III.

Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres

gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all

dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns

die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten

wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an

unsern teuren Freund »_Otamor_« genannt haben. Ebenso sprudeln die

Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem

einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und

tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient.

Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit

einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder

sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt

gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über

die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet;

die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle

siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu

schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt,

die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten

Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in

unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen

und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen

zurückließ. --

Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen über sie -- lange,

lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem

Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von

einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein

Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist

schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie

einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...

Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich

eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen

Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln

genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann.

Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen

Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und

aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher

Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen

einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die

bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel

und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer

liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von

dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.

Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die

verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse

darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im

Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend

auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort.

Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus

schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige

Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich

gedeihen.

Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber

jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere

haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die

Hunde verachten es nicht.

Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie

zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und

Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt

wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der

Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten.

Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die

Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit

Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit

uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den

Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten

Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.

Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der

Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich

zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch

tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder

solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen

mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die

Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl

nun bis zum Tode bleiben werden.

Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres

Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut.

Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine,

einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben

hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit

nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer

war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren

qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer

bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am

Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum

oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die

Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche

eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie

möglich zu schlafen.

Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da,

erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig

betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen

gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte

leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.

Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche

Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der

Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu

absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß

sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl

verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die

nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist

alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und

wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn

oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich

glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: _ich

werde sterben_, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene

Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben

an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der

Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene

Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß

auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in

seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen

Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm

Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht

erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem

Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und

seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen

selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen

Wandel hervorruft, ist tot.

Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber

ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und

hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht

klar darüber geworden.

Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu

erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine

Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu

beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern

die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig,

wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen

werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber

der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber

das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser

Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein

Ende nehmen ...

Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses

staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der

Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden

der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren

Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an

die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung

des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.

Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit,

hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten

sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu

rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch

damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden

Preis und auf jede Art, nur leben -- das ist alles!

Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn

kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...

Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen,

selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine

Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien,

unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich

glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht

wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken

an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.

Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an

kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten

könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich

erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht

vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die

nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten,

Früchte tragen.

Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich

waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir

unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich

lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, -- meiner

Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn

ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...

Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen

geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich,

das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von

uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben

eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus

genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm

niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier

immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -- zu spät gekommen

ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen,

ein absterbender Globus.

Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der

Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die

großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische

besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind,

kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer

untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu

entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und

diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als

auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie

erkaltet und früher »Welt« geworden ist), hat es nicht vermocht, ein

vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte,

ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor

allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige

Wesen geeignet ist.

Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen

stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte

Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns

Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte

mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem

schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch

zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für

mich, um meiner selbst willen.

Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn

dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide

uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha

war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide

saßen schweigend am Meeresstrande.

Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann

zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.

-- Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.

-- Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch

die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir

in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...

-- Und was weiter? fragte Peter.

Ich zuckte die Achseln.

-- Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert,

und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.

-- Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er

hinzu:

-- Jedenfalls steht es schlecht.

Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:

-- Martha ...

-- Ah, ja, Martha, wiederholte ich.

-- Man muß etwas beschließen!

Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich

mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das _Mare Frigoris_ nach

Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in

die Augen und sagte mit Nachdruck:

-- Man muß.

Er lächelte seltsam und antwortete nichts.

An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die

lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz

wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir

beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß,

ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche,

widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns

aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls

bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut

»etwas beschließen« müsse.

Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu

Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit

endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und

der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.

Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer

sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie,

als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht

täuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns

beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl

treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine

sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich

weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf

und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden

war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich

bemerkte, nur ungern nach und als er endlich »ja« sagte, hatte er ein

eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam

tückisch.

Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch

lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit

Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und

ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte

am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An

diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.

Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit

hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer

unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden

Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon

über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf.

In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer

über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die

Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die

perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die

tägliche Gewitterzeit verkündend.

Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der

Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des

Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom

spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um

diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf

und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha

wandte.

Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende

Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich

noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem

befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen

Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in

ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke.

Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne

jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:

-- Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?

Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu

verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann

Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln.

Peter wiederholte:

-- Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?

Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese

Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem

leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder

das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.

-- Von euch niemanden! rief sie.

Peter trat ihr einen Schritt näher:

-- Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit

Nachdruck.

Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es

schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem

flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein,

das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie

im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:

-- Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch

wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch!

Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren

Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war

unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott,

ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!

Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und

schaute interessiert der ganzen Szene zu.

Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.

-- Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm' ihm nicht zu nah'! Er ist

mein!

Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen,

starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an.

-- Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.

Martha zögerte.

-- Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast

verständnislos.

-- Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...

Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als

wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht

bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie

anscheinend die Kräfte verließen.

-- Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser

Verzweiflung auf das Kind sehend.

Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus

Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren

geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor

allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem

Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf

diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch,

der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft

Unabwendbare denken: den Tod.

Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem

Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die

menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat,

wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste

zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm

schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren

Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein

müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer

ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen;

wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird

an seinem Lager nur das grauenhafte, höhnisch grinsende Gespenst des

Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er,

weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr

fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein

treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund

und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich,

entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen,

angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte,

werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit

bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.

Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem

Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm,

sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die

Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse

...

Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich

anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung,

Resignation.

Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha

saß stumm da.

Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen

von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst

als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als

wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann

dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:

-- Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ...

Ihr habt recht ... Ich werde ... für Tom ... alles tun ... Sie seufzte

krampfartig und verstummte.

-- Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr

neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?

Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück,

als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber

sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es

mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick

eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden

Wildes.

Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch

Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte

sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.

In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen

aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:

-- Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!

Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne.

Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.

-- Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen

wir Lose.

Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar

zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer

flammten blendende Blitze auf.

Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen.

Ich näherte mich ihm behutsam:

-- Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter

berührend.

-- Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...

-- Ziehen wir Lose! drängte Peter.

Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei

Taschentuchenden haltend.

-- Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am

Boden Liegende.

In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine

seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als

wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich

betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand

hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer

Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf

dem _Mare Imbrium_, wo wir ebenso Lose ziehen sollten -- um den Tod ...

wie jetzt um ... die Liebe!

Peter wurde ungeduldig.

-- Zieh! rief er.

Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf

mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe,

werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten

Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und

suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter

das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf

dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein

elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn

empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn.

Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie für mich auch nur

ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los

nicht warten.

Aber so ...

Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr!

Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder

mich vor dem Zufall beugen?

Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da,

auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier,

einige Schritte von ihr entfernt ...

Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte

mich.

Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder

den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich

blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom,

den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.

Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste

sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und --

der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.

-- Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.

-- Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.

-- Wie?

-- Wir werden keine Lose ziehen.

Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche,

und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges.

Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer

blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Händen. Er beugte sich

nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in

seinen Augen flammte das höchste Entsetzen.

Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick

schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte

ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er

blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es

schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den

Kopf.

-- Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los.

Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann

lächelte er gezwungen:

-- Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also

mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du

mir, daß niemals ... niemals ...

Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.

Ich sah ihm in die Augen.

-- Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte

er schnell.

Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte

sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf

sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach

jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung.

-- Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.

-- Ich weiß es.

Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.

-- Martha ...

-- Was?

-- Das Gewitter kommt heran ...

-- Ich sehe es ...

Peter seufzte nervös ...

-- Komm, flüchten wir uns in die Höhle.

In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die

krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen

Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer.

Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte,

gleichgültige Stimme:

-- Gut. Ich komme ...

Peter zögerte noch:

-- Martha, gib mir zuerst das Stilett.

Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und

ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim

Händchen und lief ihr nach.

Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen

Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners

verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und

erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!

Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in

verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ...

Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in

endlosen Regengüssen.

So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 12 / 26 题