wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter
breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben
sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen
Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.
Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit
einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu
machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich
eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.
Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens
anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten,
seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem
wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir
klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht
bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten
werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.
Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem
Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die
Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit
immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von
einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen
geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich
natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem
ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes
muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art
taktische Fehler begehen.
Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte
Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas
exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu
verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer
kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache
zurück.
Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so
versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie.
Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges
Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen
die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen
Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß:
Jetzt ist etwas los!
Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: »Herr Leutnant, es gehen
70 Engländer gegen den Waldrand vor!«
Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber
vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem
Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu
beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese
huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein
leises: »Wer da?« Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter
alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln
versuchte.
Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren,
deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute
standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung
nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam
ich zur Antwort: »Ich bin Krankenträger.« Der Mann hatte sein
Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer
Disziplin, ließ ich antreten.
Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite
ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen
unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns
liegenden Hügels zu gewinnen.
Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine
Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken
erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes,
der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war.
Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das
schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer
verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.
Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den
Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und
drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: »Die
Engländer!«
Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken
erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich
gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des
Offiziers am rechten Flügel.
Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich über einen
tückisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich überschlug,
kam ich doch glücklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur
durch Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte
Schützenlinie.
Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken der gewöhnliche Mann,
der vollauf mit seiner persönlichen Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar
unbeteiligte Sachlichkeit des Führers bewundert, der inmitten der tausend
entnervenden Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines Auftrages klar im
Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten über sich
selbst hinaus und spornt ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer
und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entzünden.
Der moralische Faktor ist eben alles.
Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches Knacken und
Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens glitt.
»Halt! Wer da! Parole?!«
Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort
des 1. Bataillons »Lüttje Lage«, ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem
Hannoveraner geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames,
unverständliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und
ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehört zu
haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die
Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern
verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit.
Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen. Einer von uns bekam
einen Schulterschuß und wurde durch den Sanitäter verbunden.
»Stopfen!«
Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der
Nerven war durch die Tat gedämpft.
Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende Aufforderung: »Come
here, you are prisoners, hands up!«
Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner löste sich vom Waldsaum
und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm »Parole!«
entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte.
»Schießt ihn kaputt!«
Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras.
Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl der Genugtuung. Vom
Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich
gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.
In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu
dämmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf.
Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fünf, zehn, fünfzehn,
eine ganze Kette. Zitternde Hände lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter
waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die
Gewehre. Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und
Stahlhelme wuchteten.
Plötzlich ein Schrei: »Aaaachtung, links!« Eine Schar von Angreifern
schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit
vorgestrecktem Revolver, eine weiße Keule schwingend.
»Linke Gruppe links schwenken!«
Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge stehend. Einige der
Gegner, darunter der Führer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen
zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen
waren.
Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und
wütendem Hurra stürmten wir das Wäldchen. Handgranaten flogen in das
verschlungene Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer
Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben.
Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die
blassen, übernächtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend
aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir
waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten
Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die kühle Morgenluft sich durch
die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.
Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten,
hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten
durch den Hohlweg entfernte.
Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die
Schützenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und
Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und
drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest überzeugt,
von uns umgebracht zu werden.
Auf meine Frage: »Quelle nation?« antwortete einer: »Pauvre Radschput!«
Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen, um sich bei diesem
gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen Füsilieren die Schädel
einzurennen.
Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf diese kurzen
Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß Sprengwirkung. Keiner hatte
weniger als zwei Schüsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu
unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften
ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer
Angst noch bestärkt wurden. Einer starb schon während des Transportes. Er
wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig,
eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu
gewinnen, indem sie fortwährend riefen: »Anglais pas bon!« Weshalb diese
Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.
Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lärm des Kampfes gehört und
schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere
Beute gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes
Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück und ließ mich von ihm zur
Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten.
Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im
Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das
Mehrfache überlegenen Abteilung, die uns schon in den Rücken gekommen war,
siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine
glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualität zu erzielen.
Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich durch Überlegenheit
über die Situation und persönliche Einwirkung auf meine Leute dem
feindlichen Führer eine arge Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab
bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise
gemessen, wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison üblich ist;
nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.
Sollte ein Angehöriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei
ihm hier meine Achtung ausgesprochen für eine Truppe, die solche Führer ihr
eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu
kämpfen.
Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? »Ihr dürft nur Feinde haben, die zu
hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf Euren
Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.«
Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber
der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen.
Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am
Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem
Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein
Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den
unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.
An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen
hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit
zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er
hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte
Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich
heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch
die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen,
sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe
Patronen enthielt.
Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer
unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur
dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken
mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe
Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.
In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des
Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste
der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte.
Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein
merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und
stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen
Leben erwacht schienen.
Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem
leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf
Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg
bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen
Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns
gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns
kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.
Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie
angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe
unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.
Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude
und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.
Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall
der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich
sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles
sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer
Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab
ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in
ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.
Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los.
Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß
ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast
am Kragen gepackt hätte.
Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich
verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten
wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam
der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer
Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt
hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der
Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.
Das größte Unglück war, daß der Mann, der das Maschinengewehr getragen
hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen
gelassen hatte.
Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten,
setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12.
erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach.
Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich
mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch und jammerte: »Herr
Leutnant, nicht allein lassen!«
Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der
Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe
von Postenlöchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen
dämmerte, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte.
In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerührt von
dem gläubigen Vertrauen des Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über
die Lage.
»Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin
verwundet! Wo ist der Leutnant?«
Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schönsten Lohn in sich, wie
die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die
Schlacht zu einer Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in
gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse
betrachtete.
Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser
Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdächtiger
Geräusche beim Anschleichen, daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte.
Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere
im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt
wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung
von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr
suchen.
Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am Nachmittage selbst
einige Batterien ein.
Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden Schultz wieder auf dem
unheimlichen Stück Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht
hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr auszuhalten.
Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Säcken mitgebracht
hatten. Wie Leichentücher leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel.
Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse
fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen
entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die
Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als
Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche
Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer
mitgenommen hatte.
Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter
hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern
konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns
mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich
hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.
Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre
wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten
anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr
unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr
auch nicht.
Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst
wurden, hatte das Geplänkel ein Ende.
Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach
Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.
Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig
verloren.
Langemarck.
Cambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des Artois, an dessen Namen
sich manche historische Erinnerung knüpft. Enge, altertümliche Gassen
schlingen sich um das mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele
Kirchen. Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite
Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers
Blériot ziert.
Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den großen, einfach
aussehenden und reich ausgestatteten Häusern ein behagliches
Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend.
Das Städtchen führt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn
kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre.
Der große Krieg riß das stille Nest brutal aus seinem Dornröschenschlummer
und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges,
neues Leben rasselte über das holperige Pflaster und klirrte gegen die
kleinen Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde
Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen sich in die
mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem Wechsel die beschauliche
Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken
und Haustüren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermären
und sicherste Nachrichten über den baldigen Endsieg der Landsleute
zuraunend.
Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der
Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm während unserer
Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine
Unterhaltungen aus den Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische
Abenteuer waren an der Tagesordnung.
Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den großen Platz bei dem später
berühmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten
Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps
übertragen.
Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen meine Wirte, das
freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir
irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee
zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natürlich die schwer
zu beantwortende Frage erörtert, warum die Menschen Krieg führen müßten.
Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwänke
der allzeit müßigen und witzigen Bürger Cambrais zum besten, die in
Friedenszeiten Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes
Gelächter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers
köstlichen Onkel Benjamin erinnerten.
Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Städtchen und fuhren
nordwärts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort
schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch
nicht gesehen.
In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten
durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von
der schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte Felder und
saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen. Weit verstreut lagen
saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldächern, an deren Mauern
Bündel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs
kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in
derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in
den Gärten von Einzelgehöften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen.
Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von
Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg und explodierten in der Nähe.
Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bäche und tötete einige
badende Leute vom Regiment 91.