Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen
Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener
entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen
wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf
diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so
lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem
verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich,
daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die
Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit
wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen
waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem
Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres,
und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd
erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind.
Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an
die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu
ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht
von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der
Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer
mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird,
wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine
Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten
gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es
die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den
einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten
wir nicht zerreißen -- die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende
Sehnsucht.
Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir
werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue
Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit
hindurch für ein heiliges Buch halten, _Exodus_, bis hier ein »Kritiker«
erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der
Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.
Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch
schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein
phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen
ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben
eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer
wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah
und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den
Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war
überaus seltsam.
Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich
befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von
Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles
von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der
Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen
Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte
sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen.
Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da
erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich
jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie
herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.
Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten
Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich
plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem
geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings
umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer
war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo
sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen
habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber
plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut
hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese
unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition
auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen,
wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur,
daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren
Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ...
Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.
Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte
in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in
Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese
Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei
dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde
befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam
mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich,
daß ich abermals zu träumen beginne.
Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager
gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und
halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören:
er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das
wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich
wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb
geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir
schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend
nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die
über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine
Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese
Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen
besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die
an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer
gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von
einer anderen Seite auf sie fiel.
In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen,
stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont
geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die
Erde -- dort, am Himmel leuchtend!
Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in
seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger
Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und
Martha -- sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt
gesehen hatte -- kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur
einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.
Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich
begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden
verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder
gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender
Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte
nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen
hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte
Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz
natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch
nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich
einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen
immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige
hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager
geworfen hatte.
Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land!
Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine
Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht
Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die
Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel,
sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen.
Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint
diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am
Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte,
das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt
besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die
grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im
Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches
dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten
Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur
selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der
Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem
tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so
einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter
Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm,
fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese
einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die
Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein
sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von
der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames,
schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten
unterbrochen -- das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich
zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein
Traum, der schön und rein und traurig ist.
Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer
des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung
hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde
befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde;
kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender,
herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir
schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der
blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals
und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche.
Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit
für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser,
Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese
Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte
Flora ...
Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf
der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die
Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen
so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die
zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk
gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon
schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür
verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen,
die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns
eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat
an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend
nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die
dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt,
daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr
Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der
Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser,
wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.
Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt
verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen
vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen
diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche
Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die
stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge
tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen
würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den
Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm
der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel
Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.
Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen
irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an,
um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns
das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit
neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde.
Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem
wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und
Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von
Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser »ewiges Feuer«
erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß
wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens
lud.
So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf
durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs
glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts
anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu
gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung
entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den
Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine
Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht
niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten
Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von
der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der
überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise
ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes
entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte
sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den
langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald
wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes,
entfernten.
Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol
verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf
dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau
am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der
Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern,
der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der
Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten.
Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind,
zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der
Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze
Nacht versinken.
Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit
verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der
Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren
eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so
seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und
rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem
balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog
ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm
kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und
Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die
wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern
erfüllten.
Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von
der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des
Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte;
dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten
schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer
wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von
Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen
Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in
Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube
wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens
dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen
... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute
auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...
Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das
immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die
stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener
Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine
ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und
bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar
berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu
opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig
glücklich wäre -- aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.
Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute
daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich
nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht
habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.
Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als
mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit
wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie
aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte
ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit
Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war.
Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über
mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal
und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit
denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.
Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die
Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde
am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle
Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu
denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie
durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.
Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf
dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den
Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte,
in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken,
und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten
halb von Sinnen war.
-- Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich
die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen
oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten
war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen
Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob,
mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum,
nachdem wir die Ebene hinter dem _Gioja_ erreicht hatten. Die Astronomen
der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß
nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach
den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die _Freude_
lächeln sollte ...
Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß
das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die
nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung
hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort
wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu
verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die
Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten,
um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich
zum ersten Male Mondluft schöpfte.
Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim
Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene
unter dem _Gioja_ vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte
er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend,
unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen
Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit
verwitterten Steinen übersät war.
Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung
angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.
-- Es schien mir, sagte er, daß ich die »versprochene Erde« sehe; vor
meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren,
breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir
fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den
Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf
die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl
noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen
mußte.
Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand
am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und
von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel
des Mondes war es Tag.
Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese
geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu
lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran
und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt
zurechtzulegen.
Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der
unbekannten Halbkugel vordringen müsse.
-- Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das
ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der
Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu
erforschen!
So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick
hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt
wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir
unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.
Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen
vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit
uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch
er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der
Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns
der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde,
hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen
hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine
enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine
Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her
bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung
der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen
Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging,
ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt
werden sollte.
Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und
Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen
mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise
bereit.
Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der
Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug
zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist
mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen!
Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu
vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es
hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in
das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend.
Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze
Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt
war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft
an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner,
lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr
am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen
Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu
beschnuppern.
Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene.
Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf
Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber
nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind
freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte
kein Wort hervorbringen.
Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas
Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst
bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte
mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein
kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies
scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich
zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind
zeigend:
-- Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...
Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser
Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in
dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des
Verstorbenen liebt.
Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha.
Peter ging mit mir aus dem Zelte.
-- Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.
Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.
-- Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach
einer Weile.
-- Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.
Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus
Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen
wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise.
Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte
keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten
Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf
dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem
entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten
Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch
Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen
vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.
Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem
hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen
sollten.
Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns
drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine
Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser
wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen
kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der
dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen
konnte.
Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben
resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer
mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu
und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach
Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente
hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu
bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der
Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem
dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick,
als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder
jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole
glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken
ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.
Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es
schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im
Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes.
Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser
entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und
dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als
eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.
Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen
Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die
ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über
mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren
Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute
alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte
Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem
heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden
Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.
Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die
Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte,
verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die
Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und
wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung
fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde
in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer
undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine
sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter
roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen
starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor
Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.
Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel
hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf,
denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend
erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...
Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder
Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt
ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.
Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel
während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind
erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.
Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns
zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche
Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg
ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an
Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres
Licht abwarten ....
Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer
halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel
höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter
wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in
größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur
Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast
gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre
Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig
durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut
nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.
So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns,
durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines
Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte,
flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg
antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als
sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen
ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.
Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die
Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See,
ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das
Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es
nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick
zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter
hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang
mich, an das Ufer zurückzukehren.
Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb
mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben,
daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.
-- Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und
sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe
augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das
Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen
können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle
zu spät.
Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich
schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den
furchtbaren Gedanken darin zu lesen: »Lieber soll sie zugrunde gehen,
als jemals dein sein!« ...
-- Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.
-- Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.
Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und
übrigens -- wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter
dem Wasser suchen?
Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos
ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene
Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß
getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so
unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie
lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die
Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr
daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die
Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also
anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser
irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung
beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das
Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von
der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang,
den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.
Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den
ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter
diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah,
die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.
Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem,
daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln,
die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne
rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten
auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte:
Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir
diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich
konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung
hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im
tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben
müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon
abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte.
Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte
ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses
Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir
lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen,
wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht
manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...
Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als
mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite
Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen
die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese
Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte
nicht, was ich nun beginnen sollte.
Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar.
Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose
aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den
Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener
verhängnisvollen Sonnenfinsternis.
Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf
und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals,
doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen
Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne
Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte
mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand
bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich
konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark
erschüttert, nicht wehrte.
-- Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit
blassen, aber lächelnden Lippen.
Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie
während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es
ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem
Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu
flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach
Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um
sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen
Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche
immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher
Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah,
ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem
Globus vor dem Untergang bewahrte.
Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte,
ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale
hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die
Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ
und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in
einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom
eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der
Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine
entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich
gewesen wäre, ihn wieder zu finden.
Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus
dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen
jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren
vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese
Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste
vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von
einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit
Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster
auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise
in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser
so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden
hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die
wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.
Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn
die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem
mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an
die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein
merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen
und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über
seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit,
Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von
Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er
ist gänzlich unberechenbar.
Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der
Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir
mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt
konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in
Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise
der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon
im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren
Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg
zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.
Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so
schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen
führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere
Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und
infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die
nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin
der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem
versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt
geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der
Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung
besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im
voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot
durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen
den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man
hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir
warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die
nach Süden wiesen, zu folgen -- in ein unbekanntes Land der Wunder,
dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten
leuchtet, niemals erhellt.