Theophan. Es ist gleichviel, ob Sie es glauben oder nicht glauben.--
Ich habe mir Mühe genug gegeben, meine Hochachtung in Liebe zu
verwandeln. Aber eben bei dieser Bemühung habe ich Gelegenheit gehabt,
es oft sehr deutlich zu merken, daß sich Juliane einen ähnlichen
Zwang antut. Sie wollte mich lieben, und liebte mich nicht. Das Herz
nimmt keine Gründe an, und will in diesem, wie in andern Stücken,
seine Unabhängigkeit von dem Verstande behaupten. Man kann es
tyrannisieren, aber nicht zwingen. Und was hilft es, sich selbst zum
Märtyrer seiner Überlegungen zu machen, wenn man gewiß weiß, daß man
keine Beruhigung dabei finden kann? Ich erbarmte mich also Julianens--
oder vielmehr, ich erbarmte mich meiner selbst: ich unterdrückte meine
wachsende Neigung gegen eine andre Person nicht länger und sahe es mit
Vergnügen, daß auch Juliane zu ohnmächtig oder zu nachsehend war, der
ihrigen zu widerstehen. Diese ging auf einen Mann, der ihrer ebenso
unwürdig ist, als unwürdig er ist, einen Freund zu haben. Adrast
würde sein Glück in ihren Augen längst gewahr geworden sein, wenn
Adrast gelassen genug wäre, richtige Blicke zu tun. Er betrachtet
alles durch das gefärbte Glas seiner vorgefaßten Meinungen, und alles
obenhin; und würde wohl oft lieber seine Sinne verleugnen, als seinen
Wahn aufgeben. Weil Juliane ihn liebenswürdig fand, konnte ich mir
unmöglich einbilden, daß er so gar verderbt sei. Ich sann auf Mittel,
es beiden mit der besten Art beizubringen, daß sie mich nicht als eine
gefährliche Hinderung ansehen sollten. Ich kam nur jetzt in dieser
Absicht hieher; allein ließ mich Adrast, ohne die schimpflichsten
Abschreckungen, darauf kommen? Ich würde ihn, ohne ein weiteres Wort,
verlassen haben, wenn ich mich nicht noch derjenigen Person wegen
gezwungen hätte, der ich, von Grund meiner Seelen, alles gönne, was
sie sich selbst wünscht.--Mehr habe ich ihm nicht zu sagen. (Er will
fortgehen.)
Adrast. Wohin, Theophan?--Urteilen Sie aus meinem Stilleschweigen,
wie groß mein Erstaunen sein müsse!--Es ist eine menschliche
Schwachheit, sich dasjenige leicht überreden zu lassen, was man heftig
wünscht. Soll ich ihr nachhängen? soll ich sie unterdrücken?