vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in
langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der
Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen
hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal
vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate
schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im
Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.«
Sekunden und Millimeter entscheiden.
Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die
uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch
die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen
Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen,
vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst
nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses
Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants
Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom
Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild
und lebenden Beweis des Spruches: »Fortes fortuna adjuvat« bewundert. Er
war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums
sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus
umgeben waren.
Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von
außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte
auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes
kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen
halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.
Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen
englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach
vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch
scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant
Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T.
K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind
unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den
Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten
Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser
stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm
gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne
Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte.
Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken
genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag,
unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit
einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit
meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im
schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste
Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen
Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren
umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter
nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden.
Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen
uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und
zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte,
raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von
einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch
glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße
Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem
Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.
Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage,
festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt.
Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten
Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls
eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken
Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich
auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir
fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten
Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der
Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag,
eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig
erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche
Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation
eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon
nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen
gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter
vorspringen. Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das
Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der
Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit
den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.
Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und
ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die
feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich
auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres
Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm
spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und
wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her:
»Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird's von selber!«
Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter
den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke
benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und
wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar
ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die
einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern
geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein
Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs
Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen
Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse.
Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse
rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war
wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den
Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe
Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns
durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei
diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur
Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern
verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war.
Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine
Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete.
Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10
abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front
untergebracht. Der Stab zog nach Most.
Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer
verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung
des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe
für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein
Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine
Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das
Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der
Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle
wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter
schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines
Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen
hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern.
Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden
Gefechtsauftrag: »Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung
des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen
beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des
Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des
Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom
Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das
II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht
eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.«
Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann
von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze
bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag
damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T.
K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge
frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern
starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die
menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln
der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der
bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte
mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig
erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a.
waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie
gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders
tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer
der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren
Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die
deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im
selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier
Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter
mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige,
der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert
die Verluste des Füsilier-Regiments.
Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der
gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der
Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei
Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit
den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich
nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten
sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die
Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt
zurückziehen.
Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen
englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang
der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner
verdutzten Leute hinein.
An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von
Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des
Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder
zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die
Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß
verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen
hatten.
Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch
kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu
vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn
drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.
Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes
Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die
Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen
schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im
Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm
Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter
Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in
fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener
wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf
einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich
herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp,
waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine
Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus
versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.
Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen
Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der
Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den
alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen
in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.
Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her
wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden
Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen
manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.
Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt
von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder
Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein
prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue
de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem
Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.
Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins
zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war.
Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen
Formen zu genießen.
Die Cambraischlacht.
Die schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber. Wir lagen noch kurze
Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und
fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen
Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lécluse war ein größeres, von
Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten
und Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen
streng verboten war, hörte man nachts auf dem Wasser oft rätselhafte
Geräusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar
Soldbücher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten
erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darüber, da mir die
gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung
der französischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen.
Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf
meinem Tische niedergelegt. Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden
Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange »Hecht à la Lohengrin«
(Nie sollst du mich befragen).
Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die Stellung, die wir in den
nächsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir
kamen jedoch nicht so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast
jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes
abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe
Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, daß das nicht
lange gut gehen konnte.
Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur,
Hauptmann von Brixen, daß wir an einem groß angelegten Gegenangriff auf den
Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in
unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die
Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu können, hegten wir
unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem
setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren
eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und vorzüglichen
Unteroffiziere.
In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile
verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein
Mann eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte
und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich
wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich
lachen oder wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen
Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir konnten endlich
einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt, bis dicht vor Baralle, wo wir
in einem Straßengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich
trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir
erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung, daß das Regiment 225, dem wir
unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir
sollten währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen.
Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen ein, die sich
von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der
Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal
angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrünen
Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem
leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände Batterien anspannten
und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger schoß einen
englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm
absprang.
Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Höhe des
Schloßparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten
uns trotz der Kälte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um
3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken, der in der
Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir
legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort
wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur
vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die 500 Meter, die im
Kanalbett zu überwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten
ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote
verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte.
Reserven lagen dicht an die Böschungen gepreßt und waren beschäftigt, in
fieberhafter Hast Deckungslöcher in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da
alle Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das Feuer auf sich
zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und
überließ jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog
klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe,
der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen
passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten. Wir
steckten eine Kerze an, aßen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und
unterhielten uns fröstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige
vordere Linie einzurücken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die
siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und führte die Leute
vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mächtige Granaten ein, von denen
eine gleich einem Gruß der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett
mit finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer
eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig über Stacheldraht
und Steintrümmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl
beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur
Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des
Kriegers werden durch die sonderbarsten Täuschungen gereizt; er fühlt sich
zwischen den drohenden Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in
dunkler Heide verirrt hat.
Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen Linie in den Kanal und
wanden uns durch menschenüberfüllte Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand.
Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten
einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr, daß der Angriff an dieser
Stelle nicht viel erreicht hätte und am nächsten Morgen weiter vorgetrieben
werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei
Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten.
Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe
ihrer Pritschen, die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der
Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedränge für
ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender Verwundeter rief durch
die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm
hervor.
Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit
der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als
möglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des
Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese
Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich
erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und
erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nächste Morgen
zeigte, daß diese Änderung von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene
Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes Blut sparen.
Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle
nicht verwöhnt. Da mir die Lage des Drachenweges äußerst schleierhaft war,
bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt
werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.
Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung
umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn
abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild
mit der halbverwischten Aufschrift »Drachenweg«. Als ich hineinging, hörte
ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war
äußerst überrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu
finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln getroffen waren, und sperrte den
Graben sofort durch eine Gruppe ab.
Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine
Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den
Gefechtsauftrag zu erklären und die Züge zum Angriff einzuteilen. Meine
Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal
sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der Grube. Ich stand
oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmäßige
Verneigung der mondbeglänzten Stahlhelme unter mir.