Dorfe St. Léger, den Zug und marschierte nach Douchy, dem Ruheorte des
Regiments. Vorn war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob
sich, eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelände. Über uns knatterten
die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein Fesselballon schien uns
erspäht zu haben, am Dorfeingang sprang der schwarze Kegel einer Granate
vor uns auf. Ich bog ab und führte die Kolonne auf Umwegen in den Ort.
Douchy, das Ruhedorf des Füsilier-Regiments 73, war von mittlerer Größe und
hatte durch den Krieg noch wenig gelitten. Dieser im wellenförmigen Gelände
des Artois gelegene Platz wurde dem Regiment während seines
eineinhalbjährigen Stellungskampfes in jener Gegend zur zweiten Garnison,
zu einer Stätte der Erholung und inneren Festigung nach schweren Tagen des
Kampfes und der Arbeit in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns
durch dunkle Regennächte ein einsames Licht vom Dorfeingang
entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein Dach über dem Kopf und sein
einfaches, ungestörtes Lager. Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage,
wenn man gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt hatte. Auf
den umliegenden Wiesen wurde exerziert und Turnspiele veranstaltet, um die
eingerosteten Knochen gelenkig zu machen und das Zusammengehörigkeitsgefühl
der in langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken. Das gab
Spannkraft für neue, lastenreiche Tage. In der ersten Zeit marschierten die
Kompagnien abwechselnd in die vordere Linie zu nächtlicher Schanzarbeit.
Diese anstrengende Doppelbeschäftigung unterblieb später auf Anordnung
unseres Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer Stellung beruht auf
der Frische und dem unerschöpften Mut ihrer Verteidiger, nicht auf dem
verschlungenen Bau ihrer Annäherungswege und der Tiefe der Kampfgräben.
In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern manche Quelle
ungezwungener Erholung. Zahlreiche Kantinen waren reichlich versehen mit
Eß- und Trinkbarem; es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und später
sogar, kunstvoll in eine große Scheune eingebaut, ein Lichtspiel. Die
Offiziere hatten ein vorzüglich eingerichtetes Kasino und eine Kegelbahn im
Garten des Pfarrhauses. Oft wurden große Kompagniefeste gefeiert, bei denen
Offiziere und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten.
Da die Zivilbevölkerung noch im Dorfe wohnte, mußte der vorhandene Raum in
jeder Weise ausgenutzt werden. In den Gärten waren zum Teil Baracken und
Wohnunterstände erbaut; ein großer Obstgarten in der Mitte des Dorfes war
zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz, zum Lustgarten
umgewandelt. Am Emmich-Platz lagen in zwei mit Baumstämmen bedeckten
Unterständen die Rasierstube und die Zahnstation. Eine große Wiese neben
der Kirche diente als Begräbnisplatz, zu dem fast täglich eine Kompagnie
marschierte, um einem oder vielen Kameraden unter den Klängen eines Chorals
das letzte Geleit zu geben.
Die französische Bevölkerung war am Ausgange nach Monchy kaserniert. Meist
scheue, mitleiderweckende Gestalten, die schwer am Kriege zu tragen hatten.
Ahnungslose Kinder spielten vor den Schwellen der baufälligen Häuser, und
Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen mit brutaler
Rücksichtslosigkeit die Stätten entfremdete, an denen sie ihr Leben
verbracht hatten. Die jungen Leute mußten jeden Morgen antreten und wurden
vom Ortskommandanten, dem Oberleutnant Oberländer, der ein strenges
Regiment führte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung eingeteilt. Wir
kamen mit den Einheimischen nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wäsche zum
Reinigen brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen
waren äußerst selten; die Erotik fand keinen Raum in dem wüsten,
zerrüttenden Getriebe.
Eine merkwürdige Erscheinung war der völlige Anschluß zweier verwaister
kleiner Franzosen an die Truppe. Die beiden Jungen, von denen der eine
acht, der andere zwölf Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau
gekleidet, sprachen fließend deutsch und grüßten alle Vorgesetzten auf der
Straße vorschriftsmäßig. Von ihren Landsleuten sprachen sie, wie sie es den
Soldaten abgesehen hatten, nur verächtlich als »Schangels«. Ihr größter
Wunsch war, einmal mit ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu dürfen. Sie
konnten tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flügel und
baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach Cambrai begleiten
wollten, um Urlaub. Als das zweite Bataillon für einige Wochen zur
Ausbildung nach Quéant kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des
Oberstleutnants von Oppen in Douchy zurückbleiben, um der Zivilbevölkerung
keinen Anlaß zu unwahren Gerüchten zu geben; er wurde auch während des
Marsches nicht mehr gesehen, sprang aber bei der Ankunft des Bataillons
ganz vergnügt aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider
nahmen unvernünftige Leute die Kleinen öfters mit in die Kantine und
machten sich den schlechten Spaß, ihnen Alkohol zu geben. Der Ältere soll
später nach Deutschland auf Unteroffiziersschule geschickt worden sein.
Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag Monchy-au-bois, das Dorf, in
dem die beiden Reserve-Kompagnien des Regiments untergebracht waren. Es war
im Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kämpfe gewesen, zuletzt war es in
deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen Halbkreis um die Trümmer
des ehemals reichen Ortes zum Stehen gekommen.
Nun waren die Häuser ausgebrannt und zusammengeschossen, die verwilderten
Gärten von Granaten durchfurcht und die Obstbäume geknickt. Das Steingewirr
war durch Gräben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Stützpunkte zur
Verteidigung eingerichtet. Die Straßen konnten von einem im Mittelpunkte
liegenden Betonklotz, der »Feste Torgau«, unter Maschinengewehrfeuer
genommen werden. Ein anderer Stützpunkt war die »Feste Altenburg«, ein
Feldwerk rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie beherbergte.
Sehr wichtig für die Verteidigung war ein Bergwerk, dem in Friedenszeiten
der Kreidestein zum Bau der Häuser entnommen war, und das wir nur durch
Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer in einen
Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen und dabei ein sich
höhlenartig erweiterndes Loch bemerkt. Man untersuchte die Sache, und
nachdem noch ein zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere
Unterkunft für eine große Zahl von Kämpfern.
Auf der einsamen Höhe am Wege nach Ransart lag eine Ruine, ein ehemaliges
Estaminet, wegen des weiten Ausblicks auf die Front Bellevue genannt, ein
Ort, der mich trotz seiner gefährlichen Lage besonders anzog. Die
Verlassenheit und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der
Geschütze unterbrochen, verstärkten den traurigen Eindruck der Zerstörung.
Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen in
grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug, Granatzünder, tiefe Trichter der
krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegeräte, zerfetzte Bücher,
zerschlagenes Hausgerät, Löcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller
verrät, in dem vielleicht die Gerippe der unglücklichen Hansbewohner von
den überaus geschäftigen Rattenschwärmen benagt werden, ein
Pfirsichbäumchen, das seiner stützenden Mauer beraubt ist und hilfesuchend
seine Arme ausstreckt, in den Ställen die noch an der Kette hängenden
Skelette der Haustiere, im verwüsteten Garten Gräber, dazwischen grünend,
tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber und Narzissen, auf
den benachbarten Feldern Getreidediemen, auf deren Dächern schon die Körner
wuchern; all das durchzogen von einem halbverschütteten Laufgraben, umgeben
vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige Gedanken beschleichen
den Krieger, dessen Fuß auf den Trümmern einer solchen Stätte ruht, wenn er
derer gedenkt, die noch vor kurzem hier friedlich lebten.
Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das
Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgräben verbunden war. Sie war in
zwei Unterabschnitte, Monchy-Süd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten
sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte A bis F. Die bogenförmige
Führung der Stellung bot dem Engländer eine gute Flankierungsmöglichkeit,
die auch gehörig ausgenutzt wurde und uns schwere Verluste brachte.
Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rückte einige Tage nach meiner
Ankunft als Führer einer Gruppe mit in Stellung, wo mir gleich durch einige
englische Kugelminen ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der Abschnitt
C, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste des Regiments. Wir
hatten indes in unserem Kompagnieführer, dem Leutnant d. R. Brecht, der zu
Beginn des Krieges von Amerika herübergeeilt war, einen Offizier, der zur
Verteidigung eines solchen Platzes der geeignete Mann war. Seine
Draufgängernatur suchte die Gefahr und brachte ihm zuletzt einen ruhmvollen
Tod.
Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich schildere im folgenden den
Verlauf eines normalen Tages.
Der Schützengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender Dämmerung. Um 7 Uhr
weckt mich ein Mann meiner Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in
Voraussicht der nächtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke
Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den mehr oder minder
gemütlichen Unterstand. Beim ersten Durchschreiten des wohlbekannten
Zugabschnitts überzeuge ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Plätzen
stehen. Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen ist die
Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln steigen silbern in die
Höhe, während angestrengte Augen ins Vorgelände starren. Eine Ratte
raschelt zwischen den über Deckung geworfenen Konservenbüchsen. Eine zweite
gesellt sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden Schatten,
die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen Stollen entströmen. Die
Jagd auf sie bietet eine beliebte Abwechslung in der Öde des
Postendienstes. Ein Stückchen Brot wird als Köder ausgelegt und das Gewehr
darauf eingerichtet, oder es wird Sprengpulver von Blindgängern in ihre
Löcher gestreut und angezündet. Quiekend schießen sie dann mit versengtem
Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte Geschöpfe. Ein greulicher Dunst
umwebt ihre schwirrenden Rudel. Ich muß immer an ihre verborgene,
leichenschänderische Tätigkeit in den Kellern des Dorfes denken. Auch
einige Katzen sind aus den zerstörten Dörfern in die Gräben gezogen; sie
lieben die Nähe der Menschen. Ein großer weißer Kater mit zerschossener
Vorderpfote geistert häufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden
Parteien zu verkehren.
Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche Abschweifungen, man
wird leicht gesprächig, um die dunkle Nacht und die endlose Zeit zu füllen.
Deshalb bin ich auch bei einem bekannten Krieger oder einem anderen
Unteroffizier stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse seinen
tausend Nichtigkeiten. Als Fähnrich werde ich auch öfters von dem
wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich fühlt, in ein
wohlwollendes Gespräch verwickelt. Ja, er wird sogar ganz
kameradschaftlich, redet leise und eifrig, kramt Geheimnisse und Wünsche
aus. Und ich gehe gern darauf ein, denn auch mich drücken die schweren,
schwarzen Wälle des Grabens, auch ich bange nach Wärme, nach irgend etwas
Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit.
Das Gespräch wird matter. Wir sind ermüdet. Apathisch lehnen wir an einer
Schulterwehr und starren auf die glühende Zigarette des andern . . . .
Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, daß die harte Erde von vielen
Tritten erklingt. Sehr oft regnet es, dann steht man traurig mit
hochgeschlagenem Mantelkragen unter den Regendächern der Stolleneingänge
und lauscht dem gleichförmigen Falle der Tropfen. Hört man die Schritte
eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man rasch hervor,
geht weiter, dreht sich plötzlich um, schlägt die Hacken zusammen und
meldet: »Unteroffizier vom Grabendienst. Im Abschnitt nichts Neues!« Denn
das Stehen in den Stolleneingängen ist verboten.
Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und denkt an schöne gemütliche
Tage zu Hause oder an die große Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade
die Menschen aus den Kaffees strömen, und viele Bogenlampen das rege,
nächtliche Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob man das nur
irgendwo geträumt hätte.
Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drähte klirren leise. Im Nu
zerflattern die Träume, alle Sinne sind bis zum Schmerz geschärft. Man
klettert auf den Postenstand, schießt eine Leuchtkugel hoch: nichts rührt
sich. Es wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein.
Oft hört man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schießt man
rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man
empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. »Jetzt sitzen sie drüben
aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen.« Auch wir ziehen
fast jede Nacht Draht und haben häufig Verwundete. Dann fluchen wir auf
diese gemeinen Schweine von Engländern.
Mitunter hört man auch ein pfeifendes, flatterndes Geräusch nach dumpfem
Abschuß. »Achtung, Mitte!« Man stürzt zum nächsten Stolleneingang und hält
den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die
Granaten. Sie haben überhaupt so etwas Reißendes, Hinterlistiges, etwas von
persönlicher Gehässigkeit. Es sind heimtückische Wesen. Die Gewehrgranaten
sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen
Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Ständen und
verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschütze
stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind.
Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, daß zwei Stunden verflossen sind. Nun
rasch die Ablösung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die
Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein
ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren
friedlichen Sorgen liest, während die Schatten der flatternden Kerze über
das niedrige, rohe Gebälk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den
gröbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven
Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine
Decke über den Kopf, um für vier Stunden zu »röcheln«, wie der Fachausdruck
lautet. Draußen knallen die Geschosse in eintöniger Wiederholung auf
Deckung, eine Maus huscht über Gesicht und Hände, ohne meinen festen Schlaf
zu stören. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den
Unterstand erst vor einigen Tagen gründlich desinfiziert.
Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten.
Während der letzten Wache kündet ein heller Strich hinter uns am östlichen
Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schärfer; er macht im
grauen Frühlicht einen Eindruck unsäglicher Öde. Eine Lerche steigt hoch;
ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich.
An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefühl einer großen
Ernüchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Daß die letzten
zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die
Kochgeschirre der zurückkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr,
die Nachtwache ist beendet.
Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich
habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr muß ich ja auch schon
wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre
Alleskönner, der Graben stellt täglich seine tausend Anforderungen an uns.
Wir wühlen tiefe Stollen, bauen Unterstände und Betonklötze, bereiten
Drahthindernisse vor, schaffen Entwässerungsanlagen, verschalen, stützen,
nivellieren, erhöhen und schrägen ab, schütten Latrinen zu und so weiter.
Um ein Uhr wird das Mittagessen in großen Gefäßen, ehemaligen Milchkannen
und Marmeladeeimern, aus der Küche, die in einen Keller Monchys eingebaut
ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen.
Allmählich kommen auch die beiden Stunden heran, die für den Grabendienst
des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der
Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder
Scherenfernrohr und kommt auch öfters zum Schuß aus der Fernrohrbüchse
gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Engländer hat scharfe Augen und
gute Gläser.
Ein Posten stürzt plötzlich blutüberströmt zusammen. Kopfschuß. Die
Kameraden reißen ihm die Verbandpäckchen vom Rock und verbinden ihn. »Hat
ja keen Zweck mehr, Willem.« »Mensch, hei atmet doch noch!« Dann kommen die
Sanitäter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stößt hart gegen
die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder
beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde über die rote Lache und jeder
geht seiner Beschäftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein
Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er müht sich
noch ab, die Zusammenhänge zu fassen. Das war ja so plötzlich, so furchtbar
überraschend, ein unsäglich brutaler Überfall. Das kann ja gar nicht
möglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf
dich noch ganz andere Dinge . . .
Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmäßigem Interesse bei der
Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschläge der
eigenen Artillerie im feindlichen Graben. »Junge, der saß.« »Donnerwetter,
sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy!« Gern schießen sie Gewehrgranaten
und leichte Minen hinüber, sehr zum Mißvergnügen ängstlicher Gemüter.
»Mensch, laß doch den Blödsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!«
Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemütlich. Oft muß
der Fähnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es
geht ganz förmlich zu: »Darf ich mir gestatten?« »Danke gehorsamst!« Eine
schöne Eigenschaft des preußischen Offiziers, diese korrekte
Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas
Festes, Persönliches.
Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus
Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Gläser auf
den wackligen Tisch. Das Gespräch wird vertraulicher. Merkwürdigerweise
bildet auch hier der liebe Nächste einen willkommenen Gegenstand der
Unterhaltung. Es hat sich sogar ein üppiger Grabenklatsch entwickelt, der
bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen
Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer gründlichen
Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gerücht hat im Nu die
Zugführer-Unterstände sämtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum
linken Flügel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und
Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz
unschuldig daran.
»Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben
Stunde Dienst!« Draußen glänzen die Lehmwälle der Böschungen in den letzten
Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald
steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue
Tag des Schützengrabensoldaten hat begonnen.
Vom täglichen Stellungskampf.
So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichmaß, unterbrochen durch die
kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schöne
Stunde. Oft saß ich mit einem Gefühl behaglicher Geborgenheit am Tische
meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwände an
Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, während mein
Bursche an dem winzigen Ofen beschäftigt war, der den Raum mit dem Geruch
gerösteter Brotscheiben erfüllte. Welcher Grabenkämpfer kennt diese
Stimmung nicht? Draußen am Postenstande stapften schwere, gleichmäßige
Schritte, eintöniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging.
Das abgestumpfte Ohr hörte kaum noch das nie erlöschende Gewehrfeuer, den
kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die
neben der Mündung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein
Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse
des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des
Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stückes der langen Front, in dem
wir zu Hause waren, in dem wir längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden
verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen
die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein
Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und
Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein
starkes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm
verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band über die
verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur
Mittagsstunde mit betäubenden Gerüchen durchströmte, oder wenn die
spukhafte Blässe des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen
pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saßen heiter
an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbänken, wenn die laue Luft
geschäftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir stürzten
über Gebälk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit stählerner Keule auf die
Gräben loskolbte und träger Qualm aus zerrissenen Lehmwänden kroch. Oft
wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen,
jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu
dürfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals
in den Nächten von Monchy niederschrieb.
7. 10. 1915. Stand in der Morgendämmerung neben dem Posten meiner Gruppe
auf dem Schützenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgeschoß dem
Mann die Feldmütze von vorn bis hinten aufriß, ohne ihn zu verletzen. Zur
selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine
Querschläger durch beide Beine, der andere Schuß durchs Ohr.
Am Vormittag erhielt der linke Flügelposten einen Schuß durch beide
Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu
allem Unglück kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren
Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu
photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand
herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Geschoß den Hinterkopf. Er starb
augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschuß.
19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten
beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der
Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen,
außerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel
entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flügel eine
französische Leiche, die schon Monate alt sein mußte. -- In der Nacht
wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet.
30. 10. In der Nacht stürzten infolge starker Regenschauer sämtliche
Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zähem Brei,
der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige
Trost war, daß es dem Engländer auch nicht besser ging, denn man sah, wie
aus seinen Gräben eifrig Wasser geschöpft wurde. Da wir etwas erhöht
liegen, pumpten wir ihm unseren Überfluß noch herunter. -- Die
herabstürzenden Grabenwände legten eine Reihe von Leichen aus den Kämpfen
des vorigen Herbstes bloß.