III.

So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube,

daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu

zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen

meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt,

ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem

Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche

Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen

Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden

vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du

mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der

Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...

Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf

der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich

die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin

bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe

Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren,

als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum

wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese

Welt kamen, und ich lebe noch immer.

Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst nicht mehr

begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht

verbreitete Legende zu glauben, daß ich niemals sterben werde ...

Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, für immer

verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten

Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche und zufällige

Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens

ergeben muß. Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich

vielleicht vergessen hat und nicht kommen könnte.

* * * * *

Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, seit ich

mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe.

Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch

wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf

den Mond gefahren sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen

jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon für tot und

verloren hielt.

Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit auf der Erde

geändert haben! Vielleicht würde ich mir einst vertraute Gegenden nicht

mehr erkennen. Auch mein Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine

Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des

Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die Bilder der Erinnerung immer

loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender

Steine gleich, die schon zerbröckelt und auseinanderfällt.

Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die

Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergänze ich

durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verändere ich die

Bilder und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung wie ein

Kind mit einem Kaleidoskop.

Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine

Tränen auf sie blicke!

Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch

Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche Menschen! Gott, wenn ich das

Rauschen der Wälder hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die

im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen,

den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vögel

lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grünen Fluren im

Frühling oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte!

Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber die Menschen sind

dieselben geblieben und auch die Bäume, die Blumen und die Vögel!

Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche

Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern

könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der

auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im

sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein,

ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß

die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte,

dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und

Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende

Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die

Freiheit erlangt hat.

Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere

mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ...

Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich

allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur

das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen

Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene

Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ...

Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und

Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen,

Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch

gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus

dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die

Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die

Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt

die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen

und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel

wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament

emporsteigt ...

Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast

glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen.

Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und

Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier

erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte

Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn

gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein

Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der

Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor

der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen

langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer,

das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans,

sonst nichts, nichts ...

* * * * *

Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich

durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine

Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des

Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich

diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit

leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten

Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen

den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel

bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann

tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor

meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich

Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute

schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich

nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich

von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen

Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute

ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren

sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch

noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn

ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.

Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen

Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam

einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht

war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und

seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus.

Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt

angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge.

Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel

Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen,

reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von

Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus

zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze

und Kälte abgehärtet.

Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut,

arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die

meine Bewunderung erregt.

Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die

armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit

hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich

und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die

Bezeichnung »Mensch« kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen

und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider

nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung

verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich

reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und

englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches

Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und

portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln

fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie

nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen

gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern

Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...

Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte

Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese

Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen

Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen

gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an

dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben

tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet,

indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht

geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da,

wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens

erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo

sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie

geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens

versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die

die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete

Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte

Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein

Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht

wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.

Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein

Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose

Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern

leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um

die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals

dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im

Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem

Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen

riesenhafte Gestalt.

Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!

* * * * *

Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander

schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trüben

Gedanken.

Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und

Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum

und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit

kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada

erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine

Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft,

stellt sie mir immer dieselben gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie

noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich

wieder meinen Gedanken überlassend.

Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenüber und

gewissermaßen als Zeremonie, die dem »Alten Menschen« gebührt, auffaßt.

Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei Sinnen ist, lebt in

einem seltsamen Wahn. Sie hält mich für ein übermenschliches Wesen, das

diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die

Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie glaubt.

Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die

sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzählungen von der Erde und

unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle

erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt

ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich

schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos bin. Ich

setzte Ada lang und breit auseinander, daß ich genau derselbe Mensch sei

wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an

die sie sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu machen,

daß meine der späteren Generation überlegene Kraft und Körpergröße nur

darin ihren Grund haben, daß ich auf einem anderen, größeren Planeten,

nämlich auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und schweigend

zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flüsterte sie, mich mit einem

flüchtigen Lächeln streifend:

-- Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und

meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt hätte? Woher

weißt du, was kein anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht

wie die andern?

Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige Märchen von mir

zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden später hörte

ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu

mir gehen wollte, sagte:

-- Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, daß man

wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist.

Jan wurde traurig.

-- Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade

bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen

Söhnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann.

-- Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel

Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem,

-- hier legte sie den Finger an den Mund -- sprecht nichts vor ihm!

Wehe! Denn er will es nicht.

Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung zuhörte,

hervor, machte Ada abermals Vorwürfe und begab mich zu Jans Haus, um ihm

den Dienst zu erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen

hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten »Patriarchen« zuflüsterte:

-- Siehst du, er hört und weiß alles!

Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? Ich weiß es nicht,

bin aber fest überzeugt, daß er den Inhalt ihres ganzen Wesens bildet

und der Grund des großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke

genießt. Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar

Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt war, zitterte

vor ihr. Heute würden seine Kinder es nicht wagen, sich irgendeinem

ihrer Befehle zu widersetzen. Mich empört es, daß sie diese Verwirrung

in den armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und

gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn ich fühle,

daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, während deren sie sich

anscheinend klar darüber ist, daß sie in Hirngespinsten lebt, und

dadurch entsetzlich leidet ...

Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht zum Bewußtsein

brachte: Es war bereits nach Mitternacht, als Ada zu mir kam. Ich

staunte über ihren Besuch zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der

empfindlichen Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts nicht gut

verlassen konnte.

Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht zu

unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in der Ecke des

Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen wollte, aber ich tat

absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. Ada saß eine Zeitlang

schweigend da, bis sie sich mir endlich näherte und leise, ganz leise

meine Schulter mit der Hand berührte:

-- Herr ...

Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch niemals

angeredet. Sie nannte mich immer nur »Alter Mensch«, und als ich jetzt

das Wort Herr hörte, stiegen geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war

es Freude darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise zu mir

sprach, und andererseits empörte mich wiederum diese Anrede.

-- Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen.

-- Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur konnte. Ich mußte

diese Frage einige Male wiederholen, bis sie mir endlich antwortete.

-- Ich wollte fragen, ich wollte wissen ...

-- Was?

-- Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer Verzweiflung in

der Stimme und in den auf mich starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe,

die ich ihr abermals wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren

machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen fuhr fort:

-- Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich bitten, daß du mir

endlich sagen mögest, was das alles bedeutet; wer du eigentlich bist und

was wir sind? Ich sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß,

aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, daß sie

ebenfalls anders waren als wir heute, dir ähnlich ....

Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, mir in die Augen

schauend:

-- Sage, wer du bist und was wir sind?

Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten Gefühle. Es

schien mir zwar, daß ich ihr auf diese Frage schon oft und vor langer

Zeit geantwortet habe, aber trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu

sprechen, menschlich zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal

menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe Rührung kam

über mich; mein Herz wurde weich, und Tränen traten mir in die Augen und

schnürten mir die Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen

konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie ein Echo:

-- Wer ich bin! ...

Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr recht wußte ...

Und Ada fragte abermals:

-- Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle der »Alte Mensch«,

aber ich dachte heute lange nach ... und bin zu dir gekommen, dich

anzuflehen, sage mir die Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist?

Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, sprach sie

jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und dämpfte dabei

geheimnisvoll ihre Stimme.

-- Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von _dort_, von

jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen bist und du alles tun

kannst, was du willst. Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du

uns, auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen,

so wie wir es denken?

Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre glänzenden, unruhig

flackernden Augen starrten auf mich.

Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick noch wollte ich

ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch einmal so recht von Herzen

sprechen, ihr alles sagen, was ich schon so oft gesagt hatte, und von

der Erde reden, von unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen

Kameraden, aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die

Überzeugung in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie will nun

einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der »Alte Mensch« sei, das

heißt, nach ihren Begriffen ein übernatürliches Wesen.

Ich suchte und konnte lange keine Worte finden.

-- Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe es dir doch schon

so oft erklärt.

-- Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die Wahrheit sagst!

Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der kleine Tom ähnlich

zu mir gesprochen hatte, als ich ihm die Erde zeigte und erzählte, daß

ich von dort gekommen wäre. »Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!« hatte

er mir damals geantwortet.

-- Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr ist, daß du mit meinen

Eltern von jenem mächtigen Stern gekommen bist, den du Erde nennst.

Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden Augen an.

Niemals hatte ich sie so gesehen.

-- Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen Leuten und sie

glauben an dich!

Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor, der mich

geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht, daß in diesem stillen,

halb geisteskranken alternden Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben

und ein so heißes Gefühl flammen kann. »Sie glauben an dich!« Darin

faßte sie in diesem Augenblick die ganze Tragödie ihres Lebens zusammen.

Sie hat dem Mondvolke einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und

jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte, was sie selbst

verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem Munde die Bestätigung ihrer

Lehre zu hören. »Und sie glauben an dich!« In diesem Schrei lag etwas

wie eine Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend mir

gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, ihnen nicht

das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen.

Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren Augen Tränen

glänzten.

-- Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt sagen werde?

-- Ich will glauben, ich will glauben!

Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die irdische

Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den Glauben erweckte, daß ich auf

dem Monde geboren bin wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein

höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir als etwas so

Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß mir bei dem bloßen Gedanken

daran der Schweiß auf die Stirne trat. Mag kommen was will; ich

beschloß, Ada auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin,

aber durchaus nicht »_der_ Alte Mensch«, wie sie es verstehen, und daß

sie das endlich begreifen müßten, wenn ihnen auch der Verlust ihres

Glaubens oder besser des unter ihnen verbreiteten Aberglaubens

schmerzlich wäre.

-- Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, begann ich, aber Ada

ließ mich nicht zu Ende sprechen.

-- Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick warf Ada sich

mir zu Füßen und umschlang meine Knie.

-- Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir zu verzeihen, daß

ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß du der Alte Mensch bist!

Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch klar und

verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt wieder dieses

unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten, und ihre Wangen bedeckten rote

Fieberflecke.

-- Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich werde gehen und es

dem Volk verkünden ...

Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten Worte Adas

erholen konnte, war sie verschwunden. Es blieb mir keine Zeit, sie

zurückzuhalten oder zu rufen.

Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere mich nur, daß die

Nachkommenschaft Toms ihren Worten so bedingungslos glaubt; ich wundere

mich, daß all diese Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen

Degenerierten gefunden haben.

Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen ist. Ich bin wohl

auch zum Teil selbst daran schuld: Ich hatte mich zu sehr von dem neuen

Mondgeschlechte zurückgezogen, und als ich bemerkte, daß es meine Person

mit einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei und

bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken. Als ich endlich

die Tragweite zu ermessen begann und dagegen auftreten wollte, war es zu

spät.

Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen Kindern

phantastische Gerüchte über mich herumgingen. Aus zufällig gehörten

Worten entnahm ich, daß sie mein Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen

ungewöhnliche Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren

Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom hat zwar diese

Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich weiß, auch nicht

widersprochen.

Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach

dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß

ich heute für dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben,

daß ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie

von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht

will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Stürme zu

beschwichtigen und mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge,

trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie sandten sie

zu mir, denn -- ich kann alles!

Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu

verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen

prophezeit, daß dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie fürchten mein

Fortgehen!

Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den

Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ändern;

vielleicht bin ich auch zu träge, den Kampf mit dieser Naivetät

aufzunehmen. Alles quält mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh,

wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum

geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde träumen

kann.

Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, Vögel, Wiesen,

duftende Blumen ...

Oh, dort! ...

Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von hier fortzugehen!

Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde zurückkehren! Ich

bin ganz erfüllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch

beschäftige, er kehrt immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht

keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen

Augen vorüber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde!

Erde! ...

Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene Länder,

verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, jetzt hat sich

alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und

Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die

Grenzen der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen und

Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fließt in

meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und

dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und

strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel über den Wüsten!

Erde! Erde! Erde!

* * * * *

Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen Zeiten, als er noch

ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in

der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen,

Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf.

Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde ich klar und

schmerzlich, daß er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den

ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn

betraf!

Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den

Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte,

war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren

Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf

blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und

vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, -- daß sich in

ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht,

durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.

Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie

zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf

herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm

nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern

fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz

Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er

wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare

einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer

mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die

Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür

Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und

Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern

empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben

wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und

rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben

sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit

wenigstens, vollständig ändern würde.

Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in

ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es

nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten,

wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler

wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.

Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir,

als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie

eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei

... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend,

betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung

vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später

an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen

sollte.

Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ...

Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den

Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den

rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in

ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt

entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt

erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen.

Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre

Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und

Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr

sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen

nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom

erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten,

wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom

vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber

er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu

schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen

Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.

Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr

gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand

auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen

schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich

glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast

glücklich fühlte.

Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der

Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind

heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins

Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage

erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur

eins -- und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe

Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein

Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das

degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen

Teiche bevölkert.

So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in

einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte.

Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind

vor allem arm, so arm, daß mein ganzes Inneres sich in Schmerz und

Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über

ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war

energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich

vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.

Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es

niederzuschreiben.

Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende

Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren,

weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie

verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben

ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche

Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und

sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um

ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt.

* * * * *

Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht

niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen

ich das niederschreibe ...

Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste

notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte

ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit

ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir

alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist,

erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch

lächerlich -- dieser Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden

das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen.

Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen

an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr

als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und

übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß

sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem

Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo

sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und

Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die

hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem

anderen Planeten gewesen ist und von keiner »metaphysischen Sehnsucht«

gequält werden.

Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich.

Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu

befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten

und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die

Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen

und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer

ist!

Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht

ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich

nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der

Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den

Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.

Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise.

Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der

Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf

der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine

Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen

mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen

Planeten!

Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben

hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und

über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...

Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!

* * * * *

Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, den ich auf

diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe

zwischen Tom und den Mädchen erfreute.

Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn

ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frühling zu

verlängern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo

ich die reife Frucht vorfände.

Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, einen

herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, daß man sich von ihm abwendet.

Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang!

Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte,

ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom mit einer seltsamen Würde und

führte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.

-- Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben

nichts angerührt. Nur Ada hat während deiner Abwesenheit hier gewohnt

und deine beiden alten Hunde, die du zurückgelassen hast.

-- Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo seid ihr gewesen?

Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, daß

sich nicht weit, am Ufer des höheren warmen Teiches, ein beinahe

fertiges neues Häuschen erhob.

-- Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.

-- Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung.

Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade

nähernden Mädchen und sagte, mir fest in die Augen blickend:

-- Das sind meine Frauen!

-- Welche? frug ich fast unbewußt.

Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mädchen schauten uns

ängstlich an.

-- Welche von ihnen? frug ich abermals.

-- Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!

Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen und führte sie zu

mir.

-- Segne uns, Alter Mensch!

Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute

schon für immer mit mir verwachsen ist.

Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, die

scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem

kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen

eine eigene, in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße enger

wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.

Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser Welt unnötig wurde,

und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so

entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer

unaufhaltsam seinen alten Lauf!

Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den

Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis

zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu

despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil

waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich

zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir

nahm.

Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der

Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den

heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der

Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde

und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage

mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.

Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft,

sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage

nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat

sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der

Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des

Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel

vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der

schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig

Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten

sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen

schreitet auch die »Zivilisation« vorwärts. Häuser erheben sich,

Schmieden und Hundezwinger.

Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl

bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon

eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde

verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 19 / 26 题