen Wurzel des Übels, macht es ihm schwer, einen Fortschritt

anzunehmen, spricht er doch von einem »traurigen Anblick, nicht sowohl

der Übel, die das menschliche Geschlecht aus Naturursachen drücken,

als vielmehr derjenigen, welche die Menschen sich untereinander

selbst antun«. So erklärt er es für unmöglich, daß der Fortschritt

zum Besseren »durch den Gang der Dinge von unten hinauf« erfolge.

Andererseits kann er nicht auf den Fortschritt gänzlich verzichten,

da ohne eine Hoffnung besserer Zeiten »eine ernstliche Begierde,

etwas dem allgemeinen Wohl Ersprießliches zu tun, nie das menschliche

Herz erwärmt hätte«. So müssen wir notwendig auf einen Fortschritt

zum Besseren hoffen, aber er ist nicht sowohl von dem zu erwarten,

was wir tun, »sondern von dem, was die menschliche Natur in und mit

uns tun wird, um uns in ein Gleis zu nötigen, in welches wir uns von

selbst nicht leicht fügen würden. Denn von ihr, oder vielmehr (weil

höchste Weisheit zur Vollendung dieses Zweckes erfordert wird) von der

Vorsehung allein können wir einen Erfolg erwarten, der aufs Ganze und

von da auf die Teile geht.« Ähnlich sagt Kant an einer anderen Stelle,

daß die Hoffnung des »Fortschreitens nur in einer Weisheit von oben

herab« begründet sei.

So sehen wir Kant auch bei diesen Fragen eigene Wege verfolgen.

* * * * *

[Randnotiz: Das Reich des Schönen]

Die Energie, welche Kant an die moralische Aufgabe setzt, und der

schwere Ernst, den er dem menschlichen Leben gibt, könnten erwarten

lassen, daß er das Reich des Schönen geringschätzig oder doch

nebensächlich behandelt hätte; die stoische Gesinnung, der doch Kant

eng verwandt ist, war im allgemeinen der Kunst wenig hold. In Wahrheit

steht es bei ihm völlig anders. Er hat nicht nur im einzelnen viel

Interesse für künstlerische Leistungen und Probleme, er sucht auch

das gesamte Reich des Schönen in seine Gedankenwelt aufzunehmen

und es tiefer in der Seele zu begründen. Mag er schließlich das

Schöne dem Guten als »Symbol des Sittlichguten« unterordnen und den

Geschmack als ein »Beurteilungsvermögen der Versinnlichung sittlicher

Ideen« verstehen, in die Erörterung selbst greift das wenig ein,

sie behandelt das Schöne als ein eigenes Reich und befreit dies von

herkömmlicher Vermengung mit anderen Gebieten. Das Schöne wird weit

über das Angenehme der Sinne hinausgehoben und schon dadurch von

ihm deutlich geschieden, daß das Angenehme Sache des Einzelnen ist,

während das Schöne als Gegenstand eines allgemeinen Wohlgefallens

vorgestellt wird. Gegen das Gute aber grenzt es sich dadurch ab, daß

das Gute vermittelst der Vernunft durch den bloßen Begriff gefällt

und mit Interesse verknüpft ist, während das Wohlgefallen am Schönen

interesselos ist und ohne Begriffe entsteht. Dieser Anspruch des

Schönen auf Allgemeingültigkeit wird für Kant ein großes Problem und

führt ihn wiederum zu einer Verschiebung von der Außenwelt in die

Seele; das Schöne liegt nicht in den Dingen, sondern es hat seinen

Ursprung im Geiste, wir erfahren in ihm nicht eine Harmonie der Dinge,

sondern eine Harmonie unserer eigenen Geisteskräfte; auch hier ist

es die Form, worin die geistige Leistung besteht, auch hier wird

damit das Erlebnis über einen niederen Seelenstand hinausgehoben. Wie

das Gute eine Überlegenheit gegen alle Neigung besaß, so wird das

Geschmacksurteil als völlig unabhängig von Reiz und Rührung erklärt

und ganz und gar auf die Form gerichtet; es entspringt nicht aus der

Lust, sondern es geht ihr vorher. Auch damit gewinnt das Leben an

Selbständigkeit, es befreit sich am Sinnlichen selbst durch die Macht

der Form vom Drucke bloßer Sinnlichkeit. So wird dieses Reich ein

unentbehrliches Bindeglied zwischen dem erhabenen Reich der Moral und

der bunten Fülle des sinnlichen Daseins, und das Ganze gestaltet sich

letzthin zu einem Gewinne der Freiheit. »Der Geschmack macht gleichsam

den Übergang vom Sinnenreiz zum habituellen moralischen Interesse ohne

einen gar zu gewaltsamen Sprung möglich, indem er die Einbildungskraft

auch in ihrer Freiheit als zweckmäßig für den Verstand bestimmbar

darstellt und sogar an Gegenständen der Sinne auch ohne Sinnenreiz

ein freies Wohlgefallen finden lehrt.« Solche Emporhebung des Schönen

über alle niedrige Lust, solche Anerkennung seiner Selbständigkeit,

solche Verlegung seines Ursprungs in die innere Werkstatt des Geistes

wirkten zusammen dahin, unsere großen Dichter mit Kant zu verbinden und

sie mit größter Schätzung seiner zu erfüllen; so konnte auch Goethe

trotz vielfachen sonstigen Gegensatzes die großen Hauptgedanken der

Kritik der Urteilskraft seinem eigenen Schaffen, Tun, Denken »ganz

analog« finden. Die Behandlung des ganzen Gebietes empfängt aus solchem

Verstehen von innen her den Antrieb, die inneren Bedingungen und das

innere Gewebe des Schaffens zu voller Klarheit herauszuarbeiten.

[Randnotiz: Schön und Erhaben]

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 2 / 13 段