IV.

Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen

zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich

mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand

zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder

sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden,

kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen,

wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie

allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder

bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln

des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn.

Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder

erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von

der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater,

der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ...

Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das

Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der

ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun.

Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied,

was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein

und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie

und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen,

haßerfüllten Blick.

Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube,

er war der Unglücklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen

Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung

eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von

Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und

gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich

habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen

seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn

lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn

den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte.

Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres

Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit

Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und

gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des

Ekels.

Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein

Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man

Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich

bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann

gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu

widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie

es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um

etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in

ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren

Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er

verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu

berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern

würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß

ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber

sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und

zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort

zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem

sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.

Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere

fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen.

Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade

von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und

hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters

Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel

angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die

Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die

zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu

ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.

-- Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht,

was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur

Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes

Weinen unterbrach seine Worte.

Martha zuckte nicht einmal.

-- Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.

-- Ich will deine Liebe!

-- Du bist mein Mann ...

-- Liebe mich!

-- Gut. Ich liebe dich ...

Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren

Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief.

Peter sprang auf.

-- Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.

-- Ich werde dich nicht reizen.

Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten

sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver;

mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht

zittern würde.

-- Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als

wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?

-- Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...

-- Gut. Schlage mich ...

Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.

Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt

ein Ende zu machen.

Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe

mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich

zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so

ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster

Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens

konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und

Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte.

Wohl hatte ich mir die Ehe »eines von uns« mit Martha anders

vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von

Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das

unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme

geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die

Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden.

Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so

hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein

neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von

mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen

Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich

Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für

sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube

hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt

und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines

astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder

aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene

Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten

Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so

unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden

sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum

Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend

schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.

Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz

einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Töchter. Sie kamen in der Nacht

zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes

schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude

erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer

Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden

Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen

lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.

-- Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint

dort so? Etwa Mütterchen?

-- Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie

du, vielleicht noch kleiner.

Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.

-- Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt.

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an.

-- Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich.

Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich?

-- Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken

antwortend als ihm.

Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf.

-- Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht dumm bist.

Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, daß der Onkel gut ist, sehr

gut, nur ... nur ...

-- Nur was? Wie sagte dir Mütterchen?

-- Ich habe vergessen ...

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand

Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. Er lächelte mir bitter zu,

aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte:

-- Zwei Töchter ...

Und dann:

-- Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst.

Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie

beide Hände nach ihm aus.

-- Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das

ist für dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst

verzeihen ... Aber das ist für dich, nur für dich, mein Liebster,

einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das

Kind an ihre Brust drückend.

Tom dachte nach.

-- Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun?

-- Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen,

küssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und für dich

arbeiten, wenn sie groß sind, hörst du?

-- Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind _meine_

Kinder!

Sie sah ihn kühl an:

-- Ich weiß es, Peter, das sind _deine_ Kinder ...

Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie stürzen wollte,

aber er hielt sich zurück und sich ihrem Lager nähernd, sagte er so

sanft er konnte:

-- Das sind _unsere_ Kinder, Martha. Hast du für mich kein Wort? Nichts?

...

-- O ja. Ich danke dir.

Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes zu streicheln und

leidenschaftlich zu küssen:

-- Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen ...

Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und

bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der

Mutter.

Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in

unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und

Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha;

aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er

wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner

Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige

Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen.

Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals

hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten

Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die

unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen

könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine

Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer

für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen --

das war das ganze Unglück.

Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich

zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit

dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller

Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere,

die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig

wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn

sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch

finsterer.

Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem

in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise

war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das

Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich

über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In

kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war,

ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war

ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die

weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn

sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause,

da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.

Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu

gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns

dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern

fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und

mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten

Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen

und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt

hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom

und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche

Nahrungsvorräte und Brennmaterial.

Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des

Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so

weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste

zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt,

wohin wir gelangten, war das _Mare Humboltianum_, eine Ebene, die

ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das _Mare Frigoris_,

manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes,

sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment

des oberen Teiles der silbernen Scheibe.

Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont

emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst

aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen,

seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.

Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns

nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren

Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas

gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien

Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach

diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich,

hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung

für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit

einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden

Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn

auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die

Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte:

schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine

unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich.

Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die

dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar

der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf

diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit

thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin

trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.

Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben

aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte

leuchtende Rund am Himmel.

-- Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Händchen nach

oben deutend.

-- Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, daß ich dich

hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. Übrigens sahst du sie ja

bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht?

-- Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders,

auf der einen Seite zackig und diese ist rund.

-- Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach.

-- Onkel ...

-- Was?

-- Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich

morgens entrollt wie diese großen Blätter.

Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Veränderung der

Erde zu erklären. Er hörte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht,

was ich sagte.

Endlich unterbrach er mich mit der Frage:

-- Onkel, und was ist das, diese Erde?

Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind,

Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und

schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man

Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen

wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond

gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht

mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen

er so gerne spielt.

Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem

Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart

streichelnd:

-- Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach' bitte keinen Spaß,

sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde?

Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten

sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde,

durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine

aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.

Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand

des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen

dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des

140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere

Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge,

die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte

mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies

gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu

war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der

Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der

luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des

Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war

felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts --

nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die

scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten

durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren.

Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir

genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen.

Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht

vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen

wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene

erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die

von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist,

so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes

erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten,

befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um,

als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die

mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren

Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es

war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an

dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann

ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich

habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals.

Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen,

mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen

zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine

Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen

herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan,

sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm

vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe

geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den

Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen

die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen

zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir

unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte,

ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als

ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen,

zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit

war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu

befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft

zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war.

Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des

Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und

frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht

antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die

Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond

gekommen sind ...

Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte

ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte.

Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der

Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne

Abenteuer in froher Stimmung zurück.

Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der

sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und

ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung

der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu

Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags

oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.

Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder

Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre

Gestalt ...

Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder

durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom

Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich

sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen

Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob

sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm

zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die

Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach

und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht

tiefgehenden Schaluppe zu landen.

Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das

den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm

uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie

anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere

Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde

traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits

bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner

anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie

machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall

ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten,

existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen

Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das

Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die

Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht

viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten.

Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und

Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen,

degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten

mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund,

den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die

Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus.

Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich

geben konnten.

Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb

fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel

beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die

Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade

einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:

-- Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke!

Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer

Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und

wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten.

Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen

merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite

stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer

erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn

dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf

dem Monde einst verständige Wesen gelebt.

Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem _Mare

Imbrium_ vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den

entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten

damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher

betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für

die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer

Ankunft zu sprechen schien.

Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen

der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der

Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir,

daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer

zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah

ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen

Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den

Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen

Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer

zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls

sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben

doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.

Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die

vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese

Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück

Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich

auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen

Epoche vorausgingen.

Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher,

um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne

golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der

Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches

Leben.

Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen

der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige

Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge

wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen,

das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der

geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in

Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen

sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.

Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die

Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab,

und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des

Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über

diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und

Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne

unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der

furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und

untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose

Ebene.

Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser

Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor

und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens

verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre

seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.

Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen

eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme.

Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen

Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen,

ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig,

riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten

Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender

Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den

Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund

der Erde.

Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den

Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen

schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den

silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?

Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf

diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls

denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?

Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß

sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte

weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde,

die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch

malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.

Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange

Schweigen machte ihn ungeduldig.

Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen

sehnsüchtig erwartete.

Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zärtlich in ihre

Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Küsse beendet

waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich

stets wiederholende Erzählung von dem jungen, schönen und guten

Engländer, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter

dem Sande der großen, stillen Mondwüste schlummerte. Eigentlich erzählte

sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen

auf das helle Köpfchen des Kindes.

Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause über etwas nach

oder ging nach den Mädchen zu sehen.

Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, um in der

Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen.

Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre

schwanden, mühsam an den Mondtagen gezählt; Tom wurde größer und die

Mädchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat

sich nichts geändert.

Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande umher, verbrachte

lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam,

blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und

auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ...

Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen

und wuchs mit den Jahren, bis sie schließlich eine furchtbare,

unerträgliche, mich zu Boden drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu

schützen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm große

Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der

Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, kehrte sie wieder

-- sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Züge meiner

Kameraden hier und gaukelte mir Träume vor von jenen dort, die ich auf

ewig verlassen hatte ...

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 13 / 26 题