Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese
Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu
notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe
endlich zum Polarland!
Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.
* * * * *
Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner
gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial
versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland
genügen werden -- länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich
bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand
eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.
Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum
Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng
verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt,
daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr
bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und
ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in
Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit
seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen
und Lebensbedürfnissen hängt.
Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch
jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der
Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt
bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean
fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der
Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer.
Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen
Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie
in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten
mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.
Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen,
mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt.
Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu
verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr
ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit
benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie
bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor
unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und
verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene
Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf
der nördlichen Halbkugel zu gelangen.
Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals
zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas
nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie
heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.
Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie
nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was
dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.
Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen
und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.
* * * * *
Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen
Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich
den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.
So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß,
daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.
Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten
Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...
Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht.
Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich
auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel
mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im
weiten Lande sterben werde.
Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir
Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie
wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich
zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.
Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals
heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle
meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie
denken.
Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:
-- Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne
den Alten Menschen um Rat zu fragen.
Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.
-- Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie
und drängten sich weinend um mich.
Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame
Entdeckung -- in diesem letzten Augenblick ...
Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!
* * * * *
Unterwegs auf der See-Ebene.
Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das
Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im
Polarland -- unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus -- und dann
-- der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel
leuchtenden Heimat.
Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese
Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt
in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch
das flammende Rund der Erde glänzt.
Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich
sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und
der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch
Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.
Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten
Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und
wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit
hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und
Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...
Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte
anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!
Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich
zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden.
Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der
Gewohnheit! Man kann sich, scheint's, selbst an die Gitter des
Gefängnisses gewöhnen ...
Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz
niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die
ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster
und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren
alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.
Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich
fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese
Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt,
steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was
ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den
mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und
Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.
Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie
schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte
sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und
alle schwiegen.
-- Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu
sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers
unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte
ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte.
Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber,
wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.
Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des
Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die
Wangen liefen.
Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last
sich auf meine Brust wälzte.
-- Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit
Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und
von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr
Menschen seid, denkt daran!
Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung
fortfahren:
-- Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das
Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe,
das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des
Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.
Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.
Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:
-- Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann
die Frau schlägt?
Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich
Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:
-- Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den
jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?
-- Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu
treiben, die sie einst selbst erbaut haben?
-- Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: »Das sind
meine Felder!« und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.
-- Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?
-- Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?
-- Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?
-- Daß er zum eigenen Vorteil lügt?
-- Sage, ob das recht ist!
-- Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben
gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es
täglich in unserer Mitte!
Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk
verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung
schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond
verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde
hierhergekommen!
-- Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen
derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?
-- Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.
Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich
fortgehe?
Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich
erwidern sollte.
Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und
ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.
Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar
dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das
unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.
-- Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen
in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich
ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.
-- Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort
gesprochen hatte.
Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme
hinzu:
-- Der Alte Mensch verläßt euch!
Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie
mit einem Schauer überlief.
-- Es muß so sein! sagte ich dumpf.
Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei
ihrer Neffen gen Norden ...
* * * * *
Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute
aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern
schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen
Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel
unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich
unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne
beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde
bildet.
Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...
Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die
Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem
Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig
Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane
ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.
Und dort -- werde ich die Erde sehen!
* * * * *
Im Polarlande.
Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den
Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große
Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen,
die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.
Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der
Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und
als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis
ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter
ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien
erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit
ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah
ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden
Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten
Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die
starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die
Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie
sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:
-- Von dort ist _er_ gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn
sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren,
wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.
Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre
Väter einst gelebt haben ...
Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu
nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung
zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten.
Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn
sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre
Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen
würde!
Ach, wenn ich es könnte!
Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte
mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich
verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen
Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.
Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher
zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde
zeigend, flüsterten:
-- Sieh, sieh, _er_ ist von dort gekommen.
-- Damals, als es hier noch niemanden gab ...
-- Ja ... _Er_ hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau
Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf
der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.
-- Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von
Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...
-- Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er
ebenfalls von dort mitgebracht.
-- Ja, alles hat _er_ geschaffen; für die ersten Menschen hat _er_ hier
Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...
Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die
halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.
Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie
vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt
aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und
seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den
rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es,
langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!
So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem
Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen
Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im
letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von
hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur
Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste
hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so
lange gelebt habe.
Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr
dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier
hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen
haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier
wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf
die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort
schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst
gedemütigt und von Schmerz zerrissen.
Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen
sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen,
und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der
Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was
unwiederbringlich dahin ist ...
Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du
das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die
Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern -- was
willst du noch?
* * * * *
O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor
meinen Augen leuchtet!
O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!
O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den
Wüsten!
Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter
Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender
Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!
O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!
Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen
mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle
anderen der glühendsten Liebe wert!
Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der
unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner
goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!
Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest,
und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:
Erde!
Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach
Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt.
Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten
von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere
einwiege!
Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute
gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die
seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte,
und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene,
grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder
schlechtestes auf deinem breiten Schoße:
Erde!
Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des
ersehnten Todes umhüllt! ...
Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich
mit deinem gesegneten Lichte!
Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen
Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der
Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet,
von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen
Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende
von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und
ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner
Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des
menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten
Augen spiegelt!
O Erde, meine Erde!
Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf
diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt
hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in
balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach
er sich so grenzenlos sehnt!
O Erde!