-- Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe

ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß

ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst,

zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht

sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug

zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen

gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand

erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter

schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren

Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar

durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet

hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich

wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die

vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark

sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so

schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber

überstanden und lebe, -- doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich

leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg'

mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz

schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen

die Bedingungen.

Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er

wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den

gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der

Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte,

beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte

einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:

-- Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?

Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es

mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte:

Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ...

Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon

diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott

schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde.

Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen

durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu:

Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ...

Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem

geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd:

-- Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich

sterben muß.

Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein

Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu

verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen

und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr

erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen;

auf uns blickt er wie auf Feinde.

Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht

von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte,

verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen

Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu

quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück

geschehen ist, -- wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte!

Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach

Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach

Osten.

Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem

Wagen durch die Mitte des _Platoringes_ zu kommen, ist eine reine

Unmöglichkeit. Wir müssen die _Alpenkette_ umkreisen, was unsere Reise

außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.

Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in

dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings

auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des

_Plato_ haltgemacht.

Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählende

_Platoring_ erhebt sich an der nördlichen Grenze des _Regenmeeres_.

Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum

_Palus Nebularum_, der das _Mare Imbrium_ mit dem _Mare Serenitatis_

verbindet.

Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende

Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes,

die zum _Mare Frigoris_ führt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol

hindurch müssen. Im Westen des _Plato_ erstreckt sich ein hoher,

steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite

»_Abhang des Regenbogen_« hineinzieht. Der _Platoring_ selbst ist aus

einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr

siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten

Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von

zweitausendfünfhundert Metern.

Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten

wir, daß sich im nördlichen Wall des _Plato_, dicht neben dem in ihm

eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine

Art von breitem Paß bildet.

Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über

diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in

nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen,

die sich schon sanft nach dem _Mare Frigoris_ senkt.

An den Abhängen des _Plato_ angelangt, fanden wir leicht die auf der

Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater

behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien

nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es

waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es

nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns

vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.

Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten,

traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere

Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des _Plato_ von

Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie

es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an,

die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen

durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide

erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte

uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich

wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von

schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden

Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben.

Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte

Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen

schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie

Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den

Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer

Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz,

eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des

Gebirgskristalls verteilt war.

Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle

ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir

uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir

auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.

Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir

waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die

Krankheit Tomas', die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die

Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft,

der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen

einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir

uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der

wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des

neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.

Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht

geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen

oder sprangen von hohen Wänden herab.

Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit

der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für

vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas

Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt

nötigte.

In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns

öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des _Plato_. Der

nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt

lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen

war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche,

dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie

hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf

zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach

der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon,

daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.

Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre

unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und

mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge

zur Tiefe, -- die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den

Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten,

weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu

umgrenzen.

All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...

Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute

lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste

nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß

nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so

wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so

verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so

höllischen Angst erfüllte.

Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger

ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von

ihm loszureißen.

Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu.

Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient

hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das _Regenmeer_ vor mir

auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie

einst von der Einsattelung unter dem _Eratosthenes_, nur daß sie damals

noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten

Lande führte -- jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...

Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der

Sonne flammenden Gipfel des _Timocharis_ und _Lambert_ erhoben sich die

in Schatten gehüllten Spitzen: _Pico_ und weiter nach Osten _Piton_ vor

meinen Augen.

Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der

Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite

Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer,

beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist

zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige

Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten.

Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom _Eratosthenes_,

die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses

Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der

Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ...

Mit dem Tode O'Tamors hat unser Weg begonnen -- aber er ist noch nicht

zu Ende ...

Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer

stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in

der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei

Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um,

schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter

stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der

Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des _Plato_ entlangzog.

Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie

den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte,

den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.

Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus,

als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der

Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie

besessen durch das Rohr:

-- Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man

atmen können!

Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten

Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte,

zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke

beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon

atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter

ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden

und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der

Rauch der Krater senkte sich außerhalb des _Eratosthenes_ sofort zu

Boden wie Sand.

Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen

Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein

müsse, begaben wir uns wieder zum _Mare Imbrium_ hinab. Wir waren in

freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht

erreicht worden war, da wir den Weg durch den _Platoring_ nicht gefunden

hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun

sei. Vielleicht würden wir im Westen des _Plato_ eine Stelle ausfindig

machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen

konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns

nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen,

um die Grenze des _Mare Imbrium_ von Westen her zu umkreisen. Es ist

also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende

gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der _Alpenkette_ zu

durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so

werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig

keinen allzu großen Umweg machen.

Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war

jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten,

an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu

haben, aber nein -- die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen,

unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir

vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir

bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in

welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war

keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere

Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser

hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für

einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige

Wesen war, das sein Schreien hier -- durch das Sprachrohr mit ihm

verbunden -- hören konnte.

Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab,

sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir

nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle

zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende

und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde --

den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder

Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer

Rückkehr davonzueilen.

Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich

geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte

Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und

von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die

Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach,

mich rächen, morden ...

Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns

langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer

gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu

und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha

blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich

heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu

geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie

infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut

und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus.

Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen

zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit

hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.

Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren,

ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem

Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann

vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und

blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend

erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens

entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns

nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns

befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns

von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen

wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum

zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns

entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der

ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als

verhängnisvoll hätte werden können.

Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer

Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger

und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll

abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß

er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der

Opfer -- und des Schreckens ...

Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach

Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des _Plato_ vor unseren Augen. Bald

werden wir an der _Alpenkette_ angelangt sein.

Mit Rücksicht auf Tomas' Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir

eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei

atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung.

Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von

dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo

wahrscheinlich Luft und Wasser ist.

Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30'

nördlicher Mondbreite,

einhunderteinundsechzig Stunden

nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir

fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit

und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe

und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den

Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns,

statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen

müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des _Quertals_ sein;

wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir

zur Linken immer nur die steilen Wände der _Alpen_, neben denen unser

Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung

aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor

uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang,

der zum _Mare Frigoris_ führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen,

aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen,

ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern.

Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell

wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom _Sinus

Aestuum_ kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt

mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint's, die Entfernung ganz

vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und

Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen

wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer

nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine

Genesung -- je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die

Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich

beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses

Zeichen bei einem Kranken ist.

Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln.

Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie

es um ihn steht ...

Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.

Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung

packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich

in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines

Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von

euch gehören -- vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und

wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann?

Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte

einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser

Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode

wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus

uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden

niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...

Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem

von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen

so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn

eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem

zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ...

Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol

sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich

bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen

und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in

die Züge des sterbenden Geliebten.

Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod.

Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu

trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm

zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu

und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: »Ja, du

wirst leben, du mein Einziger« ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in

einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für

möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne

einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde

ich dafür geben!

Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den

vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen

uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in

der Mitte des _Quertals_; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum _Mare

Frigoris_ vordringen.

Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene

zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten

Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der _Alpen_ bricht hier ab und

weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm

unterbrochen. Die Fläche des _Mare Imbrium_ verengt sich in einem großen

Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen

terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein

mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen

Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-_Montblanc_ gegen

viertausend Meter über der benachbarten Fläche.

Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes

Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere

solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr

verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.

Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche,

obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem

_Plato_. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser

Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal

einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er

drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch

duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die

zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den _Palus

Nebularum_ ihn zweifellos töten würde.

Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig,

entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er

jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder

Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn

zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen

Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt,

einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch

unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme

versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns

unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er

sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich

mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ...

Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten,

das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen

Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen,

blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende _Mare Imbrium_, das

wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft,

so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser

Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung

gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir

durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem

Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so

schnell wie möglich hinter uns zu haben -- und jetzt blicke ich fast mit

Sehnsucht nach ihr zurück ...

Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts;

die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die

nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht

jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden

Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher

Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich

gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine

mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen,

schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen

den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen

Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel

ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber

es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne

weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein

einer dichteren Atmosphäre über dem _Mare Frigoris_ zeugen ... Unser

Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der

Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...

Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden

nach Mittag, dritter

Mondtag.

Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer

zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des _Quertales_. Die ungeheure

Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden

immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das _Mare Frigoris_, deutlich

vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu

erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren

Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche

hinausfahren -- gebe Gott, daß wir _alle_ hinausfahren ...

Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl

dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells

Lager blickend: -- etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber

besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur

immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, --

die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ...

Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest

gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir,

unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das

uns beinahe gezwungen hätte auf das _Mare Imbrium_ zurückzukehren. Die

Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des

Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und

da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir

mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht

zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich

steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte _Alpenwand_, unter der

wir vormittags hindurchfuhren.

Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen

schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte.

Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht

gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen

eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer

durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht

in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum

Fuße durch sie zerrissen.

Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis.

Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie

die Hochebene durchschneidet, die das _Mare Imbrium_ vom _Mare Frigoris_

bis zu den nördlichen Abhängen des _Plato_, in südöstlicher Richtung,

trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des

_Quertales_ erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die

Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen

ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der

Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.

Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt,

fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu

sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben

schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte

durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er

sich wieder und sagte fast gleichgültig:

-- Sie wollen nicht, daß ich lebe ...

-- Wer? frug ich erstaunt.

-- Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schloß die

Augen, als wenn er den Tod erwartete.

Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, über die

Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten

mußte, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das _Mare

Imbrium_ in Erwägung, als Peter auf die glückliche Idee kam, mit Hilfe

des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns über

ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten,

warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die

an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich

ganz von Schutt angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten,

eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen

Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier nicht tatsächlich einmal

Wasser geflossen, den Weg ausnützend, der durch andere Kräfte gebildet

ward?

Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich wild

übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen,

unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu

einem Entschluß zu kommen, als sich Martha uns näherte.

-- Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie

uns einen Befehl erteilte.

Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu:

-- Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts

zu befürchten ...

Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie

niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen

Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Würde, eine

selbstbewußte Hoheit. Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert!

... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich

plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte ihn brutal bei der Schulter und

schrie:

-- Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir

zurück oder vorwärts?

Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns eine Weile, wie

bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes,

höhnisches und verächtliches Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich

hatte das Gefühl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins

Herz bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir scheint,

daß ich dies Weib zu hassen beginne.

Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am

Boden zerstreuten Steine benützend, zu überklettern. Das war freilich

leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der

östlichen Wand des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten

begannen wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort hinabgleiten zu

lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der

Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde

dringen, so daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir

unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über diese paar

hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete

nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu

orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fuß voraus, während der

zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Höhe,

schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken,

daß wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten

wir an die gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte sich

hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen Senkung mit

Hilfe der »Tatzen« hinaufklettern konnten.

Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.

Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so

plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen

mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze

fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige

hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende

Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war.

Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen

Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien,

grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns

hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im

elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts

herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden -- aber an die

Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.

An der Oberfläche des _Quertales_ angelangt, blieben wir stehen, um die

»Tatzen« abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa

beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren.

Alles -- mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen

Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie

tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.

Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich

aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen

Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens

beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit

irren Blicken an, dann rief er plötzlich:

-- Martha, ich werde sterben!

Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:

-- Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte

übergoß ihr Gesicht.

Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu

ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich

verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck

auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein

unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine

Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust

gebeugten Mädchenkopfes.

So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen

ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von

neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint's, der Atem.

-- Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und

sie antwortete unermüdlich: »Du wirst leben.« Für gewöhnlich verstummte

er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber

diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:

-- Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er

hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner

...

Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle

Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit

seiner Krankheit gemein hätten.

Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:

-- Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...

Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen

und die Atemnot unterbrochen wurde.

-- Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste

hinter den »_Drei Köpfen_«? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren

zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich

sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht

aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen

verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das

dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der

Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an

eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie

auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem

halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ...

Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen

hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün.

-- Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ...

einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die

Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und

dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich

lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt

sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...

Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich

vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber

wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr

in der unterbrochenen Erzählung fort:

-- Da ... erblickte ich ... zwei Schatten -- nein, zwei Menschen,

Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ...

Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst

verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf

Schritte vor mir -- die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei

der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden

haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß

ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage

ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich

und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren --

mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen!

Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war

...

-- Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich hervor.

-- Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, daß ich es hören

mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich

sterben würde und wie ihr sterben werdet, ihr -- beide ... Sie

bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht

ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu dringen versucht,

die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wäre besser

gewesen, wenn wir dort gestorben wären, auf dem _Mare Imbrium_, statt

ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu

verlängern, ja, der Qualen ... »Wir sind euch gefolgt,« sagten sie, ich

hörte es ganz deutlich, »und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch

ihr« ... Bei diesen Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen

Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lächeln.

Da bemerkte ich, daß hinter ihnen O'Tamor stand, blaß und vertrocknet

... Er lächelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte

voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die

ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die erstarrten Füße vom

Boden los und stürzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt -- an

gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und

aufstehen, aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und verlor das

Bewußtsein ...

Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich

bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war,

wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung,

hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber

ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.

Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel -- so

unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind

Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem

Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes

Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen,

jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...

Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir

seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des _Quertales_ näherten und

bald auf das _Mare Frigoris_ gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er

meine Worte nicht verstünde.

-- Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, daß ich auf

der Erde war ...

Dann wandte er sich zu Martha:

-- Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist.

Und Martha begann zu erzählen:

-- Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln die Wolken.

Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mächtige Meere. Am Strande der

Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut,

und dann gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, und

Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das

Meer auf, und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...

So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hörten ihren

Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen ... Der Kranke bewegte

langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder

brausen, und die Blätter säuseln ...

-- Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.

Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich

nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrückt,

erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen.

-- Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berührend.

Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns

und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit großer

Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen:

-- Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht

hier! Hier ist's so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch

... leben ... Martha ...

Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren Hände nach uns

aus.

Was sollten wir ihm antworten? ...

Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche des _Mare Frigoris_

liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewißheit, daß wir sie

allein zurücklegen werden -- ohne Tomas!

Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag,

dreiundzwanzig Stunden nach

Sonnenuntergang.

Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich

bewahrheitet. Auf die Ebene _Mare Frigoris_ fuhren wir allein. Tomas

Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben.

Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind

geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen,

entsetzlichen Tod Woodbells.

Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren Rande den Horizont,

als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor

uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen

vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei

ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont

zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen

Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses

Zeichen, daß die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen

zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das _Mare Frigoris_ ist ganz mit

Sand bedeckt, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene tatsächlich

einstmals Meeresgrund gewesen ist.

Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich

scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es

schien uns, daß wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue

Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! Daß

wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen des Wassers hören, das

Grün der Wiesen wiedersehen sollten ...

Allein wie anders wollte es das Schicksal!

Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, als Tomas uns bat,

den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung quälte ihn unsagbar ...

Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne

schauen, bevor sie untergeht.

Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die

ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht

herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten,

dann wandte er sich zu Martha:

-- Martha, wie ist das: »Sonne, du lichter Gott« ... Wie geht das

weiter?

Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen

Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hände aus und die

tränenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb

sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne:

Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Ländern, die wir nicht

kennen!

Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen

in Trauer zurücklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der

irdischen Hülle erlöst sind ...

Die, aus den Körpern erlöst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie

Gefangene, die man für eine Spanne Zeit freiließ, damit sie einen Tag

der Stille und Ruhe genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre Ketten

zurückkehren.

Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, der einen Tag der Stille

zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ...

In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die

Seelen derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet haben, dahin

heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.

Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer

zurück -- mit unserer Sehnsucht ...

Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich rief er angstvoll:

-- Martha, O'Tamor ist gestorben?

-- Ist gestorben.

-- Die Remogners sind gestorben?

-- Sind gestorben.

-- Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den

Augen auf uns.

-- Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen

Überzeugung.

-- Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es mir ...

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf

das Lager und leckte die herabhängende Hand ihres Herrn. Er blickte auf

sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln

wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte.

-- Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur.

Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, daß

er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel über den

Felsen im Süden. Er blickte lange, die Hände ausstreckend, in heißem

Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der

Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten

erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.

-- Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.

-- Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo.

-- Dort waren wir glücklich ...

-- Ja, glücklich.

Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.

-- Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich

will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wüste ... in dieser

Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ...

Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte wieder und wieder

...

-- Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde?

Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber sie überwand

sich und antwortete mit tränenerstickter Stimme:

-- Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen Tag der Stille

... aber dann wirst du zu mir zurückkehren.

Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden Hände

waren bläulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flüsterte kaum

hörbar:

-- Martha, wie ist es auf der Erde? ...

Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, von blühenden

Wiesen, von duftenden Blumen!

Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und

die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie

für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der

nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war -- seufzte

leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ...

In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand

bedeckt.

Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.

Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang

aus dem _Quertale_ den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich

nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche

keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze

Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.

Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da,

fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem

verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen,

aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu

werden.

Auf Mare Frigoris, 0° 6' östlicher Länge, 55°

nördlicher Mondbreite, nach

Mitternacht, zu Beginn des

vierten Tages.

Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden,

das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher

Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ...

Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben

haben.

Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens,

während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne

Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt

da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in

denen die Tränen schon vertrocknet sind.

Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr

fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen

Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd.

Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn

einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut

bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens

bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.

Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir -- was

können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares

geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den

Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser

Tod ist ein unermeßliches Unglück, -- eine wahnsinnige Ironie des

Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in

gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich

ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser

-- Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir,

daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese

meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen -- ich

kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle

Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie

vor mir sehe -- immer -- mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit,

auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr

abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde,

aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf

sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen,

schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen

Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie

zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin

und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich

peinigen und quälen!

Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß

ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß

zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit

schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie

steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen

Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns

zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die

Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem

entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die

Fenster eines im Innern flammenden Hauses.

Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er

mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks

niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich

schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein

Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem

Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene

Gemeinheit sehe.

Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen,

unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar,

wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung.

Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein

größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch

bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem

Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann.

Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit

unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche

Gefahr ist!

Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und

dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen

wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden

Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt,

kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts

fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute

um sie, ehe wir morgen sterben!

Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich

mich verachte!

Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich

fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen

Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei

zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir

würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann

sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns

sein ...

Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie

diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist

und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie

ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit

gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese

Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet,

hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau

überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht

wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und

erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht

keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der

Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige

Werk des Weibes zu erfüllen? ...

Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher,

elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger

Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der

Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und

dennoch ist für mich das alles so ekelhaft -- so widerwärtig --

ungeheuerlich! ...

Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?

Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte.

Auf Mare Frigoris, 0° 30' östlicher Länge, 61°

nördlicher Mondbreite,

vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig

Stunden nach Mitternacht.

Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, daß ich

das damals nicht gleich verstanden habe!

Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer

sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen

machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte.

Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber

gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit endlich

gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation durch eine

Aussprache ein Ende zu machen.

Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich:

-- Wünschst du etwas von mir?

-- Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir

reden ...

Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber seine Züge

zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte ich auf seine Hände. Und

er, als wenn er meinen Blick verstanden hätte, errötete und zog die

Hände leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er

etwas stockend:

-- Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, daß wir

diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Kälte nicht so empfindlich

ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont

steht; im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, also ...

Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter.

Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig:

-- Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden?

-- Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.

Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und

begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darüber, was in ihm

vorging; ich wußte, wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über

gleichgültige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte,

das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, die früher oder

später schließlich fallen mußte. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte

Freude über seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir plötzlich so

unendlich leid, daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu

werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, ihm alles

mögliche zu sagen, daß ich ihm das Weib abtreten wolle, -- oder ihn zu

bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklären -- ah, ich weiß

selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich

sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß es unmöglich

war, die endgültige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben.

-- Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.

Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme

betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lächelte er traurig

und fuhr mit der Hand über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie

im Fieber zitterte.

-- Ja, in der Tat, ich wollte -- überdies ...

Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zögern sagte er mit

abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht

verstehen konnte:

-- Was werden wir mit diesem Weibe tun?

Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein

Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in

den Schläfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum

Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende

Augenblick war gekommen.

Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie eine Leiche und starrte

mir hartnäckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode

nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen

-- und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.

Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darüber zu

sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasaß und irgend

etwas nähte. Er folgte mir.

-- Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint,

lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß

ich ganz unvermittelt hervor.

Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte

langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen

wollte:

-- Ich warte auf Tomas' Rückkehr ...

Eine rasende Wut packte mich.

-- Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die

sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter

geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das

Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.

Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen,

streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er

schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.

Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen

Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!

Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters

geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest

überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er

als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser

Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die »frohe Kunde« gebracht haben, daß

sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor

seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr

mich wie ein Blitz.

Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine

Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen

zurechtgeschnitten war.

Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als

wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges

Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen.

Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem

Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das

Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund

und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war

die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große

Geheimnis des Lebens und der Liebe.

Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit

dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß

sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns,

die wir -- blind! -- in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten

gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand.

Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung,

denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz

über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.

Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die

uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine

bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig,

als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die

Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern

demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz

vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...

Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!

Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!

Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des

vierten Mondtages.

Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine

solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung,

wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der

Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den

ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor

dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe

an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß

sich unter dieser bedeutenden Breite -- wir passierten bereits den

sechzigsten Parallelkreis -- das Zodiakallicht, das in der Nähe des

Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise

zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte

sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne

verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des

_Timaeus_ -- jener Krater, dem wir uns näherten, -- in der Sonne auf,

aber -- o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart

erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu

zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft

verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden

Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.

Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der

ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu

Martha.

-- Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen

können wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem

traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte -- wie

unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...

Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage,

denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem

stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen

der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in

einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging

und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der

Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von

ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist

geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit

denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.

Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen

können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!

In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die

Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am

Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir

brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei

Sonnenuntergang auf das _Mare Frigoris_, das wir jetzt bereits hinter

uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der

_Timaeus_ ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.

Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer

breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten

zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht

so eben wie das _Mare Frigoris_, im Gegenteil, ganz mit kleinen und

gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren

werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke

zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der

nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen

sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert

Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!

Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen

uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns

lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der

Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den

Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und

ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde

nicht mehr trauerten ...

Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich

dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten!

...

Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach

Sonnenaufgang, 0° 2' östlicher Länge, 65°

nördlicher Mondbreite.

Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher

sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten,

der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis

jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die

Nähe jener »versprochenen Erde«, wo wir endlich nach allen, nun schon

vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu

freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran

schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt

und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen

verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die

entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren

Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann,

vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in

einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden

soll.

Ich bin ruhig, -- nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese

Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden

Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge

ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen,

ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...

Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf

dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf

angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich

die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült

worden sind.

Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen

Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe

zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur

der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil,

riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen

Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste

verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr -- nur Leere und Starrheit

...

Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh,

nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!

Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie

hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar

mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie,

über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die

Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt,

daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie

es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein

tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich

mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen

wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele

nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben

geblieben wäre.

Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit

uns; nur einmal sagte sie zu mir:

-- Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm

aufs neue das Leben geben ...

Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich

sprechen kann?

Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf

der Hochebene vor dem

Goldschmidt, 1° 3' östlicher Länge,

69° 3' nördlicher Mondbreite.

Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis

zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie

übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe,

weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns

liegende mächtige _Goldschmidt_ und der sich mit ihm im Osten berührende

und noch höhere _Barrow_. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie

seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein

menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen

bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.

Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene.

Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die

verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist,

bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese

Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der

Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.

Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate

vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole

nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes.

Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht,

quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze.

Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf

der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach

Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser

Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem

breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.

Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen

Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände

und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So

unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die

sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln,

ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens -- Ziel?

Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!

Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre,

hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des

Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung

entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht

es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht

zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa

durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken

zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit

Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte

leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich

leben werde.

Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und

andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe

keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen

mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich

sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken

und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die

immerfort lächelt -- im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!

Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und

Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach

Mittag des vierten Mondtages.

Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende

Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie

werden sie sich zu zweit helfen können -- ohne mich? Der Weg wird immer

beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr

Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O'Tamor und Woodbell nun die

Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...

Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch

sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal,

mit voller Brust aufatmen können.

Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen,

sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte

große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der

Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen

haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen

wenden, längs den nördlichen Abhängen des _Goldschmidt_, dann wieder in

nördlicher Richtung die Ringe _Challis_ und _Main_ passieren, im Osten

den Ring _Gioja_ umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem

Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die

von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette

getrennt ist.

So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser

Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als

ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die

schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.

Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber

nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen

überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen,

werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.

In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der

größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im

Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne.

Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu

kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den

Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen

Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden

Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so

entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln?

Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns

geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren,

niemals! ...

In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe

Fieber.

Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen

Bergen.

Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle

mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu

schreiben -- ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern.

Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es

nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so

dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß

zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an,

wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß

wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in

aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit

ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...

Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich

Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es

mir nicht erlaubt? ...

Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ...

Ich weiß nicht, was das alles bedeutet -- ich höre nur zwei Stimmen

neben mir -- ich kann nicht mehr ...

Ende des ersten Teiles.

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 8 / 26 题