VI.

Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke

umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen

Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und

die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich

so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.

Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber -- was

erstaunlicher ist -- auch ohne Freude, die doch die endlich nahende

Erlösung in mir erwecken müßte ...

Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein

Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann.

Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit

Freuden begrüße -- den Tod-Erlöser!

Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls

im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu

euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...

Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...

* * * * *

Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die

Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die

ganze Polarmulde überflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie

gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die

Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des

Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen

möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach

ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten

Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten

Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn

man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein

heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem

Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie

blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen

wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als

ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort

von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging.

Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich

vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier

schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des

Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich

von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt

waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich,

diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und

von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich

wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk

vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der

Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und

nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und

Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell

erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick

der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden

hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über

Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her

verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie

ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen

Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der

Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen

schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so

unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit

zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich

wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel -- dort oben

auf dem Gipfel des Mondberges.

Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu

meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.

-- Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.

Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte

herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen

Worte heraus:

-- Du bist unglücklich, Alter Mensch.

-- Und deshalb weinst du?

Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf

die goldene Scheibe der Erde.

Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.

Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig

durchdringenden Blick in die Augen.

-- Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte

sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...

Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:

-- Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?

-- Ich weiß es nicht.

Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht

sterbe ...

Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes

furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde.

Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:

-- Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich.

-- Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.

Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung

das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen

war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir

vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust,

erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch

jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.

Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die

sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört.

Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte

es.

-- Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.

Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um

und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am

Horizont sichtbar.

Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände

zusammen:

-- Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.

Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.

-- Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich.

-- Du kannst alles, was du willst, antwortete sie -- aber ... wolle

nicht!

Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich

mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich

einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der

Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir

aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr

Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte

mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der

Erde! ... Von der Erde ...

Ach, wie mich diese Träume quälen ...

* * * * *

Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen

sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint mir, daß sie unaufhörlich

zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele

werfen ...

Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich

bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen,

als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa

der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur

Umkehr zu bewegen?

Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr

staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob

ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen

mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht

wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all

den hier Geborenen ist?

Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer

anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar

müde durch das, was dieses Leben ihm brachte.

Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein

lassen wollten!

O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben,

und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ...

* * * * *

Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich

sterben, und heute will ich leben, muß ich leben, noch einige Mondtage,

dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein

unaussprechlich wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist

es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß!

Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen mit mir habe und

genügende Vorräte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, daß ich nicht

früher daran gedacht habe!

O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch

abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel,

euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben

bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!

Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz meines geliebten

Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...

* * * * *

Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr

träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich jemals im Leben den

Anblick des geliebten Weibes so heiß begehrt habe, wie ich heute

begehre, sie wiederzufinden -- diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren

am Grabe O'Tamors zurückgelassen haben! ...

Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, überkam mich

ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir

das Mittel zur Verständigung mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte.

Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein

einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf dem _Sinus Aestuum_,

inmitten der Steinwüste, am Grabe O'Tamors, eine Kanone steht, die genau

auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken

wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde

entgegenzuschleudern.

So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und diese Kanone suchen;

ich werde die Leiche des greisen O'Tamor in dem felsigen Grabe

auffinden. O'Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die

leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser

Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor

allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich

verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm

entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß.

Und ich werde dort ruhen, neben O'Tamor und der abgeschossenen Kanone,

auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es

doch bald wäre -- so bald wie möglich!

Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses

Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den

künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust

pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer

Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit

klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel

findet, -- nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten.

Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ...

Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im

unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde,

geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht

der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch

vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten

über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!

Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie

durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne

und nach euch -- und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl

er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!

* * * * *

Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal

verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt

im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf

den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach:

-- Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!

Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit

der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern

glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...

Aber er sagte weiter:

-- Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den

warmen Teichen zurückzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter

Mensch.

Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich

in seinen Zügen einen unerschütterlichen Entschluß. Und plötzlich

überkam mich eine unsägliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir

hierhergekommen und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre Familien, an

die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden

-- und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort -- am

Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an mir sicherlich

eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig

verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stückchen Mond, am

Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner.

-- Kehrt zurück! sagte ich trocken.

-- Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend.

-- Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm,

gesagt, daß ich gehe, um niemals wiederzukehren.

-- Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der Zeit vielleicht doch

... Hier ist es nicht gut für Menschen ...

-- Kehrt also zurück. Ich bleibe.

Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von

einem Wurf in den Nacken getroffen wäre und entfernte sich eiligst. Zu

Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam die

»Mondpriesterin«. Ich war auf eine lächerliche Szene mit Bitten,

Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der

Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada

allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur

sagte:

-- Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.

-- Aber du wirst doch nicht _dorthin_ gehen?

Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die

unter ihr liegende Mondwüste.

Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, als zum erstenmal

der Gedanke in mir auftauchte, daß ich mich dorthin begeben könnte, auf

die Wüste, die ich vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt

hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde näher

zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. Heute erfüllt mich dieser

Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich

kann mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals war es kaum

ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in mir erstickte, denn ich

glaubte, daß es etwas Unmögliches sei; als wenn der Tod an der Grenze

der Möglichkeit stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man

mit dem Leben bezahlen muß.

-- Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte die Priesterin.

Ich zögerte.

-- Nein. Noch nicht.

-- So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere

wohnen? Sie möchten dich so gern in ihrer Mitte haben.

-- Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder mit Bitten

bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben.

-- Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber

... wie es dir gefällt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurückkehren,

werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der

Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber

werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber

wie es dir gefällt. Schließlich wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen

bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren müssen.

-- Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan

gehorcht dir und achtet deinen Willen.

-- Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.

Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam zu meinen

Füßen nieder:

-- Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.

-- Sprich.

-- Jage mich nicht fort!

-- Wie?

-- Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben.

-- Bei mir, hier im Polarland?

-- Ja, bei dir im Polarland.

-- Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe

stehen, dort am Meeresstrande.

-- Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen

Stern gekommen; ich weiß es, aber erlaube mir dennoch ...

Ich dachte über diese seltsame Bitte nach.

-- Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal.

Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme:

-- Ich liebe dich, Alter Mensch.

Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:

-- Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, wenn ich zu dir

sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fühle, nicht anders

bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur

noch, daß sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner

Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige, etwas, das

ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es von den Sternen mit dir

hierhergekommen ist.

Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen ihre sonderbaren

Worte an meiner Seele vorüberziehen ließ, begann sie von neuem:

-- Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, einsam das ganze

Leben hindurch, einsam wie ich. Ich weiß nicht, weshalb du von dem dort

leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ...

Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, -- du genügst dir und

bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir

zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Großer, du Guter und Kluger!

Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Füßen und

verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.

-- Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren zu deiner am Himmel

strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde

ich dich bis an die Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von

dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen

Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande

zurückkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich

sterben.

Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd und

träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die

Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit

angehaltenem Atem. Und plötzlich hörte ich Jan leise sagen:

-- Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde!

Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und

sonderbar! Für gewöhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen

auf und reizte mich, jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die

unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele

erschüttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte

Reise auf die Wüste hinaus -- im Angesicht der leuchtenden Erde, --

genug, es überkam mich eine große Trauer, ein herzzerreißendes Mitleid.

Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick

ermutigt, kam einige Schritte näher und sagte, mir in die Augen

schauend:

-- Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du

deine Ankunft schon angekündigt? Müssen wir allein bleiben? In diesem

Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke:

Das Geschütz!

Ja, das Geschütz, am Grabe O'Tamors, dort in der Wüste!

Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide Hände aufs Herz,

das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment

der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne

jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wüste, Kanone,

der Schuß, meine Erdenbrüder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer

Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod!

Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in

höchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum

erreichte mich nur noch die Stimme Adas:

-- Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns

verlassen.

Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein.

Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich in die Wüste gehen,

das Geschütz finden, die letzte Kunde und den letzten Gruß auf die Erde

senden und dann -- sterben muß.

Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß mit; sie

nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen auf, aber ohne ein Wort des

Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren.

Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen

hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise.

Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne

zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die

öde Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.

* * * * *

Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem

Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grün erblickte.

Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will

ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.

Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes

Leben an mir vorüberziehen, und es dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem

Gewissen abzurechnen. Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der Erde

tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden beichten, und seltsam,

auf meine Lippen drängt sich nur mein Unglück. Sollte beides ein und

dasselbe sein?

Du also, _Herr_, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hörst, wie das

Getöse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich

hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast,

nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß ich sündig war --

und unglücklich!

Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du für mich

geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln der Sehnsucht mit all meinen

Gedanken zu diesen am Firmamente glänzenden Welten und entzog mich den

Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu träumen, die Du

geschaffen hast -- _nicht_ für mich! Ich war sündig, _Herr_, -- und

unglücklich ...

Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den

Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und

ich träumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier

aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war ich und

unglücklich ...

Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, den Weltenraum zu

durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von

den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen

schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verließ leichten Herzens

die nährende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz

des Mondes verführt ... Sündig war ich, _Herr_, und ich bin unglücklich.

Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so

erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für die Erhaltung des Lebens

benötigte, mit ihnen zu kämpfen, oder um die Frau, die keinem von uns

gehörte, die wir verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich

Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld

getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sündig war

ich und unglücklich ...

Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener

Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht

anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine

Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur

Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, daß sie mich

verehrten, während nur _Dir_ allein die Ehre gebührt ... Ich war sündig,

_Herr_, und unglücklich ...

Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschöpft, verlasse

ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Führung

übergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im

Angesicht der Erde! Ich bin sündig, _Herr_, und unglücklich!

Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine heißt Verlangen

nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und

beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ...

Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich

bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen im Weltall, und ich

kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich

befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der

Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer ist als

irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig Jahre auf diesem Globus

gelebt. Die Rätsel, die mich umgeben, sind heute so ungelöst wie vor

einem halben Jahrhundert.

Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es niemals erreichen

werde.

Und das ist mein ganzes Leben!

Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ...

Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf die ich früh den Wagen

lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ...

Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben

... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir

und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte

verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und sagen:

Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...

Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine

Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt!

Sündig bin ich ...

Es nähert sich die Zeit der Abreise ...

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 22 / 26 题