Auf Mare Frigoris.
Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich
diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß ich schon gestorben bin
und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten
Ländern.
Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, die sich dort am
Horizont malen. Ich bin schon einmal hier gewesen, vor langen Jahren!
Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel
Kraft, bis zum Grabe O'Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich
dich mehr.
Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste zurückzukehren,
wenn meine Kräfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens
bei ihnen zu bleiben; aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht
zurückkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den
warmen Teichen notwendiger wäre als jemals.
Wenn das wahr ist ...
Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner
Abreise.
Hört es, Menschen auf der Erde:
Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der
kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich plötzlich am Eingang zu der
Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies
eine Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei
Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stieß
einen Schrei aus:
-- Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes geschehen sein!
Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden Abgesandten kamen
vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht.
Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die
kühnen Abenteurer, die ich für verloren hielt, von der Expedition nach
der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der
dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden
beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur
Rückkehr ans Meer zu bewegen.
Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, hielten sich bei
ihrer Wanderung längs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den
Weg aus Adas Erzählungen kannten; so gelangten sie auf die Höhe über der
See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde.
Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte
endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen
hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich
gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.
Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel,
daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im
Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das
zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum
gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das
war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden
herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen,
auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und
halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese
Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene,
in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen
entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe
bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des
Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie
in wilder Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf
dem Eise.
-- Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei
der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber
fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren!
Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar
haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in
eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist
herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten
erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten
den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu
entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im
Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind,
und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und
diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es
scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie
wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen.
Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über
diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten
mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt
der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen
nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über
das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu
schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort
verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, den
ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf
dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann
der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll
zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit
unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen
mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande
überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen
Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat.
-- Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung
zu Ende war.
-- Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es
geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen
Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben,
unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns
niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel
mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!
Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich
fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur
Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im
Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun
sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf
die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf
diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige,
die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran,
auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder
auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter
dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter
dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte,
nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die
Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.
Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker,
die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten
Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte
wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen
sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten.
Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug
leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen.
Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen
vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür,
daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht
stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte
Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige
Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen,
denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein
der Erde.
-- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an
euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt
nach einer anderen Richtung als der eure.
-- Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich
schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch
einmal meine Knie:
-- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich
uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren
beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird
uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!
Ich zögerte.
-- Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich
zurückkehren!
Ada wandte sich zu der kleinen Schar:
-- Er wird zurückkehren, aber dorthin!
Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde,
das über dem Horizont glänzte.
Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten
Worte noch mein Ohr erreichten:
-- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach
Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ...
Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.
Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres
Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke,
an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten.
Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen
vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere
...
Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses
Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der
ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste
ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und
erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße des
_Eratosthenes_ gelangen werde.
Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet
meiner wohl noch Schlimmeres.
Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen
haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene
ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne
getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von
fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte
vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen
haben und weitergezogen sein durch die Wüste -- auf die grenzenlose
Ebene des Todes? ...
Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner
grauenhaften letzten Einsamkeit ...
Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten
am schwarzen Samthimmel -- grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich
die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, früh
genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?
Unter dem Eratosthenes.
Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte
Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf den
_Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen
O'Tamor ...
Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der
Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.
Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch
die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich
habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit
der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war,
nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_,
verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst
glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die
mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu
schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten
verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir
gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden.
Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten
unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und
endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -- und das war die
einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.
Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der
Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, bis daß es mir vergönnt
sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen.
Das währt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ...
Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde.
Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle
gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden
berührt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf
die Erde senden kann.
Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, daß er
jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn
dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über
Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine
Zerstörung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir
ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen
unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling
von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart
und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu
lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt!
Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es
wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten
Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die
Erde tragen wird.
Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für
zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen.
Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage.
O Erde! O verlorene Erde!
...................................................................
Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde
herabgefallenen Kugel gefunden wurde.