angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelände stehenden
Schildchen, auf denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die
Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere
Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine
interessante Neuerscheinung an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr
von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um
12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu
versorgen.
Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten
Quartiere. Nach mehreren Übungen im Bataillons- und Regimentsverbande
exerzierten wir zweimal an einer großen tracierten Stellung einen
Durchbruch der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur
eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, daß der Sturm
in den nächsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der
Geist der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich hier
auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen zur Kampfprobe
versammelt hatten.
Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung sich gesteckt hatte, so
war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten
schwerster Kämpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen,
wie je im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt in die Bresche
stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre
einst die Wogen des Hasses geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen,
daß wir gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor.
Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden
Tisch zusammensaßen und uns mit heißen Köpfen über den bevorstehenden
frisch-fröhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der
Begeisterung der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch Geld
jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits?
Wer weiß, ob nicht die Welt
Morgen in Schutt zerfällt,
Wenn sie nur heut noch hält,
Heute ist heut!
Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch leben wollte, konnte
uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Gläser,
Flaschen und Porzellan gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren gut
in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen Weise von dem
bevorstehenden »Hindenburg-Flachrennen« reden, so wußte man, daß sie
anpacken würden wie immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei.
Wie hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen, diese
stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel schimmernde Ideale, die
über unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für
immer: diese unerschütterliche Treue.
Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits
liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von
rastlos sich vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und
endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von
Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe,
die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos
in den Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten, ehe sie sich in
eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedränge, wobei
sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene
Wagendeichsel spießte und verendete.
Die große Schlacht.
Das Bataillon wurde im Schloß von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren,
daß wir in der Nacht vom 19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren
sollten, um in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes
bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am Morgen des 21.
beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von
1915/16 her wohlbekannten Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen
und womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen.
Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar
nicht anders nennen konnten als »Schmidtchen«, voraus, um die Unterkunft
der Kompagnie zu sichern.
Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz
strömenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend
zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt mußte
jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorüber, nun kam die Sache
selbst. Man mußte jedes Rädchen laufen lassen.
Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos erwarteten,
marschierten die Kompagnien selbständig nach vorn. Als wir in der Höhe der
zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich
heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren
in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelände und ein Fragen
bei unzähligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht
völlig zu erschöpfen, ließ ich halten und schickte die Führer in
verschiedenen Richtungen aus.
Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten sich in einen
gewaltigen Trichter, während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande
eines kleineren saß. Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor
uns einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in
geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwände des
Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fuße getroffen zu sein.
Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen,
während ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach
einem Einschuß untersuchte.
Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende
Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer
Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . .
Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlte
unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht.
Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze
Körper wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden
Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrüll und
Hilfegeschrei.
Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle anderen, nach
einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht
rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war,
wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort, weit weg,
verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: »Mensch, du
bist doch der Kompagnieführer!« Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu
rühmen; ich möchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den
Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, daß das
Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche Angst übertäubte. Man
hatte einen Halt, etwas, an das man denken mußte. Ich zwang mich also an
den schrecklichen Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller,
der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte,
und nahm ihn mit.
Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige
kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: »Herr
Leutnant! Herr Leutnant!« Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter
den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem
Unvermögen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter.
Solche Augenblicke vergißt man nie.
Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden Krankenträger
überlassen, um das Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus
dem gefährdeten Bereich zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der
Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit
wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre.
Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen
Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen
geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene
gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese Beobachtung
gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes
Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden.
Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten
bedroht, durch Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch
standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände
eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke über mich;
trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge
schließen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dämmerung.
Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im
Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu
erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre
Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der
reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der
unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.
Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie,
Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft
zeigen konnte. Sein erstes Wort war: »Mensch, wie sehen Sie denn aus?« Ich
führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl
ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand,
der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier
wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die
Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im
Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.
Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den
Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig
aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte
Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen
mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war.
Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem
gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und
nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und
gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und
Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir
mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen.
Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit
einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die
Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung
standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen!
Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch
viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.
Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können.
So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die
Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier
Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand
zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur
geritzt zu werden.
Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte
häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu
besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer
Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um
den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: »Mehr als
totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!« Eine kleine
Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der
Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch
zum Ermutigen nicht disponiert.
Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere
Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder
ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie
ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen
Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke,
unbemerkt zurückzubleiben.
Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne
Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen.
Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben
sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden
Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her
hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann
von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die
Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.
Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den
Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen
sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört
hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir
verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und
die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten
Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten,
der Engländer hätte Lunte gerochen.
Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: »S. M. der
Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen
begeben.« Er wurde mit Beifall begrüßt.
Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die letzten Minuten mit.
Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner,
der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang,
ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen
Geschütze hinter uns war so furchtbar, daß auch die größten der
überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht
gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm;
sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es
im Stollen nicht länger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über
den englischen Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden,
blutroten Wolken verschleierte.
Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen der Schleimhäute gestört,
verursacht durch die vom Winde zurückgetriebenen Dünste unserer
Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele
Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen. Ich war sehr
besorgt; doch vertraute ich fest darauf, daß unsere Führung unmöglich eine
Berechnung gemacht haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem
zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurück, um den
Reiz nicht zu fördern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen.
Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getöse fortwährend. Vor
uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas
entstanden. Leute liefen durch den Graben und brüllten sich freudige Zurufe
ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher,
Preußen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren überwältigt,
begeistert durch diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten
darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren
Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen hinter dem vorderen Graben
standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch
die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen.
Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben; die
Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent
ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche
huschten durch das Gewölk.
Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher als die vier anderen,
während deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte
eine schwere Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt
vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stieß
auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v.
Solemacher fragte: »Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann v.
Brixen ist eben gefallen.« Erschüttert von dieser Schreckensnachricht ging
ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte
ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur
noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes
sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten mir beifällig zu.
Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei
Regniéville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten
Einschlage die Erdmassen über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion
riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein stürzte er zu
Boden. Ich sprang über ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein
Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen
Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wüten fort. Man sah
plötzlich schwarze Erdklumpen aus einer weißen Wolke wirbeln; die
Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt
nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden drei Leute meiner
Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgänger, tötete das
arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe saß.
Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch
und erwartete den großen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der
Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer
Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern und
abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr
lugte, erzählte mir später, daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte.
Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung
sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien über 800 Meter
auseinanderlagen, mußten wir noch während der Vorbereitung antreten und uns
im Niemandslande derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste
feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach
einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung.
»Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann!« »Jetzt ist mir
alles ejal!« »Rache für die siebte Kompagnie!« »Rache für Hauptmann von
Brixen!« Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht, durch den
sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten.
Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide bot ein seltsames
Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in höchster
Feuersteigerung wieder und wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar
breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone.
Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der
Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen
Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete
es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die
Stimmung war sonderbar, geladen von höchster Spannung. Offiziere standen
aufrecht und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine
zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch und überschüttete uns mit
Erde, ohne daß einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so
fürchterlich geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven
konnten keine Angst mehr empfinden.
Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit
einer gefüllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der
Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke. Nun
fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der Luftdruck mein
Streichholz aus.
Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte über die ersten
Gräben hinweg. Wir traten an.
In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und
Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war
weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen.
Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock
aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der
übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte
mir bittere Tränen.
Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt lastete,
konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen die Männer der Renaissance von
ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben,
Werwölfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.
Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und
setzten in einem Sprunge über den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie
eine Reihe von Gespenstern durch weiße, wallende Dämpfe.
Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer
entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde
später gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke
packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken: »Sind Herr Leutnant
verwundet?« Es war nichts zu finden. Der Einjährige hatte ein Loch im
Oberarme und versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken
geschlagen wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn.
Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein Schrapnell in Höhe unserer Gesichter
auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten.
Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten
ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend. Halb links vor
uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir
überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und
Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.
Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen
Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über
den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer
Granaten entschwelten.
Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor
mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah
sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten Augen
anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie
zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die Mündung an die Schläfe des vor
Angst Gelähmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir
eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer
zahlreichen Familie . . .
Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt
vorüber.
Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glühend
heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch,
daß ich einigemale sehr energisch rief: »Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen
Mantel aus«, und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten
Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens 400
Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der
Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden
Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine
pistolenschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in
ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand voll Munition
zusteckte.