Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des
Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine
Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch
einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das
sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen
gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine
Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft
wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen
auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden.
Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob
der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt wäre und kletterte mit dem
Fähnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder um
11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste
Strecke gebückt vor und krochen dann nebeneinander über das dicht
bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir
ins Gedächtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und
Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes Rascheln zu vermeiden, da
sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem
Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast
senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr
kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde.
Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten
zwischen den Gräben dahin. Während wir uns bereitmachten, auf sie
loszustürzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet
der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene Leute
unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor.
Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um meinen Arm: »Achtung
rechts, ganz nahe, leise, leise!« Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts
von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen
Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah ich die Lage.
Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind
hatte uns gehört und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu
untersuchen.
Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und
Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näher kommende Rauschen der
fremden Füße im hohen Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke
an, -- es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise; man muß sich
zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks
springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch
die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate.
Der Zusammenprall muß kurz und mörderisch werden. Man zittert unter zwei
gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst
des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen,
entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet.
Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flüstern
wehte herüber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer
Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches biß.
Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu
arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im
Auge behaltend, zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen
den Parteien gestanden hatte, entglitt mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben
wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem
Abschnitt angekommen waren.
Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen
Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nächsten Abend wieder
loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt,
als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe meines Unterstandes
hochgeschreckt wurde. Die Engländer schickten Kugelminen herüber, die trotz
dem geringen Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß ihre Splitter
die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich
von meinem »coucher« und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben
wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige Laufbahn antreten
sah, mit dem Geschrei: »Mine links« zum nächsten Stollen zu sausen. Mit
Minen aller Größen und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig
versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gängen durch den Graben
immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang zu
richten.
In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den
Gräben herum. Wir robbten uns auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht
vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden
Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Engländer, die eine
Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle
ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich
flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und führten im Hauchton
eine hastige Unterhaltung: »Jetzt 'ne Handgranate dazwischen und dann auf
ihn!« »Mensch, das sind vier Mann!« »Hei hett de Böx all wedder gestrichen
vull!« »Quatsch doch nich!« »Leise, leise!« Meine Warnung kam zu spät; als
ich hochsah, krochen die Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren
Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwül.
Der Gedanke: »Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung« verursachte mir
einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche
Befürchtungen. Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf dem Bauche
nach rückwärts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel,
Geflüster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel.
Ringsumher wurde es taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in
Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man
möchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als
zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der
unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus nächster Entfernung
abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha! Wir sind entdeckt!
Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu,
sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung
zu. Nach einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz
flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich für erledigt
haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich fest an den Boden, zog Kopf
und Beine ein und ließ die Geschosse durch das hohe Gras über mich
hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen der
herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten.
Allmählich wurde das Schießen schwächer, und nach einer weiteren
Viertelstunde verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße und
Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond
untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wußte weder wo die
englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die
charakteristische Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab
und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen Seite mit geradezu
beängstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert
ins Gras und beschloß, die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte
dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab
als vorsichtiger Mann zunächst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen
ich ebenso gut ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten
englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu
meiner Freude stellte sich jedoch heraus, daß ich meine Leute vor mir
hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf
zurückzutragen. Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und
freuten uns über unser glückliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in
unseren Graben zurück, den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten.
Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des
ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich
mich wunderte, ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er
beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den Nachtschlaf raubte.
Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lächerlich kleinen Unterstand,
den er »Villa Leberecht Hühnchen« getauft hatte.
Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen dumpfen Abschuß, der
indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe
von einer großen Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war, fuhr
wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die
ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich
dreimal zu überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor Lachen
Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd
von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen
beklagen hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er gestern
gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine ankam. Erstlich wäre
sein ganzes Essen versandet gewesen und er außerdem schon gestern recht
empfindlich die Treppe hinuntergefallen.
Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand,
sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frühen
Morgen an wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen mit Minen
beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen
Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Gräben
unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung der schweren
Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir
auf dem von der Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und
schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich die Engländer durchaus nicht
stören ließen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach
reiflicher Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: »Helene spuckt in
unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und
kleine!« Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithörenden Gegner
nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die
tröstliche Antwort, daß sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen
Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen würde, und gleich
darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhörtem Krachen in den
feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß
wir für den Rest des Tages Ruhe hatten.
Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schärferer Weise.
Beim ersten Schuß begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den
zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren
Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten das Feuer in der Weise, daß
wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir
ungefähr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche
Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen einige
Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Tätigkeit
unterbrechen zu können, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im
letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie
möglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben
gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck
warf mich über ein Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm
gefülltes Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen
auf mich herabrasselte. Halb betäubt und übel zugerichtet erhob ich mich.
Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und
Uniform mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete aus einer langen
Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich ich durch den Graben in meinen
Unterstand, um mich auszuruhen.
Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen Schaden angerichtet. Der
Graben war an einigen Stellen zerstört, ein Priester-Minenwerfer
zerschmettert, und »Villa Leberecht Hühnchen« hatte durch einen Volltreffer
den Rest bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im Stollen
gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten
Treppensturz vollführt.
Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen weiter und wurde
in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer
gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die
»Waschkorb-Minen«, da es manchmal den Eindruck machte, als würden sie mit
Körben vom Himmel geschüttet.
Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen, bereit, jeden
Ankömmling mit Gewehr und Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer
nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei
Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich auf ihren
Ständen Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachließ,
bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen
hervorstürzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte den Feind
von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher Füsiliere.
Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine
auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein
anderer wurde am Rücken verwundet.
Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten uns zahlreiche
Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde während
dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer
der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von
Unterständen eingedrückt.
Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich wach zu bleiben, und
verabredeten, daß derjenige, der auf den Zuruf »Hallo« nicht seinen Namen
riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine
Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzüglich
verständigen zu können.
Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerüberfall um
2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug
ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der
Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an
den nassen, schimmligen Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm,
Erde bröckelte von der Decke. Wumm! »Donnerwetter!« »Streichholz,
Streichholz!« »Alles fertigmachen!« Das Herz schlug bis zum Halse.
Fliegende Hände lösten die Kapseln der Handgranaten. »Das war die letzte!«
»Rrraus!« Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch eine Mine mit verzögerter
Zündung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurück.
Trotzdem waren, während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten,
schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes
Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das
mit dichten Rauchschwaden behängte Vorgelände.
Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der
Füsilier N. fiel plötzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die
Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten
Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling untersuchten, fanden wir
eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende Öffnung über der rechten
Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jähe Sturz
seinen Tod herbeigeführt hatte.
Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelöst.
Mit jener eigentümlichen Mißstimmung, die eine in der Morgensonne
strahlende Landschaft auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt,
zogen wir durch die Laufgräben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem
Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen
grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die
Frontabschnitte links von uns waren in weiße und schwarze Rauchwolken
gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen;
darüber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells.
Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in
Monchy schwere Minen zu verladen und mußten die ganze Nacht vergeblich auf
irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, während der Engländer mit M.
G.-Steilfeuer und die Straße hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum
Glück erfolglose Attentate auf unser Leben ausübte.
In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner höchst sorgfältigen
Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefähr 2000 Meter vom Feinde, war
vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide
aufgeschichtet. Der Engländer zog daraus den leider richtigen Schluß, daß
dieser Hügel in der Nacht verzogen würde und schoß eine Gruppe Schrapnells
darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete.
Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen
in den Abschnitt C zu führen, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden
innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde
von Adinfer zurück, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rückwege zur
Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stündchen
auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestörte Ruhe
finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie
vom Waldrande her merkwürdig lebhaft feuern hörte. Gleichzeitig erschien
mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: »Gasangriff!«
Ich riß die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach
draußen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weißlichen
Schwaden über Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124
zuwälzte.
Da mein Zug zum größten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr
wahrscheinlich war, gab es für mich kein langes Überlegen. Ich sprang über
das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der
Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, riß sie aber gleich wieder herunter, da
ich so stark gelaufen war, daß ich durch den Einsatz nicht genügend Luft
bekommen konnte; auch waren die Augengläser im Nu beschlagen und vollkommen
undurchsichtig. Da ich Bruststiche verspürte, versuchte ich, die Wolke
wenigstens so schnell wie möglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mußte
ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschläge, von
zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmäßige Kette
über die verödeten, sonst nie betretenen Felder zog.
Artilleriefeuer in derartig offenem Gelände, in dem man sich frei bewegen
kann, hat weder dieselbe tatsächliche, noch moralische Wirkung wie in
Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich
gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel
lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausbläsern und Zündern fegte durch das Geäst
der Obstbäume in den verwilderten Gärten und klatschte gegen die Reste der
zerstörten Mauern.
In einem Unterstande der Gärten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers
und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzündet und beugten
sich über die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen.
Ich leistete ihnen bei dieser Beschäftigung Gesellschaft, bis das Feuer
abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in
meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte,
begegnete es mir, daß ich, nur 50 Meter vom Kompagnieführer-Unterstande
entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerüberfall geriet und, in
eine kleine Nische gedrückt, das Unwetter über mich ergehen lassen mußte.
Vorn waren alle Leute beschäftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das
Gas vollkommen geschwärzt waren. Ein Fähnrich zeigte mir wehmütig sein
neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebüßt und dafür ein
grünlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte.
Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rückte ich mit meinen Gruppen
wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken
sitzen, die sich die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten,
während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs
harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren
Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten
gehabt, einem Kampfgas, das durch Ätzen und Verbrennen der Lungen wirkt.
Auf dem Rückwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II.
Bataillons und fand dort den betrübten Kantinenjüngling inmitten eines
Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren,
im Laden krepiert und hatte seine Schätze in ein merkwürdiges Gemisch von
Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade
mit echt preußischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und
58 Pfennig entworfen.
Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung
gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen
und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die
zahlreichen Nischen als Lagerplätze ein und zündeten ein riesiges Feuer an,
dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen ließen, sehr zum Ärger
einiger Kompagnieköche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen
kräftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die
Kreideblöcke, sangen, tranken und rauchten.
Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Höllenspektakel los.
Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und
ununterbrochen stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf
setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von
feurigen Funken hinter sich her. Überall, wo im Trümmergewirr eine
Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: »Gasangriff!«
»Gasangriff!«
Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche Gaswand durch das
Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte,
zündeten wir vor den Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm
uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch
Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu reinigen.
Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff
hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt,
Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten
Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall
verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen, grünen
Patina überzogen. Auch in dem weit zurückliegenden Douchy machte sich die
Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde,
versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und
verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter
zurückliegende Ortschaften transportiert.
Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich
Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein
englischer Überläufer ausgesagt hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde.
Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer aus
dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde Ruf »Gasangriff!«
erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch in der Luft, und im
Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.