Erster Teil

Ein Reisetagebuch.

Auf dem Monde den .....

Mein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene mächtige Explosion,

durch die wir uns von der Erde hinausschleudern ließen, zersprengte uns

das Dauerndste und Festgeprägteste, was dort existiert, -- zersprengte

und zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu bedenken,

daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine Wochen gibt, noch unsere

kurzen, wonnigen Erdentage ... Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig

Stunden seit dem Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen;

wir fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht aufgegangen.

Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden hoffen, sie zu sehen. Sie

wird aufgehen und sich träge am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal

langsamer als dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden wird

sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum die Nacht, die

dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert. Und nach der Nacht der Tag,

wie der vorhergehende, und abermals die Nacht und dann der Tag, und so

endlos weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, ohne

Monate ...

Wenn wir es erleben werden ...

Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in unserem Fahrzeug

und warten auf die Sonne. Oh, diese furchtbare Sehnsucht nach der Sonne!

Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere Nächte dort

auf der Erde während des Vollmondes. Der mächtige Halbkreis der Erde

ruht unbeweglich über uns am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet

mit weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In diesem

seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... und der Frost

... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! Sonne!

O'Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum Bewußtsein gekommen.

Woodbell, obwohl selbst verwundet, weicht nicht einen Augenblick von

seiner Seite. Er fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat

wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn durchbringen. Aber

hier, in dieser fürchterlichen Kälte, hier, wo wir als einzige Nahrung

nur Vorräte von künstlichem Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und

Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O'Tamor zu verlieren,

gerade ihn, der die Seele unserer Expedition ist! ...

Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den beiden Jungen, wir sind

gesund. Martha scheint nichts zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur

beständig Woodbell mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. Der

glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt!

Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes Fahrzeug sich

gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. Die Feder gleitet

mir aus den erstarrten Fingern. Wann wird die Sonne endlich aufgehen!?

In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden

später.

Mit O'Tamor wird es immer schlimmer; man kann sich nicht täuschen -- das

ist schon die Agonie. Tomas vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen

Wunden und ist jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha

vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau so viel Kraft?

Seitdem sie sich von der ersten Betäubung des Falles erholt hat, ist sie

am tätigsten von uns allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht

geschlafen hat.

Oh, diese Kälte! ...

Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien zusammengekauert

liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen beiden so wärmer ist. Die Jungen

haben wir ins Bett gelegt, neben Tomas.

Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die Kälte läßt mich

nicht schlafen -- und dieses gespensterhafte Licht der Erde über uns!

Man sieht nur wenig mehr als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein

Zeichen, daß die Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht genau

berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht wissen, auf welchem

Punkte der Mondscheibe wir uns befinden. O'Tamor hätte das mit

Leichtigkeit aus dem Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt

bewußtlos danieder. Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen müssen

und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt.

Wir hätten nach der Berechnung auf den _Sinus Medii_ fallen müssen, aber

Gott allein weiß, wo wir uns wirklich befinden. Auf dem _Sinus Medii_

müßte um diese Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir

weiter nach »Osten« gefallen, wie man auf der Erde die Seite des Mondes

bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen wird, jedoch nicht weit von

der Mitte der Mondscheibe, da die Erde über uns fast im Zenite steht.

Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß ich sie nicht

zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem dieses unerhörte, geradezu

entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit. Wir wußten auf der Erde, daß der

Mond, der neunundvierzigmal kleiner und einundachtzigmal leichter als

die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl wir uns

seinem Schwerpunkte näher befinden; aber es ist zweierlei -- etwas zu

wissen oder etwas zu fühlen. Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem

Monde und können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch nicht

imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem kleineren Gewicht der

Gegenstände anzupassen, ja sogar nicht dem kleineren Gewichte unseres

eigenen Körpers. Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe

einen Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol wollte

vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der an der Wand unserer

Behausung befestigt war, einen Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand

-- und hob sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka

siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick wirft

einer von uns gewaltsam die Gegenstände um sich, während er sie nur

rücken will. Das Einschlagen eines Nagels ist geradezu unmöglich, weil

der Hammer, der auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige

hundertsiebzig Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, fühle

ich kaum in der Hand.

Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als wenn sie schon

ein körperloser Geist geworden sei. Das ist eine ganz gute Erklärung. Es

liegt wirklich etwas Unheimliches in dem Gefühl dieser fabelhaften

Leichtigkeit ... man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist

ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel strahlt wie der

Mond, nur vierzehnmal größer und heller als das die Erdkugel

erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß, daß dies alles wahr ist -- und

trotzdem scheint es mir immer, als wenn ich träume oder mich in einem

Theater befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick,

denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen werden

verschwinden -- wie ein Traum ...

Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die Erde über uns wie

eine mächtige, unbewegliche Lampe, die mitten am Himmel hängt, scheinen

würde. Ich wiederhole mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der

Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite der Erde zugewendet;

infolgedessen muß sie den vom Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich

erscheinen. Ja, das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich

dieses leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden

unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt, in Schrecken.

Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand des Fahrzeugs

angebracht ist, und unterscheide mit bloßem Auge die dunklen Flecken der

Meere und die hellen Flächen der Länder. Sie gleiten langsam an mir

vorüber, brechen der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa,

Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus und gehen

unter, um nach vierundzwanzig Stunden wiederum zu erscheinen.

Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in ein weitaufgerissenes

Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig, wachsam und staunend, auf uns

niederstarrt; auf uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten

aller ihrer Kinder!

Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein kamen und die eisernen

Deckel abschraubten, die die runden Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten,

sahen wir sie über uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens.

Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt senkt sich

über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich das Lid des

Schattens. In dem Moment, da die Sonne wie eine flammende Kugel am

schwarzen Himmel, ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird dieses

Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne senkrecht über uns

steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken ...

Drei Stunden später.

Ich unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die langen Stunden

ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos verbringen, als ich zu

O'Tamor gerufen wurde. Niemals haben wir mit der furchtbaren

Eventualität gerechnet, daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir

waren auf den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht

gemeinsamen, nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine Rettung ...

Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt den Kranken zu behandeln,

bedarf er selbst der Pflege. Martha weicht keinen Augenblick von ihrer

Seite, sich einmal zu Woodbell, dann wieder zu O'Tamor wendend und wir

stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun sollen.

O'Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen und wird es auch

nicht mehr! Sechzig Jahre hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein,

nein, ich kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er!

Gleich bei der Ankunft ...

Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar kalten Nacht!

Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie plötzlich von diesem

Gefühl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit erfaßt würde, mit

zusammengefalteten Händen vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief

immer wieder: »Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert ihr

nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? Seht, Tomas ist krank!«

Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten?

Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr hundertzwanzig

Millionen Meter vor dem Monde zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich

erinnerte Peter sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten

die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man die Kanone

aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens des

telegraphischen Apparates von der Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß

ist jetzt die einzige, letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort

zurückgeblieben sind, zu verständigen.

Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem Fahrzeug heraus. Ich

gestehe es, daß die Angst vor diesem Schritt mich schüttelte. Dort,

hinter den uns schützenden Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als

Leere ... Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein von

Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten Teil

unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, daß die Atmosphäre, wenn auch in

einer solchen Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus

günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der _anderen Seite_, in

zum Atmen genügender Dichte vorfinden werden. Ach, mit welchem Zagen

steckten wir vor einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs sank

das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als wenn es bis zum

Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst schnürte uns die Kehle zu; das

hieße -- eine absolute Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber

nach einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf 2,3

Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser Luft eigentlich gar

nicht atmen kann! Und nun sollten wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in

diese Leere hinausgehen! Nachdem wir unsere »Taucheranzüge« angelegt und

über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft befestigt hatten,

stellten wir uns in der Vertiefung, die sich in der Wand des Fahrzeugs

befand, bereit. Martha verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht,

damit nicht die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte,

und dann öffneten wir den äußeren Deckel ...

Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in diesem Augenblick

umfaßte uns eine entsetzlich betäubende Stille. Ich sah durch die

Glasmaske auf Peters Gesicht und bemerkte, daß er die Lippen bewegte;

ich dachte mir, daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist

hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln könnte. Ich

hob einen Stein auf und warf ihn. Er fiel langsam, langsamer als auf der

Erde und ohne jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich

glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein.

Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde, die uns genährt hat,

verhalf uns dazu durch ihr Leuchten.

Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach außen zu öffnenden

Seitenwand untergebracht war, und ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das

für sie besonders hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht

vonstatten, da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, was

ihr Gewicht auf der Erde betrug.

Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis zur Bleischnur zu

laden, nachdem man in die hohle Kugel eine Karte gelegt hatte; bei der

Leichtigkeit der Gegenstände auf dem Mond mußte diese Explosionskraft

vollständig genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die Erde zu

befördern. Aber es war uns unmöglich, diese Arbeit zu vollenden. Eine

unbeschreiblich entsetzliche Kälte schnürte uns wie mit eisernen Krallen

die Brust zusammen. Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier

die Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht dicht

genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während des langen Tages

sicherlich erglühten Steine festzuhalten ...

Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein Paradies an Wärme

erschien, obwohl wir mit dem Feuer sparen. Vor dem Aufgang der Sonne,

die diese Welt erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche,

hinauszugehen, zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht kommen!

Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie uns bringen?

Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach

Ankunft auf dem Mond.

O'Tamor ist gestorben.

Der erste Mondtag, drei Stunden nach

Sonnenaufgang.

Wir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die Reise an. Alles

ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem die Räder befestigt sind

und nach Aufstellung des Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns,

diese Wüste durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und atmen

können ... O'Tamor wird hier bleiben ...

Wir sind von der Erde geflohen, -- aber der Tod, der mächtige Herr des

Erdengeschlechtes, hat mit uns den Weltenraum durchflogen und uns gleich

im Anfang in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist -- unbarmherzig,

siegreich -- wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart und Nähe, seine

Allherrschaft so lebhaft wie niemals auf der Erde. Wir sehen uns

unwillkürlich an: Wer kommt jetzt an die Reihe? ...

Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke hervorkam, wo sie

seit einigen Stunden zusammengekauert gelegen und, die Schnauze dem

durch das Fenster leuchtenden Halbmond der Erde entgegenstreckend,

entsetzlich zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer

inneren Kraft in die Höhe geworfen.

-- Der Tod kommt! schrie Martha.

Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O'Tamors und wandte

sich langsam zu uns:

-- Er ist schon gekommen, sagte er.

Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In diesem felsigen Grunde

ist es unmöglich ein Grab zu graben. Der Mond will unsere Toten nicht

beherbergen -- wie wird er uns Lebende aufnehmen?

Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen auf den Rücken,

das Gesicht der am Himmel leuchtenden Erde zugekehrt und sammelten die

hier und da auf der Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein

Grab zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit einem nicht

allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend große Steinplatte

finden, um ihn zu bedecken. Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere

Köpfe verband und so eine Verständigung ermöglichte:

-- Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, daß er auf die

Erde blickt?

Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit verglasten, weit

aufgerissenen Augen in das Auge der Erde zu starren, das sich immer mehr

schloß, immer mehr vor dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die

bald aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ...

Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten Gerüstes, das

uns während des Falles vorm Zermalmen bewahrt hatte, machten wir ein

Kreuz und befestigten es auf dem Steinwall über dem Haupte O'Tamors.

Da -- als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten und zum Fahrzeug

zurückkehren wollten, geschah etwas Seltsames. Die Gipfel der Berge, die

vor uns in dem fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich

plötzlich, ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten sie

in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde des

tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge erschien jetzt, durch den

Kontrast der Beleuchtung gänzlich verdunkelt, fast unsichtbar; nur die

höchsten Kappen hingen über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich

allmählich, aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels der

Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der Entfernung

ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf dem Hintergrunde des

schwarzen Himmels, inmitten der Gestirne, gerade über unseren Häuptern

zu hängen, wie abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der

Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, aus Furcht,

diese Stücke des lebendigen Lichtes zu berühren.

Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als wenn sie sich uns in

langsamer, unerbittlicher Bewegung näherten; bald waren sie so dicht vor

uns, daß wir unwillkürlich zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß

diese Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern von uns

entfernt sind.

Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus. Ich wandte,

seiner Bewegung folgend, den Kopf und -- stand wie festgebannt vor einem

unerhörten, nicht zu schildernden Schauspiel im Osten!

Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die blasse, silberne Säule

eines Zodiakallichtes. Wir starrten, einen Augenblick den Toten

vergessend, auf diesen Punkt, als unten an der Säule, dicht an der

Grenze des Horizontes, kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu

flackern begannen.

Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete,

lebenspendende Sonne, die O'Tamor hier nicht mehr sehen soll!

Wir weinten beide wie Kinder.

Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß. Jene zuerst

wahrgenommenen roten Flämmchen waren Protuberanzen, starke Ausströmungen

glühender Gase, die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen

hinschießen und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen,

nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar sind. Hier,

beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns das Erscheinen der Sonnenscheibe

an und werden es noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke

einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in blendender Weiße

im vollen Tagesglanz erglühen.

Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten Flammenkranzes ein

weißes Segment der Sonnenscheibe über dem Horizont; eine volle Stunde

brauchte diese Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen.

Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen Kälte, mit den

Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder Augenblick ist wertvoll; man

darf die Abfahrt nicht länger hinausschieben. Jetzt ist schon alles

bereit.

Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie

noch schräg fallen, wärmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die

Atmosphäre abgeschwächt sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein

seltsamer Anblick! ...

Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf

einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die

durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und

Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit

einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet

sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung

des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom

Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene

Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe

verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor

Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich

beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt,

mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden

Dämmerung malt.

Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese

Landschaftsbilder geschaffen!

Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie

und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung

erstrecken. Im Westen (_Osten_ und _Westen_ unsrer Welt bezeichne ich,

übereinstimmend mit der _tatsächlichen_ Lage, also _umgekehrt_ wie wir

dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man

steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat

eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch,

wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige

Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich

ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt

sich eine unabsehbare Flachebene.

Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des

Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem _Sinus

Medii_ befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen.

Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die

im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den

Karten bekannten: _Mosting_, _Sommering_, _Schroter_, _Bode_ und

_Pallas_, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir

hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach

Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am

gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf

seine _andere Seite_ zu gelangen.

Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem

Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten

Menschen auf dem Monde gelandet sind.

Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser

neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser

Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue

Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht

einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit

uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat

... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf

die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen

treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte.

Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig

Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium,

11° westlicher Länge, 17° 21' nördlicher

Mondbreite.

Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer,

erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre

Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen

Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und

sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten

einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten

Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie

seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert,

nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus

gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind

unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie

mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie

farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten

Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen

farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird

sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner

Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher

liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner

Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten,

während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine

glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein

loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die

schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein

wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe.

Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in

strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der

himmlischen Lichter ...

Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen

beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern

Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und

ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um

unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde

einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges

_Eratosthenes_ den _Apennin_ entlang in die Tiefe des _Regenmeeres_

erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir

Schatten und etwas Kühle ...

Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn

Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch

auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos

umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am

blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der

Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.

Selenas Bellen weckte mich auf.

Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht

begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser

verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und

wild! Endlich wurde mir alles klar -- und ein unaussprechliches Weh

schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht

schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie

mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in

ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend

ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen

umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese

Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind.

Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines

Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand

ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann

strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen,

schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten,

der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber

verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern,

ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und

in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist,

glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht

erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen

über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie

sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein

kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für

uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so

heiß küssenden Lippen dort -- in ihrem Heimatlande -- am malabarischen

Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden

Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte

ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns

unwiederbringlich verloren ist.

Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe.

Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun

zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von

dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über

diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.

Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir

überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins

Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im

südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb

verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt

auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend,

aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an

der Tür stehen.

-- Martha, du hier! rief endlich Woodbell.

Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr

von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische

Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten

schwarzen Augen.

Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet,

streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm

aufblickend:

-- Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, selbst auf den

Mond!

Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Händen an den

Kopf und rief fast stöhnend:

-- Das ist unmöglich!

Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, daß O'Tamor

unser Führer sei, warf sie sich ihm zu Füßen, so schnell, daß er nicht

Zeit hatte, sie aufzuhalten.

-- Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch!

Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich für ihn hingegeben,

er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer

Eurer Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt

mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will

eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und

Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am

malabarischen Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig

genug, seht!

Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus.

Varadol stammelte:

-- Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist

etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach

Marseille!

Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas' Wissen im geheimen

dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, daß es ihr im

letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen.

Jetzt benutzte sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht

auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man dort auf dem Mond den Tod

finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie

uns an.

Da wandte sich O'Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage

zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfähig ein

Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die

üppigen Haare des Mädchens und sprach langsam und feierlich:

-- Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des

neuen Geschlechtes erkoren -- möge es glücklicher sein als das irdische!

So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...

Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man muß ihm Chinin geben.

Zwei Stunden später.

Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. Wir flüchteten noch

tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze

andauert ist es unmöglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die

Angst schüttelt mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend

Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer bürgt uns

dafür, daß man dort leben kann? ... Der einzige, O'Tamor, der nicht

daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns.

Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir bereits

hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; die Zeit

zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten

uns doch verhältnismäßig ziemlich schnell vorwärts ...

Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach

Westen. In dem Glauben, daß wir uns auf dem _Sinus Medii_ befinden,

wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen _Sommering_ und

_Schroter_ gelangen und von dort den _Sommering_ von Norden und Westen

umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm

entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes _Gambart_ und des

höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator liegenden _Landsberg_

vorzudringen.

Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne Spalten, so daß der

Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfüllten unsere

Herzen; es war uns warm und leicht -- nur die Erinnerung an O'Tamor

trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor

Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Pläne zu schmieden.

Der Weg schien uns nicht lang, die Mühe nicht allzu groß. Wir

bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft

oder bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus

die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol

erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O'Tamors, nach denen die

entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben

genügen und dabei interessant und über alle Beschreibung erhaben sein

sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die

jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglänzen und

außerdem noch frisches Grün und Wasser, lohnt es wohl der Mühe,

dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurückzulegen, um diese

Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und

Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Pläne

für das zukünftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als

sie die munteren Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen

mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.

So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreißig Kilometer

zurückgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu

stehen, den Wagen plötzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher,

stumpfer Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. Man

hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, aber es handelte sich

darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwärtsbewegen

sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge,

die wir für die Gipfel des Kraters _Sommering_ hielten. Jener Krater,

wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt

sich zwar nur eintausendvierhundert Meter über der benachbarten Ebene,

während diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben dies

der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem ist es aber

auch möglich, daß wir mit unserem Projektil auf den südwestlichen Teil

des _Sinus Medii_, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem

breiten Halbkreis des Zirkus des _Flammarion_ zu öffnet und jetzt zur

Rechten den Krater _Mosting_, von der ansehnlichen Höhe von

zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Fälle mußte jener

Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu

ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen

zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt

keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die

heißere Zeit, wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen

müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde

immer schwieriger und führte allmählich in die Höhe; hie und da trafen

wir Spalten an, denen wir ausweichen mußten, öfter ganze Felder von

massivem Gestein, dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken

übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und mit großer Mühe vorwärts.

An einigen Stellen mußten wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt

hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden

Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft

des Mondes, durch die es uns möglich war, derartige Felsstücke von der

Stelle zu rücken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem

erschien der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, wie

ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurück, da

er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der

Wunden aufgehört hatte, zu sehr geschwächt war.

Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte,

von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner

und überaus steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel

erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Höhe und aus dem

mächtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor.

Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.

Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen,

als wir auf die glatte Fläche von massivem Gestein gelangten, auf der

man sich schneller vorwärtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir

anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung

der Landschaft immer mehr.

Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer anderen Gegend des

Mondes als auf dem _Sinus Medii_ befanden. Man mußte demnach endlich

genaue Messungen vornehmen.

Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die

astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom

Zenite 6° gegen Osten und 2° gegen Norden entfernt -- wir befanden uns

also unter dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite,

das heißt, an der Grenze des _Sinus Medii_, neben dem Krater _Mosting_.

Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen

waren ganz genau.

Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ändern. Als wir den

Weg antreten wollten, rief Varadol plötzlich:

-- Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen!

In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere Kanone, das

einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verständigen, mit

dem Geschoß und der Kugel beim Grabe O'Tamors zurückgeblieben war. Sein

Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim Aufbrechen

vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein

unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstörung

der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns

mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos

vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte

von Kilometern von dem Globus entfernt hätten, der schon Hunderttausende

von Kilometern hinter uns lag.

Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem

bestand Woodbell darauf, da er es für nötig hielt, uns mit der Erde zu

verständigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht

aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche

Lebensbedingungen gefunden haben.

Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben

opfern. Ihr wißt doch, daß die Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind.

Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat

funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens noch für einige

Zeit.

Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist

von höchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlängerung die

Nahrungs- und Luftvorräte ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode

verurteilt wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O'Tamors zu

lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, daß wir die Stelle

wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb?

Varadol bemühte sich, Tomas' Bedenken zu zerstreuen. Die Brüder

Remogner, führte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie

keine Nachrichten von uns erhalten. Im übrigen weiß man nicht, ob die

hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie

jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die

Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist.

Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich

für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des

Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im

Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern

Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst

wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau

so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie

beschreibend, trotzdem ihr Ziel -- die Erde -- nicht verfehlt. So hätten

wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten,

wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue

Kameraden herbeizurufen, falls wir -- bis zur Grenze der von der Erde

aus sichtbaren Mondscheibe gelangt -- dort günstige Lebensbedingungen

antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen

Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz

alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren

telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine

dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.

Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone

zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise

fort.

Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon

gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28°

über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten

dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des

Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu

brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der

Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines

Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der

Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das

Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der

Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese

Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen

derselben durch Ausstrahlen verhindert.

Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht.

Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an

solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht

den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde,

müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere

elektrischen Lampen aufflammen lassen.

Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach

Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater _Mosting_ zu umkreisen, nur

mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande

vorwärtsdringend.

Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der

Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel

miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im

Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von

alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer

unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit

vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten

Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen

tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen,

als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den

Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein

Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.

Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde

so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft

und Wasser gehabt hat.

Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem

felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als

die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten

wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen

Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich

vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser

vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die

Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen

Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der

Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte.

Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen

Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren

Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist;

die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen

und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt

verursachen.

Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen

übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser

Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte.

Dort ließen wir die »Tatzen« aus, die dem Wagen ermöglichten die größten

Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So

kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz

der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten,

hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen,

länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die

damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in

diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde

gehen müssen.

Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen,

während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird

unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die

heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden,

die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug,

beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens

heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem

Gedanken an jene furchtbare Erschütterung!

Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil

angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten,

dann ein Druck auf den Knopf -- das schützende Stahlgerüst breitete sich

aus und ... Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah

nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte und ihre

Lippen auf Tomas' Mund preßte. O'Tamor rief: _Wir sind da!_ -- und ...

ich verlor das Bewußtsein.

Als ich die Augen öffnete, lag O'Tamor blutüberströmt am Boden, Woodbell

ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmächtig ... Aus

den Trümmern des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe

O'Tamors errichtet.

Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor

Erschöpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, daß wir uns dem

Gipfel des Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten.

Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des

»Tages« auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und

beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten.

Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.

Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns

tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die unerträglichen

Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden

schon erwachte ich sehr gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte

sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus dem

Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus

dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glühenden

Hüttenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr -- eine wahre

Feuersbrunst ergoß sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße durch

die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte meine ganze Willenskraft

zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurückzukehren.

Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus

massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung

endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in

eine hinter jenen Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel

verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur nach Osten war

der Blick über den Weg frei, den wir gerade zurückgelegt hatten. Ich sah

auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln

-- und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem großen,

schweren Wagen da hindurchkommen konnten.

Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre das geradezu

unmöglich gewesen.

In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. Ich sah mich

um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte,

gleich mir, den Luftbehälter angelegt und den Wagen verlassen, da er

aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht

verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt war. Ich

glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und stürzte zum Wagen

zurück. Er folgte mir.

Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als Varadol mit vor

Aufregung zitternder Stimme sagte:

-- Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas Furchtbares

geschehen, ich habe mich geirrt.

-- Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich

handelte.

-- Wir sind nicht auf den _Sinus Medii_ gefallen.

-- Wo sind wir also?

-- Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit

dem Mond-_Apennin_ verbindet.

Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den auf der Erde

gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberfläche, daß der Grat,

auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen

zu gelegene mächtige Fläche des _Mare Imbrium_ abfällt.

-- Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.

-- Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem

_Sinus Aestuum_. Sieh ...

Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit Reihen von

Ziffern beschrieben waren.

-- Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum

gebend.

-- Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen

Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, daß sich damals die Erde

nicht im Zenite über dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du

weißt doch, daß der Mond während der Drehung um die Achse kleinen

Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde

nicht gänzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine

Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom

Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach

die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte,

falsch bezeichnet. Jetzt können wir das alle mit dem Leben bezahlen!

-- Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Körper bebte.

Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.

Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war

jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung

vorgenommen war, zeigte es sich, daß wir auf dem _Sinus Aestuum_ unter

dem 7.° 35' westlicher Mondlänge und dem 13.° 8' nördlicher Mondbreite

herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch längs den

steilen Bergen, zu Füßen des mächtigen _Eratosthenes_, vor uns den nicht

großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier

schon beginnenden _Apennin_ eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir

uns unter dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51' nördlicher

Mondbreite.

Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt

sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns

hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter über dem _Mare Imbrium_.

Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der Erde aus der

Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Höhe

eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des

Schattens, den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem

Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flüchten, um

konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der

Atmosphäre macht die barometrischen Messungen der Höhe unmöglich. Die

Veränderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, daß das

Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Höhe, auf welcher

wir uns befanden war eine absolute Leere.

Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmöglich ihnen die

entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere

Eröffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte

die Stirn und biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit ich

aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare Rechenschaft über das

Grauen der Lage zu geben vermochte.

-- Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder

umkehren ...

Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war

doch nur ein reiner Zufall, daß wir den Weg gefunden haben, der uns

hierher führte! Und umkehren? -- So viel vergebliche Mühen und verlorene

Stunden? ...

Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen,

ob wir uns nicht auf die Ebene _Mare Imbrium_ herablassen könnten. Nach

einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund!

Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu

unseren Füßen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer,

erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene _Mare Imbrium_, von

einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der

Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich entfernt

liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem märchenhaft

schimmernden Weiß vom schwarzen Hintergrund des sternenbesäten Himmels

abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen

Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen.

Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen Fläche, wie

eine Insel im Meere, der majestätische Krater _Timocharis_, vierhundert

Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch.

Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der

unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel,

in der Sonne erglänzend, wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen

schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer

Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am

Himmel die Zacken des Kraters _Lambert_, der kleiner und weiter entfernt

war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere

Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden Kette der

Mond-_Karpaten_ vereinigend, die das _Mare Imbrium_ von Süden her

einschließen.

Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels

erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten her die auf

kleineren Hügeln gestützten mächtigen Gipfel des _Kopernikus_, eines der

größten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, daß der _Timocharis_ wie

glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur

Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von

Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergoß,

der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat!

Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des

_Archimedes_. Der Blick nach Osten und Süden war uns verschlossen -- von

der einen Seite durch die Kette des Mond-_Apennins_, von der andern

durch den _Eratosthenes_, der durch den Paß, auf dem wir gerade stehen,

mit dem _Apennin_ verbunden ist.

Und in diesem Rahmen das _Regenmeer_. Wie ironisch erschien uns diese

Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde!

Eine entsetzliche Wüste, kalt und grau, hie und da durch große Spalten

zerrissen, die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom _Timocharis_ zum

_Eratosthenes_ erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fuße der

mächtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte,

kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern

von Felsschichten.

Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, welchen Weg wir

wählen sollten. Wenn wir die Fläche des _Regenmeeres_ erreichten, hätten

wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen

könnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin

gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand

hinablassen?

Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, in der Hoffnung, daß

es uns vielleicht gelingen könnte, abseits vom Krater des _Eratosthenes_

einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen

den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem _Mare Imbrium_ zu

öffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, daß wir schon

umkehren wollten, weil es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen

durchzukommen. Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, daß

wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht große, uns

den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir

passierten sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und

gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher

wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Süden zu. Rechts und

links starrten die Riesengipfel des Ringes des _Eratosthenes_.

Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen

neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, daß

Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In

der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das

Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.

Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten wir, ohne zu

wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des _Eratosthenes_

lag. Zur Rechten und zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von

denen der eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während sich

der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. Und vor uns ... Nein,

wer vermag das zu beschreiben! -- Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare,

bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser

Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch jetzt Schauer

der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke!

Wir sahen in das Innere des Kraters des _Eratosthenes_.

Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, bildete einen

geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf

diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das

menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter über den

Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in

seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen

herabwälzten. Die Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch

den Wall abgetrennten _Mare Imbrium_ zweitausend Meter tiefer lag,

erschien uns noch unergründlicher durch die mächtigen sich daneben

auftürmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft

einhüllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte

kegelförmige Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten Walls

erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine,

dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich

infolge der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße der

Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, daß wir hier noch

nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.

Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten noch das

Gefühl des Grauens. Der ganze östliche Rand des Innern war in

geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die mit dem schwarzen Himmel

zusammenzufließen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der

Sonne wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit

unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, die

auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Süden

zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den

Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu

unseren Füßen -- ein schwindelnder Abgrund.

Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die

feurige, strahlenlose Sonne, immer näher der Erde, die, in starrem

Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über

diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes.

Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den Ohren:

Vero é che in su la proda mi trovai

della valle d'abisso dolorosa ....

Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und

Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen der Danteschen Hölle auf, die

nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am

Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch schien mir der

Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers

mächtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen

Augen annahm ... Geister -- Geister -- eine entsetzliche Prozession der

Verfluchten! Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten über die

felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wälzen -- drängen

sich. Einige wollen sich erheben, auf -- auf -- zur Sonne -- sie reißen

sich vom Boden los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen

auf dieselbe Stelle, -- hinab -- hinab zur ewigen Verdammnis ...

Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen

Stille ab ...

Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, daß ich einer

Ohnmacht nahe war.

Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich im ersten Augenblick

wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hören. Aber diesmal war

es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch

das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, zu mir drang.

Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. Woodbell stand da

wie versteinert, den Rücken an den Felsen gelehnt, blaß, mit gesenktem

Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden

Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die

Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er

zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete

am Boden, von einem Schluchzen, das durch die höchste Erregung der

Nerven hervorgerufen wurde, geschüttelt.

Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte mich ihr und legte

langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen

und rief, wie in jener denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O'Tamors:

-- Auf die Erde! Auf die Erde!

In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde Verzweiflung, daß

ich kein Wort finden konnte, sie zu trösten. Wie sollte ich das auch

anfangen? Unsere Situation war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte

mich zu Varadol:

-- Was soll jetzt werden?

Peter zuckte die Achseln.

-- Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, hier

herunterzukommen.

-- Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.

-- O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.

Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine Zeitlang vor sich

hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend:

-- Umkehren ... Höchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe

Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren

haben. Sieh!

Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte über die

unabsehbare Fläche des _Mare Imbrium_.

-- Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden wir einen

verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wäre das zu

ermöglichen ... Höchstens wenn wir uns kopfüber ...

Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das _Regenmeer_,

glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies,

im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des _Eratosthenes_. Es begann

fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, daß ein Sprung

genügen würde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht

abstürzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene.

Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher

Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder Ermattung, noch die brennenden

Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze über uns

aufging.

Nach einer Weile wiederholte Peter:

-- Dorthin werden wir nicht gelangen ...

Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig war sich zu

beherrschen, antwortete ihm.

-- Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe

dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen!

Da trat plötzlich Tomas hervor.

-- Sei still -- und du weine nicht; wir werden auf das _Mare Imbrium_

hinüberkommen, -- holen wir den Wagen.

Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, daß

wir seine Weisung sofort ausführen wollten und nicht wagten uns zu

widersetzen oder auch nur zu fragen.

Woodbell hielt uns noch zurück.

-- Seht, sagte er, auf die äußeren, dem _Regenmeere_ zugewandten Abhänge

des _Eratosthenes_ zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter

tiefer am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt

sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; da werden wir hinunterfahren

können ...

-- Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf den senkrecht

herabstürzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat

der Kante trennte.

-- Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie

seitlich leicht umgehen können.

-- Und der Wagen? ...

-- Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen

festgebunden haben. Vergeßt nicht, daß wir auf dem Monde sind, wo alles

sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig

Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht!

Tomas' Rat wurde also befolgt.

Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang

des _Eratosthenes_ hinabzufahren, um zum _Mare Imbrium_ zu gelangen.

Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die

dicht zu unsern Füßen lag. Den größten Teil des Weges legten wir zu Fuß

zurück, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden

Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung fast umsinkend.

Den Wagen mußten wir aus einer Höhe von zirka fünfzig Metern

herablassen; er blieb unbeschädigt. Aber die Hunde, die wir einschließen

mußten, waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen

und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung

aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so

erträglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch

Zerklüftungen und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren

oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir überall den

Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen mußten. Oft

packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das

Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart und

Willensstärke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu

verdanken.

Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr geschlafen haben

als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle

heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Manchmal nahm

die mörderische Glut uns gänzlich das Bewußtsein.

Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht über uns, neben

der verblaßten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen

lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben war, als wir, bis zum äußersten

erschöpft, endlich auf der Ebene anlangten.

Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; in den Schläfen klopfte

und hämmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz

mehr! Die glühenden Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen

eines Hüttenofens.

Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen winselten und lagen

bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern,

ohnmächtig und glaubten, daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten

Ebene ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen -- aber wohin?

Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe

Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmäßigkeit des

Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten

Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein

Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine Schlucht, durch das

Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert

breit, im übrigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich.

Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, einige zehn

Kilometer parallel der _Apenninkette_ hin. Auf den Mondkarten ist sie

nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des

Schattens, in den sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher

Berge liegt.

Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe

hinab, tausend Meter unter der Oberfläche des _Mare Imbrium_ und fanden

dort erst ein wenig Kühle ....

Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine

eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so

geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. Trotzdem werden wir in zirka

zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach

Westen zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch entsetzlich

sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. Übrigens

können wir sie nach der Rast leichter ertragen.

Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach

Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir

gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten,

glatten Weg durch die Ebene _Mare Imbrium_ vor uns, was die Fahrt

bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nähernd, in

eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch über dem Horizonte

steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen

dort also eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher

Mittag wie heute -- und unser Tod wäre unabwendbar.

Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden

nach Sonnenaufgang.

Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne

untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, --

kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains,

jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten,

die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung

zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote

Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene

schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren

die höchsten Bergspitzen, die wir vom _Eratosthenes_ aus gesehen haben

und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt

ist.

In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne

Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten

Viertel und leuchtet hell -- wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der

schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr

gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei

Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb

und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte

grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich

die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-_Apennins_ gelb; von

Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung

gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene

Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem

Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ...

Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den

einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben

ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede

Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, -- früh wird die Sonne

vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft

überlassend ...

Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die

Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten

Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht

...

In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen

ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll

wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist

bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit

Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor

allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam.

Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre

Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter,

schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre

Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt

hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein

... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, -- aber sie

ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt

hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er

spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt.

Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens -- was geht

es mich an?

Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen.

Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben

etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um

Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen

werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich

ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten

wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht

genügen.

Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt.

Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir

die »_Spalte der Erlösung_« verließen, uns sofort nach Norden zu wenden.

(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem _Eratosthenes_ mit diesem

Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter

dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die

wie Strahlen vom Berge des _Kopernikus_, auf Hunderte von Kilometern im

Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere

Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in

Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige

Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins.

Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ...

Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir

fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der

wir uns befinden, -- wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von

Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies

keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde

behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des _Eratosthenes_

und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den

Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals

ein Krater! Dagegen spricht -- abgesehen von seinen riesigen Dimensionen

-- sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die

Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden

Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir

Gelegenheit hatten.

Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen

grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige,

glühende Kugel war, die erst auf der Oberfläche in dem kalten,

interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese

ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden

Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und

während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige

Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen

erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene

herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne

ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische

Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie

heute -- durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht

vernichtet -- Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten

und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem

mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.

So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie

entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich

umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von

der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende,

flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze

Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und

wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem

schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu

mächtigen Ringbergen erstarrt ist.

Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten

dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen

und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten

riesige Strahlenstreifen vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo

einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten,

herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend,

daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt

...

Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen

Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins

gebildet wurde, die vom _Kopernikus_ ausging. Sie dient uns als

bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr

gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen dem _Archimedes_ und

_Timocharis_, die wir durchqueren müssen, führen wird. Den _Archimedes_

sieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine,

steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in

dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der »Krater«, die sich unter

dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir

hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden,

immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, --

neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren

Köpfen, -- die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite

bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne,

-- diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein

höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und

wir vier -- wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in

dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er

zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament

hervorbricht ...

Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe

an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon.

Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der

Brust dieses -- unter uns einzigen glücklichen Menschen.

Den ersten Mondtag, vier Stunden nach

Sonnenuntergang auf Mare

Imbrium, 10° westlicher Länge,

20° 28' nördlicher Mondbreite.

Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage

kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie

eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde

über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir

leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten

Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein

bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr

spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten

können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere

siebenhundertneunstündige Zeit sind.

Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl

hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser

gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung

bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen

sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem

Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war.

Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren

waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater,

von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns,

jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis,

als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im

Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont

zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht

nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen

wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster

unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne

und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen,

mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied

nehmen.

Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den

heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in

Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den

uferlosen Ozean tauchen sah.

Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am

Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die

ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen,

die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich

des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen

-- dieses Mädchen und diese Sonne.

Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe

sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen

Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und

da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde

wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die

Wüste starrend, den Kopf an Tomas' Schulter gelehnt.

Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am

wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte

die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.

Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman · 第 6 / 26 题