II.

Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt

angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten,

war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.

Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben

wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns

geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis

gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den

brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten

von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf

der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns

aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an

Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer

Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die

Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß

vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande

sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil

wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir

die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser

Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren

wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen,

in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns,

wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber

das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker.

Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch

etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen

Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu

können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der

halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande

beschlossen.

In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die

Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich

sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine

Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne

waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte

uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum

einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten

Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger

Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und

spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter,

aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der

Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung

gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir

erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde

die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken

und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.

Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der

erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann

wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn

unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck

erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich

schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große,

längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach

vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden,

ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite

sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie

lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere

Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese

zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung;

scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen

Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte

fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die

Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher

unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen

Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.

Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht,

welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung

fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies

auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu

erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der

Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand.

Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den

Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel

festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt,

erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich

unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die

Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die

Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns

daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir

uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden

Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer

kleinen Biegung nach Westen.

Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine

kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde

passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich

direkt nach Süden erstreckte.

Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in

ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose

Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee

bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch

noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht

hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden

Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen

schnell dahinfloß.

Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem

wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so

früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen

würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des

Tages und der Nacht immer intensiver wird.

Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil

ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im

Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die

wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen

sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in

verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre

Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich,

die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit

allerhand Farben betupft -- unter denen Rot und Dunkelblau am meisten

hervortraten -- erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch

solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und

mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt,

einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem

goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte,

-- mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und

alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.

Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht,

langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit

Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo

das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich

zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden,

das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten

Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.

Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem

Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht

krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen

Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten

neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des

Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es.

Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir

konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper

bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das

Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus

beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der

Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn

lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße

hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer

sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.

Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige

Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das

überaus typisch für die hiesige Fauna ist.

Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum,

voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen

schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise

verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe

dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom

angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite,

kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete

mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In

den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der

Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken

Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle

Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen

des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur

wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem

Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.

Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden

Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen

Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal

wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin

stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut,

besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil

wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die

Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung

fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die

Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige

Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem

Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar

ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit

umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war

nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie

auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter

sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf,

der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit

hinter uns gelassen.

Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich

entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht

zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht,

das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit

Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber

Peter redete entschieden dagegen.

-- Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem

Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren

noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird;

aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes

aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht

laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten.

-- Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich,

denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer

nicht überstehen würden ...

-- Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ...

-- Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.

-- Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster

Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens

haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten

Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir

dem Suchen widmen.

Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren

infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators.

Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es

fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er

die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß

herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein

seltsames Brausen vernahmen.

Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen

Flusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser

Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal,

nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht

übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein

über alle Beschreibung prachtvoller Anblick.

Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten

Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an

die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden

Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener

Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem

gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher

Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur

in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute

Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene

Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der

ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen

aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch

aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere

Flüsse.

Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse

stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!

Endlich sagte Martha:

-- Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...

In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten

uns unwillkürlich diese Frage, während wir uns zum Hinabfahren über die

steilen Terrassenabhänge vorbereiteten.

Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer

des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach

Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge

nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder

irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu

versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles

vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen,

als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben.

Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das

Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns

bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht

viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die

ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich,

daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal

für einen kleinen transportablen Ofen genügte.

-- Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte

Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.

Peter zuckte die Achseln:

-- Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir

keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken.

-- Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird

die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart.

-- Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.

Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn

erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst

das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen.

Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie

sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst

vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter

allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt

war.

-- Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn

er auch erfrieren sollte ...

Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute

sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu.

-- Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom _ist_ die wichtigste Person

und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen

Knochen diesen Ofen heizen!

Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen

Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis

zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich

führte.

Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in

der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche

Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu

verbergen ...

Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung

abzuschwächen.

-- Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter,

wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in

Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!

Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein

tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn

dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und

abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der

Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend

leichter erwärmen ließe.

Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten.

Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die

Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die

sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen

Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn

man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...

Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte

nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken

Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald

nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit

zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte

indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf

die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich

plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich

sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der

Ebene aus:

-- Sieh, sieh!

Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich

verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine

Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses

ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten

rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte

die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten

Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke

aus.

Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses

bezaubernde Bild.

Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt

hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener

seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die

innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht

unserer Wälder.

Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir

keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins

nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem

Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.

Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den

schützenden Wagen zu flüchten.

Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank

unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen

verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was

draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte,

ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen

waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als

unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich,

hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den

Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen

vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich,

daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war.

Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne

zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die

vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter

dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es

schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen

wäre.

Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch

nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige

Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die

ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei

Tagesanfang, ehe es »Frühling« wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf

ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach

siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der

Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche

schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten

sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden

geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge

bedeckte noch ein weißer Schleier.

Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, mußten wir noch

verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten

wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der

vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin

unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am

vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort

anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit

Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter,

scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen

und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück

Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte:

-- Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh!

Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand

des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über

die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung.

-- Was ist geschehen?

Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von

sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.

-- Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.

Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir

uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und

steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die

wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben

verkündete.

Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.

Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure

Bedeutung.

Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die

kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige

zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser

gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe

Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur

irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt.

Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am

vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der

Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns

weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit

entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der

Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein

bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir

uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden

Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur

versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger

Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns

hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden.

Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben

Stelle der _See-Ebene_, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der

Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da

es bedeutend angenehmer wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns

zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte

nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh,

sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal

den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar

machte.

Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte:

Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von

der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs

Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des

Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu

unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der

Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von

Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln

ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten;

im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den

Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus

glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war,

der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine

Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell

davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar

nicht benötigten.

Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten

ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend

näher zu besichtigen.

Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwärtsbewegt,

daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief

genug für unser kleines Fahrzeug war.

Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine

Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene

Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich

verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen.

Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.

Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen

mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen

aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt

erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene,

von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen

oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen

anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir

den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller

vorwärts zu kommen.

Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge

näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf

einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß

die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick

fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des

Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu

verdanken, daß wir so davongekommen sind.

Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine

Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer unerhört üppigen Flora bedeckt und

von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir

bis jetzt auf dem Monde antrafen.

Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt

fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im

ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns

schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen,

das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das

dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in

blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts

abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in

Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.

Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber

so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende

Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen

standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht

nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ...

Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken

herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen

hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die

Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war

so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, -- ein

seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten

Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen

angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.

Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie

ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf

den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit,

aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum

begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden

daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser

herabzustürzen.

Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden.

Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure

Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit

Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten,

fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der

Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern

könnte, den Winden und Wellen zum Fraß.

Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die

hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die

stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm

zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie

wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen

konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des

hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen

wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche

waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte

Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger

Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder

Spalte schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache

Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten

ansammelte, die den Insekten ähnlich waren.

Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir,

daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des

Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze

in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens,

eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden

austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit.

Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne

besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit

ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem

Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist

als auf der Erde.

Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der

der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann,

die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten

der nahen Mündung sein müßten.

-- Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne

zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch

ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.

Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf

seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff

wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.

Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras

bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten

sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen

Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der

Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt

nicht.

Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener

Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu

sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte

nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte

Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines

flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken

vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im

Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der

Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind

erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der

zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins

floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir

nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs

neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren

drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in

Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald

befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens

dröhnten auf steinigem Boden.

Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir

uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme

Luft entgegenwehte.

-- Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.

In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das

Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete,

zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der

Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem

glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu

verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht

war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter

Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte

zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen

mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind

für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel

auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann

zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich

längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über

diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die

phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses

Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns

unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern

von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte.

Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen

Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der

sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig

bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich

säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen,

aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen

vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist,

der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt,

vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die

fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch

erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden

hatten.

Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns

anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein

Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach

dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in

vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere

Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da

die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach

Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag

an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im

dichten Nebel, -- da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben

hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie

erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude.

Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern

von der Stelle, wo wir standen, lag -- das Meer. Es waren seine von

kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen

Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.

Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, an den Ufern

durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und

bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von

unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes.

Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so

begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach

geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht

bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend

näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die

breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes,

auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage

zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und

mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte

Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn

Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere

Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere

neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam

ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem

nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor

uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und

kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke

gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen,

wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer

murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora

verschwand, zum Meere eilend.

So sollte unsere Odyssee enden ...

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 11 / 26 题