bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu
errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein
Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck
schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten wir in den Keller, bei dessen
Ausräumung uns als angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen
Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir der
Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal mit einem Zuge
als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in
der Eile zurückgelassenen Beständen eine große Dose Leberwurst und einige
Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen
Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung dieser Schätze mußte
leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Engländer den Dorfrand
bereits mit dichten Schützenlinien erreicht hatte.
Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle
zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldeläufer, Radfahrer,
Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine
Leuchtpostenkette zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen
passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum
letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.
In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen
zu hören, war aber so schlaftrunken, daß ich nur murmelte: »Laß man
schießen!« und mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum
dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch den Neffen des
Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: »Mensch,
wissen Sie noch gar nicht, daß Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?« Als
ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere
Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume mit dem
Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder hätte nur ein wenig gröber
zu sein brauchen, und das Geschoß hätte uns im Keller an die Wände geklebt.
Schultz erzählte mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten
Hauses gesagt hätte: »Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir
wollen doch mal sehen, ob der noch is.« Mein Bursche war ganz außer sich
über meinen unglaublich festen Schlaf.
Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller über. Auf dem Wege
dorthin hätten uns beinahe die Trümmer des einstürzenden Kirchturms
erschlagen, der von einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt
wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen zu erschweren. In
einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu
benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte
man die Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen.
Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir
Möbelstücke aus Schloß und Hütte, die uns gerade praktisch erschienen,
zusammenschleppten.
Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter
Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten,
da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf,
sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend
abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen
und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das
Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel
ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am
Halse getroffen.
Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das
Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß
er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige
Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte
gestattete.
Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig
einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300
Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der
hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder
Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt
mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen
leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit
Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte
eiligst das Feld, um mich nicht »antöten« zu lassen, wie der damals gerade
übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.
Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard
ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines
großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war.
Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen,
dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach
jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke
gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen
Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und
brach beim Aufsturze sämtliche Knochen.
An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber.
Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers
trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und
Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände
eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.
Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden
Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den
Fernspruch: »67 von 5 a. m.«, was nach unserem Zifferncode »von 5 Uhr
vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft« bedeutete.
Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu
sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine
Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das
ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.
Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe
hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei
wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und
meldete: »Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer
bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!« Da ich im Haus Nr. 11
zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen
Leuten zu Hilfe.
Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt
folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen,
beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben.
Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen,
während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der
Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne
Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei
anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der
gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.
Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und
trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster
Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen
Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter
zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige
Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die
Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am
Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte
der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen
Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem
aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein
zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die
eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen
mit den Worten: »Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein
Zweck!« zur Ruhe verwiesen.
Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es
war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den
dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne
Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den
Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen
und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über
sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine
Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: »Beiß die Zähne zusammen,
Kamerad!« schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum
Sanitätsunterstand.
In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine
Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven
gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns
eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von
Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.
Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke.
Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See;
ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der
zusammenstürzenden benachbarten Häuser.
Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon
auf: »Brigade will sofort Klarheit über die Lage.« Nach einer Stunde
brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: »Feind besetzte Arleux,
Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine
Nachricht. Rocholl, Hauptmann.«
Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit
meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen
meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von
größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht
gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.
Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon
seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen
die Mauern klappten.
Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die
Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter
noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es
dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der
biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst
keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht
blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns
herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück,
während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der
Unsicherheit unseres Asyles überzeugten.
Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem
Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam
Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen
zurückzuziehen.
Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an,
den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz
meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle
zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange,
sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser
Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum
Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf
und war von diesem Augenblick an verschwunden.
Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur
Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen
durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der
unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden
aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das
Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag
getroffen wurde.
Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein
kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn-
und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten
sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen
strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend,
Unterstützungstrupps nach vorn.
In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde
schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht
wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen,
Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft
geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen
Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt
an dieser wirbelnden Vernichtung.
Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn
außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben,
Ablösungskommandos und den unvermeidlichen »Versprengten« bevölkert. Der
starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald
saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem
vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute.
Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir
neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden
verbogen, in alle Winde geschleudert.
Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große
Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière,
den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund
bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau
dieselbe Verletzung.
Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25
meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten
Bataillons, ab. Das Kalkwerk »Chez-bon-temps« mit seinen schweren
Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den
wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen
wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden
Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu
sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach:
Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht,
Zu besserm Ding als sich zu schlagen.
In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der
Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn
von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den
aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten.
Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach
einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé
herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein
Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel
nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte
Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde
Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß
wir am nächsten Morgen »in alter Frische« erwachten.
Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten
Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof
Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in
dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten.
Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am
ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm
kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.
Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht zählt zu den
schönsten Erinnerungen alter Krieger.
Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit
tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten
Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen
Erlebnisse. Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den
künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten,
wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch.
Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die
geistigen Träger und Vorkämpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich
der Wille zum Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter.
Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und
doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den
Trichtern lag, so selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der
ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in
diesem viel verlästerten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen.
Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen
mir gegen Mittag klar wurde, daß ich die Führung der vierten Kompagnie
übernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der
niedersächsische Dichter Hermann Löns gefallen.
Gegen Inder.
Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem
wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über
Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor
einem Monat verlassen hatten.
Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich
auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe
von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.
Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von
St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir
rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen
mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.
Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen
Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten
Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da
zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten.
Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in
mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt
die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.
Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die
Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend
verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und
rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort
Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten
hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten
wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste
Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung
eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.
Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von
Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird.
Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender
Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage
bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte
Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß
er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken
Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.
Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese
Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier
Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im
Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese
schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die
ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.
Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.
Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem
waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig
unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die
blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen
unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren
Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem »vie de campagne« versteht.
In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das
schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung
seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann.
Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett
entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten
Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt
unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.
Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten
Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem
dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob
sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in
rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen
bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung
verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die
Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr
folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem
der unteren Pritsche entspann, vernehmen:
»Du, Ernst!«
»Hm?«
»Ich glaube, sie schießen!«
»Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die
letzten.«
Nach einer Viertelstunde:
»Du, Oskar!«
»Ja?«
»Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine
Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen.
Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!«
Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir
fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt
an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen
Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der
Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn
genommen.
Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente
auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand,
die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher
schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau
heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.
Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige
Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und
schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände
schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten,
daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in
einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder
mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den
blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd
wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand
die abgelöste Mannschaft im Dunkel.