Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der
Grabenwand stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als
ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer durch seinen Schädel schlug und
ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier
Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den
Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist
merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem
Engländer, der das tödliche Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen
Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfühlen.
24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren
Kopfschuß. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde
später durch Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen.
Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach dem in der Etappe der
Division gelegenen Städtchen Q., das später eine so blutige Berühmtheit
erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des
Hinterlandes zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich
meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt,
in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte.
Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von dem Ortskommandanten zu
schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast
unumschränkte Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und die
Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich König von Q. und
erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hände und ein donnerndes:
»Es lebe der König« begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät
à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Verstoß gegen
die Etikette und seinen äußerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde
bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei
weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht
verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien fahren, um den
Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich
so würdig für den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit
dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde
ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, während deren sich sogar zwei
Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit
Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig, sich in der
Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu tun und wurde beim Besuche
eines einsamen Ortes überrascht und gefangengenommen. Er mußte sich mit
einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden
Gewaltigen.
Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen und Vergehen
wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und
Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung
des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals
seine Auswüchse, wie die Grußpflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den
Offizieren gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend und
schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in
Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber schweren inneren Schäden.
Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere Linie, um mich beim
Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der zweiten Kompagnie, die auch den
Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte,
erschrak ich über die Veränderung, die die Stellung während unserer
vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit
meterhohem Schlamm gefüllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung
ein traurig plätscherndes Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich,
schon bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs von Q.
zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände waren eingestürzt
und die Stollen versoffen. Wir mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt
arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen.
Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem
Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehängten Zeltbahn wie eine
Gießkanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser
mit Eimern nach oben schaffen mußten.
Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den Stollen verließ, glaubte ich
meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit
des Todes ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes
angenommen. Die Besatzung beider Gräben war von dem furchtbaren Schlamm auf
die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein
lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknöpfen
usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so öden
englischen Gräben entquoll, wirkte direkt verblüffend.
Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer Leute tot im Schlamm
versinken ließ, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Gräben
verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der
englischen Sappe gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier
sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer zurück und brachten
nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas
beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir
verhandelten zunächst in englischer, dann etwas fließender in französischer
Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten. Ich hielt ihm vor, daß
einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf
er antwortete, daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan
hätte. »Il y a des cochons aussi chez vous!« meinte er, als einige aus
unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes
einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen.
Wir erzählten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich möchte fast
sagen, eine sportsmännische Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum
Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht.
Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung
jedes Haßgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann
seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter
den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt.
Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten wir uns feierlich den
Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem
»Guten Abend« seinerseits und einem »Au revoir!« meinerseits gab ich trotz
des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen sein Schutzschild ab, von dem
drüben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen
hätte.
Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der
Sappe übersehen, da man sonst an dieser gefährlichen Stelle nicht einmal
seinen Mützenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß
dicht vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße Knochen
aus blauen Uniformfetzen schimmerten.
Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schüsse auf die
feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren über das freie
Feld getragen wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben
wurde. An den englischen Mützenschildern stellten wir an diesem Tage fest,
daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenüberlag.
Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir mußten Pumpen
im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den
Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm
stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit M. G.'s
übertönt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten
Zuges durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die
Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf
ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit
einigen Schüssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten
beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich.
Am 28. 12. war ich Kommandant der »Feste Altenburg«. Es wurde an diesem
Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein
anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer
Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet.
Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er
mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem
Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftröhre zu Boden
streckte.
Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte
mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren
Nähe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden
unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen
herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren
Holzfäller-Kommandos beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden und in
lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände wurden abgeschrägt und vollkommen
mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher,
Sickerschächte und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder
erträgliche Lebensverhältnisse bekamen.
Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem
Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam
ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst
wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen. Ein
Schrapnell fuhr direkt vor die Füße meines ehemaligen Putzers von der 6.
Kompagnie, des Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte
aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mußte.
In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut
kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine
Kugelmine, die er gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder
abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver glatt
abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung. Die Mine explodierte
natürlich und brachte ihm über 50 Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise
hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der ständige
Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in
dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im
verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er hatte dort
eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt und beschäftigte sich
damit, die Zünder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal
einen großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran
vorüberführte.
In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode
wieder in Douchy angekommen. Ich saß am nächsten Morgen so recht in der
Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank
behaglich Kaffee, als plötzlich ein Ungetüm von Granate, der Auftakt zu
einer schweren Ortsbeschießung, dicht vor meiner Tür krepierte und mir die
Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im Keller, den auch die
anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht
hatten, um dort das Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller
halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne Mauer vom Garten
getrennt war, drängte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals
zusammen. Zwischen den zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein
Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der
Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen eine Reihe matter Abschüsse,
denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren
Eisenklötze folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden Explosionen
endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster,
Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, während in den
Ställen die aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu winselte der
Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob
ihm ein Zahn gezogen werden sollte.
Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten uns wieder in die frische
Luft begeben. Die verwüstete Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter
Ameisenhaufen. Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der Mauer des
Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbäume waren
umgeknickt, und mitten im Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das
Dach war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den halben Schornstein
mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige
handliche Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt und
fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum großen
Ärger der Betroffenen, zu denen ich übrigens nicht gehörte.
Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frühen Morgen schoß
die eigene Artillerie einen Blindgänger in den Unterstand meiner rechten
Flügelgruppe, der zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür
eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete später eine
Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über den qualmenden Ofen durch
die zerschmetterte Tür pressen, während der Blindgänger aus einer Ecke
bösartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände
zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie
verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurückgezogen
hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die
Flankierungsbatterie tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir
durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten
Kameraden entriß, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in
meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige K. im
Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon
so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit
verkrampften Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit gläsernen Augen gen
Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den
ersten Schüssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen.
Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang gegenüberliegende Grabenwand
schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf,
als er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen schnellen,
unvermuteten Tod.
Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen überhaupt sehr rege. Ungefähr
stündlich gab sie eine einzige, überraschende Salve ab, deren Sprengstücke
genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete
sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie höchstens
1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke
stehen mußte, war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen zu
bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in
der Vermehrung und Erhöhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf
kleine Grabenstücke zu beschränken.
Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde
trocken, und der Graben war sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar
gemütliche Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande vor
meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch
bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagnieführer 4 Offiziere und führten
ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im
Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen zu Abend, oft bei
einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine
landsknechtsmäßige Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden
wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie
waren auch nur in dieser langen und verhältnismäßig ruhigen
Stellungsperiode möglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe
friedensmäßige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere
Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In
rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den
lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so daß wir
bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flügel unserer
Züge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer
Stollengang von mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links
mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war. Diese Anlage war während
der späteren Kämpfe von hohem Wert.
Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmäßig die
Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im
Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte,
während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände,
Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich
auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein,
den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich
mit aller Energie für die Verteidigung meiner 200 Meter Schützengraben und
für das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.
Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren
rechten Nachbarabschnitt, tötete drei Mann und verwundete drei andere
schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen
Granatsplitter, der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug. --
Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel durch Kopfschuß schwer verwundet. --
Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch
Kopfschuß. Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche
Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit einigen Leuten den
Graben, konnte jedoch nichts feststellen.
Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch Gewehrgeschoßsplitter am
Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim
geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr häufig. Am
Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren
Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male
zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch
die Öffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stören zu können.
Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem tollkühnen Engländer,
dessen Kopf über den Rand eines höchstens 100 Meter entfernten Grabens
schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere
Schießscharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch
schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die
uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter
unbedeutend am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem wir
auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte
ein Geschoß am Gewehre des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch
mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste
Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte; ein weiterer
zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die
Genugtuung, daß unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem
Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf schoß
ich mit drei Schuß K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate
Bursche immer wieder aufgetaucht war, über den Haufen.
Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht über unsere
Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte aus den Unterständen und
eröffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden
Leutnant Sievers: »Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam
wird!« als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir
in den nächsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet
ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter, noch
dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf bekamen wir noch
etliche Schrapnellminen, die über unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde
durch einen nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz
seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen
Wurfminen, denn es war stillschweigende Übereinkunft der Infanterie, sich
auf das Gewehr zu beschränken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter
allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2:1 erwidert. Leider hatte der
Gegner meist so reichliche Munition, daß uns zuerst der Atem ausging.
Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen
Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen
Mondscheins über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald verlor ich
die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hörte im nahen
feindlichen Graben die Engländer arbeiten. Nachdem ich durch zwei
Handgranaten sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in
unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer
unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen bestehenden Fußangeln
stürzte. Es herrschte in diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm
Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So
wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen Leuten angeschossen, weil
er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte.
Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht
gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein selbständiges
Schützenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich
verschossen hatte, hereingezogen und gehörig verprügelt.
Der Auftakt zur Somme-Offensive.
Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der
Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter
persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand.
Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von
militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen
Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen
der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben
uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich
hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen
Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten
wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in
Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die
Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy,
den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die
naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, »um wieder mal Frauen
mit Hüten zu sehen«. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe
entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine
große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker
Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte.