Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und

versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile,

zwei Stoßtrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen

und uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung des linken

Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich

nur aus Freiwilligen zusammen; einige Überzählige weinten fast, als ich sie

zurückwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter

der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius,

Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des

zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.

Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und führten

unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus.

Es war ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur drei schon

vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im übrigen taten wir keinen Dienst,

so daß ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten,

aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir für die Nacht

untergebracht werden sollten.

Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum

Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister

Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in

unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß,

daß man am nächsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat

und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.

Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und ließen das

Frühstück zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tüchtigen Ärger, da mir

mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages

leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.

Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle

Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns

gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum

Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und

führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon

Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile

wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und

harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier

Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der

rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten

Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf

Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und

Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten,

Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte

Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte

Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir

abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als

Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde.

Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer

ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los.

Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte

eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse

Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten.

Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten

Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und

sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das

feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte

aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter,

aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. »Rin!«

Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während

rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern,

setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und

sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer

Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese

vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir,

ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.

Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes

Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die

Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben

vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen

Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste.

So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in

dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das

Leben.

Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter

ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang

gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: »Montez!« Eine

herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe

meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene

Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des

kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde

die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten

den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine

Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff

unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in

entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall

lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: »Wo mögen nur

die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?« stieg immer unheimlicher in uns

empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und

vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben.

Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden.

Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten

uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und

zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten

uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.

Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte

niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen

Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der

Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des

Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich.

Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten

Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten.

Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und

sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines

Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische

Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und

den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während

der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper

nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu

kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute

mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff

mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem

Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick

ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben

vermuteten, eine Stimme: »Qu'est ce qu'il y a« und ein schwarzer Ball flog,

sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. »Achtung!«

Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die

Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das

Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der

Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der

Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es

konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere

Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte.

Pardonstimmung lag nicht in der Luft.

Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel

herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf

das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es

schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir

sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den

eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die

Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf »Lüttje Lage!«

entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel

von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich

liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im

ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen

gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.

Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier

Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost

mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben

geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom

Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde,

hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie.

Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück,

und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine

Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen

Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden

ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem

Satze schloß: »Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge,

Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!«

Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand.

Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war

zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze

Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und

fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden

noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß

ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die

Landstraße zu brausen.

Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte

vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust

meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: »Du kannst mir hier, zwanzig

Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,« und gab zu verstehen,

daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße

von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes

gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig

in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an

die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige

Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den

Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer

angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin

ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!

Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte

bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen

Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte:

»Nur die Lumpe sind bescheiden!« unsere Taten vom Morgen in das richtige

Licht zu stellen.

Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch

einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage

Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen

war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern

dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten

Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: »Dem

Auge fern, dem Herzen ewig nah!« In eine große Steintafel war gemeißelt:

»Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten,

Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.«

Abends las ich im französischen Heeresbericht: »Ein deutsches Unternehmen

bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.« Daß die Gefangenen nur

gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen

Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre

Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl

anders gekommen.

Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem der Vermißten, dem

Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er

war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und

schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter

auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren.

Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war

unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich

an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten

Gräben denke.

Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zürn mit mehreren

Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen in die erste französische Linie.

Domeyer stieß auf einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart,

der seine Aufforderung: »Rendez-vous!« mit grimmigem »Ah non!« erwiderte

und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes schoß

Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne

Gefangenen zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine

Artilleriemunition verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht ausgereicht

hätte.

Noch einmal Flandern.

Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen Urlaub zurückkehrte,

wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelöst und

zunächst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester

jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen

lothringischen Dörfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen

Örtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In

dieser Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche Erfahrungen

gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern mußte man gewisse

Schattenseiten mit diskretem Lächeln ignorieren. So sehr ich den Franzosen

schätze, halte ich doch diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende.

»Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt,

Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.«

Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen

wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten.

Wir übernachteten in dem Städtchen Iseghem und marschierten am nächsten

Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt: Roselaire. Die Stadt

befand sich im ersten Stadium der Zerstörung. Noch wurden in den Läden

Waren feilgehalten, doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und

die Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen

zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten gegenüber meinem Quartier machte

auf mich in dem Kriegsgewühl einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts

versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.

In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner

der überirdischen Räume. Das Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn

des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur

Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten für ein kleines,

verwaistes Mädchen, das sie während unseres Vormarsches, von seinen Eltern

verlassen, in den Straßen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht

einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor

Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen,

um die bösen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings

auch, als, während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen

im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer fliegenden Engländer

betrachtete, eine Riesenbombe in der Nähe des Hauses aufschlug und der

Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.

Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier bestimmt und dem

Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor

unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das

wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen

Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas über mein »rotes

Mützenbandl« brummte. Ich legte damals schon längst keinen Wert mehr auf

einen sortiert feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall den

Neuling.

Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr

guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen,

als eine Granate bei uns einschlug. »Da bin ich schon, des Chaos

vielgeliebter Sohn!« Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag

in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine

Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen.

Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer

Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten.

»Den hat's a derwischt!« äußerte der biedere Bayer. »Dicke Luft«, meinte

der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf

lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale--Westroosebeke und

erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy

geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen

Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer

vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein

geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut

waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über

Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht

erstattete.

Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die

gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die

flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein

Wirtschaftsschild, das den Titel »De Zalm« (Salm), »De Reeper« (Reiher),

»De Nieuwe Trompette«, »De drie Koningen« oder »Den Olifant« führt? Klingt

das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen

unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche

Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von

den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.

Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den

Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und

knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im

Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier

zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist.

Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten,

klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe

werden konnte.

Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach

Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An

der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das

Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von

Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate

getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir

versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die

Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen

bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem

Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte

die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit

zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten

militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase

gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder

desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied

bereichert haben.

Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache

bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps

schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete

schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns

begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen

rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken

Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über

ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir

sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich

wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da

der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für

den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in

der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und

Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal

einer bombensicheren Unterkunft darstellte.

Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der

Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte

über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen

Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons

hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum

Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war

das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das

besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf

meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten

vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen

Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand

errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt.

Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch

einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde,

entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie,

Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung

lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von

anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins

erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf

Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er,

die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in

Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst

Bericht erstattete.

In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers · 第 12 / 19 段