Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben

6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um

die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem

gefangenen Engländer begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph

empfangen und erzählte folgendes:

Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und

anschließend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie

gewöhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei über 30

Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke

englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen

war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war

schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der

bereits das Hindernis überwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der

vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel

gepackt und mit einem »Come here, you son of a bitch!« in Empfang genommen.

Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb

erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere

Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern und

Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze

ein. Auch vom Abschnitt Süd kamen viele Verwundete, denn im

Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben

gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende Menschen mit weißen,

blutdurchtränkten Verbänden lagen, waren vor einigen Wellblechbögen

aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete.

Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem

schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: »Ich bin zu schwer . . . ich

werde nicht wieder . . . ich -- muß -- sterben.« Ein dicker

Sanitäts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male

ein tröstendes: »Nun, nun, Kamerad!«

Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der hauptsächlich Kräfte von

uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche

Minenüberfälle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein,

dazu verwundeter Gefangener in die Hände, während er zahlreiche Tote vor

unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren allerdings auch

beträchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage über 40 Tote,

darunter drei Offiziere.

Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für einige Tage nach

unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glücklichen

Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.

Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf

unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsärge wurden nach einer

ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten

wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den Text: »Sie

haben einen guten Kampf gekämpft,« und begann mit den Worten: »Gibraltar,

das ist Euer Zeichen und fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im

brandenden Meer!«[2]

In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer

feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde

die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem

Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern.

Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schätzen, mit denen

zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte.

In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verläßlich, einfach

und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu

zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder

bis zum letzten zur Stelle. --

Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn. Es war verhältnismäßig

ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, daß noch etwas in der Luft liegen

mußte. Bei der Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft

fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und Sprengungen, an

einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom

Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine

dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung war

bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelöst,

ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in

Monchy.

Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein

24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in

scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall

zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen

Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um

den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und

jammernd hin- und herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben,

einen immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich ihm meine

zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Häufchen Unglück

hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu

und sog an seinem Einsatz.

Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme

Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. -- Am 15. und 17.

hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst

und hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen. Eine

überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung durch den Major

von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von

überwältigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte,

auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken

zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war.

Eine Granate tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines

Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte.

Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem

Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille.

Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten

herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brächte. Am

Nachmittag kam der mich ablösende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant

Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen

mit. Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo

meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr

zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht

hatte, kletterte ich in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während

Brauns mir ein »Hals- und Bauchschuß!« nachrief.

Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht.

Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut

isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung für wichtig und beauftragte

Wohlgemut, ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während er sich

in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran

abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Engländer tauchten auf

und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten

wahrzunehmen.

Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast

unhörbar: »Wohlgemut, Handgranate dazwischen!« »Herr Leutnant, ich glaube,

wir lassen sie noch etwas arbeiten!« »Direkter Befehl, Fähnrich!«

Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde

nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich

in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das

trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut,

um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den

Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern,

liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente

höchster Spannung. »Krrrach!« Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten.

Mit dem Angriffsgebrüll: »You are prisoners!« stürzten wir uns wie Tiger in

die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden

ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse

Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit

quäkendem Aufschrei rücklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte

Wohlgemut seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner Erregung

blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte.

Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen.

Ich stand schreiend vor einem Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken

in den Stacheldraht preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel zurück,

ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns

wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein.

Wir sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und

richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich

das Versagen als ein Glück, denn es war Birkner, den ich schon längst

zurück glaubte.

Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht

pfiffen die Geschosse schon so, daß ich in einen wassergefüllten,

drahtversponnenen Minentrichter springen mußte. Auf schwingendem

Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten

Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich

hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter in die Böschung des

Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt

hatte, arbeitete ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten

freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach

einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich über

den glücklichen Ausgang und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene

auch diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven gegangen war,

merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd auf einer Pritsche

lag und trotz der Erschöpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten

Morgen konnte ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer

Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels

geschleuderten Handgranate steckte.

Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den

Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen.

Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor dem Dorfe

Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann

mit drei Schuß zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es

entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes Gesicht

gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S. der Mantel eines

Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer

häufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger

Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir

begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen und an den gefährlichsten

Stellen neue Mauern zu errichten.

Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male

während des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause

wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: »Sofort

zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai.« Drei Stunden

später saß ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an

mir vorüber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm. Ein

strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich draußen noch lange denken

mußte.

Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straßen infolge des

Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen

wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre später von uns wieder

erstürmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die

Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte.

Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas

Stärkerem den Kaffee, den uns zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir

wußten, daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte

noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem

Gelärm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre

Freude gehabt hätten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer

dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben.

[Fußnote 2: Vgl. Anmerkung auf Seite V.]

Guillemont.

Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le

Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt

der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die

Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelächter von

einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der

Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen Wiese

die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte. Vor uns rollte und

donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Stärke, tausend zuckende

Blitze hüllten den westlichen Horizont in ein glühendes Flammenmeer.

Fortwährend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen

Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden Geschützen oder

Munitionskolonnen in den Straßengraben gedrückt.

Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berühmte

Städtchen Combles zu führen, wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten.

Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den

Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung von

tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege,

von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst,

vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm

umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lärm der Front

begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem

Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und

dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurückgeblieben als eine große

und männliche Gleichgültigkeit.

»Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er

lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie

nicht. Jeder weiß, daß es auf Leben und Tod geht.«

Mit solchen Leuten kann man kämpfen.

Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein

weißes Band über das dunkle Gelände spannte, dem Kanonendonner entgegen,

dessen verschlingendes Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni

speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem

Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder

lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf

das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders

das Passieren von Frégicourt-Ferme, einer kleinen Häusergruppe vor dem

Friedhof von Combles, die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.

Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, völlig

zerschossen. Große Mengen von Holz zwischen den Trümmern und auf den Weg

geschleudertes Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen Datums

sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine

Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier,

ein großes, von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum

Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen den Keller einer

gegenüberliegenden Ruine bezogen.

Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken zusammengesuchten

Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden

wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung,

die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.

Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen

Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches

Etappenstädtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren

durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so daß

die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen über dem Chaos

schwebten. Aus vielen Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste

Feuerüberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern ihrer

Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustür lag ein totes kleines

Mädchen in einer roten Lache.

Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten Kirche

gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Höhlenganges mit

eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der

kämpfenden Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei Beginn

der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt hätten, den

sie während der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten.

Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in

Schlangenlinien durch und über gewaltige Hügel von Balken und Mauerwerk

wanden. In zerwühlten Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen.

Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus den im Überfluß

vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natürlich durch einen

kräftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl.

Aus umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem Brauereibesitzer

Lesage gehörte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schränke und Kommoden,

ein umgestürzter Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An den

Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in

meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher,

Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke,

Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln gerissene Türen,

Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums, zerschmetterte Kisten,

Damenhüte, Blumentöpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult.

Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das von Granaten

zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den das Geäst zerfetzter Linden

bedeckte. Dieser Komplex von Eindrücken wurde noch verfinstert durch das

unaufhörliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu

überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lärm.

Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige

der Bäume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die

Schiefertafeln herabrollten.

Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Stärke, daß nur noch

das Gefühl eines ungeheuren Getöses verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch

verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser

in Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es

waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem noch die Häuser ins

Schwanken brachten. Wir saßen während der ganzen Zeit in unserem Keller auf

seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt

und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen. Die Witzworte wurden immer

seltener, und endlich ließ die Nervenanstrengung auch den Verwegensten

verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.

Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte,

der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel.

Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzählige

Granaten kreuzten sich heulend und fauchend über uns. Alles war in dichten

Rauch gehüllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde.

Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch

abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen

Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das

Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch

der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde

tobsüchtig.

Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich und ging in

ein ruhiges Trommelfeuer über, in dem man allerdings den einzelnen Abschuß

auch noch nicht wahrnehmen konnte.

Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Züge auf den

Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen

Zügen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war

noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers ausgeschieden.

Diese Leute umdrängten uns, während wir uns unter hastigen Zurufen an dem

gefährlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich

vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr voll Butter

auf, drückte mir zum Abschied die Hand und wünschte uns viel Glück.

Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte

Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am

Ortsausgang merkte unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren

gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist

im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile

zerschossenen, weißen Band entlang über freies Feld. Oft mußten wir gerade

an den übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung

verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten,

sich hinzulegen.

Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In

einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein

ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele

Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen

zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.)

barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedränge nervöser und

aufgeregter Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant Vogel

und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere

Böschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, während Todesschauer

über unseren Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt

einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder.

Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um

die letzte Kraftanspannung aus ihren erschöpften Körpern zu pumpen.

Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die

Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet,

durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten

Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß

auf die weichen, nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende

Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden

getreten zu werden.

Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine

Schmidt, Begleiter auf mancher gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln.

Ich riß ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in

diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte.

Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Löcher

gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten,

als sie erfuhren, daß die Ablösung da wäre. Ein bayrischer Feldwebel

übergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole.

In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers · 第 5 / 19 段