mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die
Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu
orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge
ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag
links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten
»Namenlosen Walde«. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim
Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken
wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges
zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske
geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.
Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die
Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach
vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte
ich meinem Ziele zu.
Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe
Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier
und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner
Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen
Eindruck beängstigender Öde.
Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging
zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf
einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der
anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher
eilig den »Namenlosen Wald« und stolperte durch tiefe Trichter, über
entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener
Äste.
Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag
ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen
Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig.
Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der
mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter
und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen
natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade
durchbohrt und die linke gestreift.
Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort
durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz.
Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen
das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung,
auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an,
mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir
eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte,
die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben
würde.
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen.
Der Rittmeister Böckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto.
Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Führer
plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Straße. Es
war eine Infanteriegruppe mit ihrem Führer, die soeben einem Volltreffer
zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das
friedliche Aussehen stiller Schläfer.
Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen werden, da Liéramont gerade
seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett
Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.
Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und
beherbergte über 400 Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem
Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal
konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von
Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde
ein Glied amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener
Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von
mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern
geschäftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern
eilten.
Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer
geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche
Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lähmenden
Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag
der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.
Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im
Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und
ließ sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen.
Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen um
Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe
gestört hätte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns
aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz
nachzuahmen.
Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Stätte gehäuften
Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glänzend
durchgeführten Sturm des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald
gelesen.
Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Epéhy
einrollte, ertönte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer
vom Güterwagen verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde.
»Was ist denn hier los?« fragte ein mir gegenübersitzender Hauptmann, der
anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer
Antwort aufzuhalten, riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem
Bahndamm Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die letzten. Es waren
nur einige Pferde verwundet.
Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines
Beobachtungsoffiziers übertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden
Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen
Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte
vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln
oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu
benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter
dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu
eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mußte ich ihn durch
meinen Störungstrupp flicken lassen.
Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in
der ungezählte verborgene Augen, Ohren und Arme untätig auf die eine Minute
lauern, auf die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture eine
einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Höhe, tausend
Geschütze brüllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der
Vernichtung, von unzähligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.
Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn
zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmäßigem
Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die
Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch einen Strudel von
weither durch einen rätselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher
Präzision zu den Brennpunkten tödlichen Geschehens getrieben.
Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich
im nahen Nurlu, wo in einem großen Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes
Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen,
nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor
dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen Kellergewölbes verbrachte, während
draußen im verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und in
langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach.
Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich stieß wieder zum
Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich übernahm dort für
den beurlaubten Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy
hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe, und jeder bemühte sich,
davon so viel als möglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden
durch große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strömen
floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der zweiten Kompagnie, die das
vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schützengräben von Monchy
gefeiert hatten.
Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als
Fahnenjunker für sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten
Salon und zwei Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir machten
uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das seine Plüschmöbel und
Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren
Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße lebte.
Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn
man spät durch die engen Gassen schritt, hörte man überall aus
Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher
Gelage. Im Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher kam
wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol in seinen
konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung war teilweise
von unerwünschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener.
Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer Strammheit
aufgenommen, und es war ein vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß
nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand.
In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur,
Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment für seine hervorragende
Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit
zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur
die zweite Kompagnie im Parademarsch vorführte, bemerkte ich, daß der
Oberstleutnant v. Oppen dem General über mich zu berichten schien. Einige
Stunden später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der
General das Eiserne Kreuz I. Klasse überreichte.
Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier Wochen nach dem
französischen Truppenübungsplatz Sisonne bei Laon zu einem
Kompagnieführerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter
unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in
glänzender Weise verstand, das Wesen über die starre Form zu stellen und
uns mit Interesse für die Sache zu erfüllen.
Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die kümmerlichste, die ich im
Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand
während der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes
Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.
Der Somme-Rückzug.
Zum Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von
Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Führung
der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise.
Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte man die Somme-Niederung
bei den Dörfern Brie und St. Christ überschreiten, deren trostlose
Verwüstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders
nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen über
den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den
Eindruck des Chaotischen verstärkten.
Die Stellung war während der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen
englischen Vorstößen ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten
großen Räumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast
jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer
Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen
Periode:
4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte
Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter
Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um
meine Stellungskarte zu vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch
den vollständig versoffenen »namenlosen Graben« zum 3. Zuge. Während dieses
Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine
lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte
sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand
geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.
Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem
Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Geräusch vernommen
zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando
mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges wahrnahm.
Später erfuhren wir, daß damals die ganze Stellung unterminiert gewesen
sein soll.
Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden eine Patrouille unserem
Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen
eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf
Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann
liegen ließen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der
andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den
Papieren des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes trug und dem
Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte. Er war sehr gut angezogen,
und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch
geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein
einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß nicht jeder
Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte wie meine bisherigen.
Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer Artillerievorbereitung
den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt
befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht
geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag
befestigten Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen
Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen
letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berußte
Gesichter, um sich möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.
Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß nur ein einziger in
den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo
er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte,
niedergeschossen wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur einem
Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der
Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup
portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib
jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast
abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis
zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen.
Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen
Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von
dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich
trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten
feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform
scharf vom Horizont abhob. Ich riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der
Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor
den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken,
als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal
mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch
lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen.
Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte
einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie
eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und
marschierten nach Devise.
Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den
Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen
Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte
in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung
energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren
vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir
unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten,
hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen
und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die
Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von
gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine
Orgie der Vernichtung gefeiert.
Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und
Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer
umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der
Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen
Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere
schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg
kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion
eines Wintergartens.
Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum
gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf
abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet,
alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder
Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den
vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt.
Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch
scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der
befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende
friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige
Machtgefühl schweigen.
Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich
keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch
rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der
Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange
das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.
Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts
zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der
sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von
niederen Instinkten umsetzte.
Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden
Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen
Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das
einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.
Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu
täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über
Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom
rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem
klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung
überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland
durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem
Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.
Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der
Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter
und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt
hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung
eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand.
Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im
vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang
das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung
verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten.
Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse
vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine
Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte
mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und
Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald
ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5
Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch
die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher
mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.
Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen, teilweise schon in
Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die Somme zurück. Nachdem wir als die
Letzten die Niederung überschritten hatten, wurden die Brücken durch
Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch
immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten
feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau
befindliche Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in dem
am »Canal de St. Quentin« gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit
meinem Burschen ein kleines, gemütliches Häuschen, in dem der Hausrat der
verbannten Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert war. Als
bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute möchte ich anführen, daß mein
Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein
Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der
kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurückhaltung
machte dem Führer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im
Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer
Stämme als Ersatz einstellen mußten.
Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit sämtlichen vom
Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen gefeuerten Glühwein ein, denn unsere
Rückzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch
einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt.
Im Dorfe Fresnoy.
Mein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde diesmal nicht
unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an,
die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude
wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der mir besonders durch den
Auftrag, den Gefechtstroß nach Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch
Regenschauer und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über die
Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel
erreicht hatten.
Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht hatte, ging
ich auf Suche nach einem Quartier für mich, doch fand ich auch den
kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf
den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen
mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzählte er
mir, daß die Engländer den Bayern die Vimy-Höhe und ein großes Stück
Gelände abgenommen hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich
feststellen, daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens in
einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm schien.