Am Meere bei den warmen Teichen.
Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen,
das heißt, fast achtunddreißig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts
mehr auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur
Hand, um den Tod Rosas zu notieren.
Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und
Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings Tom, der sie im Zorn mit
einem Stein erschlagen hat!
Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben diese Tat schweigend
hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu töten,
die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der
Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten.
Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur mit drohender Miene und
erhobenen Händen ging das Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich
zurück, obwohl er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern
können, weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm
entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend,
erhob sie die andere über seinem Haupte und rief:
-- Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten
Menschen!
(»Alter Mensch« ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben
hat.)
Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und
sagte zu Ada, indem er sich bemühte, seinen Worten einen harten,
herrischen Klang zu geben:
-- Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte
... sie zu ernähren oder zu töten. Warum war sie unfolgsam?
Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn
ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, daß Tom seine Frau mit
der Absicht sie zu töten getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge
klar gemacht, über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft
gab.
Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, daß ich sie
verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen
Charakter anders zu formen. Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem
Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal überlassen
dürfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus
ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst
nachträglich erinnere, so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben
habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner
Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem
fürchten jene dieses Mädchen, das jüngste aus dem ersten Geschlecht
dieser Menschen. Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie
eine Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis zu
den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und
wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie
tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr
eigentlich sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer
Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische Verehrung als Liebe.
Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ...
Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am
nächsten angeht: sie halten mich für ... Aber nein, vielleicht täusche
ich mich nur! Was ist's, daß Ada Tom in _meinem Namen_ verflucht hat?
Ich bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und
dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... Götzentum
verschuldet haben?
Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich
belegten: »Der Alte Mensch« ...
* * * * *
Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren
unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß ich mich in dieser Welt
immer fremder fühle ...
Ich träumte, daß ich auf der Erde war.
Aber heute war das ganz besonders seltsam.
Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich über die
Angelegenheiten des Staates, der Völker, des Fortschritts sprach. Man
sagte mir, daß sich die Grenzen einiger Länder veränderten, seit der
Zeit, da ich die Erde verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen
und vieles von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das hatte mich
interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen
Augen besichtigen, um mich zu überzeugen, wie es dort aussieht.
Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte
Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich vieles geändert. Wie ein
Vogel durchflog ich die Länder und wunderte mich, daß an Stelle der
alten Metropolen Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich
Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten ausdehnten, traf
ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstädte
umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um
mir bekannte Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die
sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf
antworten. Man schüttelte nur die Köpfe und sagte: »Wir wissen nichts
davon«, oder: »Wir haben es vergessen.«
Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, daß
diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr ähnlich sah, die ich
gekannt habe.
Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern
Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde
ist es schwer, die langen, einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe
ihrer wohl viele aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die Erde,
die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt.
Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! Fremd auf dem
Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf
die ich durch irgendein Wunder zurückgekehrt bin -- zu spät! Wo ist noch
Raum für mich, wo werde ich Ruhe finden?
Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose Leere im Herzen
-- und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten
Sterne erglänzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang
vorwärtsgetrieben, schon über der uferlosen Fläche des Ozeans befand.
Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlängelnde
Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen
Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen.
Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts geändert.
Das Meer war unermeßlich wie früher und ebenso wild bewegt und
veränderlich.
Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, daß sich das
Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte.
Jetzt erst sah ich auch, daß direkt über mir der Vollmond stand. Ich
erschrak über die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und
wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber
plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, daß ich auf die sich immer
höher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen
mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos
langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden höher und immer
höher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs
vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der
ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier.
Es schien mir, daß in seiner Scheibe die sich herausneigenden Köpfchen
der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr
boshaftes Rufen hörte:
-- Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter Mensch, du bist nicht
von der Erde!
Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der
Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das
durchlief im Sturme meine Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus
und strengte meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum
schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit den Händen nach dem
Wasser, schlug mit den Füßen die Luft ...
Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt unter meinen Füßen
schon über meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurückfalle ...
Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ...
* * * * *
Seit unserm EXODUS fünfhundertundein Mondtag.
Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff die Fahrt nach dem
Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen schließe ich, daß sie fast bis
zum Äquator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie
furchtbare tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie resultatlos
umkehren.
Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner
Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzählte er mir von
der Expedition und schilderte die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen
hatte. Schließlich verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß
dies seine letzte Fahrt gewesen sei.
Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum
halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in
der Blüte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und
altern früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe.
Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer
Weile des Zögerns:
-- Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der Alte Mensch bist.
Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.
-- Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an
kennst, was sagst du über mich?
Tom konnte mir keine Antwort geben.
* * * * *
Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterließ zwölf
Kinder, fünf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe
ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort
ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, dreizehntes Kind,
das kurz nach der Geburt gestorben ist.
Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, daß
auch sie ihm bald folgen wird.
Nur Ada ist still und gleichgültig.
Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste Sohn Rosas und
Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.
Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich niemals sterben
würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr
dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt,
oder bin ich wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen
Menschen? ...
Denn in der Tat -- woher lebe ich noch?
* * * * *
Lilli ist gestorben.
Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.
Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ...
* * * * *
Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht
verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen
kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich
und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses
Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin
Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im
Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa
begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine
Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist.
Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und
halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, -- es ist
furchtbar, es auszusprechen! -- beteten sie zu mir, daß ich die Stürme
niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte!
Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich
in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!
* * * * *
Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek
und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles
zu verbrennen -- auch dieses Tagebuch.
Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut
auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand
auszustrecken, um sie aufzuheben.
Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich
niemand mehr anrühren ...