Ich ließ antreten. Ohne stärkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den

feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrüßt von einem

Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es,

ähnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es

leider nicht verborgen, daß wir uns langsam in ihren Linien vorfraßen. Ein

scharfer Feuerüberfall von Schrapnells und leichten Granaten faßte uns

vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns

über freies Feld dem Graben zuströmten. Wir bemühten uns, möglichst schnell

mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen.

Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche

Grabenstücke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir

ein solches Stück übersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des

Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den über diese Stellen vor uns her

hastenden Gegner unter Feuer, so daß die kurzen tracierten Stücke bald mit

Leichen behäuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten

an noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren kurzen Röckchen

kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie hinweg. Es waren Hochländer,

und die Art des Widerstandes zeigte, daß wir keine Feiglinge vor uns

hatten.

Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer

dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu

weichen.

»Der Tommy macht einen Gegenstoß!«

»Bliew stahn!« »Ich will bloß Verbindung aufnehmen!«

»Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!«

»Achtung, Herr Leutnant!«

Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche

Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten stürzen, schießend und werfend, an

der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim

Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um den vernichtenden

Würfen auszuweichen und stoßen dabei auf die Nachdrängenden. Nur die

vordersten übersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen

Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den

Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der Führer zeigen, ob er die

Achselstücke zu Recht trägt, obgleich ihn selbst das bekannte »mulmige«

Gefühl beschleicht.

Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter

einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter

tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut dazu,

bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten, während der Sand der

Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir schoß mit wildem

Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen

ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß hatte ihm mit dem

Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in

seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in

kauernder Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen,

auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren

Abständen und hörte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte

weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns

gelegen hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen. Einer

fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere konnte ihn eines

Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen.

Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische

Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herüber.

Der Verwundete mit dem Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns

und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der

untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lächeln in den Tod

hinüber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trübes und Unangenehmes,

sondern nur ein klares Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich

berührte. Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich.

Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen über

die Leichen der Hochländer vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden

aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten

zurückgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich

der vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür bekamen wir von

hinten dauernd Verstärkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein

leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser

Kugelspritzen und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Wenn

das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter

wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt.

Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorüber. Ich

sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und

Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Straße

Vraucourt--Mory, die durch an den Bäumen befestigte Stoffblenden

verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über

das geschoßbestreute Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel

durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden

Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes

Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße

Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt

hatten.

Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen

englischen Mantel gehüllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem

kleinen Schultz, dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier

schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo

die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenständen saßen Leute aller

Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm.

Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten

Orte.

Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche

Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dünnes,

vielstimmiges Hurra herüber. Das zündete. »Sie sind umgangen, sie sind

umgangen!« In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die großen Taten

vorangehen, griff alles zu den Gewehren und stürmte in dem Graben vor. Nach

kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun

gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: »Vorsicht, das

Maschinengewehr links schießt noch!« sprangen wir aus dem Graben und hatten

im Nu die Straße erreicht, die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein

langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so daß

sie unter tosendem Hurragebrüll und rasendem Schnellfeuer in einer

Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen

mußten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend.

Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich am Schießen hinderte,

wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in

das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: »Da schießen sie noch, die

verfluchten Schweine!« Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem

kleinen Grabengewirre, von uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von

Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von

rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines von ihnen hoch in die

Luft schleudernd.

Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller

Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr

fort und stürzte mit geballten Fäusten zwischen beide Parteien auf die

Straße. Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot

berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl des Sieges verspürte ich einen

scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei!

Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der

Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu

meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse

entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie

stürzte heran: »Herr Leutnant, den Mantel 'runter!« und riß mir das

gefährliche Kleidungsstück von der Schulter.

Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen

Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl

Deutscher über die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in

braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen

Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Straße

war mit Leichen bedeckt, während die wenigen Überlebenden mit Feuer

verfolgt wurden.

Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstück stand,

verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der Brust. Die Bluse herunterreißend,

sah ich, daß ich einen Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das

Geschoß war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Löcher in der

Bluse und zwei im Körper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der

Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für

einen Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten

angeschossen.

Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mühe bewegen, in

diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten

uns mit einem: »Auf Wiedersehen in Hannover!«

Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee

meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben,

in dem wir uns vorgekämpft hatten, zurück.

Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß die feindliche

Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelände hinter der Straße

und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte.

Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns

sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurück.

Plötzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich

bekam einen Schlag auf den Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich

erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten eines

schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich

beängstigend schnell vergrößernde rote Lache. Das Blut sprudelte so

unaufhaltsam hervor, daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da

mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich

hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung für meinen Leichtsinn,

ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen.

Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor

jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach

vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone

der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten unser Tempo.

Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, ließ mich

beim Generalmajor Höbel melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht

erstattete, und bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der

General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern

tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal im Kriege.

In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in

hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber.

Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen.

Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier zusammen, der zwei

verwundete Engländer, die mich während des letzten Teiles meines Weges

gestützt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.

Auf der Straße Noreuil--Quéant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es

nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen,

die zu einer großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das

Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden

kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto

zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten,

wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die

Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt;

trotzdem wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner

Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die

Schädeldecke beschädigt war.

Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen hatte, wurde ich am

nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu

meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes

nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß am Oberschenkel

verwundet.

Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny)

wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin.

Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege

ebenso gut wie alle vorhergehenden.

Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen anderen Bekannten während

des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer

harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer

kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den

Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als

dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten.

Englische Vorstöße.

Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nähe des

jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der

neue Kommandeur, Major von Lüttichau, übergab mir die Führung meiner alten

siebenten Kompagnie.

Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen

mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in

den Kreis einer Familie zurückkehrte.

Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken inmitten einer

verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grün unzählige gelbe Blümchen

schimmerten. Das wüste Gelände, das wir »Die Wallachei« getauft hatten, war

durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor die Tür der Hütten,

so empfand man jenes beängstigende Gefühl der Leere, von dem der Cowboy,

der Beduine und jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des

Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der Baracken und suchten

Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags

ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei

Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren. Ich fand manchen

bekannten Namen.

Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe

Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf

Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten,

wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher

Bombenflieger das weiße Band der Straße aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern

wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden

Stößen der Einschläge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der

Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen Nachtvögeln ab,

Schrapnells zersprühten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse

jagten in langer Kette gleich feurigen Wölfen hintereinander her.

Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald

mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine

Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.

»Offensiv-Parfüm« erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten

Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu

passieren schienen.

Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume führenden Bahndamm

entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war

lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten

neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche Schreckensnacht des 19.

März trieb uns vorwärts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine

abgelöste, lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte,

als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem

Hagel von Schimpfworten stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten

Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand zurückkehren.

Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande an, dessen

drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genußreicher Tage in Aussicht

stellte.

Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer unbeschreiblichen

Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr von Beinen und brachte durch die

Zauberformel »Ablösung!« Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch

entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und nach ein

unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke, eine verwitterte

Uniform und zwei Lehmklötze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten.

Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das

Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend

eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann würgte sich

mein Vorgänger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung,

daß das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb zurück als

neuer Kapitän des Abschnitts A.

Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte, bot wenig

Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer

entgegen, die im Annäherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen

waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit einem

Prellschuß ab.

Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rücken. Die

Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war

rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke

getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß ein zerhacktes

Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß waren keine Stollen

ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlöchern, die durch

sogenannte Siegfriedbleche gestützt waren.

Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir

zunächst eine neue Behausung. Ein hüttenartiges Gebilde in einem

verfallenen Grabenstück schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch

zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen Zustand

versetzt hatte. Ich führte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie

ein Einsiedler im Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und

Ordonnanzen gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg selbst in

diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd konnte man dann zwischen den

Einschlägen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit

lesen, daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf

den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre; wenn man sich nicht gerade mit

grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den

Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und häufige

Terminmeldungen für die nötige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der

inneren Organisation zu tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten

kaum noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien

die fortgeworfene Patronenhülse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir

ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las

Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die

Hacken zusammenzuklappen hätten. Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen

begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich

schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das

Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür waren drei Tage Mittelarrest

unbedingte Taxe.

Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den

Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel

zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worüber in jedem

Zugführerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten

geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den

altpreußischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.

Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den schönen Namen »Haus

Wahnfried« verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die

nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange, wie

kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner

besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir

eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt hatten,

um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde meine Siesta allerdings

durch in der Nähe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden

Sprengstücke von Fliegerbeschießungen gestört.

Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig wenig zu

leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptsächlich lagen

Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschießung, die sich

in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher Dichte steigerte.

Essenholen und Ablösung wurden dadurch sehr gefährdet.

Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurückgekehrt war

und die zweite Kompagnie führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit

am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und

Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns häufig mit schwerem

Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmäßige Feldwebel der dritten

Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits

ein furchtbares Unglück ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in

die von einem Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76

geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er.

In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks,

die ich auf meinen Spaziergängen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum

Teil spöttische, drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen,

waren aber alle übel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte

Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim

Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um

den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen

Riesenkäfern sich in Bogenlinien über die Walstatt wälzten. Ich dachte

lebhaft an die Männer im feurigen Ofen.

Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie der unsicheren Lage

wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen

und taktischer Verwendung zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang

nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine

Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich

nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu

frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin.

Neben mir flammte es auf. Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner

Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach

durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, während große

Schweißtropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trösten,

stöhnte er hervor: »Der Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.« Trotz

dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in

Hannover die Hand schütteln.

Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das völlig

zerstörte Puisieux. Das Dorf war schon während der Sommeschlachten zu einem

Trümmerhaufen zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem

Grün überzogen, aus dem überall die weißen Scheiben des ruinenfreundlichen

Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das

hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte Erde der Gärten

von neuem bloßgelegt.

In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers · 第 17 / 19 段