Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte ich den ersten und

zweiten Zug in die Stellung zurück und blieb mit dem dritten in der Grube.

Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg

abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzählten, daß

nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als

unüberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern

überein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen

und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden

Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die

endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in

einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentümlichen

Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat

ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern,

versucht Scherze zu machen, läuft hin und her wie vor einer Parade vor dem

kommandierenden General; kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um

den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus

erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme und Zuversicht ins Mark zauberte.

Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an.

Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter

einer Barrikade verriet, daß das MG. zurückgenommen sein mußte. Unser

Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg,

nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein

paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt

fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und

betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgerät und englischer

Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Plötzlich riß der Führer der

Stoßgruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und

schoß. Er war auf einen englischen Posten gestoßen, der nach einigen

Handgranatenwürfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf

von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten

und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stoßtrupp-Technik trat in Funktion.

Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hände;

Scharfschützen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen

Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugführer spähten über Deckung, um einen

Gegenstoß rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG.

bauten ihre Waffen an schußfeldbietenden Stellen auf.

Nach kurzem Kampfe erschollen drüben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht

begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Engländer mit hochgereckten

Händen entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr und

schnallte ab, während unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet

waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich ließ

sie mit der Aufforderung: »Hands down!« passieren und beauftragte eine

Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches

Lächeln, daß sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit

vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu

stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, daß wir

einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen.

Schon hatten wir 150 Mann gezählt, und immer noch erschienen neue mit

erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem

weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr

höflich, beeinträchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte,

dadurch, daß er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Führer der

Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen

aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefähr 26 Jahren mit

feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem

Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der

eine goldene Kette blitzte, an die Mütze, nannte seinen Namen und übergab

mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, daß ich einen Mann vor mir

hatte. »We were surroundet about.« Es drängte ihn, seinem Gegner zu

erklären, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben hätte. Wir

unterhielten uns in französischer Sprache über verschiedenes. Er erzählte

mir, daß eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden

und verpflegt wären, in einem nahen Unterstande lägen. Als ich mich

erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wäre,

verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die

anderen Verwundeten zurückschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch

einen Händedruck.

Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, daß wir an 200 Gefangene

gemacht hätten. Für eine Kompagnie von 80 Köpfen eine schöne Leistung.

Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten

Graben um, der von Waffen und Ausrüstungsstücken starrte. Auf den

Postenständen lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten,

Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimäntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch,

Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug,

Pistolen, Leuchtpistolen, Wäsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur

denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu

geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas näher zu untersuchen.

Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen

in einem Stolleneingang ein kleines Frühstück zusammenstellen zu lassen und

eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entzünden, während ich meinen

Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann

schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur.

Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht

ableugnen, daß die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen

haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr

die Siegfriedstellung entlang.

Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und

stiegen, um uns zu orientieren, auf den nächsten Postenstand. Während wir

mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine

unsichtbare Faust zu Boden gestoßen. Ein Geschoß hatte den Scheitel seines

Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schädeldecke gerissen.

Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes,

trotzdem konnte er noch allein zurückgehen.

Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff über freies

Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zögernd an; nur ein unbeholfener

Pole, den ich immer für blödsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben

und stapfte schwerfällig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der

Fähnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, während wir gleichzeitig im

Graben vorgingen. Die Engländer gaben einige Schüsse ab und rissen aus, das

Blockhaus uns überlassend. Einer der Leute des Fähnrichs war mitten im

Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem

Gesicht auf dem Boden.

Beim weiteren Vorgehen stießen wir auf die erbitterte Gegenwehr

unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines längeren

Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurückgedrängt. Dort verbarrikadierten

wir uns. Sowohl wir als die Engländer ließen in dem umkämpften Grabenstück

eine Anzahl von Leichen zurück. Leider befand sich darunter auch der

Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniéville als tollkühnen

Kämpfer schätzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer großen

Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem großen Loch in der Stirn,

daß hier keine Hilfe mehr not tat.

Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein

hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen ein 50 Meter von uns postiertes

Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns

nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden

Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser

Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl

ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem

Verstande, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Allmählich wurde es

etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12

Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und

beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das

Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die

Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr 25 Engländern,

deren Köpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich

anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde

ich von weiter hinten beschossen.

Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre

knallten, MG. ratterten. »Sie kommen! Sie kommen!« Wir sprangen hinter die

Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang

in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den

Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir

diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage später zum

E. K. I gratulieren zu können.

Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frühstück zurückgekehrt,

als von neuem ein Heidenlärm losbrach. Es trat einer jener merkwürdigen

Zwischenfälle ein, an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so

reich ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter des linken

Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von

gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenuß schien seine angeborene

Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. »Wo ist der Tommy? Ran an die

Hunde! Los, wer kommt mit?« In seiner Wut riß er unsere schöne Barrikade

ein und stürzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor

ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen

die dem Sprengstoff Entronnenen.

Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch

wir wurden vom Draufgängertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten

aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich

neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt

von Leuten meiner Kompagnie, ließen sich nicht lange bitten. Selbst der

Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre

in der Hand unter den Vordersten und streckte über unsere Köpfe hinweg

mehrere feindliche Werfer nieder.

Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen.

Die schwarzen Bälle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit

unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen

oder noch zuckende Körper. Man tötete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir

hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der

Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während sein Blut aus

vielen Wunden auf den Lehm sickerte.

Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete

unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr

und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien.

Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten

mit hartem Knall am Grabenrand.

Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments

225 ausgeräumt. In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über

freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer

Treibjagd.

Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen

geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden

Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und

sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer

Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mußte also noch einmal an uns

vorbei. Wir konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern, die vor

Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich

schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Füße, so daß sie

stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun

entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie

Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm hüllend. Zwei Leute

reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den

zusammengeballten Engländern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme

hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich. Feuer vor den Augen,

sprangen wir schreiend auf den Grabenrand.

Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden

geworfen. Ernüchtert riß ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu

meinem Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier

Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, daß an

meinem Hinterkopfe nur ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines

weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den

Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurück, um

mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die

nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte und

hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschuß

gefallen wäre.

Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu

fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr

geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen

hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es

war leider nur zu wahr.

Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen sämtliche

hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der

Leutnant Hopf fiel, ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher

Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fähnriche und

viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die

glorreich eroberte Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath, des

letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung.

Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die

irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten

Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je

entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen

hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern,

tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen,

blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist

der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer

gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene

Kämpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so

stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen

Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Blut

klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der

Brust ringt.

Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit

einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus

einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen

anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge.

Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle,

während meine Augen durch herabströmendes Blut geblendet wurden. Der Mann

neben mir stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß

durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann fürchtete, seinen zweiten

Kompagnieführer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei näherem

Hinsehen nur zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest;

wahrscheinlich durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter des

Verwundeten verursacht.

Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich mich dem Hauptmann

an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging. Den hart beschossenen Dorfrand

von Moeuvres im Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im

Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. -- Am Nachmittag

setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lécluse, wo ich dem

begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem

ich halb im Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein

geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen

Tage mit einem Feierabendgefühl in das Bett, das mir mein treuer,

freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am übernächsten Tage rückte das

Bataillon in Lécluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur,

Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in

der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden.

Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein

langes Grabenstück erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und

Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine

Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte

die Freude, eine lange Reihe von Beförderungen und Auszeichnungen verkünden

zu können. Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Führer der

Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer und last not least, der

kühne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster

auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub,

währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit

Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges

über Orden eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, daß

ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete.

Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit

der Inschrift »Dem Sieger von Moeuvres«, den mir die drei anderen

Kompagnieführer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an

den Tag von Cambrai.

Am Cojeul-Bach.

Nach wenigen Tagen der Ruhe lösten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte

Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete,

vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die

Straße Arras--Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches

begrenzt, über das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch

nächtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde

durch eine zwischen den vorderen Gräben liegende Erhebung der Sicht

entzogen. Außer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu

schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme

aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie

wahr.

Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung gähnenden

Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter

ragte in grotesker Wüstheit das Eisengerüst einer zerstörten Zuckerfabrik.

Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit

verbrauchtem Kriegsmaterial gefüllten Trichtern steckten die windschiefen

Kreuze verfallener Gräber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen

und mußte von dem Erlöschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der

anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm

des Cojeul-Grundes zu geraten.

Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen

Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und

trommelte mit den Füßen zur Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben

Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche,

der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde.

Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trüben

Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar

geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der

Befehlsstelle zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam erst zur

Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen

wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine

behagliche Wärme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre

der aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig erwartet

wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben, Graupen und Dörrgemüse

durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr

zu wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische

sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken

gehüllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige

Gerüche ausströmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub

wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen, auch die Erotik

spielte eine Hauptrolle.

Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar

zurückkehrte.

Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst und marschierten durch

dichtes Schneegestöber nach Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um

uns für die Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren

Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern verteilt

wurden, stellten den Angriff für die nächste Zeit in Aussicht.

Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts und

Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr

geschossen. Da alle Dörfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer

belegt waren, wurde jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die

Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten. Ein

Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten Maschinengewehr den

Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel.

Zum Glück war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht klar

erweislich.

Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie Übungsangriffe mit scharfen

Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der

Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen

wird, fallen Späne.

Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v.

Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade zu übernehmen. Das Scheiden

dieses hervorragenden, während der langen Jahre des Krieges fest mit seiner

Truppe verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher

Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besaß

er die bei im eintönigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht

häufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit

Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann kann im Kriege

Unermeßliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: »Auf Wiedersehen

in Hannover!« nicht in Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat

noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von

der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft.

Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über und wurden am 22. für

vier Tage im Trichterfelde links der Straße Dury--Hendecourt untergebracht,

um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung,

die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenüberlag, wurde

mir klar, daß ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen

Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte.

In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers · 第 14 / 19 段