»Pflicht! Du erhabener großer Name --, welches ist der deine

Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

Weitere Anmerkungen zur Transkriptions finden sich am Ende des

Buches.

Männer und Völker

Die Träger

des deutschen Idealismus

Die Träger

des deutschen Idealismus

Von

Rudolf Eucken

[Illustration]

Weihnachten 1915

Verlag Ullstein & Co, Berlin

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co Berlin.

Meinen lieben Söhnen

Arnold und Walter,

die beide im Felde stehen

Zum Geleit

Dies Buch will kein Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung sein,

es möchte allen Gliedern des deutschen Volkes dienen, welche die

Erfahrungen unserer gewaltigen Zeit mit voller Seele teilen. Ungeheures

geht bei uns vor, Ungeheures müssen wir wirken und leiden, Ungeheures

fordert von uns die eherne Gegenwart. Um dem gewachsen zu sein,

bedürfen wir nicht nur seelischer Kraft, sondern auch eines freudigen

Vertrauens auf unser Volk, auf seine Tüchtigkeit und seine Größe. Kann

nun überhaupt die Vergegenwärtigung dessen, was an Großem bei uns und

von uns geschah, solches Vertrauen stärken, so gebührt dabei auch den

Denkern ein Platz, welche wir als Träger des deutschen Idealismus

verehren. In schweren Zeiten haben sie vom Grunde ihrer Seele her eine

geistige Welt entwickelt, welche bei aller Sorge für die Menschheit an

erster Stelle deutsche Überzeugung und deutsche Gesinnung bekundet, sie

zeigen uns deutlich die Tiefe und den Reichtum des deutschen Wesens,

sie zeigen nicht minder deutlich, daß es darauf gerichtet ist, das

Ganze des menschlichen Lebens zu heben, mehr aus dem Menschen zu

machen, ihn durch die Entfaltung einer Innenwelt auch dem All enger zu

verbinden. Ihr nun, die ihr kämpft, und auch ihr, die ihr leidet, ihr

sollt sehen und wissen, daß das, wofür ihr kämpft und leidet, etwas

Großes, etwas Einzigartiges, etwas Unentbehrliches ist, ihr sollt das

erkennen nicht aus lehrhaften Reden, sondern aus dem Bilde der Männer

selbst, die ihr Leben an höchste Ziele setzten, die auf ihrem Gebiet

ebenfalls tapfere Kämpfer waren, und denen das Streben nach Wahrheit

eine viel zu ernste, viel zu aufregende Sache war, als daß Sorge und

Schmerz sie hätten verschonen können. Möchte die Vergegenwärtigung

ihrer Lebensarbeit euch in eurem Ringen wohltuend sein, möchte sie euch

in dem Vertrauen bestärken, daß unsere deutsche Sache mit all dem Hohen

und Heiligen, was sie enthält, zum Siege gelangen muß. Auch werdet ihr

sehen, daß jene Männer den Kampf für das Vaterland vollauf zu würdigen

wußten; ihr seid ihre Erben, ihr dürft euch ihnen innerlich nahe fühlen.

* * * * *

Dies unserer Arbeit gesteckte Ziel entscheidet auch über ihre Wege,

es setzt der Erörterung bestimmte Grenzen sowohl in der Auswahl

des Stoffes als in der Art der Behandlung. Über das Nähere dieser

Abgrenzung läßt sich verschiedener Meinung sein, darüber streiten wir

nicht, wir geben nichts anderes als unsere eigene Überzeugung von

diesen Dingen, indem wir meinen, daß eine solche Schrift entweder

persönlicher Art sein muß oder überhaupt keine Berechtigung hat. So sei

denn dieses Bild der Hauptträger des deutschen Idealismus kämpfenden

und suchenden Seelen zu freundlicher Betrachtung empfohlen.

+Jena+, im zweiten Jahre des großen Krieges.

+Rudolf Eucken.+

Inhalt

Seite

Zum Geleit 9

Von Meister Eckhart bis Kant 15

Kant 27

Fichte 73

Die Romantik 111

Schelling 123

Schleiermacher 161

Hegel 189

Zeitgenossen Hegels 227

Rückblick und Ausblick 233

Sachregister 249

Von Meister Eckhart bis Kant

Den Ausgangspunkt unserer Untersuchung hat Kant zu bilden. Denn so viel

Schätzbares schon vor ihm auch in der Philosophie geleistet war, es ist

uns das heute mehr ein Gegenstand gelehrter Forschung als ein Quell

ursprünglichen Lebens.

[Randnotiz: Meister Eckhart]

Kant vornehmlich hat die geistige Atmosphäre geschaffen, innerhalb

derer der deutsche Idealismus seine eigentümliche Gestalt und seine

hinreißende Kraft gewonnen hat; alles Spätere hat sich an ihm und von

ihm aus entwickelt. Immerhin bedarf es einiger Worte der Erinnerung

daran, daß die Denkarbeit der Deutschen nicht eine Leistung von

gestern auf heute ist, wie unsere Gegner oft sagen, daß sie vielmehr

von der Höhe des Mittelalters her an der Kulturbewegung einen

stattlichen Anteil genommen hat. Dabei ist namentlich wertvoll, daß

sie auch auf das Ganze unseres Lebens von alters her erhöhend gewirkt

hat. Es geschah das vornehmlich nach zwiefacher Richtung: in einer

geistigen Durchleuchtung und seelischen Annäherung der Religion, und

in einer hohen Fassung und Schätzung des Erkennens selbst; beides

hängt eng miteinander zusammen und entspringt derselben Hochhaltung

der Innerlichkeit als der Hauptstätte von Leben und Wirken. Eine

Verinnerlichung der Religion war das leitende Ziel der Mystik, diese

aber findet ihre Höhe in der philosophischen Arbeit Meister Eckharts (†

1327). All sein Denken ist darauf gerichtet, die Seele Gott unmittelbar

zu verbinden, sie ganz und gar auf ihren göttlichen Ursprung als auf

ihr wahres Wesen zurückzuführen, ihr in Ablegung aller unterscheidenden

Besonderheit eine unvergleichliche Größe und Seligkeit zu erringen.

Dazu aber bedarf es energischer Erkenntnisarbeit. Denn wohl hängt unser

Wesen daran, daß Gott uns nahe und gegenwärtig ist, aber zur vollen

Einigung mit ihm bedarf es der Arbeit des Erkennens. »Nicht schon davon

sind wir selig, daß Gott in uns ist, sondern daß wir ihn erfassen

und erkennen, wie nahe er uns ist. Denn was hülfe es einem Menschen,

wenn er König wäre und wüßte es nicht?« Die dazu nötige Umwälzung

aber, die Eckhart mit gewaltiger Kraft und in wunderbarer, deutscher

Sprache anregt, ist nicht möglich ohne eine mutige Losreißung von allem

Äußeren und eine völlige Wendung des Lebens ins Innere. »Will die Seele

Frieden und Freiheit des Herzens in einer stillen Ruhe finden, so muß

sie wieder heimrufen allen ihren Kräften und sie sammeln von allen

zerstreuten Dingen in ein inwendiges Wirken.« So hat denn auch das

Wort »Gemüt« als Bezeichnung für das innerste Heiligtum der Seele, die

Abgeschiedenheit von aller Außenwelt, das »Fünklein« Gottes in uns, den

auszeichnenden Sinn erhalten, in dem Fichte die Deutschen das Volk

des Gemütes genannt hat. Diese Innerlichkeit erhebt die Religion über

alle äußeren Formen und Einrichtungen, aber sie soll diese nach Eckhart

nicht zerstören, sie wirkt bei ihm innerhalb der kirchlichen Ordnung,

nicht gegen sie; dabei aber bleibt es, daß alles Äußere nur als Gefäß

des inneren Lebens irgendwelchen Wert besitzt, und daß bei ihm volle

Freiheit der Gestaltung herrschen muß. Denn nicht allen Menschen ist

derselbe Weg gewiesen, »was des einen Leben, das ist des anderen Tod«.

Die mystische Bewegung konnte unmöglich die Höhe Eckharts dauernd

behaupten, aber sie hat als ein, wenn auch oft verborgener Nebenstrom

das deutsche Leben durch die Jahrhunderte treu begleitet und

durchgängig zur Freiheit und Verinnerlichung gewirkt, sie hat auch auf

protestantischem Boden Wurzel geschlagen und hier die merkwürdige,

ja rührende Gestalt Jakob Böhmes (1575--1624) hervorgebracht, der

als schlichter Schuhmachermeister schwerste Probleme in einer Weise

behandelt hat, die immer von neuem tiefsinnige Geister zu ihm

zurückrief. Schwer ringen sich bei ihm die Gedanken zu voller Klarheit

auf; wo das aber gelingt, da erscheint eine großartige Kraft und

Einfalt. Sein philosophisches Hauptproblem ist der Ursprung des Bösen,

und wenn ihn dies Problem zu höchst gewagten Spekulationen führt, so

hat es ihn die Gegensätze der Welt vollauf würdigen und in großen Zügen

schildern lassen. So heißt es z. B.: »Um die Morgenröte scheidet

sich der Tag von der Nacht und wird ein jedes in seiner Art und Kraft

erkannt. Denn ohne Gegensatz wird nichts offenbar, kein Bild erscheint

im klaren Spiegel, so eine Seite nicht verfinstert wird. Wer weiß von

Freuden zu sagen, der kein Leid empfunden, oder vom Frieden, der keinen

Streit gesehen oder erfahren hat?«

Dieselbe Gesinnung aber, welche aus der Seele eines schlichten

Mannes quillt, fand auf der Höhe der wissenschaftlichen Arbeit

volle Schätzung. Wir denken hier vornehmlich an Leibniz. Er, der

weltumspannende und weltdurchdringende Forscher, nähert sich in

tiefster Seele der Mystik, wie das namentlich seine deutschen Schriften

zeigen. Aus ihrer Denkweise stammen z. B. die Worte: »Gott ist das

Leichteste und Schwerste, so zu erkennen, das Erste und Leichteste in

dem Lichtweg, das Schwerste und Letzte in dem Weg des Schattens.«

* * * * *

[Randnotiz: Deutsche und englische Denkart]

Es stellt sich aber die deutsche Philosophie über die Mystik hinaus

eigentümlich zur Religion, wesentlich darin verschieden von der

Philosophie benachbarter Völker. Die englische Philosophie neigt

dahin, Religion und Wissenschaft voneinander gänzlich zu trennen, sie

gestattet es, hier und dort grundverschiedene Richtungen einzuschlagen;

die französische stellt beide Gebiete leicht in schroffsten Gegensatz

und zwingt, zwischen ihnen zu wählen; die deutsche möchte jedem sein

Recht zuerkennen, beide aber in eine innere Verbindung bringen und

das eine durch das andere fördern. Diese Denkart mag manche Gefahren

enthalten, aber sie wirkt dahin, die Religion ins Weite, Freie und

Innerliche zu bilden, in die Philosophie aber die Sorge um die höchsten

Wesens- und Lebensfragen der Menschheit einzuschließen.

* * * * *

In anderer Richtung wirkte die deutsche Denkarbeit zur Erhöhung des

Lebens durch die Art, wie sie das Erkennen selbst verstand. Es gilt ihr

nicht als ein Mittel für außer ihm liegende Zwecke, sondern als ein

völliger Selbstzweck, es trägt reinste Freude und Befriedigung in sich

selbst, es liegt nicht in einer Reihe mit anderen Tätigkeiten, sondern

es bildet die beherrschende Höhe des ganzen Lebens, von der nach

allen Seiten hin Erleuchtung und Kräftigung ausgeht. Hier erscheint

ein starker Gegensatz deutscher und englischer Art. Die englischen

Denker neigen dahin, das Wissen als bloßes Mittel und Werkzeug für

das praktische Leben zu behandeln, es genügt ihnen ein Erkennen, das

dem Handeln gangbare Wege zeigt, so fehlt ihnen auch ein Antrieb, es

über diese Grenze hinaus zu verfolgen, sie haben eine starke Scheu vor

aller Metaphysik. Das schützt sie vor manchen Gefahren, aber es raubt

ihnen zugleich die Größe eines Denkens, das die Menschenseele mit dem

Ganzen der Welt und seiner Unendlichkeit ringen läßt und sie in solchem

Ringen über das bloße Alltagsleben hinaushebt. Die Deutschen dagegen

sehen eben in dem, was die Engländer eine Überspannung menschlichen

Vermögens schelten, die tiefste Seele der Forschung, sie können nicht

ruhen und rasten, bevor sie einen inneren Zusammenhang des Menschen mit

dem All ergründet haben; so ist der Deutsche von Haus aus Metaphysiker,

und er bleibt es selbst da, wo er eine Kritik an der überkommenen

Metaphysik übt, wie das vornehmlich bei Kant geschieht.

* * * * *

[Randnotiz: Nikolaus von Kues--Kepler]

Diese deutsche Schätzung des Erkennens teilen alle Höhen

philosophischer Arbeit. Gleich bei demjenigen deutschen Denker, der

die Philosophie der Neuzeit überhaupt eröffnet, bei Nikolaus von

Kues (1401--1464) erscheint sie in klaren Zügen. Hier heißt es:

»Immer möchte der Mensch was er erkennt mehr erkennen und was er

liebt mehr lieben, und die ganze Welt genügt ihm nicht, weil sie sein

Erkenntnisverlangen nicht stillt.« Eine ähnliche Denkweise beherrscht

Keplers Streben und läßt ihn seinem astronomischen System eine

philosophische und künstlerische Grundlage geben; läßt sich endlich

höher vom Erkennen denken, als es Leibniz tut, wenn er meint, »die

ganze Erde könne unserer wahren Vollkommenheit nicht dienen, es sei

denn, daß sie uns Gelegenheit gibt, ewige und allgemeine Wahrheiten zu

finden, so in allen Weltkugeln, ja in allen Zeiten und mit einem Wort

bei Gott selbst gelten müssen, von dem sie auch beständig herfließen«?

So nur einige hervorragende Stimmen aus der Reihe der deutschen Denker.

Solcher Schätzung ist untrennbar verbunden eine eigentümliche

Gestaltung der Erkenntnisarbeit. Sie wird nicht darauf beschränkt,

die Eindrücke der Umgebung aufzunehmen, zu ordnen und aufzuschichten,

sondern sie erzeugt eine Bewegung von innen heraus und besteht darauf,

alle Wirklichkeit in diese Bewegung hineinzuziehen; so will sie die

Dinge von innen her fassen und bis zum tiefsten Grunde durchleuchten;

in solchem Streben schafft sie große Gedankenwelten, in denen

die Bewegung vom Ganzen zum Einzelnen geht und eine durchgehende

Entwicklung alle Mannigfaltigkeit zusammenhält. Ohne Zweifel liegen

große Gefahren auf diesem Wege, aber es sind Gefahren der Größe, nicht

der Kleinheit.

* * * * *

[Randnotiz: Leibniz]

In einer Umgebung, die eine hohe Schätzung des Erkennens und einen

festen Glauben an die Macht des Denkens in sich trug, ist Immanuel Kant

(1724--1804) aufgewachsen. Es war der Geist Leibnizens, der, durch

Wolff schulmäßig auf Flaschen gezogen und dabei vielfach verdünnt,

die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts beherrschte. Diese Philosophie

bildet die wissenschaftliche Höhe der gesamten Aufklärungszeit. Sie

teilt mit dieser Zeit das unbedingte Vertrauen auf das Vermögen der

Vernunft, aber sie faßt die Vernunft möglichst weit, so daß nichts

von ihr unberührt bleibt, und daß sich die schroffsten Gegensätze

durch ihr ausgleichendes Wirken versöhnen. Leibniz ist ein Denker des

Sowohl -- als auch, nicht des Entweder--oder. Durch und durch moderner

Mensch, möchte er zugleich allen früheren Epochen volle Gerechtigkeit

widerfahren lassen, Vernunft und Geschichte verbleiben ihm nicht in

vorgefundener Entzweiung, sondern der Gesamtbefund der Geschichte wird

als ein Werk der Vernunft verstanden, auch Religion und Vernunft werden

zu engem Bündnis verknüpft. Indem er den Kern der Wirklichkeit in das

Innenleben setzt und geistige Macht die Welt beherrschen läßt, wahrt

er zugleich vollauf die selbständige Art der Natur; die unendliche

Vielheit der Welt entzückt und beschäftigt ihn, aber zugleich bleibt

sein Streben fest auf eine allumfassende Einheit gerichtet; er deckt

überall Leben und Bewegung auf, aber er sucht zugleich eine ewige

Wahrheit, die alle Bewegung trägt und zusammenhält. Um das Denken der

Überwindung so schroffer Gegensätze für fähig zu halten, muß er sein

Vermögen aufs höchste schätzen; indem er die kühnste Behauptung nicht

scheut, ja am Spiel der logischen Phantasie aufrichtige Freude hat,

erscheint er als der Hauptdenker der Barockzeit, als ein Ausdruck ihres

schrankenlosen Kraftgefühls, ihrer Lust an gewagten Konstruktionen,

aber auch ihrer unbegrenzten Bewegungsfülle. Sein ganzes System läuft

in eine künstliche Hypothese aus, in die Hypothese der prästabilierten

Harmonie, wonach Gott die Welt so eingerichtet habe, daß jedes Wesen

sich lediglich aus sich selbst entwickele, sein Vorstellungsreich

aus sich selbst erzeuge, daß dieses Vorstellungsreich aber ganz und

gar dem wirklichen Weltgeschehen und der Stellung des Einzelwesens

in ihm entspreche. Solche Künstlichkeit hat Leibniz viel Widerspruch

eingetragen und die Wirkung seiner Gedanken gehemmt, aber die

künstlichen Bildungen waren hier oft Hebel großer und fruchtbarer

Wahrheit. Hier nämlich entspringen die Grundgedanken, welche das

Schaffen unserer großen Dichter tragen, von hier aus wirkt die Idee

einer in sich selbst gegründeten und zugleich weltumspannenden

Persönlichkeit als eines Ebenbildes Gottes, von hier aus die einer

Entwicklung von innen heraus und eines stetigen Fortschritts ins

Unendliche, von hier aus wirkt ein fester Glaube an die Vernunft der

Wirklichkeit und zugleich ein freudiges Lebensgefühl, eine Lust am

Wirken und Schaffen, die einen verklärenden Glanz auch auf die Welt

um uns wirft und ihr Ganzes als die beste aller möglichen Welten

erscheinen läßt. Der wissenschaftlichen Arbeit aber hat Leibniz

zusammen mit dem Zuge ins Weite einen starken Antrieb zu gründlicher

Klärung und eindringender Analyse gegeben, seine Forschung zuerst

hat die Unendlichkeit des Kleinen zur Geltung gebracht. Es ist viel

logische Zucht von ihm ausgegangen; wie diese Zucht das 18. Jahrhundert

durchdrang, so ist auch Kant in ihr aufgewachsen und ohne sie nicht zu

denken.

Kant

Vor einer Befassung mit Kants Gedankenwelt sei mit einigen Worten

seines Lebenslaufes gedacht, steht er doch in enger Beziehung

zum Charakter seiner Arbeit. Kant (1724--1804) hat sich aus

schlichtbürgerlichen Verhältnissen unter mannigfachen Hemmungen

langsam emporgearbeitet, er hat auch seine geistige Eigentümlichkeit

weniger als ein Geschenk der Natur empfangen, als sie sich mühsam

durch Zweifel und Kämpfe hindurch errungen; er entspricht insofern der

gemeinsamen deutschen Art, deren Größe weniger in leichter und glatter

Naturbegabung als in treuer Arbeit und in unermüdlichem Vordringen zu

höchsten Höhen liegt. Auch Kants Leben war Arbeit, harte Arbeit, aber

eine Arbeit, die in die letzten Tiefen zurückgriff und den Gesamtstand

des Lebens verändert hat. Sein tägliches Leben verlief in streng

geordneter und vorsichtig abgemessener Weise; so sehr er ein offenes

Auge für alle Mitteilung der Zeit und Umgebung hatte, es trieb ihn

nicht in die Weite, um neue Eindrücke aufzunehmen -- er hat seine

ostpreußische Heimat nie verlassen --, noch weniger trieb es ihn zum

Eingreifen in das praktische Leben, sondern all sein Mühen ging in

höchster Konzentration dahin, die große Umwälzung, die sich seinem

Denken erschlossen hatte, zu voller Klarheit herauszuarbeiten und nach

allen Hauptrichtungen durchzubilden. Mag vieles in der Einrichtung

seines bürgerlichen und häuslichen Lebens dem ersten Anblick klein

und pedantisch scheinen, es hebt sich durch die Erwägung, daß es

pflichtgemäß einer großen Aufgabe diente, die unermeßliche Arbeit

forderte. Beim Eintritt in sein achtzigstes Lebensjahr schrieb Kant in

sein Tagebuch das Psalmwort: »Des Menschen Leben währet siebzig Jahre,

und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es köstlich ist, so ist

es Mühe und Arbeit gewesen.«

* * * * *

Gewissenhaftigkeit der Arbeit, peinliche Sorgfalt im kleinen, das ist

auch ein Hauptzug der Kantischen Philosophie. Der völlige Bruch mit

der Vergangenheit und die Eröffnung neuer Bahnen legte die Versuchung

nahe, lediglich weite Ausblicke zu entwerfen und sich mit flüchtig

hingeworfenen Umrissen zu begnügen. Nichts liegt Kant ferner als das.

Die neuen Gedanken werden nicht bloß skizziert, sondern aufs genaueste

bis ins einzelne durchgearbeitet und damit zugleich geprüft, alles

Schwelgen im Allgemeinen, alles prunkhafte Pathos ist Kant so zuwider

wie nur möglich, mit großer Entschiedenheit verbittet er sich eine

Bezeichnung seines Systems als eines »höheren« Idealismus. »Beileibe

nicht der höhere. Hohe Türme und die ihnen ähnlichen metaphysisch

großen Männer, um welche beide gemeiniglich viel Wind ist, sind

nicht für mich. Mein Platz ist das fruchtbare Bathos (die fruchtbare

Niederung) der Erfahrung.« In dem, was einfach scheint, ein schweres

Problem zu entdecken und dem Schlichten eine Größe zu geben, das ist

eine besondere Stärke Kants.

* * * * *

[Randnotiz: Der Pflichtgedanke]

Wenn das deutsche Volk heute eines Kant gedenkt und sein Lebenswerk in

höchsten Ehren hält, so hebt sich aus der Fülle seiner Leistung ein

Gedanke mit überwältigender Kraft und Klarheit hervor, das ist der

Gedanke der Pflicht: Kant ist dem deutschen Volke vor allem der Lehrer,

der Prophet der Pflicht, es entspricht der allgemeinen Überzeugung,

wenn auf seinem Grabe als bezeichnend für sein Leben und Werk die Worte

angebracht sind: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und

zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich

das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das

moralische Gesetz in mir.«

* * * * *

Aber war denn der Pflichtgedanke etwas so Großes und Neues, daß seine

Verfechtung dem Denker eine so überragende Stellung geben und sein

Wirken so eindringlich machen konnte? Der Gedanke der Pflicht ist

von jeher tief in die menschliche Seele eingegraben, und weder an

wissenschaftlicher Fassung noch an allgemeiner Anerkennung hatte es

ihm bis dahin gefehlt. Schon vor Jahrtausenden haben die Stoiker den

Begriff wissenschaftlich formuliert, die Aufklärungszeit hatte ihn neu

in den Vordergrund gerückt, und eben der Staat, dem Kant angehörte,

hatte den Pflichtgedanken durch Gesetz und Übung kräftig verkörpert.

Kein Geringerer als Friedrich der Große hat gesagt, die Wissenschaften

müßten als Mittel betrachtet werden, um uns fähiger zur Erfüllung

unsrer Pflichten zu machen (~les sciences doivent être considérées

comme des moyens qui nous donnent plus de capacité pour remplir nos

devoirs~).

* * * * *

Wie kommt es nun, daß uns beim Pflichtgedanken vornehmlich Kant vor

Augen tritt, und daß das deutsche Volk den Kern seines Wirkens in der

Verfechtung dieses Gedankens findet?

Unsre Antwort darauf ist folgende: Kant hat zunächst den Begriff der

Pflicht in vollster Schärfe erfaßt, er hat ferner ein schweres Problem

in ihm entdeckt und es klar herausgestellt, er hat endlich dies Problem

in durchgreifender Weise gelöst. Dies aber konnte er nicht, ohne ein

Ganzes der Gedankenwelt auszubilden und die Pflichtidee als die Höhe

einer das ganze Leben umfassenden Bewegung zu verstehen.

* * * * *

[Randnotiz: Pflicht und Neigung]

Kant hat die Pflichtidee in denkbarster Schärfe gefaßt. Die Pflicht ist

nur echt, wenn sie völliger Selbstzweck ist, wenn wir sie lediglich

ihrer selbst wegen tun, sie darf sich nicht auf unsre Neigungen

gründen, nicht als Mittel für unser Glück behandelt werden. Wo

immer das geschieht, da ist der Begriff der Pflicht verfälscht, und

das Handeln kann aus ihm keine Stärkung ziehen. »Die Ehrwürdigkeit

der Pflicht hat nichts mit Lebensgenuß zu schaffen; sie hat ihr

eigentümliches Gesetz, auch ihr eigentümliches Gericht, und wenn

man beide noch so sehr zusammenschütteln wollte, um sie vermischt,

gleichsam als Arzeneimittel, der kranken Seele zuzureichen, so

scheiden sie sich doch alsbald von selbst, und tun sie es nicht,

so wirkt das erste gar nicht.« Deshalb brauchen wir nicht unsere

Neigungen als schlecht zu verwerfen, aber aus ihnen kann nun und nimmer

pflichtmäßiges Handeln entspringen, wir müssen auch direkt gegen unsere

Neigungen handeln können und dürfen erst, wo das geschieht, vollauf der

Pflichtmäßigkeit unseres Handelns gewiß sein. Die Pflicht muß direkt

auf unseren Willen wirken, wir aber müssen zu ihr das Verhältnis der

Achtung haben: »die einzig sittliche Triebfeder ist die Achtung für das

Sittengesetz«.

* * * * *

[Randnotiz: Menschenwürde]

Läßt sich das alles erwägen und in seiner vollen Stärke anerkennen,

ohne daß ein schweres Problem darin erscheint? Kant selbst hat es in

folgende Worte gefaßt.

»Pflicht! Du erhabener großer Name --, welches ist der deiner würdige

Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche

alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt und von welcher

Wurzel abzustammen die unnachlaßliche Bedingung desjenigen Wertes

ist, den sich Menschen allein selbst geben können?« Was bedeutet die

Pflicht, die so gebieterisch zu uns spricht und so gänzliche Hingebung

fordert, wie kann sie sich selbst rechtfertigen? Die Pflicht bringt

an uns ein Gebot, das keinen Widerspruch duldet, aber dies Gebot kann

unmöglich uns von draußen auferlegt sein, kann unmöglich einen Befehl

einer außer uns befindlichen Macht bedeuten. Denn ein solcher Befehl

könnte nur durch die Vorhaltung eines Lohnes oder die Androhung einer

Strafe wirken; eine daraus entspringende Handlung würde aber lediglich

durch den Gedanken an ihre Folgen bestimmt sein und damit ihren

moralischen Charakter verlieren. Wer an Lohn denkt, der hat seinen

Lohn dahin. So kann das verpflichtende Gesetz nur aus unsrem eignen

Wesen stammen, wir selbst müssen die Gesetzgeber sein. Aber wenn das

möglich sein soll, so müssen wir uns selbst völlig anders verstehen,

als wir es bis dahin taten. Wir dürfen nicht bloß Naturwesen sein und

den Verkettungen der Natur unterliegen, es muß in uns eine höhere Art,

ein selbständiges Leben wirken, das sich selbst seine Gesetze gibt

und in ihrer Durchführung das höchste der Ziele findet. Dies aber ist

in der Tat der Fall, es erscheint in uns eine praktische Vernunft,

nicht als etwas von draußen Herangebrachtes, sondern als die Tiefe

unsres eignen Wesens, als unser wahres Wesen. In dieser Vernunft

aber liegt die Forderung, daß das Handeln sich ganz unter die Form

der Allgemeinheit stelle; das Pflichtgebot, nach Kants Ausdruck der

kategorische Imperativ, lautet: »Handle so, daß die Maxime deines

Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung

gelten kann,« oder auch in der Wendung zum Menschen: »Handle so,

daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person

eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als

Mittel brauchst.« Der Mensch gewinnt dadurch nicht bloß einen Wert,

sondern eine unvergleichliche Würde, daß er in freier Entscheidung

jenes Gesetz der Vernunft als sein eignes ergreifen und ganz und gar

als selbständiges Glied einer allgemeinen Ordnung handeln kann. Die

Freiheit ist die unerläßliche Voraussetzung des Pflichtgebots und aller

Moral, wir müssen können, wo wir sollen, »du kannst, denn du sollst«.

Als eine Erweisung der Freiheit und als ein völliger Selbstzweck hebt

sich damit das moralisch Gute über alle andern Güter unvergleichlich

hinaus. Aus solcher Gesinnung fließen die Worte: »Es ist überall nichts

in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was

ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden als allein ein guter

Wille.« »Alles Gute, das nicht auf moralisch gute Gesinnung gepfropft

ist, ist nichts als Schein und schimmerndes Elend.«

* * * * *

[Randnotiz: Persönlichkeit]

So ist es auch das Moralische, das allein den Menschen wesentlich mehr

sein läßt als das Tier. Denn »über die bloße Tierheit erhebt ihn das

gar nicht, daß er Vernunft hat, wenn sie ihm nur zum Behuf desjenigen

dienen soll, was bei Tieren der Instinkt verrichtet«. Wie sich hier von

der Moral und der ihr eignen Freiheit her das Gesamtbild des Lebens

vertieft, das zeigen Begriffe wie Persönlichkeit und Charakter; sie

verdanken die hohe Schätzung, die wir alle ihnen zollen, an erster

Stelle Kant. Denn Persönlichkeit hatte im Mittelalter und bis in die

Neuzeit hinein nur die allgemeinere Bedeutung eines vernünftigen

Einzelwesens (~rationalis naturae individua substantia~), erst Leibniz

suchte dem Begriff eine präzisere Fassung zu geben, er fand sie in dem

Vermögen des Menschen, in den verschiedenen Zeitpunkten das Bewußtsein

der Identität zu bewahren; nur das schien ihm eine moralische und eine

juristische Verantwortlichkeit möglich zu machen, nur daraus schöpfte

er die Überzeugung von einer persönlichen Unsterblichkeit. So stand

hier beim Begriff der Persönlichkeit das Intellektuelle voran, erst

Kant wendet ihn ins Moralische.

Persönlichkeit bedeutet ihm nämlich »Freiheit und Unabhängigkeit vom

Mechanismus der ganzen Natur«, das, »was den Menschen über sich selbst

(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der

Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich

die ganze Sinnenwelt, mit ihr das empirisch bestimmbare Dasein des

Menschen in der Zeit und das Ganze aller Zwecke, unter sich hat.« Ja,

es wird wohl bei ihm von der Tierheit und Menschheit in uns noch die

Persönlichkeit unterschieden; der Mensch ist zunächst ein lebendes,

dann ein lebendes und zugleich vernünftiges, als Persönlichkeit endlich

ein vernünftiges und zugleich der Zurechnung fähiges Wesen.

* * * * *

Eine ähnliche Verschiebung ins Moralische und zugleich ins Freitätige

hat der Begriff des Charakters durch Kant erfahren. Im Anschluß an

die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes bezeichnete vor

ihm Charakter jede ausgeprägte seelische Beschaffenheit; es kann in

diesem Sinne verschiedene Charaktere geben, gute sowohl als böse;

keinen Charakter haben, das heißt, nicht scharf ausgeprägt sein. Der

Charakter erschien hier vorwiegend als eine Gabe der Natur. Kant

dagegen unterscheidet deutlich zwischen einem physischen und einem

moralischen Charakter. Jener zeigt nach Kant an, was sich aus dem

Menschen machen läßt, dieser dagegen, was er aus sich selbst zu machen

bereit ist. »Einen Charakter schlechthin zu haben, bedeutet diejenige

Eigenschaft des Willens, nach welcher das Subjekt sich selbst an

bestimmte praktische Prinzipien bindet, die es sich durch seine eigne

Vernunft unabänderlich vorgeschrieben hat.« In diesem Sinne wollte Kant

nicht sagen, der Mensch habe diesen oder jenen Charakter, sondern er

habe überhaupt einen Charakter, »der nur ein einziger oder gar keiner

sein kann«.

Schon allein durch diese Begriffe, die in aller Munde sind, ist Kant

tief in das deutsche Leben eingedrungen.

Überall erscheint dabei die engste Verbindung von Freiheit und Gesetz,

und zugleich erscheint Kant als ein Durchbildner und Vollender dessen,

was im deutschen Wesen angelegt ist.

Freiheit ist uns nicht eine Abwerfung aller Bindung, ein Heraustreten

aus allen Zusammenhängen, ein Gestalten des Lebens möglichst nach

eignem Belieben, sondern sie ist ein Aufnehmen der Vernunftzwecke

und der allgemeinen Ordnung in den eignen Willen, die freie Bindung

an ein selbstgewolltes Gesetz; darin liegt eine Selbstverneinung,

aber mehr doch eine Selbstbejahung. Der Gehorsam gegen ein solches

selbstgewolltes Gesetz kann keinen Druck erzeugen, nicht einengend auf

uns wirken, vielmehr wird er unser Wesen erweitern, uns fester auf

uns selbst stehen lassen. Daß die Fremden das nicht verstehen und den

Gehorsam des freien Mannes blinde Unterwürfigkeit schelten, das ist

eine gröbliche Verkennung der Wahrheit, eine Verkennung, die ihrerseits

eine klägliche Flachheit bekundet. Kant aber ist es, der den deutschen

Begriff der Freiheit aus dem tiefsten Innern unsres Wesens begründet

und ihn zum festen Grundstein des menschlichen Lebens gemacht hat.

* * * * *

[Randnotiz: Freiheit und Kausalgesetz]

Aber alle Schätzung der Gesinnung, die in solchen Lehren hervortritt,

enthebt uns nicht der Frage, wie es mit der Wirklichkeit der Freiheit

steht, ob diese nicht auf den Widerspruch der ganzen Weltordnung

stößt, da sie die in ihr waltende Gesetzlichkeit aufs schroffste

zu durchbrechen scheint. Dies nun ist das Große an Kant, daß er der

Freiheit einen sicheren Platz im Ganzen der Welt erstreitet, ja daß

er sie zur Seele der ganzen Wirklichkeit macht. Das aber kann nicht

geschehen ohne eine völlige Umwandlung ihres gewöhnlichen Bildes,

das verlangt im besonderen eine gründliche Auseinandersetzung mit

dem großartigen Bilde, das Spinoza entworfen hatte, und das eben

um die Zeit Kants die Gemüter überwältigend fortriß. Bei Spinoza

wird die Welt ein lückenloser Kausalzusammenhang, der einfachen und

unwandelbaren Gesetzen folgt, jeder einzelne ist hier in seinem Tun

und Lassen ganz und gar durch seine Stellung im Ganzen bestimmt,

der Mensch ist ebensowenig frei, wie es ein geworfener Stein sein

würde, wenn er während des Fliegens ein Bewußtsein erhielte. Wird das

konsequent durchgedacht, so verschwindet alles Gut und Böse, so bleibt

nur Notwendigkeit; alles Urteilen hat dann einem bloßen Feststellen

der Tatsächlichkeit zu weichen. Diese Lehre ist aber nicht private

Meinung eines einzelnen Denkers, sie ist die volle Durchbildung

einer Überzeugung, die namentlich von der mechanisch-mathematischen

Naturwissenschaft vertreten wurde und dadurch zu großem Einfluß in

der Neuzeit gelangt war; das Kausalgesetz, das jene beherrscht, ward

bei Spinoza zum Weltgesetz erhoben. Nun aber hatte eben an diesem

Punkt Kant aus rein wissenschaftlichen Erwägungen eine Gegenbewegung

aufgenommen, die der schottische Philosoph Hume (1711--1776) begonnen

hatte, die freilich nicht gegen das Kausalitätsgesetz selbst, wohl

aber gegen seine Gültigkeit als ein den Dingen innewohnendes und den

Weltlauf beherrschendes Gesetz gerichtet war.

* * * * *

[Randnotiz: Hume und Kant]

Hume, ein klarer und kritischer Kopf, untersuchte den Ursprung

des Kausalgesetzes und fand dabei das Ergebnis, daß er unmöglich

in der Erfahrung, der Wahrnehmung der Dinge liegen kann. Denn der

innere Zusammenhang des Geschehens, die Abhängigkeit des einen vom

anderen, den jenes Gesetz behauptet, ist unmöglich von draußen her

mitzuteilen, die Erfahrung zeigt uns nie mehr als ein Neben- und

Nacheinander. So läßt sich die Kausalverknüpfung nur als ein Werk

des Menschen verstehen, und zwar denkt sich das Hume in folgender

Weise. Oft wiederholen sich bei uns Vorstellungen in gleicher

Folge, und wir gewöhnen uns an diese Folge; treten nun wiederum die

ersten Glieder der Reihe ein, so erwecken sie in uns mit zwingender

Kraft das Bild der späteren; diesen Zusammenhang mit seinem Zwang

tragen wir nun fälschlich in die Dinge hinein und glauben sie durch

ein inneres Band verbunden, während nur unsre Vorstellungen sich

verkettet haben. Bei solcher Fassung verliert die Kausalverknüpfung

ihre Geltung als Weltgesetz, sie wird ein Vorgang in der einzelnen

Seele, und da die Vorstellungsfolgen sich nur durch Erfahrung

bilden, so kann die Kausalbetrachtung den Bereich der Erfahrung nie

überschreiten; da ferner die Art der Verkettung ganz und gar eine

Sache der einzelnen Individuen ist, so gibt es keine ihnen überlegene

sachliche und allgemeine Wahrheit, und Wissenschaft in dem Sinne,

wie sie bisher angenommen war, wird schlechterdings aufgehoben.

Diese Verschiebung des Kausalgesetzes vom Objekt ins Subjekt, vom

Weltall in die Einzelseele, versetzte Kant in gewaltige Aufregung

und nachhaltige Bewegung. Daß die Kausalverknüpfung uns nicht von

draußen zugehen könne, das schien auch ihm unbestreitbar. Aber wenn

er in der Verneinung mit Hume zusammenging, so fand das von diesem

gebotene Ja mit seiner Zerstörung strenger Wissenschaft bei Kant den

härtesten Widerstand. Die Wirklichkeit einer solchen Wissenschaft als

eines Systems allgemeingültiger Wahrheiten galt ihm schon durch die

Tatsache der Mathematik als allem Zweifel enthoben, sie dünkte ihm eine

unantastbare Wahrheit. Aber wie nun diese Wahrheit mit der Aufhebung

der Kausalverknüpfung als eines Weltgesetzes in Einklang bringen?

Dieser Widerspruch, dem ein schwächerer Geist erlegen wäre, hat Kant

auf einen neuen Weg geführt und ihn in dessen Verfolgung die Höhe

seiner wissenschaftlichen Leistung erreichen lassen.

* * * * *

Je mehr sich seiner Arbeit das Problem vertiefte, desto deutlicher

wurde ihm, daß die Entscheidung letzthin an der Fassung des

Wahrheitsbegriffes hängt. Wie ist Wahrheit, wissenschaftliche Wahrheit

zu verstehen? Von alters her wurde sie als eine Übereinstimmung

unsres Denkens mit einer unabhängig von ihm vorhandenen Wirklichkeit

verstanden, und wenn auch der Lauf der Zeiten die Wege zu diesem

Ziele erheblich verändert hatte, das Ziel selbst blieb bestehen und

kam somit auch an Kant. Er aber erkannte mit eindringender Schärfe,

daß es in dieser Fassung schlechterdings unerreichbar sei, daß also,

wenn alle Wahrheit an ihm hänge, auf sie ein für allemal zu verzichten

sei. Das vornehmlich aus dem Grunde, weil, wenn unsere Begriffe

einer Bestätigung von draußen bedürften, wir nie zu allgemeinen und

notwendigen Sätzen gelangen könnten, wie die Wissenschaft sie verlangt,

da die Erfahrung uns immer nur Einzelnes und Tatsächliches darbieten

kann. Überhaupt aber wäre nie auszumachen, wie weit unsre Begriffe

zu dem Tatbestand stimmten, den sie uns übermitteln möchten. Kurz,

die Skepsis wäre unüberwindlich, wenn Wahrheit Übereinstimmung unsres

Denkens mit den Dingen bedeutet.

* * * * *

[Randnotiz: Dinge und Begriffe]

Um solchen Schiffbruch der Wissenschaft zu vermeiden, gibt es nach Kant

nur einen einzigen Weg: es müssen sich nicht unsere Begriffe nach den

Dingen, sondern es müssen sich die Dinge nach unsern Begriffen richten,

d. h. wir erkennen Dinge nur so weit, als sie in unsere Anschauungs-

und Denkformen eingehen. Diese Verlegung des Schwerpunkts aus dem

Objekt ins Subjekt, die kopernikanische Wendung, wie Kant selbst sie

genannt hat, ergibt aber eine Wissenschaft und eine wissenschaftliche

Erfahrung nur, wenn das Subjekt wesentlich anders verstanden wird,

als Hume es tat. Vom Stande der Einzelseele greift Kant auf ein

geistiges Gefüge zurück, das allen Menschen gemeinsam ist und das

aller Arbeit trägt. Er erörtert zunächst, was für Wissenschaft und

wissenschaftliche Erfahrung nötig ist, und er zeigt dann Punkt für

Punkt, wie dieses geleistet wird; er zeigt, wie jene Leistungen, über

deren Tatsächlichkeit ihm kein Zweifel besteht, möglich sind, d. h.

was von rein geistiger Tätigkeit, von dem, was er ~a priori~ nennt,

in ihnen steckt. Es erhellt dabei namentlich, daß alles, was an den

Erkenntnissen Form ist, nicht von draußen stammen kann, sondern vom

Geiste selbst geliefert werden muß; zu einer gewaltigen Aufgabe wird

es damit, die Grundformen aufzusuchen, welche alles Erkennen tragen.

In seiner Kritik der reinen Vernunft hat Kant das mit staunenswerter

Energie und mit unermüdlicher Sorgfalt getan; das Gesamtergebnis ist

ein völlig anderes Bild der Wirklichkeit. Denn nun wird gewiß, daß

wir die Ordnung, die wir in der Natur als den Dingen innewohnend

vorzufinden glaubten, selbst ihr geliehen haben, daß wir in der

wissenschaftlichen Forschung nur unser Eigentum wieder an uns nehmen.

So erklärt sich das stolze Wort Kants: »Der Verstand schöpft seine

Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.«

Aber wenn so dem Geist ein hohes Vermögen zuerkannt wird, Kant ist

nicht minder darauf bedacht, seine Grenzen sorgfältig zu wahren. Unser

menschliches Denken hat nicht das Vermögen zu schaffen, es vermag

nicht aus seiner Bewegung eine Wirklichkeit zu erzeugen, sondern

die architektonische Tätigkeit der Vernunft bedarf eines Stoffes,

den die Gegenstände als Dinge an sich geben müssen, »alles Denken

muß sich zuletzt auf Anschauungen, mithin bei uns auf Sinnlichkeit

beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden

kann.« Sinnlichkeit und Denken müssen zusammenwirken, um Erfahrung

hervorzubringen. »Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben

und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind

leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.«

* * * * *

[Randnotiz: Erfahrung und Denken]

Ein Denken, das über die Erfahrung hinausstrebt und eigne Wege gehen

will, wie es nach Kants Überzeugung die herkömmliche philosophische

Spekulation versuchte, fällt unvermeidlich ins Leere. Wie Kant

demgegenüber seine Aufgabe faßt, das hat er in mannigfachen Bildern

ausgedrückt, die seine Darstellung durchflechten. Er will vor dem

Gerichtshof der Vernunft unerbittlich zerstören, was eine ihre Kräfte

überspannende Vernunft sich zu Unrecht angemaßt hat; er will das

Gebäude der Wissenschaft auf festem Grunde und nach einem klaren

architektonischen Riß erbauen; er will der Spekulation die Flügel

beschneiden, mit der sie hoffte sich in den leeren Raum aufschwingen

zu können.

* * * * *

Seine Aufgabe hat Kant in drei Hauptabschnitten durchgeführt, deren

jeder eine eingreifende Umwandlung der überkommenen und eingewurzelten

Denkart vollzieht. Der erste zeigt, daß die Formen der sinnlichen

Anschauung Raum und Zeit nicht Eigenschaften der Dinge sind, sondern

lediglich der menschlichen Seele angehören, welche die Erscheinungen

mittels ihrer zusammenfügt. Es wird gezeigt, daß sie unmöglich aus den

Eindrücken der Sinne hervorgehen können, daß sie vielmehr von diesen

vorausgesetzt werden, auch daß sie sich nicht durch Abstraktion aus

ihnen ableiten lassen, sondern als ein Ganzes alle Mannigfaltigkeit in

sich fassen; auch die Allgemeingültigkeit und die Notwendigkeit der

geometrischen und der arithmetischen Sätze wird als Zeugnis für die

Subjektivität von Raum und Zeit verwandt; jene wäre unmöglich, wenn

diese unabhängig von uns vorhandene Dinge wären, zu denen uns erst die

Erfahrung einen Zugang verschaffen könnte.

* * * * *

Der zweite Hauptabschnitt zeigt, daß unser Bild der Welt eines

Zusammenwirkens von Sinnlichkeit und Denken bedarf, daß aber das Denken

die Grundformen liefert, die Elemente wie das Gefüge. Hier findet sich

auch gegenüber Hume eine neue Behandlung des Kausalitätsproblems; so

entschieden Kant die Kausalität den Dingen selbst fernhält, sie ist

ihm keine Gewöhnung des bloßen Individuums, sondern ein Grundgesetz

unseres Denkens, das nur mit ihrer Hilfe den Verlauf des Geschehens

in eine feste Ordnung bringt. Dieser Abschnitt ist über die einzelnen

Punkte hinaus darin bedeutend, daß er zeigt, wie auch das Bild

der sinnlichen Welt auf logischer Arbeit ruht und an jeder Stelle

ihrer bedarf, er gibt damit der Erziehung für die Bildung der Sinne

wertvollste Anregung, ferner zerstört er für die Wissenschaft ein

für allemal den Materialismus mit seiner plumpen Gleichsetzung von

sinnlicher Handgreiflichkeit und echter Tatsächlichkeit, indem er das

Hervorgehen unsres Weltbildes aus Gedankenarbeit deutlich vor Augen

stellt.

* * * * *

[Randnotiz: Letzte Wahrheiten]

Der letzte Hauptabschnitt zeigt endlich, daß ein unabweisbares

Verlangen, zum Bedingten ein Unbedingtes zu suchen, die

Mannigfaltigkeit auf eine letzte Einheit zurückzuführen, das

Denken über das Gebiet der Erfahrung hinaustreibt, daß es ihm aber

schlechterdings unmöglich ist, in dem Jenseitigen festen Fuß zu fassen

und zu letzten Wahrheiten vorzudringen. An drei Punkten erfahren wir

solchen Widerspruch in unserer eignen Vernunft: bei der Seele, beim

Weltall, beim Dasein Gottes. Wohl wird im Leben alle Mannigfaltigkeit

seelischer Vorgänge von einer Einheit des Bewußtseins getragen, aber

wir dürfen deshalb nicht diese Einheit von jenem Zusammenhang ablösen

und von ihr auf das Wesen der Seele oder auf eine Unsterblichkeit

schließen; davon auf spekulativem Wege etwas zu erkennen, ist uns

schlechthin versagt.

* * * * *

Ein unabweisbares Verlangen unserer Vernunft nach Einheit drängt uns

dazu, die mannigfachen Erscheinungen um uns zum Ganzen einer Welt

zusammenzuschließen, und wir können dann nicht umhin, über den Ursprung

und das Gefüge dieses Ganzen Behauptungen aufzustellen. Aber bei

solchem Unternehmen verwickeln wir uns in entgegengesetzte Thesen,

deren jede wohl die andere widerlegen, nicht aber die eigene Wahrheit

dartun kann. Das spricht zum allgemeinen Bewußtsein am deutlichsten

bei der Frage, ob die Welt in Raum und Zeit begrenzt oder ob sie

unbegrenzt ist. Eins von beiden scheint notwendig, und doch können wir

uns für keins entscheiden. Denken wir nämlich die Welt in Raum und

Zeit begrenzt, so wird ihr Bild unerträglich klein; denken wir sie

unbegrenzt, so wird es unerträglich groß; solche Unmöglichkeit einer

Entscheidung darf als ein sicheres Zeugnis dafür gelten, daß Raum und

Zeit nicht von uns unabhängige Größen sind, sondern nur menschliche

Anschauungsformen.

* * * * *

Das letzte Problem ist das Dasein Gottes. Ein Verlangen unserer

Vernunft nach einem letzten Abschluß macht uns zur Bejahung jener Frage

geneigt; aber jede nähere Prüfung zeigt, daß wir damit den eignen

Kreis überspringen, subjektive Antriebe in objektive Notwendigkeiten

verwandeln, den Gebilden unseres Denkens eine Selbständigkeit

gegenüber diesem Denken verleihen.

* * * * *

So gibt uns die reine Wissenschaft keine Antwort auf die Fragen, die

unsere Seele zu beschäftigen nimmer aufhören können; auch der Lauf

der Zeit kann daran nichts ändern, da alle Fortschritte des Erkennens

innerhalb des bezeichneten Rahmens bleiben, ihn weder überschreiten

noch verändern können.

* * * * *

Das Ganze unseres intellektuellen Vermögens, wie es sich aus Kants

Untersuchung ergibt, stellt sich in zwiefacher Beleuchtung dar: es

ist groß innerhalb der Erfahrung, in dem Aufbau ihres weitverzweigten

Gefüges, in seiner völligen Durchdringung mit Denkarbeit, es ist klein,

sobald es sich über die Erfahrung hinauswagt und letzte Gründe der

Wirklichkeit erforschen will.

Das eine wie das andere wirkt aber dahin, dem Reich der Moral freien

Platz zu schaffen und ihm einen besonderen Wert zu verleihen. Die ganze

sinnliche Welt kann jetzt nicht mehr als letzte Wirklichkeit gelten,

deren Gesetze auch unser Handeln beherrschen, sie hat sich in ein Reich

der Erscheinungen verwandelt, das vornehmlich von uns selbst gebildet

ist. So bedeutet auch die Kausalverkettung nicht mehr ein Weltgesetz,

das keine Freiheit des Handelns duldet, für die Freiheit ist jetzt

freier Raum gewonnen. Auch das Unvermögen der Spekulation gegenüber

den letzten Fragen ist insofern dem Handeln günstig, als es von ihr

keine bindenden Ziele empfangen kann, sondern soweit es ihrer bedarf,

sie aus eignem Vermögen aufbringen muß.

* * * * *

[Randnotiz: Das Reich der praktischen Vernunft]

Auch die Gesamtstellung der praktischen Vernunft im Lebenswerke Kants

wird durch die Erfahrungen der Erkenntniskritik aufs wesentlichste

verbessert. Diese Erfahrungen fassen sich zusammen in eine Befreiung

des Menschen vom Druck einer ihm entgegenstehenden Welt, er braucht

nicht eine Übereinstimmung mit einer solchen Welt zu suchen, er bildet

sich seine Welt aus den Kräften und nach den Gesetzen seines eigenen

Wesens. Das war ein großer Gewinn an Freiheit und Selbständigkeit,

er brachte den Menschen in ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit.

Aber es verblieb bei allem Gewinn eine feste Schranke darin, daß das

Denken nur in Beziehung auf Sinnlichkeit in fruchtbare Arbeit kam,

daß Dinge an sich seiner Tätigkeit den Stoff darbieten mußten. So

drängt es notwendig weiter zu dem Gedanken, ob es nicht eine Tätigkeit

gibt, die unabhängig von solcher Beschränkung aus sich selbst heraus

eine Wirklichkeit bilden könnte; eine solche Tätigkeit müßte als

die Vollendung des Lebens gelten, sie würde nichts Dunkles, nichts

Unaufhellbares in sich tragen. Nun aber liegt eine solche Tätigkeit,

ein solches Wirken aus reiner Selbsttätigkeit vor in der Moral und

ihrem Reiche der praktischen Vernunft. So darf diese als die letzte

Tiefe der Wirklichkeit gelten, und da bei ihr das Wirken der Vernunft

nicht wie beim Erkennen an besondere Bedingungen des Menschen geknüpft

ist, so beschränkt sich auch ihre Geltung nicht auf den Menschen,

sie muß für alle Vernunftwesen gelten, sie hat eine unbedingte

Gültigkeit. Damit rechtfertigt sich vollauf die Hochschätzung, mit

der Kant die Moral behandelt, diese hat sich nun wirklich als der

Kern des Menschenwesens erwiesen und zugleich zu einer Entwerfung von

Weltausblicken fähig gezeigt. Denn in der hier gebotenen Fassung ist

die Moral nicht ein besonderes Gebiet innerhalb einer weiteren Welt,

sondern sie ist der Ursprung einer neuen Welt, und diese Welt bildet

die Tiefe der gesamten Wirklichkeit. Die Moral schafft sich gegenüber

der Natur ein eignes Reich, ein Reich der Freiheit, das sein Recht und

seinen Wert ganz und gar in sich selbst hat und keiner Bestätigung,

keiner Befestigung von außen her bedarf; es ist nunmehr vollauf

verständlich, wie sehr der Mensch durch sein selbständiges Teilnehmen

an diesem Reich der Freiheit gehoben wird, wie er ganz davon erfüllt

sein muß.

* * * * *

[Randnotiz: Die drei Grundüberzeugungen]

Die Träger des deutschen Idealismus · 第 1 / 13 段