Juliane. Wie, wenn das ganze Betragen meiner Schwester, ihr Bestreben
leichtsinniger zu scheinen, als sie ist, ihre Begierde Spöttereien zu
sagen, sich nur von einer gewissen Zeit herschrieben? Wie, wenn diese
gewisse Zeit die Zeit Ihres Hierseins wäre, Adrast?
Adrast. Was sagen Sie?
Juliane. Ich will nicht sagen, daß Sie ihr mit einem bösen Exempel
vorgegangen wären. Allein wozu verleitet uns nicht die Begierde zu
gefallen? Wenn Sie Ihre Gesinnungen auch noch weniger geäußert hätten:
--und Sie haben sie oft deutlich genug geäußert.--so würde sie
Henriette doch erraten haben. Und sobald sie dieselben erriet, so
bald war der Schluß, sich durch die Annehmung gleicher Gesinnungen bei
Ihnen beliebt zu machen, für ein lebhaftes Mädchen sehr natürlich.
Wollen Sie wohl nun so grausam sein, und ihr dasjenige als ein
Verbrechen anrechnen, wofür Sie ihr, als für eine Schmeichelei, danken
sollten?
Adrast. Ich danke niemanden, der klein genug ist, meinetwegen seinen
Charakter zu verlassen; und derjenige macht mir eine schlechte
Schmeichelei, der mich für einen Toren hält, welchem nichts als seine
Art gefalle, und der überall gern kleine Kopien und verjüngte
Abschilderungen von sich selbst sehen möchte.
Juliane. Aber auf diese Art werden Sie wenig Proselyten machen.
Adrast. Was denken Sie von mir, schönste Juliane? Ich Proselyten
machen? Rasendes Unternehmen! Wem habe ich meine Gedanken jemals
anschwatzen oder aufdringen wollen? Es sollte mir leid tun, sie unter
den Pöbel gebracht zu wissen. Wenn ich sie oft laut und mit einer
gewissen Heftigkeit verteidiget habe, so ist es in der Absicht, mich
zu rechtfertigen, nicht, andere zu überreden, geschehen. Wenn meine
Meinungen zu gemein würden, so würde ich der erste sein, der sie
verließe, und die gegenseitigen annähme.
Juliane. Sie suchen also nur das Sonderbare?
Adrast. Nein, nicht das Sonderbare, sondern bloß das Wahre; und ich
kann nicht dafür, wenn jenes, leider! eine Folge von diesem ist. Es
ist mir unmöglich zu glauben, daß die Wahrheit gemein sein könne;
ebenso unmöglich, als zu glauben, daß in der ganzen Welt auf einmal
Tag sein könne. Das, was unter der Gestalt der Wahrheit unter allen
Völkern herumschleicht, und auch von den Blödsinnigsten angenommen
wird, ist gewiß keine Wahrheit, und man darf nur getrost die Hand, sie
zu entkleiden, anlegen, so wird man den scheußlichsten Irrtum nackend
vor sich stehen sehen.
Juliane. Wie elend sind die Menschen, und wie ungerecht ihr Schöpfer,
wenn Sie recht haben, Adrast! Es muß entweder gar keine Wahrheit sein,
oder sie muß von der Beschaffenheit sein, daß sie von den meisten, ja
von allen, wenigstens im Wesentlichsten, empfunden werden kann.
Adrast. Es liegt nicht an der Wahrheit, daß sie es nicht werden kann,
sondern an den Menschen.--Wir sollen glücklich in der Welt leben; dazu
sind wir erschaffen; dazu sind wir einzig und allein erschaffen.
Sooft die Wahrheit diesem großen Endzwecke hinderlich ist, sooft ist
man verbunden, sie beiseite zu setzen; denn nur wenig Geister können
in der Wahrheit selbst ihr Glück finden. Man lasse daher dem Pöbel
seine Irrtümer; man lasse sie ihm, weil sie ein Grund seines Glückes
und die Stütze des Staates sind, in welchem er für sich Sicherheit,
Überfluß und Freude findet. Ihm die Religion nehmen, heißt ein wildes
Pferd auf der fetten Weide losbinden, das, sobald es sich frei fühlt,
lieber in unfruchtbaren Wäldern herumschweifen und Mangel leiden, als
durch einen gemächlichen Dienst alles, was es braucht, erwerben will.--
Doch nicht für den Pöbel allein, auch noch für einen andern Teil des
menschlichen Geschlechts muß man die Religion beibehalten. Für den
schönsten Teil, meine ich, dem sie eine Art von Zierde, wie dort eine
Art von Zaume ist. Das Religiöse stehet der weiblichen Bescheidenheit
sehr wohl; es gibt der Schönheit ein gewisses edles, gesetztes und
schmachtendes Ansehen--
Juliane. Halten Sie, Adrast! Sie erweisen meinem Geschlechte
ebensowenig Ehre, als der Religion. Jenes setzen Sie mit dem Pöbel in
eine Klasse, so fein auch Ihre Wendung war; und diese machen Sie aufs
höchste zu einer Art von Schminke, die das Geräte auf unsern
Nachttischen vermehren kann. Nein, Adrast! die Religion ist eine
Zierde für alle Menschen; und muß ihre wesentlichste Zierde sein. Ach!
Sie verkennen sie aus Stolze; aber aus einem falschen Stolze. Was
kann unsre Seele mit erhabenern Begriffen füllen, als die Religion?
Und worin kann die Schönheit der Seele anders bestehen, als in solchen
Begriffen? in würdigen Begriffen von Gott, von uns, von unsern
Pflichten, von unserer Bestimmung? Was kann unser Herz, diesen
Sammelplatz verderbter und unruhiger Leidenschaften, mehr reinigen,
mehr beruhigen, als eben diese Religion? Was kann uns im Elende mehr
aufrichten, als sie? Was kann uns zu wahrern Menschen, zu bessern
Bürgern, zu aufrichtigern Freunden machen, als sie?--Fast schäme ich
mich, Adrast, mit Ihnen so ernstlich zu reden. Es ist der Ton ohne
Zweifel nicht, der Ihnen an einem Frauenzimmer gefällt, ob Ihnen
gleich der entgegengesetzte ebensowenig zu gefallen scheinet. Sie
könnten alles dieses aus einem beredtern Munde, aus dem Munde des
Theophans hören.