auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken
sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So
beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman »le
vautour de la Sierra«, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war.
Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: »Ein großes Herz fühlt vor dem
Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.« Heute
schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir
selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich
Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir
ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben
sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.
Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius
leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß
fest.
Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des
ganzen Krieges.
Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem
unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen
ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen
und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden
sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende
Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern
wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern
des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.
Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein
schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln
eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden
aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das
Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu
betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen.
Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in
einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum
hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht
dich.
Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der
moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am
Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen
Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache
machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein
Feigling vor mir selbst, ein Lump, der später bei jedem Worte des Lobes
erröten muß. Du beißt die Zähne zusammen und bleibst.
An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen
Chaussee lagen. Man sah, daß Führer und Mannschaft in einem heroischen
Geiste erzogen waren.
Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier
als Vorkämpfer muß das Gefühl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre
anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen.
Das wird einem erst im Kriege ganz klar. --
Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen
eingeschwärmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur
schlammgefüllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach
zurückgezogen.
Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft, setzten wir uns
bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den
zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in
einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte ich durch ein
merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte, daß ich mich in einer betrüblichen
Lage befand. Es regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen
sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und
schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des
ständigen Steigens der Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone
nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden
Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin
füllte. Während ich mich bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu
angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen
übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne
einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der nächsten
Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Straße.
Es war eine erbärmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, daß
kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu
brechen vermag wie Nässe und Kälte.
Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres
Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mußte ja dadurch gerade in
den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit
seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone überwinden, während wir
unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen konnten.
Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein
rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers, der den Befehl brachte, daß
sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte.
Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am
Angriffstage gewesen sein mußte. Die Straßen waren besät von Menschen und
Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen
lagen zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen.
Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen Bälle
vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten sich die Reste des Regiments.
Wir wurden erschüttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der
Stärke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand.
Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften.
Düsteren Blicks standen die Überlebenden im strömenden Regen, bis die
Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um
einen glühenden Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück
wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwüstlich.
Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen
und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie getötet. Trotz der
Beschießung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum
Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den Regen
hinausgeworfen zu werden.
Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen Abrücken. Wir marschierten
über die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach
Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf
Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies
schon viele zerschossene Häuser auf. Der verödete Marktplatz war mit
fortgeworfenem Hausgerät besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen,
als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein
Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lärm
im Rücken erhöhte das Traurige des Bildes.
Die Überreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof
untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder
hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Führung der siebenten
Kompagnie übertragen, mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid
teilen sollte.
Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, stärkten
uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner
der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz
in die Augen: »Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.«
Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar wirres Tun in finsterer
Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil
dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche
Offensive zum Stillstand zu bringen.
Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen
Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schläfer und wälzten sich hin und
her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten.
Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrüchten der
verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Städtchens Gits in Marsch. In
der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon
wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flämische Kellnerinnen
zum allgemeinen Vergnügen mit sehr gewagten Redewendungen würzten.
Besonderen Spaß machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch
die Offiziere, mit »du« traktierten.
* * * * *
Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen
Brief meines Bruders. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine
klapprige Lunge behalten würde.
Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergänzen
und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen
Neulings anschaulich wiedergeben:
»-- -- Antreten zum Sturm!« Das Gesicht meines Zugführers und
Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den Eingang der kleinen laub- und
bretterüberdachten Höhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend
lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich
fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den Stahlhelm fest und
trat in die Dämmerung hinaus.
Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen verändert. Das
Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen
Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und
beruhigten das ängstlich spähende Auge durch ihre großen eisernen Kreuze.
Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trümmern und Schutt
sich merkwürdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und füllte
meine Feldflasche.
Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich hakte mir eilig vier
Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei
Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen
aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem
bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten
sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und
polternd auf den Feind zu.
Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das zweite Bataillon unseres
Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl,
englische Abteilungen, die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen.
Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den
Gegenstoß aufzufangen.
Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf mein Blick auf das
blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. »Bachmann«,
dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad,
Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich verlor
ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich
plötzlich vor unseren Augen entwickelt hatte.
Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich
zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen
Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure
Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Himmel mit düsterem,
schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder
zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge
umherwanderten.
Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig
ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontänen, und ein
Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick
stand jeder erstarrt. Dann stürzte alles wie rasend auseinander. Einmal
noch hörte ich unverständlich die brüllende Stimme unseres
Bataillonskommandeurs, Rittmeister Böckelmann.
Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und
drängte mich mit den anderen nach den Trümmern eines Dorfes, das die
unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen
die Gasmasken heraus.
Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf
sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag
spähend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand,
Detonation folgte auf Detonation; Häuserreste, ein Schauer von Erdklumpen,
Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle
Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glühenden Hexenkessel
hinein.
Was war dagegen das halbstündige Trommelfeuer, das diesen verfehlten
Angriff vorbereitet hatte. Denn daß er verfehlt war, war mir klar wie eine
Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen
Zwischenräumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten
durcheinander und stürzten mit höllischem Prasseln nieder.
Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers' schaute ich nach rechts. Er erhob
die linke Hand, winkte nach hinten, rief und sprang vor. Ich stand
schwerfällig auf und folgte laufend. Meine Füße brannten von der
vorhergehenden Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von den
Strümpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte nachgelassen.
Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete mich, als ich aus
einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells,
das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Höhe auseinandersprang. Ich
fühlte zwei dumpfe Schläge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir
das Gewehr aus der Hand, ich brach, den Kopf nach hinten, zusammen und
kollerte in den Trichter zurück. Verschwommen hörte ich noch die Stimme
Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: »Den hat's erwischt.«
Er sollte den nächsten Tag nicht beenden. Der Vorstoß mißlang, und er wurde
beim Zurückspringen mit all seinen Begleitern getötet. Ein Schuß durch den
Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende.
Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhig geworden. Ich
versuchte mich aufzurichten, empfand jedoch heftigen Schmerz in der rechten
Schulter, den jede Bewegung des Armes verstärkte. Der Atem ging kurz und
stoßweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen. »Prellschuß an Lunge
und Schulter«, dachte ich, warf Sturmgepäck, Koppel und in einem Zustande
völliger Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und
hängte die Feldflasche an den Taillenhaken.
Nach fünf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen.
Nach vielleicht einer Stunde versuchte ich das zweite Mal fortzukriechen,
da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern überschauert wurde.
Auch dieser Versuch mißlang; ich verlor meine Feldflasche und versank in
eine unendliche Erschöpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefühl
brennenden Durstes erweckte.
Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig
schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein
Gewitter zog auf, seine Donnerschläge wurden übertönt von dem einsetzenden
Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte mich an die Trichterwand. Ein
Lehmklumpen traf meine Schulter, schwere Splitter fegten über meinen Kopf
dahin. Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit.
Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprüngen über das Feld
setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden, ohne auf mich zu hören wie
Schatten in den Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu. Ich
erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage vorher. Sie nahmen
mich mit zu einer kleinen Hütte, die in der Nähe stand, vollgestopft von
Verwundeten, die von zwei Sanitätern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden
im Trichter gelegen.
In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen Schmerz verbeißend,
krampfhaft sein zerschossenes Knie hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen;
manchmal, wenn jemand ihn anstieß, stöhnte er leise.
Fortwährend arbeitete das gewaltige Feuer fort. Granate auf Granate schlug
neben uns ein, häufig das Dach mit Sand und Erde überschüttend. Man verband
mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober, roter Marmelade und
ein wenig Wasser. Der Sanitäter sorgte für uns wie ein Vater.
Die Engländer begannen vorzudringen. Sprungweise näherten sie sich und
verschwanden in den Trichtern, wie ich aus draußen erschallenden
ängstlichen Ausrufen schloß.
Dann trat mein Kompagnieführer, der Leutnant Sandvoß ein, fragte mich, ob
ich gehen könnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich
darauf hörte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden
umpostiert und begannen zu tacken.
Plötzlich stürzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein
junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder,
der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrüßten uns, ein wenig
seltsam und gerührt lächelnd. Nach wenigen Minuten verließ er mich und
brachte die letzten fünf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine
Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschütze vom Schlachtfelde
getragen. --
Regniéville.
Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten Mars-la-tour aus. Die siebente
und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz
beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen
Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den
Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die
Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden
angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.
Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von
Busse, besichtigt, der uns sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht
aussprach. Am nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die
Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue
Stellung, die sich auf den waldreichen Höhen der Côte Lorraine gegenüber
dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville
hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang
für eine Kompagnie vorkam und aus einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil
halbverfallener Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen
Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen
Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurück in dem sogen.
Verkehrsgraben, nahe der aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten
Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber.
Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung
bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der
Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken
betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen leicht ablaufen konnten.
Der rötlich-weiße Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den
Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und
Ammonshörnern in den Unterstand zurück.
Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig
Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es
kamen nämlich in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel
beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in
demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander wie Wander- und
Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wäschewechsel, denn die
sprunggewandten Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der Lagerstätte. Der
zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß endlich seine Decken heraus und
konnte mit Mephisto sprechen:
Ich schüttle einmal noch den alten Flaus,
Noch einer flattert hier und dort hinaus,
Hinauf, umher in hunderttausend Ecken,
Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.
Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig. Außer der dünnen
Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lächerlich kleinen
Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon
fraß mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte.
Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten,
romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein
Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an
den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer
winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Hütte, die dicht von
Haselnußsträuchern und Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen
Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken und einen
schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rückwand
aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon
mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und auch ich
bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht zu vernachlässigen. Wenn
abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weißen
Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten Dämmer
zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme des Feuers hockte, schien
mir nur ein Getränk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in
einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die
Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer Herr meine
Kompagnie übernommen hatte, und ich als Zugführer wieder den langweiligen
Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter
Gewohnheit durch häufige Patrouillen zu umgehen.
Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann durch einen
Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das
Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. -- Am 29. stattete ich mit dem
Unteroffizier Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten
Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.
Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann
in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen Überraschung
war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit
ziemlichem Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der
nächsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstündigen
Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei
einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung
mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige Tür versperrt,
doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir
denselben Weg zurück und verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren
Besuch nicht zu verraten.
Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde
jedoch mit Gewehrschüssen und zitronenförmigen Handgranaten, den sogen.
»Enteneiern«, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden
gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte schleunigst
Fersengeld geben.
Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum
Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. »Ich habe schon an Sie
gedacht,« erwiderte mir der Oberst von Oppen, »das Regiment muß jedoch eine
gewaltsame Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen. Suchen
Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit ihnen unten im
Souloeuvre-Lager.«