gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand
ich mich auf einmal am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit
Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich
schoß durch das Tuch; ein Mann neben mir riß es fort und warf eine
Handgranate in die Öffnung. Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke
verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten
an der Böschung entlang und bearbeiteten die nächsten Luken in ähnlicher
Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster
Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig
zurück. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum
ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer
hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben
besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen
im Bogen hinunter.
Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend,
stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhängender
Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich
ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der
er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der
mir zuschrie: »Schlagen Sie den Hund tot!«
Ich überließ diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu,
der von Engländern wimmelte und schoß meine Pistolenkugeln mit solchem
Eifer darauf ab, daß ich nach dem letzten Schuß wohl noch zehnmal
abdrückte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden.
Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft.
In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Engländer sprangen aus ihren
Gräben und flohen zu Bataillonen über das freie Feld. Von der Dammkrone
raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen sich im
Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur
wenige entkamen.
Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde
beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Engländer,
den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er klappte wie
ein Messer zusammen und blieb liegen.
Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte
Angriffsgeist und Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut entfacht. Von
der Führung einheitlicher Verbände war keine Rede mehr. Trotzdem kannte
jeder Mann nur noch eine Parole: »Vor!« Jeder rannte geradeaus los.
Als Ziel wählte ich mir eine kleine Anhöhe, auf der die Trümmer eines
Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes Flugzeug zu sehen waren. Mein
stures Vorstürmen führte mich mitten in die Flammenwand der eigenen
Feuerwalze. Ich mußte mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen
und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich
einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz
allein über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame
Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir
uns schon jahrelang gekannt hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf
Nimmerwiedersehen.
Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstück, das vom jenseitigen Grunde
mit Maschinengewehren abgekämmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein
und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von
Wedelstädt. Eine Ordonnanz Wedelstädts, die als letzter kam, brach mitten
im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als
Wedelstädt diesen Letzten seiner Kompagnie stürzen sah, stützte er seinen
Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht überleben.
Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden
Rändern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon
über diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben
und schoß, was aus den Läufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500
Meter breiten Geländestreifen getrennt, über den die Geschoßgarben wie
Bienenschwärme surrten.
Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem
Grabenstück auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar
Sprüngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken
Maschinengewehrnest gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen
Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen
Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch ganz kurze Sprünge, um keine Zeit
zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen
Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schüsse abgab.
»Patronen, Patronen!« Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite
liegen. -- --
Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies Feld gegen eine
gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen, daß wir von einer ganz
unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wäre der
Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und
vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob
selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. -- -- --
Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute,
welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte
zum letzten Sprunge an und stolperte über ein Drahtverhau in das
Grabenstück. Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum
rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend. Das
Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hülsen
verborgen. Es war noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer
Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung kam, ein Auge
herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem großen weißen Augapfel vorm
Schädel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich
mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog
mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der
Munitionsgurte über seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu
erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: »Come here,
hands up!« Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im
Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer
gefallen, die ich ihm nachschleuderte.
Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser. Ich stürzte die
ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter, füllte mir eine englische
Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das
Grabenstück füllten.
Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor
uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das
englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg
damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß am Kopfe vorbei,
streifte einen hinter mir stehenden Jägerleutnant und verwundete einen Mann
sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung eines
leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen
Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Engländern eine Reihe von
Geschossen in die Flanke.
Diesen Moment der Überraschung benutzten die Stürmer rechts und liefen
frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte
Kompagnie unter Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben
sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und
schäumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche
Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Händen
hervorkamen.
Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten mit hochgereckten Armen
durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu
solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit
seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um.
Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren nicht verübeln. Einen
Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand
widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte
Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzählten: »Haben Sie
schon gehört, die Sache von dem Schlaganfall? Köstlich!«
Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fünf Schritt
seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kämpfer,
dem während des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann
seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will
töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne
gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus
seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann
ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu
lösen.
In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine
Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf
einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der Mulde, und der
gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgültigkeit,
schwerfällig in Bewegung.
Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten.
Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schießend, vor, bis wir durch
heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl,
die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören. Kius, der wieder
herangekommen war, hob ein abgeplattetes Geschoß auf, das einen halben
Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine
Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen.
Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das
jetzt von dem Leutnant Lindenberg geführt wurde, da leider auch der
Freiherr von Solemacher eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten
Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10.
Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand
und eine lange grüne Jägerpfeife im Munde, mit umgehängter Flinte durch das
Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge.
Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten
uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es »auf allgemeinen Wunsch«
wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren
verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben.
Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken
konnte, rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran.
Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen ließen, wurde uns zum
Glück im Sturm nicht klar.
Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe. Rechts von uns sprangen
einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstück, hinter denen wir
stehend freihändig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war
durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten aufquellende
Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer Prozeß gemacht wurde, teils kamen
die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es
wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach
hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger
Engländer hatte sich mir bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte
und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner
Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir
seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein
schmaler Fußpfad verschwand jenseits der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß
er nach Vraucourt führte. Während sich die anderen noch bei den
Unterständen aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe.
Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten
die Abschüsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem
Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung
einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus und
entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange
des ersten sprang, nieder.
Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet
hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte
Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten
Unterstand zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien
kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuß
quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem
Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet.
Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht stören, sondern richteten
uns in dem Unterstande ein und räumten unter den zurückgelassenen
Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des
ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weißbrot,
Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt
hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische
Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen »the Huns«
wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir
kehrten in Sprüngen zum Anfange des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge
von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon
164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu stürmen, und
eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die
eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck
weiterschoß, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein
und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück.
Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit höchster Entfernung
weiterzuschießen. Diese unverständliche Anordnung riß uns die schönsten
Früchte des Sieges aus der Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der
Feuerwand Halt machen.
Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo
gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die
Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren
wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß. Dreimal
stürmten wir und dreimal mußten wir wieder zurück. Fluchend besetzten wir
einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter
Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich lästig
wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige Leute.
Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch
einmal gewaltig auf, um allmählich zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer
suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere
schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu
sammeln.
Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während der letzten Stunde
um mich geschart; da es kalt zu werden begann, führte ich sie zu dem
kleinen Unterstande, vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um
Decken und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht
hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende
Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Füsilier Haller mit, dem ich den
größten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen
die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und
untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von
englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein
riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige
Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck.
Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar
schnarrende Töne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war äußerst
behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen
und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry
old England! Wir legten uns natürlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was
uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine
Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette
Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zärtliche Erinnerungen
an einen Pariser Fronturlaub.
Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren Vorräte wir
ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von
denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum
noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll
Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll
Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich
wünschen konnte.
Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis, wenn wir
wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen Suppen und dünner Marmelade
im Schützengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem
Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von
Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen,
wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer wieder seine Eisenfaust
spüren zu lassen. Es gibt kein größeres Zeichen für die Macht der Idee, die
uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der
Begeisterung, ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist mehr. -- --
--
Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des
Gegners verließen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir
zwei funkelneue verlassene Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein
und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die
eigene Artillerie uns noch fortwährend Eisen um die Ohren schmiß, zu den
anderen zurück.
Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden Truppen gebildet, war
200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und
befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablösung
geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten
notiert hatte, schlief ich ein.
Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns
geweckt. Wir packten die Gewehre, stürzten aus dem Raum und postierten uns
in einem großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche
zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben
auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis
sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe
verständlich und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß der Führer der
zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkältung kein Wort sprechen
konnte und am Arm verwundet war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum
Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando über seine
Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Außerdem bestanden vom
Regiment noch die beiden ebenso zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und
Vorbeck.
Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur
Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung
ausgeschieden war.
Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten
Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Kälte
erstarrten. Am Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und
schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und Essen zu holen. Die
eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schießerei und setzte
uns als ersten Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier
Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dämmerung stieß noch ein
Zugführer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten
zu mir.
Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich
Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die
Vraucourt-Stellung zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen war.
Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Höhe
südlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie
meist vor unklar gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der
Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres
beendet wurde. Alles sprang in die nächsten Trichter bis auf den Feldwebel
Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu ihm
und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß erhalten. Wir entfernten
mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage
später gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei
Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.
In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose
eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz
befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her
aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen,
und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten.
Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung der weit
zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung, deren Notwendigkeit mir
natürlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen
Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes
sind für immer vorüber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das
Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtümer nicht
verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken
Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . .
Vorläufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Höhe ein. Allmählich
brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit
Maschinengewehren unsere Löcher abstreuten, indes bald von den unsrigen
vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein
ungewöhnliches Bild für alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald
zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd riß sich los und galoppierte durch
das Gelände; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf
weiter, einsamer Fläche, vom wechselnden Gewölk der Geschosse behangen. Die
feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste
Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte
und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Präsentierteller. Mehrere
ängstliche Gemüter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her
liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen über sich ergehen zu
lassen. In solchen Lagen muß man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte
ich, indem ich den geradezu großartigen Inhalt einer erbeuteten Büchse voll
Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag.
Schon seit längerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu
beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenförmige Flugbahn und
den weißen Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene
Augenblick.