VII.

Auf Mare Frigoris.

Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich

diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß ich schon gestorben bin

und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten

Ländern.

Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, die sich dort am

Horizont malen. Ich bin schon einmal hier gewesen, vor langen Jahren!

Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel

Kraft, bis zum Grabe O'Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich

dich mehr.

Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste zurückzukehren,

wenn meine Kräfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens

bei ihnen zu bleiben; aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht

zurückkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den

warmen Teichen notwendiger wäre als jemals.

Wenn das wahr ist ...

Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner

Abreise.

Hört es, Menschen auf der Erde:

Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der

kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich plötzlich am Eingang zu der

Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies

eine Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei

Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stieß

einen Schrei aus:

-- Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes geschehen sein!

Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden Abgesandten kamen

vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht.

Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die

kühnen Abenteurer, die ich für verloren hielt, von der Expedition nach

der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der

dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden

beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur

Rückkehr ans Meer zu bewegen.

Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, hielten sich bei

ihrer Wanderung längs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den

Weg aus Adas Erzählungen kannten; so gelangten sie auf die Höhe über der

See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde.

Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte

endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen

hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich

gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.

Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel,

daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im

Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das

zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum

gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das

war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden

herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen,

auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und

halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese

Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene,

in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen

entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe

bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des

Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie

in wilder Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf

dem Eise.

-- Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei

der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber

fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren!

Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar

haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in

eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist

herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten

erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten

den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu

entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im

Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind,

und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und

diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es

scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie

wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen.

Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über

diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten

mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt

der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen

nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über

das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu

schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort

verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, den

ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf

dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann

der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll

zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit

unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen

mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande

überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen

Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat.

-- Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung

zu Ende war.

-- Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es

geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen

Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben,

unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns

niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel

mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!

Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich

fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur

Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im

Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun

sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf

die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf

diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige,

die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran,

auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder

auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter

dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter

dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte,

nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die

Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.

Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker,

die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten

Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte

wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen

sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten.

Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug

leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen.

Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen

vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür,

daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht

stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte

Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige

Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen,

denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein

der Erde.

-- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an

euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt

nach einer anderen Richtung als der eure.

-- Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich

schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch

einmal meine Knie:

-- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich

uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren

beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird

uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!

Ich zögerte.

-- Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich

zurückkehren!

Ada wandte sich zu der kleinen Schar:

-- Er wird zurückkehren, aber dorthin!

Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde,

das über dem Horizont glänzte.

Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten

Worte noch mein Ohr erreichten:

-- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach

Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ...

Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.

Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres

Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke,

an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten.

Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen

vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere

...

Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses

Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der

ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste

ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und

erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße des

_Eratosthenes_ gelangen werde.

Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet

meiner wohl noch Schlimmeres.

Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen

haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene

ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne

getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von

fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte

vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen

haben und weitergezogen sein durch die Wüste -- auf die grenzenlose

Ebene des Todes? ...

Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner

grauenhaften letzten Einsamkeit ...

Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten

am schwarzen Samthimmel -- grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich

die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, früh

genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?

Unter dem Eratosthenes.

Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte

Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf den

_Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen

O'Tamor ...

Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der

Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.

Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch

die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich

habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit

der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war,

nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_,

verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst

glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die

mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu

schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten

verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir

gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden.

Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten

unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und

endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -- und das war die

einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.

Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der

Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, bis daß es mir vergönnt

sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen.

Das währt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ...

Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde.

Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle

gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden

berührt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf

die Erde senden kann.

Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, daß er

jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn

dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über

Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine

Zerstörung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir

ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen

unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling

von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart

und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu

lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt!

Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es

wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten

Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die

Erde tragen wird.

Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für

zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen.

Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage.

O Erde! O verlorene Erde!

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Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde

herabgefallenen Kugel gefunden wurde.

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 23 / 26 题