Juliane. Halten Sie mich nicht länger--

Adrast. Ich bitte nur um einen Augenblick. Der größte Verbrecher

wird gehört--

Juliane. Von seinem Richter, Adrast; und ich bin Ihr Richter nicht.

Adrast. Aber ich beschwöre Sie, es jetzt sein zu wollen. Ihr Vater,

schönste Juliane, und Ihre Schwester werden mich verdammen, und nicht

richten. Ihnen allein traue ich die Billigkeit zu, die mich beruhigen

kann.

Juliane (beiseite). Ich glaube, er beredet mich, ihn anzuhören.--Nun

wohl! so sagen Sie denn, Adrast, was Sie wider meine Schwester so

eingenommen hat?

Adrast. Sie selbst hat mich wider sich eingenommen. Sie ist zu wenig

Frauenzimmer, als daß ich sie als Frauenzimmer lieben könnte. Wenn

ihre Lineamente nicht ihr Geschlecht bestärkten, so würde man sie für

einen verkleideten wilden Jüngling halten, der zu ungeschickt wäre,

seine angenommene Rolle zu spielen. Was für ein Mundwerk! Und was

muß es für ein Geist sein, der diesen Mund in Beschäftigung erhält!

Sagen Sie nicht, daß vielleicht Mund und Geist bei ihr wenig oder

keine Verbindung miteinander haben. Desto schlimmer. Diese Unordnung,

da ein jedes von diesen zwei Stücken seinen eignen Weg hält, macht

zwar die Vergehungen einer solchen Person weniger strafbar; allein sie

vernichtet auch alles Gute, was diese Person noch etwa an sich haben

kann. Wenn ihre beißenden Spöttereien, ihre nachteiligen Anmerkungen

deswegen zu übersehen sind, weil sie es, wie man zu reden pflegt,

nicht so böse meinet; ist man nicht berechtiget, aus eben diesem

Grunde dasjenige, was sie Rühmliches und Verbindliches sagt, ebenfalls

für leere Töne anzusehen, bei welchen sie es vielleicht nicht so gut

meinet? Wie kann man eines Art zu denken beurteilen, wenn man sie

nicht aus seiner Art zu reden beurteilen soll? Und wenn der Schluß

von der Rede auf die Gesinnung in dem einen Falle nicht gelten soll,

warum soll er in dem andern gelten? Sie spricht mit dürren Worten,

daß sie mich zu hassen anfange; und ich soll glauben, daß sie mich

noch liebe? So werde ich auch glauben müssen, daß sie mich hasse,

wenn sie sagen wird, daß sie mich zu lieben anfange.

Juliane. Adrast, Sie betrachten ihre kleinen Neckereien zu strenge,

und verwechseln Falschheit mit Übereilung. Sie kann der letztern des

Tages hundertmal schuldig werden; und von der erstern doch immer

entfernt bleiben. Sie müssen es aus ihren Taten, und nicht aus ihren

Reden, erfahren lernen, daß sie im Grunde die freundschaftlichste und

zärtlichste Seele hat.

Adrast. Ach! Juliane, die Reden sind die ersten Anfänge der Taten,

ihre Elemente gleichsam. Wie kann man vermuten, daß diejenige

vorsichtig und gut handeln werde, der es nicht einmal gewöhnlich ist,

vorsichtig und gut zu reden? Ihre Zunge verschont nichts, auch

dasjenige nicht, was ihr das Heiligste von der Welt sein sollte.

Pflicht, Tugend, Anständigkeit, Religion: alles ist ihrem Spotte

ausgesetzt.--

Juliane. Stille, Adrast! Sie sollten der letzte sein, der diese

Anmerkung machte.

Adrast. Wieso?

Juliane. Wieso?--Soll ich aufrichtig reden?

Der Freigeist · 第 81 / 123 题