bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar
hundert Meter links von Guillemont und etwas näher rechts am Bois de Trônes
lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns
ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des überaus
heftigen Feuers niemand aufhalten konnte.
Der bayerische Feldwebel war plötzlich spurlos verschwunden, und ich stand
ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen
Trichtergelände, das am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch
drohenderes und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir ertönte ein
andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte mit merkwürdiger
Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften, in Zersetzung
übergehenden Leichnam herrührte.
Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr sein könnte, begab ich
mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefaßt zu
machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen
und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht
einem Kubikmeter Rauminhalt.
Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmählich
den staunenden Augen.
Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken,
Waffen und Toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der
Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger
armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte
Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die
toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, daß sie in Lagen
übereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht
gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen
durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet, und
die nächste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten.
Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll Deutscher, das Gelände davor
voll Engländer. Aus den Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor
unseren Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die man zum
Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mäntel
oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die
Körper mit Erde zu bedecken.
Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen Terrain nur dadurch, daß
die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Häuser von
weißlicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug
zerknüllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne zerrissene
Wald von Delville.
Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Engländer
heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen überkreiste,
während wir in unsere Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das
scharfe Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben, denn bald
ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene, dumpfe Sirenentöne.
Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein
schweres Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht
heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine
Zigarre anzündend und wieder fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick
verschüttet zu werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen Splitter
zerrissen.
Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch
einen ungeheuren Einschlag verschüttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus;
trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein
Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der Gefreite Simon.
Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute
bei Fliegersicht sich außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende
Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen
Fuchsloches drohen.
Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht
mehr halten zu können, da ihre Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte
meine ganze Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze zu
bringen.
Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des Regiments ein Feuersturm
ein, der nach 20 Minuten auch auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir
völlig in Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge dicht
vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden Orkans ging ich
den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner
Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges
und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel
sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und
wurde von dem stolzen Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten,
die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen
Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigsten
Äußerungen der Materie, der gebrechliche Körper stellt sich, vom Willen
gestählt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen.
Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglückliche
Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel abschießen, vergriff sich
indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten
weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine
Freude war. Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lüften
herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern und Funken. Ein
Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter
Leichen braute aus den Trichtern.
Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein
gewöhnliches Niveau zurück, das es während der Nacht und des nächsten Tages
beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze
gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelöst.
H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich noch in derselben Nacht
beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte
mit schweren Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage regnete es
stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefühl im Gaumen
nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so quälend war und die großen,
blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen
gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich saß fast den ganzen Tag vor meinem
Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem
Appetit.
Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines Zuges von
irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust, der auch das Rückenmark
streifte, so daß er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm
sah, lag er sehr gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das
Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige Deckungnehmen seiner
Träger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze.
Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und ließ mich über das
abgerissene Bein eines Engländers zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah
durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen.
Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich nicht sonderlich
stören. Dieser Anblick war bezeichnend für die Ungleichheit der Mittel, mit
denen wir kämpften. Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen
innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Während nicht ein
Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich über
30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die
sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin
zu dirigieren.
Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter gegen den Magen, der
zum Glück ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem kräftigen
Schlage vor mein Koppelschloß zu Boden fiel.
Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit
zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf
kürzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in
den Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen blieben. Gefangene
zu machen war allen Leuten unerwünscht, denn wie sollte man sie durch die
Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun
hatte?
Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerüttelt.
Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablösung war
gekommen. Wir übergaben, was zu übergeben war, und verließen so schnell wie
möglich diesen Ort des Teufels.
Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe
Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer
Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die
Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und
gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab.
In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die
schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen
Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte
uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend.
Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte
Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß
der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte.
Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche
Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!
Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu
machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und
Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend;
dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die
langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich
gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern,
bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um
alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach
Combles.
Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum
Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte
sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden
gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die
Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter
Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur
uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr
als einmal am Kolben des Revolvers.
Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann
erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem
Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten
begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere
ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf
unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.
Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug
vier kleinere Keller bezog.
Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen
kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit
köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich
in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner,
alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine
Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken,
Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken
stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden
geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war
ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen.
Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits
die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln,
Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in
der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins
Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die
Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich
schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer
erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener
Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers
einen Band der illustrierten Beilagen des »Petit Journal«, die in fast
jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit
strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im
Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig
den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre
gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die
letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers,
wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.
Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall,
und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken
Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: »Ich habe einen weg!« sprang
ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.
Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der
Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den
Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer
unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und
trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser
Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje
den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel
heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen
Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen.
Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd,
indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ.
Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische
der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied
von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte
mich für kurze Zeit.
Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und
dort in einen Sanitätswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu
achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee
über Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto
weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von
Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der
letzten Zeit mehr als 30000 Verwundete über Fins abtransportiert wären. Von
dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhörlichen
Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera,
wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche Pflege fand.
Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr
ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner
Verwundung wieder in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und
zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen Frontlücken von allen
Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fähnrich Wohlgemut,
Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur
letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende,
darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände gefallen; kein
einziger war nach Combles zurückgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der
mit so unerhörter Erbitterung ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der
englische Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer, die in eherner
Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt.
Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der
Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so hätte
ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der
Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den eisernen Würfel
des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Höhepunkten der
blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende,
unauslöschliche Ruhm dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen
Kameradschaft würdig zu erweisen.
* * * * *
Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden
Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen
des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung, der
Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das furchtbare Feuer
lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der
Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst
die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und
staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine
kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte.
Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurückkamen,
wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen
Verhältnissen war ein genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen.
Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar, obwohl wir oft, ohne
es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy,
der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg,
direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere
Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stücken bestand, die man leicht
verfehlen konnte.
Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich. Vor kurzem
hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern, Wiesen, Wäldern und Feldern
bestanden, und nun war buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen
mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer wieder
umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Häuser
weggeblasen und zu Pulver zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur
Wüste verwandelt.
In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kämpften Männer
tage- und wochenlang mit dem Bewußtsein, im Falle einer Verwundung
rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.
An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug
die mit altpreußischer Zähigkeit durchgeführte starre Lineartaktik die
Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die überfüllte vordere
Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.
Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und hörte
auf, um wertlose Geländestreifen zu kämpfen, um sich einer beweglicheren
Verteidigung, deren Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.
Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie
damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche
Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an
unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen.
Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub.
Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort
noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm
und Blut zu erlöschen.
Am St. Pierre-Vaast.
Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte,
begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz
nahe der wohlbekannten Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft
nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertümlichen
Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder
in der Richtung auf das Sommegebiet ab.
Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt
untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berührten, ist von
Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die
Bevölkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur-
und Moralstufe stehend. Ich war in einem Häuschen einquartiert, das durch
ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß
sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten. Die
Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee, daß sie mit Poincaré nach
seiner Rückkehr einen guten Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die
Meinung sagen würde. Niemals habe ich jemand mit so großer
Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf die
Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von St. Quentin
gewohnt zu haben. »Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur
un fumier, c'est la crème de la crème«, sprudelte sie hervor, während sie
mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein
Objekt für ihre Wut finden zu können.
Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und
anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig
einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab zu
stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in
einen prächtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mißtrauen
betrachtete ich immer eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf
dem Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien.
Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den
Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt,
geprügelt und unter dem Rufe: »Demande pardon!« mit dem Tode bedroht hätte.
Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche Versicherung, daß
Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist.
Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang
hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller härtester
Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen. Il y a des cochons partout.
Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje geführt. Wir
verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschönter Tage. Ich
muß gestehen, daß wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die
ganze Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren Tisch
kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein
gewaltiger Lärm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei
mörderischen Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen, wir
gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des
Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem
Kreise hielt.
Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit
einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur
Verfügung.
Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der
Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp
nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des
Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der
Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei
Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in
dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches
Zusammenleben geführt wurde.