Don Cäsar. Ich küß Eu'r Majestät die hohen Hände.
(Der Kaiser mißt ihn mit zornigem Blicke.)
Don Cäsar. Ihr scheint nicht gut gelaunt, doch muß ich sprechen.
Es gilt ein Leben, gilt wohl mehr als dies.--
Es hat ein Kriegsgericht, ob eines Totschlags,
Verübt im herben Fall der Selbstverteid'gung,
Zum Henkersschwert verurteilt Herman Rußworm,
Den treusten Diener Eurer Majestät,
Den Helden in der Türken heißen Schlachten.
Ich bitt Euch nun, das Urteil aufzuheben,
Das Unsinn ist, Verrücktheit, Gotteslästrung.
Euch zu erhalten ein so teures Leben,
Mir einen Freund, den ich nicht lassen kann,
Und retten muß, gält' es das Äußerste.
(Rudolf sieht Wolfen Rumpf fragend an.)
Rumpf. Es ist von wegen Herman Rußworm,
Der, halb gereizt, und halb aus leid'gem Zufall,
Den Obersten erschlug.
(Der Kaiser wirft, wie suchend, die auf dem Tische liegenden Papiere
untereinander.)
Rumpf. Vielleicht das Urteil?
Es lag zur Unterschrift in Dero Kabinett.
Soll ich vielleicht--? Ich gehe, es zu holen.
(Ab durch die Türe rechts.)
Don Cäsar. Ich dank Eu'r Majestät denn nur im voraus
Für die Begnadigung des wackern Manns,
Der alles ist was dieses Wort besagt,
Indes sein Feind ein Weiber-, Pfaffendiener,
Ein Heuchler und ein Schurk! Und wenn der Rußworm
In Zornesglut sich allzuweit vergaß,
So denkt: derselbe Zorn, der hier den Gegner schlug,
Gewann Euch auch in Ungarn zwanzig Schlachten.
(Rumpf kommt mit einem gesiegelten Paket zurück.)
Rumpf. Das Urteil.
(Er reicht die Schrift dem Kaiser, der sie zurückweist.)
Rumpf. Guter Gott!--Beliebt vielleicht
Eu'r Majestät hochgnädig zu bestimmen
Was Dero Absicht mit so wicht'ger Schrift?
(Der Kaiser nimmt das Paket, liest hohnlachend die Aufschrift und gibt
es zurück.)
Rumpf. Ich weiß recht wohl: die äußre Fert'gung lautet
An Rat und Schöffen Eurer Altstadt Prag.
Doch, wenn das Urteil wirklich unterschrieben,
Wie ich vermuten sollte--
(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)
Don Cäsar. Gnäd'ger Herr!
Ich muß Euch bitten für zwei Augenblicke
Die feindlich düstre Laune aufzugeben,
Die sich in diesem Schweigen wohlgefällt.
Bedenkt: kommt dieses Urteil so gefertigt
Und unterschrieben auf das Prager Schloß,
So stirbt mein Freund.
Rudolf. Er stirbt!--Und du mit ihm,
Wagst ferner du's ein Wort für ihn zu sprechen.
Entarteter! Ich kenne deine Wege.
Du schwärmst zu Nacht mit ausgelaßnen Leuten,
Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Bürger,
Hältst dich zu Meutern, Lutheranern.
Don Cäsar. Meuter
Hab ich mit meiner Freundschaft nie beehrt.
Und was den Glauben, Herr, betrifft, da richtet
Nur Gott.
Rudolf. Ja Gott und du. Ihr beide, nicht wahr?
Glaub du an das was deine Lehrer glaubten,
Die Weiseren, die Bessern laß entscheiden,
Dann kommt's wohl noch an dich.--Der Rußworm stirbt!
Und dank es Gott und einem Rest von Neigung,
Daß ich die Helfer, sie die darum wußten
Die lobten, billigten den feigen Mord
An Belgiojoso freventlich vollbracht,
Nicht ebnermaßen suche mit dem Schwert.--
Das Mädchen, dem du nachstellst, wüsten Sinns,
Laß frei!
Don Cäsar. Nein Herr, denn sie betrog mich.
Rudolf. Meinst du?
Cäsar, solang die ew'gen Sterne kreisen,
Betrügt der Mann das Weib.
Don Cäsar. Zum mindsten war's so,
Mit einer Frau, die mir gar nah verwandt.
Rudolf. Die dir verwandt? So kennst du deine Mutter?
Und kennst du den, der dir das Leben gab?
Sag ja! sag ja! und ewiges Gefängnis,
Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts--
So haben in den Sternen sie's gelesen:
Je näher mir, mir um so grimmrer Feind.
Und also steht er da, hohnlachend, trotzend,
Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn.
Fort dieses Lachen, fort!--Gib deine Waffen!
Nehmt ihn gefangen!--Wie, ihr zögert? weilt?
So will ich selbst mit meiner eignen Hand
(Zu einem Trabanten, der zu äußerst rechts steht.)
Leih deine Partisan mir, alter Freund!
Daß ich--
(Indem er den Stock fallen läßt, um nach der Partisane zu greifen, wankt
er und ist im Begriff zu fallen. Die Umstehenden eilen herzu, ihn zu
unterstützen.)
Legt ihr die Hand an mich? Rebellen ihr!
Yo soy el emperador! Der Kaiser ich!
Bin ich verkauft im Innern meiner Burg,
Und ist kein Schirmer, ist kein Helfer nah?
(Erzherzog Ferdinand erscheint in der Türe.)
Erzherzog Ferdinand. Viel Glück ins Haus!--Wie, Eure Majestät?
Was ist? Was war? Wer sagt's?
Don Cäsar (zu Rumpf, der ihn zu begütigen strebt).
Mich kümmert's wenig,
Ob tausend Teufel mir entgegen grinsen!
Erzherzog Ferdinand (zu Don Cäsar, die Hand leicht ans Schwert gelegt).
Geht junger Mensch! Ihr lernt sonst einsehn,
Daß uns der Böse nah, wenn man ihn ruft.
Fort Ihr! und ihr!
(Die Anwesenden ziehen sich gegen den Hintergrund. Don Cäsar in ihrer
Mitte von Rumpf geleitet. Alle ab.)
Erzherzog Ferdinand (zum Kaiser tretend).
Mein kaiserlicher Herr!
Rudolf. Wer seid Ihr? Wer? Und wie erkühnt Ihr Euch?
Erzherzog Ferdinand. Eu'r Neffe bin ich, Herr, und Euer Knecht,
Fernand von Gräz, zu jedem Dienst bereit.
Rudolf (sich vor der Berührung zurückziehend).
Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen!
Erzherzog Ferdinand. Wollt Ihr nicht sitzen, Herr? Ich seh's, der Zorn
Er zehrt mit Macht an Euerm edlen Sein.
(Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.)
Rudolf (sitzend).
Seht Ihr, so halten wir's in unserm Schloß.--
So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue,
Durch hundert Wachen bis zu uns heran,
Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz.
Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann,
Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schüler,
Er übt nur was die Meisterin gelehrt.--
Schaut rings um Euch in aller Herren Land,
Wo ist noch Achtung für der Väter Sitte
Für edles Wissen und für hohe Kunst?
Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes
Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan,
Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet,
Vor dem sie knieen, ihrer Hände Werk?
Es heißt: den Glauben reinigen. Daß Gott!
Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen,
Nein, Eigendünkel war es, Eigensucht,
Die nichts erkennt was nicht ihr eignes Werk.
Deshalb nun tadl' ich jenen Jüngling, straf ihn,
Und fährt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel,
Allein erkenn auch was ihn so entstellt.
Deucht mir's doch manchmal grimmiges Vergnügen,
Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust
Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit,
Die ihm geliehn so wildverworrne Welt.
Die Zeit kann ich nicht bänd'gen, aber ihn,
Ihn will ich bänd'gen, hilft der gnäd'ge Gott.
Erzherzog Ferdinand. Ihr werdet's, Herr, und bändigtet die Zeit,
Wär' Euch der Wille dort so fest als hier.
Rudolf. Mein Ohm, der fünfte Karl hat's nicht gekonnt,
Sankt Just sah ihn als büßenden Karthäuser.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Ich kann es auch nicht.
Erzherzog Ferdinand. O des argen Mißtrauns
In Euer edles Selbst und seine Gaben!
Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird
Wie ein erhört Gebet auf Euch sich senken.
Die Zeit bedarf des Arztes und Ihr seid's.
Rudolf. Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!
Und dann: allein!
Erzherzog Ferdinand. So wärt Ihr, Herr, allein?
Verzeiht dem Schüler, der den Meister meistert.
Um Euch schart sich die Hälfte einer Welt,
Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild.
Dem Fürsten auf dem angestammten Thron.
Für Euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland,
Des eignen Erblands ungebrochne Kraft,
Noch nicht verführt von falschen Glaubenslehren.
Zählt Eure Schar, und zehnfach, hundertfach
Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl,
Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln.
Rudolf. Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt?
Erzherzog Ferdinand. Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen.
Dann noch die edlen Fürsten Eures Hauses,
Die Gott als Helfer selbst Euch anerschuf.
Rudolf. Sprecht Ihr von Euch?
Erzherzog Ferdinand. So werde nie mir Heil,
Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte,
Als Östreichs Wohl und Jesu Christi Ruhm.
Mein Alter heißt mich lernen statt zu lehren
Auch bin nicht ich's, die Brüder sind's, die Nächsten
Der edle Max, Albrecht der sinnig weise,
Und jener dritte--Erste, den nur eben
Im Vorgemach ich kummervoll--
Rudolf (sich abwendend). Es bien!
Erzherzog Ferdinand. Seht ihr, da senkt das alte Mißtraun wieder
Sich nebelgleich herab auf Eure Stirn!
O weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt,
Daß jener finstern Sternekund'gen einer,
Die Euern Hof zum Sammelplatz erwählt,
Mit astrologisch dunkler Prophezeiung
Euch abgewandt von Euerm edeln Haus
Gefahr androhend von den Nahverwandten.
O weh uns, wenn es so, und Ihr für Schein
Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil.
Rudolf (auffahrend).
Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst,
--Wenn's eine Kunst--daß du so hart sie schmähst?
Glaubst du, es gäb' ein Sandkorn in der Welt,
Das nicht gebunden an die ew'ge Kette
Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg?
Und jene Lichter wären Pfennigkerzen
Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?
Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,
Doch jene Sterne auch sie sind von Gott.
Die ersten Werke seiner Hand, in denen
Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte,
Da sie und er nur in der wüsten Welt.
Und hätt' es später nicht dem Herrn gefallen,
Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf,
Es wären keine Zeugen seines Waltens,
Als jene hellen Boten in der Nacht.
Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht,
Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten,
So folgen sie gelehrig seinem Ruf
So heut als morgen wie am ersten Tag.
Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,
In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.
Und wer's verstünde still zu sein wie sie,
Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,
Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,
Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,
Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.
Fragst aber du: ob sie mir selber kund,
Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde?
So sag ich: nein, und aber, wieder: nein.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen.
Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht
Für das daß andre mächtig und ich nicht.
Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht,
Ich gerne weile in den lichten Räumen;
Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann?
Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,
Hier unten eitle Willkür und Verwirrung.
Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht,
Daß ich erwarte meine hellen Sterne,
Belausche das verständ'ge Augenwinken
Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron.--
(Immer leiser sprechend.)
Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit,
Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag
Für die das Oben und das Unten gleich
Ins Brautgemach--des Weltbaus Kräfte eilen
--Gebunden--in der Strahlen Konjunktur--
Und der Malefikus--das böse Trachten--
(Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause.
Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.)
Rudolf (emporfahrend).
Ist jemand hier?--Ja so!--Was soll's?--
Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias.
Ich seh es ist ein Plan. Was also will man?
Warum verließ er seinen Bann zu Linz?
Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Tätigkeit nur wäre?
Rudolf. Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht?
Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben
Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt,
--Allein ich weiß es, und er weiß es nicht.
Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen,
Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten,
Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust,
Mir Mißtraun gab und gibt.--Die Klugheit riete,
Zu halten ihn in heilsamer Entfernung,
Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm?