Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der

Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem

inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den

finsteren Gipfeln der Tatra -- und alles war von einer unabsehbaren

Menge teurer -- für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ...

Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine

feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich

verschwanden auch sie -- und in der über die Wüste hereinbrechenden

Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich

aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das

sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich,

als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte

Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen

Fontäne schillernden Staubes ähnelte.

Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der

Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese

glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen

Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten,

umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht

zurück.

Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne,

-- die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel -- nicht

flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der

Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so

staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch

während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.

Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne

Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger

Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht

so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten

Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur

der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt,

erfaßt uns mit Grauen.

Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und

Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir

eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten

wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der

Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen,

da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser

seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der

Nadel.

Auf Mare Imbrium, 7° 45' westlicher Länge 24° 1'

nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten

Mondtages.

Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die

Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut

beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang

verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das

Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen

arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern

vor Kälte.

Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken

und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und

erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns

aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem

merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die

Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht

leuchtet und wärmt ...

Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach

Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin

auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist

eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend

durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden.

Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich

sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen -- und ich weiß nicht,

was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme,

weshalb ...

Ja -- weshalb ...

Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht.

Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde

verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht -- das Denken erschöpft mich.

Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht,

ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß

weder ich noch sie -- daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen

entfernen. Eine wahnsinnige Kälte!

Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet

sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten

...

Das ist alles seltsam und gleichgültig ...

Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr

müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde,

wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein

kommen ...

Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf dem _Sinus

Aestuum_ nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener

Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen.

Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben

...

Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -- in stets

stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte.

Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite

durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg

versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten

wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring

des _Archimedes_ ausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen

tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze

dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren

in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich

erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen,

um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor,

daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem

Buchstaben ^E^ bezeichnet wird und unter dem 7.° 45' westlicher Länge,

24.° 1' nördlicher Mondbreite liegt.

Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen.

Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in

der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend

malen, denn das ist sein Königreich ...

Weshalb stehen wir? Ach -- richtig! Es ist alles einerlei!

Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das

seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet.

Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden,

direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das

alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer --

für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich

diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten

anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze

der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschädel derjenigen, die am höchsten

Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen,

sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles

sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander:

»Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere

große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel -- es ist Zeit, zu

beginnen.« Und dann zu uns: »Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir

sehen zu« ...

Schauer schütteln mich ...

Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte

delta, 7° 36' westlicher

Länge, 26° nördlicher Mondbreite.

Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.

Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche

Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug,

sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch -- dieser Tod ...

Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen,

was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes.

Als wir diese Reise antraten -- noch dort auf der Erde -- wußten wir,

daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht

plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns

gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte

berechnen kann, -- daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand

an der Gurgel packen und würgen wird ...

Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft

wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden

ausreichen. Und dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf

vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich

der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der

uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der

Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell

und warm sein -- sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch --

mehrere Stunden -- wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir

langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des

Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns

schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns

ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie

künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen

Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann

beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, --

eine Schwere, -- dumpfe Luft -- Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht,

unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod

erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich

herausbeugen und ihren Kopf an Tomas' Brust lehnen, wie gewöhnlich ...

Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft

-- oh! Luft -- viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer!

Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es

scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an

der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns.

Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die

Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche _Mare Imbrium_,

werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.

Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr

haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens -- sperrangelweit. Eine

Sekunde -- und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus

dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige,

verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und --

Schluß.

Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat

doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.

Eine Stunde später.

Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen,

denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im

Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz

gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal

eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet.

Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in

zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.

Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar -- warum fürchten wir ihn so

sehr? Er ist doch ...

Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod!

Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen,

spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine

Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes

sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen

Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ...

Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor

Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des

Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß.

Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung

blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder

Hand deutete.

Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck

an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand

angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete

den Hahn -- der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und

fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.

Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns

rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was

wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle

auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf

mehr -- nichts, nichts -- nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen,

fliehen, fliehen -- als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.

In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen

Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der

ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des

_Archimedes_ erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an

das Regenmeer grenzenden _Palus Putredinis_ ausbreiten. Das Terrain war

außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte,

hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir

achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und

waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte,

auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat

an Luft zu Ende geht!

Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert

Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader

Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges

und undurchdringliches Land fällt!

Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den

Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten

unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten,

durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen -- nur weiter, weiter,

weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte,

dachte niemand mehr.

In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt

uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen

wir auf eine Spalte, die der »_Spalte der Erlösung_« unter dem

_Eratosthenes_ ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir

bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe

hinabgesaust wären.

Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die

Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos

dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer

unaussprechlichen, ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf

einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es

doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.

Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen

versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten

uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder

durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos

erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen

hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken.

-- Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn

wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das

uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet,

der wie ein Alp auf uns lastet.

Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn

ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen

Tomas' antworteten.

Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen

bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige,

was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach

dem Tode aussehen?

Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß

in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso

seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen -- und auf einen lebenden

Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit

einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen --

in kurzer Zeit!

Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen

war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser

Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde

erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der

Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig:

-- Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum

Pol, dort, wo es Luft gibt!

Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das

Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber

entschieden:

-- Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.

Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an -- dann stürzte er sich

plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und

packte ihn bei der Gurgel.

-- Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben,

leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!

Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe

wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang

mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine

Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir

packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und

unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft

und blaß.

Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und

verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf meiner Matte lag;

Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein.

Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir.

Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr

der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen

Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit

dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.

Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso

Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall

erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und

lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem

Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann

er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte

sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte.

Endlich kam auch ich wieder zu mir.

Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in

dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das

Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die

eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die

Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.

Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu

ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei,

nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.

Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen

wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphäre so weit

zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser

Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch

sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und

angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht

verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich

nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so

weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und

die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in

einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest

verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das

erwies sich als unmöglich.

Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren,

ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch

uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden

dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen

ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen

mächtigen Strecke des _Mare Imbrium_ wird sie gleich dünn sein und ehe

wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was

unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben.

Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser

Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu

nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ...

vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre

finden ...

An derselben Stelle, siebzig Stunden nach

Mitternacht.

Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte

verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens

von den Abhängen des _Eratosthenes_ beschädigt. Ein scharfer Stein, der

auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief

eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse

sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens,

daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz

nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher

bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn

ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte.

Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses

Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die

Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund

fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns

kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe,

besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich

daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über

ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung

bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und

den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, -- alles ist gut, wir

werden ja zusammen sterben ...

Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für

mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals

in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos

gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind.

Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, -- ich versuche mir über

alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich

zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines

übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen

und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam

ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß.

Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst,

grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah -- es ist so grauenhaft,

unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...

Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem

fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer

Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine

lächerliche Parodie des Lebens ist! ...

Eine Stunde später.

Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich

kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne,

dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht

ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch

einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen,

gänzlich haltlosen Hoffnung ...

Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig

danach, zu leben -- und so sehr ... ängstige ich mich ...

Meinetwegen! -- Mag geschehen was will.

Ich bin entsetzlich müde, -- möchte es doch endlich kommen, dieses

Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ...

Bei Sonnenaufgang.

In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt

schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste

hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die

Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht

...

Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand

von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird

langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler,

und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem

Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen.

Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder

von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen,

vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen

Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der

weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?

Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!

Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag.

Auf Mare Imbrium, 8° 54' westlicher Länge, 32°

16' nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern

^c--d^.

Wir sind gerettet! -- Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet

und auf so seltsame und -- schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt

nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit

der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns

abgewandt und entfernt hat.

Er hat sich entfernt, -- aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich

niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu

leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein

Pfand für sie ... wo er es eben findet -- ohne Wahl ...

Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus

irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend

dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit

diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den

Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen

sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und

sichtbares Wesen wäre -- und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht

tatsächlich bemerkten.

In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war

es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es

nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert

Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in

jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben

müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.

Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich

muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es

Wirklichkeit war.

Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt

haben.

Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer

gleichmäßig schnell nach Norden -- und wir sahen wie im Traume auf die

vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke

in mir in einen zusammengeflossen sind, -- in diesen Eindruck des

unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden.

Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns

auf der Grenze zwischen _Palus Putredinis_ und _Mare Imbrium_, zu

unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen

Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe,

wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt

erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des _Timocharis_,

die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet

waren.

Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit

verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten

Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach

unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich

weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der _Timocharis_, ein

Ringberg von der Höhe des _Eratosthenes_, einstmals ein tätiger Krater

gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern

ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren?

Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber

nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem -- von

Märchen und Zauberländern -- von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und

starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten

besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich

ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und

Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins,

in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...

Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des _Timocharis_ vor

uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters _Beer_; nachdem wir ihn

passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden

Kraters _Feuillée_ und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich

sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des

_Mare Imbrium_. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des

_Timocharis_ fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an

der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des

Ringes des _Archimedes_.

Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen,

das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich

eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn

zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken -- nur nicht in

diese weite Ebene hineinfahren, die wir -- ich wußte es -- nicht

lebendig verlassen würden.

Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern

sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende

Steinwüste.

Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen,

lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht

zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des

Manometers gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft

befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber

unaufhörlich ...

Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt

nicht für _vier_, aber sie wird für _einen_ ausreichen. Einer würde mit

diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des

Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu

können.

Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und

kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein

Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des

Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und

fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ...

Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden -- heimlich wie ein Dieb

und -- Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich

denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein

dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und

sagte ruhig:

-- Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich

noch verringert ...

Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich

fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht.

-- Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu

dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber -- hier stockte seine

Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ...

ich wollte ... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch

...

Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:

-- Für zwei wird es nicht genügen ...

Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück:

-- Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.

Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab,

versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und

hielt sie uns entgegen.

Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein

Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen

wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger

Stimme:

-- Was tut ihr?

Und dann zu Tomas:

-- Zeige, was du in der Hand hast ...

Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns

sein sollten, damit der vierte leben konnte.

Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten,

sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir

fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des

Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns

plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen

ausbrechend.

Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein

prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der

gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes

hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit

verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir

setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen,

schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit

leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der

Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine

große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des

Lebens sei.

Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche,

todbringende Ebene.

Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel

stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir

sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich

fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der

Gurgel -- wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich

vergebens ihn zu vergessen bemüht ...

Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis.

Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am

vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60°

über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen

Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe,

den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu

versinken begann.

Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und

sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.

Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die

Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen

Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, -- die einzige Stelle am

Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die

Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden

Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer

intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war

das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen

konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der

schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines

seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von

einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging

stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich

schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten

zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten

zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war

das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich

wie nach dem Untergang der Sonne.

Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn

Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen

würden.

Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen

Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach

Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns

eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich

die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der

leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die

Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und

verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir

erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O'Tamors, als Selena ebenso

bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle

empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze,

grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß

diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden

flammten ...

In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.

Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der

westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende

Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick

der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte

mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir

als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während

der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für

mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich -- ich weiß nicht

woher -- stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem

Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.

-- Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen

Überzeugung, daß aller Augen fragend -- wie gebannt -- an meinem Munde

hingen.

Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt

unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir

ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das

Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem

wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte,

als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir

uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder

hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen:

Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem

Winkel ... möge ... _Frankreich_ ... die andern ... und wenn ... der Tod

...

Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und

telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?

Wir warteten einen Augenblick -- keine Antwort. Peter wiederholte die

Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.

Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.

Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen

schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung

beruhte.

Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am

Himmel. Die Glut wurde wieder größer.

Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und

gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer

Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und

Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von

metallischem Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor

unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum

aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in

ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend.

Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis

Peter plötzlich aufschrie:

-- Die Brüder Remogner kommen!

Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen,

seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also

gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat

klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der

Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon

früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der

Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner

anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der

Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren.

Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in

fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen

Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in

der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und

dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner

führen Luft mit sich!

In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das

Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher

Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des

zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.

Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir

sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem

Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde -- wozu es verheimlichen!

-- weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die

Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe

beschädigt worden sein könnten.

Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der

zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.

Wir waren gerettet!

Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem

Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -- wir waren dreihundertfünfzig

endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß

wir leben werden!

Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten

wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen,

nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner

Zufall -- eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns

niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem

Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall,

der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in

dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche,

sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den

Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male

abprallend, mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem

Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...

Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten,

machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern

hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die

kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen

hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige

weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach

ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark

genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen.

Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei

der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der

astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir

mit, obwohl er stark gelitten hat.

Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen

Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.

Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns

genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an,

da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis

unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung

finden mußten, die uns Schatten gewährte.

Hier erst, zwischen den Kratern ^c--d^, blieben wir stehen.

Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos

vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich

gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die

Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen

vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.

Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit

keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten

Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an

ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch

ihn gerettet wurden ...

Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von

dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor

der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind

wohl noch lange nicht für uns vorbei.

In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren

Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ...

Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine

Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu

opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch

ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu

verlängern, die uns -- wie wir glaubten -- zum Leben übrig blieb! Wie

entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei

die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!

Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben.

Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns

gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf

diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde

losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur

noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder

Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der

Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet

-- aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.

Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37°

nördlicher Mondbreite.

Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig

Stunden nach Mittag.

Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen

wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge

reicht -- nichts -- keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung,

auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der

Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde

eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein

buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier

umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen

Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen,

die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer

Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz

leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem

sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und

dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben;

hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden,

auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe

grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit

über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr --

Wind -- Wasser -- Leben -- Himmelsblau und grüne Triften? ...

Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst

gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit -- lang, lang ist's her --

ach, sehr lange ...

Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf

dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen

ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an

die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was

uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns

sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am

schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern

über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen

sind, das so verschieden ist von diesem -- und so schön -- so zauberhaft

schön! ...

Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie

hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie,

die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen -- so wie wir -- in

Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen,

voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich

wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht,

fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war,

daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf

derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und

beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum,

sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!

Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden,

erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen

die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige

naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der

Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen

wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender,

deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...

Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit

er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht

habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem

blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir

hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das

Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die

wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und

starb; wir hören all dem zu -- auf die Erde blickend, die einer

silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch

die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich

träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.

Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn

Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame

Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem

sagte sie zu Tomas: »Wir sind beide hier wie Adam und Eva.« In der Tat,

sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste

hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen.

Aber ich und Peter -- was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in

unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die

Berechtigung ihres Seins, aber wir -- wozu leben wir?

Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu

dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der _Erkenntnis_ wegen!

Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt,

wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen

Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat

und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist -- eben

weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch

-- unwillkürlich -- untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir

untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur

Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos.

Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den

anderen lebt!

Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke.

Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den --

Wahnsinnigen, -- heute kann ich es nicht anders bezeichnen, -- für die

nur eine Liebe existiert: das Wissen -- und nur ein Trachten: nach

Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis

des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen

Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart -- nach der Liebe ...

Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz -- hier niedergeschrieben --

aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich

überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben

zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das

wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...

Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe.

Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese

Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die

erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste

Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale,

alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und

dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir

sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den

Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige,

schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie

ausgewählt hat ...

Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit

unserm Gehirn -- wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.

Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er?

...

Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu

nehmen: »Ich werde eure Sklavin sein.« Und in Wirklichkeit sind wir ihre

Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen,

ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre

Sklaven, daß wir unwillkürlich, -- obwohl auf verschiedene Weise, dem

Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue

Menschheit zu schaffen.

Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes

vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten

Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird.

Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land,

ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben

bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen

haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt,

hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern

zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche

zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier

immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag,

noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen

Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.

Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere

Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir

erst auf der _anderen_ Seite sein werden ... Wie wird die _andere_ Seite

aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da

wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut

nichts.

Unter den Drei Köpfen, 7° 40' westlicher Länge,

43° 6' nördlicher

Mondbreite. Vor Mitternacht des

zweiten Tages.

Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des

_Mare Imbrium_ erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen

Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige

vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die

einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen

ähnlich sind.

Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde

im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch

die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines

Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der

Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört

worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.

Wir sagen schon: »durch das Wirken des Wassers«, und obwohl das nur eine

Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit

wäre ... Denn wenn hier Wasser _war_, so kann man annehmen, daß dort auf

der »anderen Seite« Wasser _ist_, und wenn dort Wasser ist, so muß auch

Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des

Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden

Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und

erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu

finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch

nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung

dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen

ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand

empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer

mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit _Drei

Köpfe_. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns

mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel

färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei

silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom

Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz

keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form

erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am

schwarzen, aber sternenhellen Himmel.

Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde

verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das

erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen

langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts

bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens

stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube,

wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor

allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns

wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle

zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel _Pico_

vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von

uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der

Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns

diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es

müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.

Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu

versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben

unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran

zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht

der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten

sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer

schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In

diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges

Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das

aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig

geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ...

Ach, Unsinn! -- Wir fahren weiter.

Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht,

auf Mare Imbrium, 9° 14' westlicher Länge, 43° 58'

nördlicher Mondbreite.

Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...

Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den _Drei Köpfen_

aus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir

jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten.

Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe

des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen

vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige

Wegweiser für uns sind. Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit

Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade

deswegen ...

Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig

Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen

grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der

Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich

mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab.

Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer

sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder

einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ...

Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend

gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte

Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen

ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt

immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile

erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von

Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem

denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es

ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ...

Sollte das ...

Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare

Imbrium.

Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste

Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn

wir werden sonst ... diese Totenstadt ...

Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare

Imbrium am Pico, 9° 12 'westlicher Länge, 45° 27'

nördlicher Mondbreite.

Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben.

Ich erinnere mich -- als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte,

blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief

unwillkürlich:

-- Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!

Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem

Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine

Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.

-- Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender

Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...

-- Was!?

Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter

verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die

seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...

-- Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines

Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das

Stück eines Bogens ... Oder hier, -- ist das nicht ein Turm, zur Hälfte

zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer

niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich

bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen

übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr

... Eine Totenstadt.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte.

Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas

recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und

Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht

der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus

einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor -- wie

Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein

Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben,

sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in

dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.

Varadol zuckte die Achseln und murmelte:

-- Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen

... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.

-- Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder

Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor

Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die

Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...

-- Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.

-- Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das

beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der

Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.

Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:

-- Und dieser Sand? Und die »_Drei Köpfe_«, an denen wir vor kurzem

vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der

vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals

Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und

Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...

Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich:

-- Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir

überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen.

-- Wie meinst du das? fragte ich.

-- Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ...

Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen

Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese

Trümmer der -- Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser

unermeßlichen Wüste.

Peter zuckte unwillig die Achseln:

-- Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu

besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas

Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.

Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit

Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.

-- Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als

uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den

Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.

-- Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber

glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte.

-- Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick

blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.

Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte

gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit

großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein

konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte

dann:

-- Ich werde zu Fuß hingehen!

Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein,

weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte!

Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem

Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse,

die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der

furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich

erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er

allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht,

was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder

auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten

Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...

Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen

Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde

klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend,

wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick

verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn

wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges.

Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt

hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in

wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.

Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da,

einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel.

Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu

Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da

wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er

lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.

Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns

ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich,

ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den

Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl

wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.

Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten

stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann

indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er

einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den

Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das

Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen

hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und

infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu

Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den

Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er

so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.

Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen.

Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer,

krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde

herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an;

er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich

schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von

sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten

zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel

in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.

Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter.

An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand

mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge,

so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend

herauszukommen.

In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des _Pico_

vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen

hier bleiben.

Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich

zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal

springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt

unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der

unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt

meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als

wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.

Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert

vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer

wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege

bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere

eigenen Befürchtungen.

Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich

begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht

veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden

ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall

zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den

von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas

Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein!

Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es

Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den

fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was

konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht

einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der

Toten zurückgelegt ...

Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach

Mitternacht.

Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird,

Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß

die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich,

sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht

wird ihn dieser Schlaf erretten.

Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen

könnten, -- denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden.

Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen

bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten

sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben

dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn.

Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas

vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie

warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann

schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten

Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem

liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.

Auch Martha weicht nicht von Tomas' Seite. Fast hundert Stunden bereits

spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns

bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren

Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie

ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen,

trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses,

daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr

Hoffnung und Mut zusprechen -- und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so

achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam

gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als

wir ihr bei Tomas' Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir

nicht für sie.

Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.

Der höchste Gipfel des _Pico_ flammt in der Sonne auf! Drei oder vier

Stunden -- und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die

ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des

mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit

dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.

Wie die »_Drei Köpfe_« ist auch der _Pico_ kein Krater, sondern vielmehr

die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen

unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht

hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim

Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß

sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über

zweitausendfünfhundert Meter.

Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur

die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist

der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der

Temperaturveränderungen zerbröckelt -- oder hat ihn das Wasser

unterspült?

Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung.

Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von

Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch

Kälte und Sonne zerfressen wären.

Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich

jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar

vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen

Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er

konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein

mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...

Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht

Näheres erfahren.

Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch

etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu

beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses

totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen

sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt

regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal

glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor

mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.

Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von

Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das

dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit

weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den

Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu

fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle

Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie

dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll,

wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort

weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen.

Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom _Pico_ nach Osten zu wenden, um

die _Alpenkette_ zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des _Mare

Imbrium_ bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem

mächtigen Ringe des _Plato_ zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium

der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt

auf das _Mare Frigoris_ zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land

auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg

bedeutend verkürzen.

Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47°

nördlicher Mondbreite,

zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang

des dritten Tages.

Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen _Regenmeeres_, zu

dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei

Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal

erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich

im Neumond verfinstert.

Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des _Platoringes_ vor

uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine

mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch

Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden

der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir

sind jedoch durch den Zustand Tomas' so niedergedrückt, daß wir fast gar

nicht beachten, was uns umgibt.

Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an

und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm,

er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn,

ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.

Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts

aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war

seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze

Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines

Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu

sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem

Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war

entsetzlich, entsetzlich! -- Schauer schüttelten ihn.

Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich

vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren

Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine

Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit

Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das

zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte

und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in

welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit.

Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von

Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und

Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte

er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:

-- Ich glaube, daß ich sterben werde.

Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 7 / 26 题