Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung vorzubereiten und meine
Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf
Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere
Granaten einige Male »aus dem Schritt gebracht«. In der Dunkelheit hörte
ich die Stimme eines Rekruten: »Der Leutnant legt sich ja nie hin.«
»Der weiß ganz genau Bescheid,« wurde er durch einen Älteren belehrt. »Wenn
eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!«
Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. »Nimm nur
Deckung, wenn es nötig ist, dann aber plötzlich.« Den Grad der
Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den
Endpunkt der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch das
leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt.
Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich
durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Gräben, die des
Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen
auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich
zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der Führer zufolge vor einigen
Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000
24-cm-Granaten vertrieben war. »Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,«
dachte ich mir dabei im stillen.
Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen
wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen
Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln
sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und
hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam
der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück
und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre,
bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen
Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser
durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen
vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des
Bereitschaftskommandeurs, geleitete.
Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von
der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im
Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch
Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen
schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende
Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.
Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des
Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen
Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose
Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um
kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann
pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die
Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.
Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen
Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen
inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit
und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann,
der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken
Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem
Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der
Außenwand geplatzt war.
Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der
Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte.
Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der
Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen
Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ.
Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte
mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur
Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der
Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben
nicht gewachsen wären.
Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn
stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte
Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem
Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.
Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das
Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines
lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und
führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten
Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen
Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.
Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns
einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht
über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und
durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während
versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen
suchten.
Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der
unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der
Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir
hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer,
der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt
der Trichterwüste gleichmachen mußte.
Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen
vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.
Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl,
aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50
Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die
vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt
entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein
Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten
Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm
vorging.
Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den
zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen
waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten,
war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten
ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen
einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend.
Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem
Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem
Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt
benachrichtigt zu haben.
Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder
Waffengattungen, die nicht einmal »Gewehr über!« kommandieren konnten, nur
ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die
Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag
man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine
Menschenleben in Frage kommen.
O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und
hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer,
gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel.
Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und
Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal
losgehen sollte.
Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich
tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den
Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen.
Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht
unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem
vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und
links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie
hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen,
war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer
zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen
war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.
Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich
mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute
Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen
Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende
Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene
Hütte und hasteten weiter.
Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von
Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die
uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich
erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.
Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu
folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen
überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil
hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich
merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde.
Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das
Gelände war menschenleer.
Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer,
dann wieder zwei. Mit diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel.
In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der
dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren
Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak
empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war.
Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und links war kein Anschluß.
Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder
gehört hätte. Man wird sich meine Gefühle vorstellen können, als ich
erfuhr, daß er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermißt sei.
Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in
einem nahen Unterstand läge und zeigte dabei auf ein wüstes, von
entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die
unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein
Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge
ächzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim
Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge
durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das
Fieber glänzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen,
sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten.
Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden
Augenblick konnte der Engländer stürmen, oder eine Granate dem
schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war,
ihn sofort zurückzuschaffen. Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung
unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den
Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« zu schaffen und
von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir
knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann
nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte
sich der traurige Zug in Bewegung.
Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen
Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand.
Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den
langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht
mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern
des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nähe Brisanzgranaten von ganz
außergewöhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar
getötet hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze
los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille
des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige
Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange darüber
aufhielt.
Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelöst, die
mir den Befehl überbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen.
Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß
kampfunfähig gemacht.
Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit
Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs,
das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente.
Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die
strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die
ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.
In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit
schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion
die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe
einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das
Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand
»Kolumbusei« und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft
zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit
Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung
zurückgeschafft sei.
Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen,
auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch,
Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen
Standesunterschied die Flasche mit »98prozentigem« rundgehen. Dann gaben
wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende
Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört
wurde.
Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute
nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß
von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei
geräumt und der Gegner im Vordringen.
Nach dem alten Soldatengrundsatz: »Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele
zusammen«, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah
dann zu, was draußen los war.
Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in
dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute
gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung,
keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit
umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach,
zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere,
milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein
Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen
und brannte noch minutenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich
dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und
Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns
ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon
nahe herangekommen sein mußte.
Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den
wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den
Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm
auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu,
daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne
Deckung.
Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter
oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten
verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die
erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.
Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte
den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an
Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter
Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine
Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und
ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich
nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den
Hals.
Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen
führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig
unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von
ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick
gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.
»Anschlagen!« rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses
standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre
magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen
Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie
uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz
versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch
nicht locker. »Aber ich habe ja gar kein Gewehr!« »Dann warten Sie, bis
einer totgeschossen wird!«
Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trümmer des
Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der
Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren
Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich
unverletzt wieder hoch.
Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang über
uns hinweg und blieb an der Straße Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war
nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht
gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen,
daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten. Nachdem der Sturm über uns
hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was
unvermeidlich kommen mußte.
Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren
erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schützenlinie. Meine Leute
schossen, hinter den Trümmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie
weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns
durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren
wir von einem Kranze von Schützen umgeben.
Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft
hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge. Es war schwierig, die im Kampfe
verbissenen Leute hochzubekommen.
Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt
zu werden. Ich verließ die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann
unterstützend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit
einigen Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.
Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die zweite Kompagnie, die zur
Verstärkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen
zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute anderer
Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen wollten, zwingen, zu
bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren
nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen
auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen hätten. Mit
Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit Hilfe von Kius und
einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.
Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frühstückten. Kius
zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor
uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf
umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und
meldete, daß sich eine Kompagnie der Gardefüsiliere an der Straße
eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten hätte.
Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Höhe vorgehen.
Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde
schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot
zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt hatten, von der das Gelände zum
Steenbach abfiel, bemerkten wir, daß die Engländer im Begriff gewesen
waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen
Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelände
von Schützenlinien und Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg
wimmelten sie schon herum.
Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch aus und knallten
gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen.
Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine
Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, während
neben ihnen die Staubwölkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer
Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf
einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander vier Gegner ab. Der
Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit
verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgeräumt.
Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge auf uns herunter
und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben.
Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um
Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und
Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde
alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der
Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder.
Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen
wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die
Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch
schwere Stunden bevorstehen mußten.
Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren
Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten,
schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und
Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz
auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu
meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus
vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter
rechts traten schwere Verluste ein.
Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in
die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens
Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre,
Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser
Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir
noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem
Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine
Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das
Ende gefaßt.