Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen

Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition,

Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden

Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe

ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus

einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller

verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur

Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.

Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie in der

Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab.

Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen

wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine

Schrapnellkugel am Fuß verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch

im Kampfe seine Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen. Er

starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Führer meiner

Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte

Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit.

Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, mußten wir

nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablösungsbataillon

durch die spanische Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten

meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wütete die

Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen

stand, daß der Engländer die Ablösung übernehmen würde, wenn die Truppe

nicht bald zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch

auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch

verschärfend die schlechten Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen

wir dauernd in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch

fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge der

Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an

Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten viele Leute mit

Sauerstoffapparaten herausholen.

Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere

vergrabene Kästen voll englischer Munition und sprengte mir in meinem

Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten

Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger

auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der

Nähe. Wir stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30

Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser

Beziehung trauen könnte, maß ich nach und fand den Trichter 22 Meter von

unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu

unterschätzen.

Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen

Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild,

das einen sehr verdächtigen Eindruck machte.

Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße in dichten Qualm

gehüllt, während grüne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen.

Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger

Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze

sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte

das Gewaltige des Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen

zwischen zwei ehernen Kräften. . . . . .

Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen tausend Verborgener nach

dem kleinen Waldstück, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die

Gipfel der stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises

staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen Menschen und Material, des

Einsatzes gegen das von zerhackten Strünken bedeckte Stück Erde harrend.

Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten

Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Sätze an einen

Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch. Eine Stunde später umflammen die

Blitze eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische

Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . .

Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr,

daß der Gegner am linken Flügel in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um

uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant

Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten

einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annäherungsweg aufräumen

sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer

Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir vorläufig auf die

Ausführung verzichteten. Ich ließ den Elbinger Weg besetzen und holte in

einem riesigen Höhlenstollen den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr

vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flügel, wo wir eine

Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das übliche Bild des

Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken,

einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr.

Dazwischen Leute geduckt vor und zurückspringend. Der kleine Handstreich

der Engländer war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann

gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade

lag.

Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen,

wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei

Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40

Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit

einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf.

Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und

Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.

Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und

überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von

allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der

entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte

man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den

bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen

war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen

Anordnungen treffen.

Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten

wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand,

der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten

und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und

ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück.

Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom

Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten.

Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen

gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den

anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die

Landsknechte. »Mensch, alle haben doch nicht so'n Schiß wie du!«, schrie

zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.

Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste

gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits

aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den

langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die

Folgen des Papierkrieges.

Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer

vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die

Hauptwiderstandslinie bedrohend.

Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der

Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ

mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am

Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand.

Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten

Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes

auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein

Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen

Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das

Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos

aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß

gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke

Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am

Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch.

Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten

B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären.

Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und

Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner

schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der

stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im

Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen »Blick in die

Röhre« und begab sich mit dem Zitat: »Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo«

zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender

Hand.

Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der

inzwischen wieder vom Feinde geräumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und

Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten

Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer

(Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch

Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen

furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.

Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen

pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen

eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute

seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende

Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu

betrachten.

Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr

eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie

ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr

Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich

warten. Der Ruf »Sanitäter!« flog von links durch den Graben. Hineilend,

fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse,

die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer

eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die

ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im

zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn

werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an

derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am

Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die

Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite

Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde.

Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte

dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von

Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein

schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur

Fleischbank. Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich

Schwärme von Fliegen sammelten.

Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes

Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie

unter Leutnant Voigt über die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen

sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit

einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner

Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstückes folgen.

Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer einsetzte, die

nötigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem

Leutnant Voigt, der einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt

die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte in Mütze, eine

Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im

Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf

den Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es

ging sehr schön vorwärts, die Engländer flüchteten unter Zurücklassung

eines Toten in eine rückwärtige Linie.

Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines links abzweigenden

Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei

höchster Erregung ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich

mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige Schritt zurück und

stand plötzlich einem athletisch gebauten Engländer in dem Augenblick, als

er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte,

gegenüber. Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei

anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die

Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel

dem Tommy vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld

in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von

meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns

nachgeworfenes Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu

verletzen.

Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen

umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kündeten,

daß sie ihr Leben teuer verkauften.

Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe des

Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir mußten

indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen.

Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosenträgerschnalle

abgefangen. Außerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger

Stärke los.

Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen, metallisches Geschmetter

durchschrie das dumpfe Dröhnen schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in

unheimlicher Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von

Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich mir einen

herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den

Kampfgraben zurück.

Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand

und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden

Händen am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß aus dem Lauf

zu bekommen. Einige Engländer klappten um, die andern verschwanden im

Graben, während das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien

keine Parteien mehr zu kennen.

Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt,

schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den

Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze

Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betäubt in mein

Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug, den

kleinen Raum mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte

eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Um nicht verschüttet

zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden

Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.

Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, während deren die Kompagnie

viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch

den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur

Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu

gering war, übertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die

Verteidigung der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in einem

Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und ließ alle Handgranaten

dort anhäufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben

kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her

zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit auf ein

fortwährendes Geplänkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten.

Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164

abgelöst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie

wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später wurde mein

Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle

erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der großen

Endoffensive umgrollte Puisieux im Rücken hatten.

* * * * *

111. Inf. Division.

Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.

_Divisionstagesbefehl._

Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte

Truppe in den harten Kämpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen

Gegner erneut aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen.

Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl weiß, welch hohe

Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an

schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden müssen für

unser geliebtes Vaterland.

Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal verwundet und diesmal

wie immer ein leuchtendes Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute

Anerkennung.

_v. Busse_,

Generalmajor und Divisions-Kommandeur.

Mein letzter Sturm.

Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Léstrée, einer

wasserumglänzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch

weiter zurück nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen

Arbeitervorstädtchen von Cambrai.

Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines

nordfranzösischen Arbeiterhäuschens. Das übliche Riesenbett als ominöses

Hauptmöbel, ein Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf dem

Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden einige der furchtbaren

Farbendrucke des Familistère, Vive la classe, souvenir de première

communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von

Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit. Ich fühlte mich

inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im

nässesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch

gestapelten Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten

Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.

Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch feindlicher

Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden Materialüberlegenheit

auf der Gegenseite gab. Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran

und ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstädte

fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore

und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ängstliche

In-den-Keller-Stürzen meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag vor meiner

Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den

in meinem Bette schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert und

die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes

die Beruhigung, daß eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein würde.

Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche

Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen

und Besichtigungen füllten einen großen Teil des Tages. Einen ganzen

Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu

fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es

als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den

trefflichen Namen »Gärtnerwurst« beilegte.

Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit

zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich

es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die

Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem

Heere zu entbehren sein, er läßt sich weder durch individuelle noch durch

sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht

über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen,

damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen

Zwang des Führers gezügelt werden können.

Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stoßtruppe, da mir im

Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, daß aller Erfolg der Tat

des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und

Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen Gruppe als einer

zaghaften Kompagnie.

Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schießen und Reiten. Auf

den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den

Prozeß der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es

war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es

recht klug vom Engländer, das deutsche Gemüt mit Gedichten zu bombardieren,

und auch recht schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch

Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprämie von

30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die Heeresleitung die Gefährlichkeit

dieser vergifteten Waffen nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden

allerdings der Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir

schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für Poesie zu

besitzen.

Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das

liebe, alte Städtchen war wüst und öde geworden. Läden und Kaffees waren

geschlossen; die Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie

durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein

so schönes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut über meinen Besuch.

Sie erzählten mir, daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung

verschlechtert hätten. Besondere beklagten sie sich über die häufigen

Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen

auf und nieder zu rennen, über das Problem streitend, ob es ratsamer sei,

im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung

umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir

herzlich leid. Einige Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der

Beschießung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten.

Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tür

hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz

brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintönige

Rollen und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers

herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel

gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine längere Dauer unserer

Ruhezeit hinzugeben. Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten

wir den klangvollen Frontausdruck »es wummert« geprägt.

In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers · 第 18 / 19 段