Wie sich damit der Anblick verwandelt, das zeigt mit besonderer

Deutlichkeit die Behandlung des Erhabenen, dem Kant von früh an viel

Aufmerksamkeit zugewandt hatte. Das Gefühl des Erhabenen enthält

augenscheinlich einen Kontrast. Diesen Kontrast erklärte man bisher als

einen Zusammenstoß von menschlichem Vermögen und Außenwelt, Kant aber

verlegt ihn ganz und gar in die eigene Seele des Menschen. »Erhaben

ist die Natur in denjenigen ihrer Erscheinungen, deren Anschauung die

Idee ihrer Unendlichkeit mit sich führt. Dieses letztere kann nun nicht

anders geschehen als durch die Unangemessenheit selbst der größten

Bestrebung unserer Einbildungskraft in der Größenschätzung eines

Gegenstandes.« Wenn aber so das Erhabene daraus entsteht, daß die ganze

Macht der Einbildungskraft den Ideen der Vernunft unangemessen befunden

wird, so liegt die wahre Erhabenheit nicht im Naturobjekte, sondern im

Gemüte des Urteilenden. Damit ist wiederum der Schwerpunkt des Lebens

in die Innenwelt verlegt.

* * * * *

[Randnotiz: Kants einzigartige Größe]

Zum Rückblick und Abschluß seien nur einige Worte gestattet. Wie immer

man sich zu den einzelnen Problemen stellen mag, eine einzigartige

Größe Kants wird kein Unbefangener bestreiten. Eine ungeheure Kraft

erweist sich darin, alle Wissensgebiete nicht nur, sondern auch alle

Lebensinteressen der Menschheit mit offnem Blick zu umspannen und sie

doch zur Einheit zusammenzuzwängen, zugleich aber ihnen den eigenen

Stempel aufzuprägen. Kant stand überall auf dem Boden strenger, ja

strengster Wissenschaft, aber die Wissenschaft ist ihm, um einen

Ausdruck von ihm selbst zu gebrauchen, »die enge Pforte geworden, die

zur Weisheitslehre führt«. Das Ganze seines Werkes ist bei aller Ruhe

und Gründlichkeit seiner Arbeit voll innerer Bewegung, verschiedene

Strömungen entstehen und scheinen zunächst einander zu widerstreiten,

aber es gelingt, sie nicht nur miteinander auszugleichen, sondern

sie zu gegenseitiger Verstärkung zu verbinden. Ein wunderbares

Gleichgewicht der Stimmung entsteht daraus, daß dem Menschen nicht

nur sowohl eine Größe als eine Grenze zuerkannt wird, sondern daß

beides aufeinander angewiesen wird und sich gegenseitig zu fördern

vermag: nur die Grenze unseres Wissens macht die Größe unseres Handelns

möglich, und diese Größe selbst gibt der Begrenzung einen Wert.

Dem entspricht auch der Ton der Darstellung: durchgängig schlicht,

klar bestimmend, scharf scheidend, besonnen abwägend, nicht selten

schulmäßig schwerfällig; dann aber auf den Höhepunkten ein Durchbrechen

eines reinen und echten Enthusiasmus und zugleich eine ergreifende

Wärme und Einfalt der Darstellung. Überall der vollste Ernst, die

lauterste Wahrhaftigkeit, das Ganze wie ein offnes Bekenntnis von den

höchsten Dingen. Als Gesamtergebnis eine Befreiung des Menschen vom

Drucke der Außenwelt, eine unermeßliche Steigerung seiner Tätigkeit,

aber nicht in der Richtung nach außen hin, sondern in der gegen

sich selbst, eine Vertiefung des Seelenlebens, ja eine Entdeckung

und Belebung einer ganzen Welt in der Seele. Zugleich ein gewaltiger

Ansporn des Lebens, ein Aufruf zur Erringung seines eigenen Wesens und

zum unermüdlichen Kampf gegen alles, was draußen und mehr noch drinnen

unseren höchsten Aufgaben widersteht. Kant hat mehr in dem Menschen

sehen gelehrt und mehr aus dem Menschen gemacht. Das können nur große

Denker, und er ist einer der größten. Uns Deutschen aber hat er, ohne

daß er viel vom deutschen Wesen sprach, den eigentümlichen Idealismus

ausgebildet, auf den unser Wesen angelegt ist. Das ist ein anderer

Idealismus als der indische mit seiner Verflüchtigung der Welt und

seinem Ersehnen tatloser Ruhe, ein anderer auch als der griechische mit

seiner Schätzung der Welt als eines herrlichen Kunstwerkes und seiner

Erfüllung des Lebens durch die lustvolle Anschauung der ewigen Zier.

Vielmehr ist es ein herber und kräftiger Idealismus, ein Idealismus

der Tat, der die Welt um uns voller Verwicklung findet, der aber in

uns das Vermögen entdeckt, eine neue Welt zu entfalten, der in solcher

Entfaltung eine schwere Aufgabe findet, aber dabei auch eine innere

Erhöhung erfährt und aus ihr stark genug wird, allen Gegnern draußen

und drinnen zu trotzen und mutig den Kampf gegen die Unvernunft

unseres Daseins aufzunehmen. Dieser Idealismus, der von alters her

in uns Deutschen wirkt, hat durch die Befreiungstat Kants auch einen

festen wissenschaftlichen Boden erhalten; auf diesem Boden haben die

Nachfolger weitergebaut, und auch wir wollen ihn nicht verlassen.

* * * * *

[Randnotiz: Kant und Schiller]

Die gewaltige Wirkung Kants bedarf keiner Schilderung; daß er nicht

nur die Philosophie in eine neue Bahn getrieben, sondern auch das

allgemeine Leben aufrüttelnd, vertiefend, befestigend ergriffen hat,

das steht uns deutlich vor Augen. So sei nur mit einigen Worten seiner

Förderung unseres größten dramatischen Dichters gedacht. Bei Schiller

kam einer Philosophie der Tat ein starker Trieb zum Handeln aus der

eignen Natur entgegen, aber dieser Trieb erhielt durch die Berührung

mit jener Philosophie eine Läuterung und Veredlung. Mit ganzer Seele

stand Schiller zur kantischen Freiheitslehre, zu seiner Erhebung des

Menschen über allen Mechanismus der bloßen Natur, zu seiner Erweckung

eines stolzen Selbstbewußtseins des Menschenwesens als eines Gliedes

des Reiches der Freiheit. Ebenso wie bei Kant verhindert aber auch bei

Schiller der feste Glaube an menschliche Größe nicht eine unbefangene

Würdigung all des Trüben und Schlechten, was nicht nur die Verhältnisse

draußen, sondern auch die menschlichen Gesinnungen zeigen. Auch

Schiller gewinnt eine Sicherheit und Freudigkeit gegenüber dem tiefen

Dunkel des Lebens nicht durch eine bequeme Verständigung mit der Welt,

die uns umgibt, er gewinnt sie durch die Erhebung in ein der Seele

gegenwärtiges Reich der Vernunft, das den Menschen der Welt überlegen

macht und eine neue Schätzung der Güter einführt. So teilt Schiller

mit Kant auch die gewaltige Kraft der Aufrüttelung und Bewegung, die

tapfere Gesinnung, den Antrieb zu Kampf und Sieg. Was Goethe von sich

bekannte, Schiller habe ihn auf sich selbst zurückgeführt und ihm eine

zweite Jugend verschafft, das gilt über die einzelne Persönlichkeit

hinaus für das Ganze des deutschen Volkes: der große Dichter, der durch

die Schule des großen Denkers gegangen ist, kann auch auf die kommenden

Geschlechter zur Befreiung, Befestigung, Verjüngung wirken. Seine Kunst

ist uns vielfach ferngerückt, seine Denkweise muß uns bleiben.

Fichte

Keiner von unseren großen Denkern berührt sich so eng mit der

politischen Lage und den nationalen Fragen der Gegenwart wie Johann

Gottlieb Fichte (1762--1814). Er hat den jähen Zusammenbruch des alten

Staatssystems in tiefer Erschütterung miterlebt, er hat dann sofort

seine ganze Kraft in den Dienst eines Neuaufbaues gestellt, und er

hat in seinen im Winter 1807/08 gehaltenen Reden an die deutsche

Nation sein Volk sowohl aufgerüttelt als ihm festen Mut eingeflößt.

Er konnte das, weil auch die schwersten Ereignisse nicht im mindesten

seinen Glauben an unser Volk und seine Zukunft erschütterten, er fand

Glauben und er erweckte Glauben, weil ein solcher aus seiner Seele

quoll; sein felsenfestes Vertrauen auf eine siegreiche Auferstehung des

deutschen Volkes hat er in einer Zeit verkündet, wo Berlin noch von

französischen Truppen besetzt war, und wo bisweilen der Trommelschlag

ihrer vorüberziehenden Bataillone die Stimme des Redners übertönte. Mit

solcher Kraft und solcher Wirkung zu seinem Volke sprechen konnte er

aber nur, weil hinter seinen Worten eine charaktervolle Persönlichkeit

und auch eine selbständige Gedankenwelt stand; an die Ausbildung dieser

hatte er die Arbeit seines ganzen Lebens gesetzt; erst ein Einblick

in diese Welt und eine Vergegenwärtigung der Persönlichkeit, die sie

schuf, läßt uns die volle Wucht seiner nationalen Arbeit verstehen.

* * * * *

[Randnotiz: Leben und eigentümliche Art]

Fichte, der Sohn eines Leinewebers aus der Lausitz, hatte sich

aus dürftigen Verhältnissen mühsam und unter vielfachen Sorgen

emporgearbeitet. Aber er war eine starke Natur; was die Not des

Lebens ihm an äußerer Abhängigkeit auferlegte, das hat seine innere

Unabhängigkeit, ja Überlegenheit nicht im mindesten angetastet. Wie

er auch im Dienen zu herrschen verstand, das zeigt zum Beispiel die

Tatsache, daß er in Zürich als Hauslehrer in einer bürgerlichen

Familie die Mutter der Kinder zwang, jeden Sonntag anzuhören, welche

Erziehungsfehler im Laufe der Woche begangen seien. Schwerer aber

als alle äußeren Kämpfe waren Verwicklungen in seiner Seele, war ein

ungelöster Widerspruch zwischen seinem Denken und seinem Streben. Aus

tiefster Natur heraus trieb es ihn zu rastlosem Wirken und ließ ihn für

solches Wirken volle Freiheit verlangen; sein Verstand aber war dem

Spinozismus verfallen, der ihm die Welt als eine strenggeschlossene

Verkettung von Ursachen und Wirkungen vorhielt und daher der Freiheit

nicht den mindesten Platz gewährte. Aus diesem Zwiespalt erlöste ihn

die Kantische Philosophie, er fand in ihrer Erweisung der Kausalität

als einer bloßmenschlichen Anordnung der Wirklichkeit eine Rettung der

Freiheit auf dem eigenen Boden der Wissenschaft, er ergriff sofort mit

feurigem Eifer das Ziel, diese Philosophie zu verkünden und zugleich

sie weiter auszubauen.

* * * * *

Denn nach einem solchen Ausbau drängte allerdings die eigentümliche

Art seiner Seele und zugleich das Verlangen seines Denkens. Seine Art

war von der Kants in wesentlichen Stücken verschieden. Kant ging im

Forscherleben auf; wohl hielt er der Menschheit mit zwingender Kraft

ein Reich der Freiheit vor und vertiefte damit aufs wesentlichste

ihr Leben, aber die ungeheure Arbeit der geistigen Umwälzung, die

er vollzog, beherrschte ihn viel zu ausschließlich, als daß es ihn

irgendwie zu einer praktischen Tätigkeit, einem Eingreifen in den

Befund der Dinge hätte drängen können. Wie ferner seine Arbeit mit

aller vordringenden Kraft höchste Sorgfalt und Besonnenheit verband, so

war er peinlich darauf bedacht, die dem Menschen neu eröffnete Größe

gewissenhaft abzugrenzen; die Selbsttätigkeit der Vernunft fand beim

Erkennen eine feste Schranke, indem hier ein unerforschliches Reich

der Dinge den unentbehrlichen Stoff zu liefern hatte; alles ward hier

aufs sorgsamste abgewogen, eben die Ausgleichung der verschiedenen

Interessen, die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen ihnen, bildet

eine unbestreitbare Höhe der Kantischen Leistung.

* * * * *

Fichtes eigentümliche Art drängte nach wesentlich anderer Richtung,

jene überlegene Weisheit konnte ihm nicht das letzte Wort bedeuten. So

groß seine Denkkraft war, in ihm überwog der Trieb des Handelns, riß

das Denken mit sich fort, ja verwandelte es selbst in ein Handeln, in

ein Aneignen, Umwandeln, Beherrschen der Gegenstände. So sucht Fichtes

Denken einfache, gerade Linien, es entwirft große Umrisse und geht

rasch über das Einzelne weg, mit unerbittlicher Konsequenz verfolgt

er seine Bahn, wird durch keine Versuchung abgelenkt, wirft alles

nieder, was ihm den Weg versperrt. Sein Ja verficht er mit männlicher

Unerschrockenheit und ohne die mindeste Einschränkung, sein Streben

geht stets auf etwas Ganzes, Letztes, Unbedingtes, er liebt das Wort

»schlechthin«, er haßt das »gewissermaßen«; »ich bekenne, daß ich dies

›gewissermaßen‹ und ihre ganze Familie nicht liebe. Weißt du etwas

Gründliches und willst du es uns sagen, so rede bestimmt und ziehe

statt deines ›gewissermaßen‹ eine scharfe Grenze; weißt du nichts oder

getraust du dich nicht zu reden, so laß es ganz sein. Tue nichts halb!«

Sein Interesse ist ganz überwiegend dem Menschen und dem Menschenleben

zugewandt, hier will er bessern und bekehren, umwandeln und erneuern,

die übrige Welt bleibt ihm bloße Umgebung. Solches Drängen zum

Wirken fordert gerade Linien und entschiedene Antworten; der reine

Denker kann Fragen offenlassen und in der Zurückhaltung selbst eine

Größe erweisen; wer die Menschen zum Handeln aufruft, der darf nicht

zwischen verschiedenen Zielen schwanken und auch nicht auf halbem Wege

stehenbleiben.

[Randnotiz: Das »Ich«]

Aus solcher geistigen Art empfand Fichte die Kantische Begrenzung als

eine unerträgliche Einengung, ja er glaubte erst die volle Konsequenz

der Kantischen Bewegung zu ziehen, Kant selbst erst recht zu verstehen,

wenn er alle solche Schranken niederriß, den Begriff der Dinge an

sich gänzlich strich, die geistige Tätigkeit zu schöpferischem Wirken

aufrief und alle Wirklichkeit als ihr Erzeugnis zu verstehen suchte.

Er konnte das natürlich nicht, ohne im Menschen ein ursprünglicheres

und kräftigeres Leben aufzudecken, als das unmittelbare Seelenleben

zeigt, er fand das im »Ich«, das ihm nicht einen ruhenden Punkt,

sondern ein tätiges Prinzip, ein aus sich selbst bewegtes und

zu sich zurückkehrendes Handeln bedeutete, es war ihm nicht das

einzelne Individuum, sondern als »reines« Ich, als »absolutes« Ich,

als »Intelligenz« eine alle Individuen durchdringende, bewegende,

weitertreibende Macht. Diese Macht sollte mit ihrer durch Satz und

Gegensatz fortschreitenden Bewegung in sicherem Zuge die ganze

Wirklichkeit erzeugen; die Welt aber, die als scheinbar in sich selbst

beruhend uns gegenüberliegt, sollte in diese Tätigkeit zurückgenommen,

dadurch erst wahrhaft durchleuchtet und in ein Reich der Vernunft

verwandelt werden.

* * * * *

Die nähere Ausführung dessen kann uns hier nicht beschäftigen, zur

gerechten Würdigung des Unternehmens sei nur daran erinnert, daß es

einer Zeit angehört, die ganz an den Problemen des Menschenlebens

hing und das Weltall mit feiner Natur ganz im Hintergrunde beließ;

nicht minder sei dessen gedacht, daß die philosophische Arbeit von

hier aus stärkste Antriebe zu einem systematischen Zusammenhange und

zur Anerkennung einer durch den Gegensatz fortschreitenden Bewegung

empfangen hat. Soll doch die »Wissenschaftslehre«, welche die Lehre

von einem absoluten Ich in ihre Konsequenzen zu entwickeln hat, »für

alle möglichen Wissenschaften die Grundsätze und die systematische Form

begründen«.

Wir beschränken uns auf die Darlegung der Hauptantriebe, welche die

Gestaltung des Lebens von dieser Lehre empfangen hat.

[Randnotiz: Das Wollen als Hauptkraft der Seele]

Zunächst erscheint es als ein unermeßlicher Gewinn, wenn nicht von

einer Tatsache, sondern von einem Handeln begonnen wird. »Geht die

Philosophie von der Tatsache aus, so stellt sie sich in die Mitte

des Seins und der Endlichkeit, und es wird ihr schwer werden, aus

dieser einen Weg zum Unendlichen und Übersinnlichen zu finden; geht

sie von der Tathandlung aus, so steht sie gerade auf dem Punkte,

der beide Welten verknüpft, und von welchem aus sie mit Einem Blick

übersehen werden können.« Zugleich wird gezeigt, daß unser Handeln

und Wollen nicht von den Systemen unserer Vorstellungen, sondern daß

das System der Vorstellungen von unserem Triebe und unserem Wollen

abhängt. So wird das Wollen zur Hauptkraft der Seele, zur Kraft,

welche letzthin auch über die Richtung des Denkens entscheidet. »Die

Sphäre unserer Erkenntnis wird bestimmt durch unser Herz; nur durch

unser Streben umfassen wir, was je für uns dasein wird.« Namentlich

ist der Hauptgegensatz in der Stellung zur Welt, wie er nach Fichtes

Ausdruck in Dogmatismus und Idealismus vorliegt, nach ihm nicht durch

wissenschaftliche Erörterung zu entscheiden, sondern er fordert eine

Entscheidung des ganzen Menschen. Der Dogmatismus anerkennt eine

gegebene Welt und macht sich zugleich von ihr abhängig, der Idealismus

hebt über alle solche Bindung hinaus, versteht alle Wirklichkeit aus

dem Handeln der Intelligenz und gewährt uns zugleich volle Freiheit. An

dieser entscheidenden Stelle gilt das Wort: »Was für eine Philosophie

man wähle, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist.«

* * * * *

Das Ziel der Ziele wird hier Selbsttätigkeit um der Selbsttätigkeit

willen, das aber nicht als eine Sache blinden Naturtriebs, sondern

als eine Forderung und eine Pflicht. Es gilt unser empirisches Ich

dem absoluten Ich unterzuordnen und dieses in jenem möglichst rein

darzustellen, unser ganzes Leben verwandelt sich damit in eine Aufgabe

und eine Pflicht, eine Pflicht an erster Stelle nicht gegen andere,

sondern gegen uns selbst, in einen unablässigen Antrieb zur Erringung

unseres echten Wesens, zur Abschüttelung alles dessen, was uns beengt

und niederdrückt, zur Ausbildung voller Freiheit und Selbständigkeit.

Daher ist die Pflicht kein von draußen auferlegtes Gebot, keine bloße

Polizei des Lebens, sondern die stärkste Lebensbewegung selbst, ein

mutiger Aufstieg zur eigenen Höhe.

* * * * *

[Randnotiz: Selbsttätigkeit]

Damit erhält der Mensch den Antrieb, nichts von dem, was er draußen

um sich findet, unbesehens und gutgläubig hinzunehmen, vielmehr

werde alles gewissenhaft geprüft und nichts geduldet, was nicht

aus unserm eigenen Denken und Leben hervorgeht und nicht vor der

Vernunft sein gutes Recht zu erweisen vermag. Auch in unserm Innern

bleibe nichts in trägem Schlummer, werde nichts bloß gewohnheitsmäßig

fortgeführt, sondern alles werde belebt, alles unter der Leitung der

Vernunft zu möglichst kräftiger Betätigung aufgerufen. Als Quelle

aller Laster erscheint hier die Faulheit, als das »radikale Übel« die

Trägheit; eine starre Routine aber, welche die Steigerungsfähigkeit

menschlichen Vermögens verkennt, wird gewarnt, die Stärke, die ein

großer Entschluß geben wird, nicht nach der zu beurteilen, die wir alle

Tage haben. Aller ängstlichen Berechnung des Vermögens stellt Fichte

die Überzeugung entgegen, daß der Mensch kann, was er soll, und daß

er nicht wahrhaft will, wenn er sagt, daß er nicht kann. In diesem

Gedankengange erscheint als der Zweck des Erdenlebens der Menschheit

der, daß sie alle Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft

einrichte, und die Kultur wird definiert als »Übung aller Kräfte auf

den Zweck der völligen Freiheit, der völligen Unabhängigkeit von allem,

was nicht wir selbst, unser reines Selbst ist«. Solcher Überzeugung

wird alles wertvoll, was die Tätigkeit zu steigern verspricht, so das

Bedürfnis, so selbst der Schmerz, indem er zur Tätigkeit reizt.

Als selbstverständlich erscheint dabei die Forderung, daß der Mensch

aus eigener Entscheidung handle und sich nicht durch etwas Fremdes

bestimmen lasse; »sei dir selbst alles oder du bist nichts«; »wer auf

Autorität hin handelt, handelt notwendig gewissenlos«. Nur eigene

Freiheit führt zur Moralität. In unverkennbarem Hinblick auf Kant und

in deutlicher Scheidung von ihm wird die Formel aufgestellt: »Handle

so, daß du die Maxime deines Willens als ewiges Gesetz für dich denken

kannst«; vollkommene Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst

bildet das höchste Ziel.

Aber die Begründung des Menschen auf sein eigenes Wollen und Wesen

bedeutet für Fichte nicht eine Isolierung, nicht eine Absonderung von

andern Menschen. Wie es Fichte persönlich in allem, was er dachte und

tat, zum Menschen und zum Wirken auf den Menschen trieb, so verficht er

auch als Philosoph die Überzeugung, daß der Mensch, als Vernunftswesen,

nur unter Menschen ein Mensch wird.

Die menschliche Gesellschaft ist recht gefaßt nicht eine Hemmung,

sondern eine Förderung der Freiheit und Selbsttätigkeit, sie sei

aber gefaßt als »die Beziehung der vernünftigen Wesen aufeinander«,

ihr Charakter ist »Wechselwirkung durch Freiheit«. Es entwickelt

sich hier das Verhältnis des Rechts. Es kann nämlich das endliche

Vernunftwesen nicht noch andere endliche Vernunftwesen außer sich

annehmen, ohne sich zu diesen in ein bestimmtes Verhältnis zu

setzen, und dies eben nennt man das Rechtsverhältnis. »Ich kann einem

bestimmten Vernunftwesen nur zumuten, mich für ein vernünftiges Wesen

anzuerkennen, inwiefern ich es selbst als ein solches behandle.« So muß

ich meine Freiheit so weit einschränken, daß seine Freiheit möglich

wird. Jede Person hat das Recht, in der Sinnenwelt nur Ursache zu

sein. Das Recht entspringt nicht aus dem Staat, sondern aus unserer

vernünftigen Natur; der Staat erscheint als ein besonderes Mittel zur

Herstellung einer vollkommenen Gesellschaft. »Die Übereinkunft über die

gemeinschaftlichen Rechte in der Sinnenwelt heißt der Staatsvertrag,

und die Gemeine, die übereingekommen ist, der Staat.« Da der Staat

ein bloßes Mittel ist, kann er nicht als Selbstzweck gelten und von

bleibender Dauer sein; es heißt daher: »der Staat geht, wie alle

menschlichen Institute, die bloße Mittel sind, auf seine eigene

Vernichtung aus; es ist der Zweck aller Regierung, die Regierung

überflüssig zu machen«.

[Randnotiz: Der Rechts- und Freiheitsstaat]

So entsteht der Rechts- und Freiheitsstaat, der vor allem den Schutz

der Selbständigkeit der Individuen zum Ziele hat. Es liegt in der

Idee dieses Staates, daß jeder als Staatsbürger an der Gesetzgebung

mitwirke, denn nur so wird das Gesetz sein eigener Wille und erlangt

für ihn eine verpflichtende Kraft. »Kein Mensch kann verbunden werden

ohne durch sich selbst.« Wir dürfen nicht aus unsrer Art andere

beglücken wollen, sondern jeder hat sich selbst zu kultivieren.

Niemand darf sich von der Gemeinschaft absondern und einen Staat

im Staate bilden wollen, niemand überhebe sich über andre; »jeder,

der sich für einen Herrn anderer hält, ist selbst ein Sklave«.

Unterschiede der bürgerlichen Stellung sind unvermeidlich, aber sie

haben zurückzutreten vor der »Gleichheit alles dessen, was menschliches

Angesicht trägt«. Aus solcher Überzeugung erörtert Fichte die Frage,

ob, wenn ein Mensch in Lebensgefahr gerät, ein jeder, wie immer seine

bürgerliche Stellung sei, auch unter Einsetzung seines eigenen Lebens

zur Hilfe verpflichtet sei. Fichte bejaht diese Frage bedingungslos,

da vor dem höchsten Gesetz Menschenleben von gleichem Werte sei; er

billigt durchaus das dem Prinzen Leopold von Braunschweig, der 1785 bei

Rettung Überschwemmter in der Oder ertrank, zugeschriebene Wort: »Hier

gilt es Menschenleben; was bin ich da mehr als ihr?«

* * * * *

Schon in solcher warmen Schätzung des Menschen überschreitet Fichte

den herkömmlichen Rechts- und Freiheitsstaat, er tut es weiter mit

seiner Forderung, dem Gelehrtenstand solle die oberste Aufsicht über

den Fortgang des Menschengeschlechts und die Beförderung dieses

Fortgangs anvertraut werden, er tut es am meisten in der kräftigen

Betonung der sozialen Aufgaben, wie wir es heute nennen würden. Die

Selbständigkeit der Persönlichkeit fordert nach seiner Überzeugung,

daß jeder Staatsbürger ein Eigentum habe; verlangt wird ferner, daß

jeder arbeite und daß er von seiner Arbeit leben könne; »jeder muß

das Unentbehrliche haben, das ist unveräußerliches Menschenrecht«:

entstehen dabei Verwicklungen, so müssen die einen, die in Luxus leben,

Entbehrliches aufgeben, damit die andern Unentbehrliches haben.

Vielleicht haben nach dieser Richtung die Jugenderfahrungen Fichtes

mitgewirkt, jedenfalls bekundet die Wärme, die er gerade bei diesen

Fragen zeigt, wie sehr sie seine Seele bewegen.

* * * * *

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 3 / 13 段