Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der
Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen,
dort auf der Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende,
seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter
werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn
sie hoffte, daß es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum
Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer
Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns:
-- Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener
und Sklaven gebe ...
Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine ganz natürliche
Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, aus ihrem Ton noch etwas
Unausgesprochenes herauszuhören ...
Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen
eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen
Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie
getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last
zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.
Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie
verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat
und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es
unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals,
nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte
verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den
Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn
lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein
Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der
Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug
leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und
Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf
den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend,
jedes Wort betonend, durch die Zähne:
-- Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein
Bruder kann stärker sein.
Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis
dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie
scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen
Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz:
-- Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte.
In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe,
ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte
sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz
anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde
entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so
ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine
Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern,
so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf
dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von
keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter
dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel
Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter
konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater,
war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich
es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu
beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters
vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien,
als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen.
Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber
auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte
und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind
fürchtete.
Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen
geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden
Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen
Radschas aus Travancore.
Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte,
der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen
und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen
Schwestern Lilli und Rosa.
Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt,
das wir Ada tauften.
Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes.
-- Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf ihren Wunsch den
Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr
haben, aber du hast dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als
Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ...
Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mädchen, was er mit
der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa
um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie
gewöhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berührte
leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften schreiende Geschöpf
und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend:
-- Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen ...
-- Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des
Kindes unangenehm berührt, du mußt gut zu ihnen sein.
-- Weshalb? fragte er naiv.
-- Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.
-- Sie lieben mich auch so ...
-- Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen fast einstimmig.
-- Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben
dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine könnte dich
vielleicht auch _nicht_ lieben ..
Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut auf das
Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog.
Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre
sein Sklave oder -- sein Feind geworden.
Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des
menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte.
Zu O'Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön
vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas',
die vor dem schlechten Einfluß der irdischen »Zivilisation« bewahrt
blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd
und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf
der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge,
edle O'Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft
des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die
in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der
menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste
Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die
Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten?
Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit
der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden
vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen
...
Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm
zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte
Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und
Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und
Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie
ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um
irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem
Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt
wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.
Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen
Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige,
wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich
den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer
fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben,
vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für
uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir
fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das
Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die
Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas
Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen
wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit
und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder,
die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens
zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast
die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach
Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie
in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier
Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die
Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte
Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet.
Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die
Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch
den Schlaf hervor wie bei uns.
Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte
viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten
ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und
entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im
äußersten Notfalle ins Freie wagen.
Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden
älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend
von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese
Mädchen bilden den ständigen Hof Toms.
Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh
nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in
der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich
überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe --
auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall
gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte
in die Erde ein und schlafen während der Nacht.
Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat,
herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der
verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie
aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon
bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne
dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist.
Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch
den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie
groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute
brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam
gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah,
wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln
gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande
befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht
viel schlechter als wir!
Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau
unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder
Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials.
Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber für
Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was
einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kümmert er sich sehr wenig.
Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der
dortigen Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken
großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, daß
ihn das absolut nicht interessierte, so großes Interesse er auf anderen
Gebieten zeigte. Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich
glaubte, daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn wecken
könne; erst als er mich während einer derartigen Lehrstunde einmal ganz
unvermittelt fragte:
-- Onkel, warum erzählst du mir das alles? -- gab ich die
diesbezüglichen Bemühungen auf.
Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu?
... Und er sagte weiter:
-- Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich auf der Erde
sein, die ich, wie ich mich erinnere, während eines Ausfluges gesehen
habe, wie eine große leuchtende Kugel, und von der du, Onkel,
hierhergekommen sein sollst, nicht wahr?
-- Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der
überhaupt die Menschen stammen.
Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen was er dachte, und
endlich kam es mit etwas schüchterner Miene heraus:
-- Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.
Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem
man Dinge erzählt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm
gesehenen Planeten abspielen, ganz natürlich ist.
-- Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit spreche?
-- Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser
hinzufügte:
-- Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, daß du die Wahrheit
sprichst ...
Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.
-- Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, daß ich oder Peter
oder deine Mutter ein solches Werk herstellen können? Du siehst auch
Bücher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir
gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von
der Erde mitgebracht hätten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen
sind, so müssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht.
Der Knabe dachte nach.
-- Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen?
-- Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.
-- Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bücher und
Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir nicht mehr davon, wie man da
von einem Europa nach Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große
gemacht hat und der andere, Napoleon ...
Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht hatte. Er war doch
niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzählen, was
mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese
Belehrungen sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine
Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der
vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, daß man sie, die
Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen
der toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die wir
mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern märchenhafter
erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus
»Tausendundeiner Nacht«.
Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem
zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert für ihn hat. Dazu
zeigte er auch eine ungewöhnliche Lust.
Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, daß sie ihm von
Nutzen sein könnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die
Astronomie sehr wenig, aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer
mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man
aus der Messung des Höhenstandes der Sterne ziehen kann.
Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht mit hierhergebracht
hätten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale
Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde überlieferten geistigen
Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des
unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom würde sie sicher
nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses künftige
Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht
wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche
Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft und seinen Gott
über den goldenen Sternen sucht! Daß er unaufhaltsam vorwärtsdringt und
in glühendem Begehren nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser
Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn
umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen lernen und aus seiner Kraft
Nutzen ziehen.
Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so
wenig Verständnis dafür hat; ich lechze danach, als wenn ich fürchtete,
daß mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle
sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes
nur mehr er sein und diese alten Bücher, die zugleich mit den Menschen
von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden.
Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles lernen, nicht
nur das, was ihm gefällt, denn er würde in Zukunft der Erzieher des
neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte:
-- Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ...
-- Ich werde dann nicht mehr leben.
-- Wer wird dich töten?
Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. Er sah die
getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er sah noch nie ein
sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu
erklären. Er hörte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich,
indem er rief:
-- Also wird auch Peter sterben?
-- Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schließlich du selbst
...
Tom schüttelte den Kopf:
-- Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon?
Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm
abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen
abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas
anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:
-- Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du,
zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig
unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es
wäre uns allen wohl ...
Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um
so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa
sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:
-- Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir
viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig.
Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und
gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in
letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht
anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem
freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines
gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich
gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.
Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser
Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal
redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage,
wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche
preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich
glaubte, es nicht länger ertragen zu können.
Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das
Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust
zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen,
die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn
nahe brachten.
An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten,
dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger
würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin,
vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete
ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht:
Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich
nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit
ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über
gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.
Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist
beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf
meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem
Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch
durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und
schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit
der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich
bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.
Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole mir brutal, daß
ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde
ist und nicht mir gehört; daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem
Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang
ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum
hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkürlich Martha und
ich fühle, daß ich mich freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich
dadurch ein einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte.
Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem
anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefühl des
Rechts. Ich weiß nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf
einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß es
in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, wo es niemanden
gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen könnte.
Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser
Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurück, was ich
sonst vielleicht getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen
Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, zunichte
zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich
bemerkte sogar, daß meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber
das alles hat sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da es
nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen
ist.
Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang,
saßen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf
das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die,
leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu
phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war
vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die über dem
Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe.
Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verändern, ohne
uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann
sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging,
daß ihre Stimme anfangs zitterte.
-- Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt
meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafür
büßen, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkörperungen ...
Aber ihr wißt, daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in
dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich habe niemals
daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr
hattet, geht mich nichts an; ich wollte, daß Tom Schwestern und einen
Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und
ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... Eine schwere Pflicht,
du weißt es, Peter. Du tust mir leid, denn du täuschtest dich, daß du
mir etwas mehr sein könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber
jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! Ich
frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme
sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ...
Sie seufzte tief auf und verstummte.
Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die
Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine Weile schweigend dasaßen,
ohne eine Antwort finden zu können. Was sollte man ihr auch erwidern?
Sie wartete ja nicht einmal darauf ... »Ich nehme mir die Freiheit ...
Ich bin nicht mehr dein Weib« ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese
Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie
die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich
nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr
schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser
eine Satz all das Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und
vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; das
Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen.
Ich blickte auf Martha.
Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein
unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen
wollte.
»Ich nehme mir die Freiheit« ... so hatten diese Lippen vor kurzem
gesprochen.
Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, daß sie diese
Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind,
sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese
Freiheit für sie keine Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr
eine Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht.
In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese Tränen starrte sie
unaufhörlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer.
Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich
begriff endlich, daß man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber
daß es unmöglich ist, sie auszulöschen.
Peter indessen sagte trocken:
-- Mir ist alles einerlei.
Und nach einer Weile fügte er hinzu:
-- Was beabsichtigst du jetzt zu tun?
Martha zuckte zusammen:
-- Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, für die Kinder. Und dann
...
-- Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.
Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, lachend,
strahlend, die Schürzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und
Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen
baute.
Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.
-- Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und stützte den Kopf
auf die Hände.
Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berührte
schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu
färben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der
Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande
zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der
Kinder.
Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.
-- Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn
schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, vergib, ich war vielleicht
... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann
nicht ... Es tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben
hattest ...
Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre
ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach plötzlich in
ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.
-- Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel
Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine
neue Wahl? Ha! ha! ha! »Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.«
Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche Worte hervor.
Dann brach er plötzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause.
Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens
und der Demütigung in den Zügen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam
verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach -- zum erstenmal seit
damals, als sie Peters Weib wurde.
Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als gewöhnlich.
Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu
sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten
gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die üblichen
Tagesbeschäftigungen, sprachen sogar zusammen wie früher, die
»Scheidung« nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich
vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha
waren derart, daß wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden.
Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Veränderung in Marthas
Stimmung. Ich will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck,
der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach
freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die
herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies.
Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel
bleiben.
Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und das widerwärtige
Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeiführte, war die
einzige Äußerung seiner verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid,
wie viel Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen
Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche Kraft des Willens
gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen und in sich zu verschließen!
Denn er liebte sie trotz alledem -- und liebt sie bis zu diesem
Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.
Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich
gerade von einem Ausflug auf das Meer zurückkehrte und das Boot an einem
Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als
wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte
nicht. Dann, als wenn er plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte, packte
er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend:
-- Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich
Martha nahm, gegeben hast ...
Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo er hinauswollte.
-- Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals darum bemühen
willst, Martha für dich zu gewinnen -- niemals! Erinnerst du dich?
Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
Peter lächelte bitter.
-- Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst
... knalle mich nieder.
Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft,
daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen,
aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.
Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen.
Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es
ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein
Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der
Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um
ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war,
daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre.
Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten
mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte,
und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen
quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende
Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich
wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich
sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander
glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist
mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals
zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten
getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie
ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur
jenem geweiht hat, der unter dem Sande des _Mare Frigoris_ schläft, für
mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ...
Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...
Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters
Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man
sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus
durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder
mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf
eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am
Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns
der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es
möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick
zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen
Gegend bieten mußte.
Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in
die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der
erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen
Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde
ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der
Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem
war es keine geringe Mühe.
Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der
Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als
vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die
heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen
Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser
gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke,
auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der
Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir
uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend
anzusehen.
Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen
Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose
Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die
kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder
buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten
sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe
kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches
glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine
weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in
Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie
Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von
grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.
Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns
ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich
über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem
mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns
herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da
anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht
mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in
jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete,
zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die
Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis
dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.
Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick
erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel
über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen
Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von
Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns
den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den
schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten
uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde
gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten.
Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die
wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge
annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und
den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und --
wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer.
Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der
Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten
auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt,
verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha
zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft
und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner
Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der
Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst
überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war
gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.
Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom
Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden
Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte
auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr
aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem
beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu
sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden
Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender
Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß
Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich
ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn
vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm
geschehen war.
Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide
Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse
ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in
die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der
Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr
abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen
ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und
davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln
davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im
ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck
ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell
wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den
Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.
Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die
Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen
Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den
Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing
ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im
höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn
jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.
Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen
Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen
betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf
die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann
ich heute nicht mehr sagen.
Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die
Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein
mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr
sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf,
der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.
Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die
Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr
drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei
und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der
Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie
damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte:
-- Mein Freund, mein lieber Freund ...
In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Süßes, das meinen
Körper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf
zusammenschnürte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht
verrieten.
-- Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem
wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flüsterte sie und preßte meinen
Kopf an ihre Brust.
Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter
dem Halse aufgerissen. Nun berührte ich mit der Stirn diese entblößte
Brust, und gleichzeitig fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen.
Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch
so schön und so über alle Maßen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte
nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu
bedecken, in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor
den Augen, in den Ohren dröhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich
fühlte die Wärme und Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich
und machte mich wahnsinnig ...
Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem
Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen
...
Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an,
wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zärtlichkeit, ein unermeßliches
Glücksgefühl überströmte mein ganzes Wesen.
Nein!
Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. Peter liegt
vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb
tot und wartet auf Rettung, während ich ...
Martha schaute mich an und -- verstand.
-- Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich
kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter.
Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand.
Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn
hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos an einen spitzen Felsen gelehnt,
der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir
trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen gelang es, ihm die
Gesundheit wiederzugeben.
Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den
Augenblick der Schwäche denkend, bemühe mich um so eifriger, mit meinem
Willen stets über diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die
menschliche Seele ausmacht.
Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der
Schwelle des Hauses und vielleicht, ich weiß es nicht, vielleicht tut es
ihm leid, daß er auf den Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht
lassen durfte.
Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder
meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir ein Grab errichten -- auf der
Friedhofinsel.