Fast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den
wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgeführt wurden.
Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen
Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des Assistenten am dortigen
Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der
Autor behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der vor fünfzig
Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der
Expedition in Händen habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf,
obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von
dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder gelesen hatten, wußten,
daß die kühnen Abenteurer ihr Leben einbüßten und zuckten die Achseln,
daß die für tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten
vom Monde schicken sollten.
Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte
Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte
Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript
vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentümliche Art
aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und
Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert
werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er
erklärte, daß es aus verkohlten Papieren bestände, deren Inhalt er erst
mit Hilfe künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer Mühe
und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. Diese
Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent beharrlich verschwieg,
wie er in den Besitz der mysteriösen Kugel gekommen war, machte die
Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete
mit einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen und begann
indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fünfzig Jahre
zurückliegenden Ereignisse zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man
an, sich zu wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es
gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- oder
Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fühlten, in
jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhörten und unwahrscheinlichen
Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von
Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in
dem »Waggon«, der durch den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden
auf die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin
lediglich aus den vorzüglichen, im »Licke-Observatory« gemachten
photographischen Aufnahmen kannte. Über alle Einzelheiten des
Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Porträts und ausführlichen
Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung
erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im letzten Augenblicke
zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur
»Abfahrt«. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen »albernen und
abenteuerlichen« Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer
Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt
interniert zu werden, waren jetzt empört über die »Feigheit und das
Zurücktreten« eines Menschen, der es offen aussprach, daß er hoffe, auf
der Erde ein gleich ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als
seine Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch erweckte die
Person, die sich für die freigewordene Stelle meldete. Es hieß
allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen könne, da die
Zeit zu kurz für das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem
sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. Sie waren
schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten gelangt. Man erzählte
sich, daß sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen
vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze
Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit
in einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre auf
den höchsten Bergen. Das Staunen war daher groß, als man erfuhr, daß der
Neuling von den »Lunatikern«, wie man sie nannte, aufgenommen sei und
ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller
Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen geheimnisvollen
Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemühungen der Reporter ließ er
keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen
weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen
geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten sich
ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst zwei Tage vor der
Abreise erschien eine nähere, im höchsten Grade phantastische Nachricht.
Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen,
den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die
verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied eine Frau in
Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war
übrigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschäftigen. Der große
Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt.
An der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition »die verwegene Fahrt
antreten sollte«, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein
Stelldichein gegeben.
Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden,
-- über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.
An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des
Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten
Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit
den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen
sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau
sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und
Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!
Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender,
durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt -- in einem Umkreis
von einigen hundert Kilometern -- den Beginn der abenteuerlichsten aller
Fahrten ...
Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der
Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung
der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der
Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von
Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in
der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast
senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in
der Gegend des »Sinus Medii«. Der Lauf des Projektils, der von
verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen
beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung
übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der
Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer
als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde
entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der
Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb.
Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst
durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte
die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil
eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick
auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen
vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug,
der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von
dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde
trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen
als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen
Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend
Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft
des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des
Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte
Depesche klang ganz aufmunternd: »Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen
vorhanden.«
Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition
aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten
dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei
sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre
Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten
vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von
dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition,
direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht
lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem
unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht
senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich
scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war,
fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen
schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere
mehr folgte.
Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition
auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht
täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die
begeistertsten Anhänger der »interplanetarischen Kommunikation«
verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch,
daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in
einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.
Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des
bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen
Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem
brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die
Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte,
begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte
sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf
welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und
wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten
Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu
besichtigen.
Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen:
»Eines Nachmittags,« erzählte der Assistent, »als ich bei der
Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete
mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es
war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten
Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um
erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er
erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht
bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich
mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte
und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer
Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein,
der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht
gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir
Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich
den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr
ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz
zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur
ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser
Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich
zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten
einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte.
Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit
Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem
Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte
_sie_ etwa jener herabgefallene Meteor sein?
In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition
vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß
hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten
Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren
Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen
auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und
brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über
jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht
erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich
war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel
eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre
verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die
Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus
ihnen doch noch etwas entziffern.
Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, daß ich niemanden zu
Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren höchst unsicher und, wie ich
zugeben muß, zu -- phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber
verlauten durfte.
Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man
aufdrehen mußte und befestigte sie also in einem starken Schraubstock,
um sie vor einer Erschütterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen
könnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach
langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem
ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel,
und zugleich schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mußte
die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; erst nach einer
Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder
aufnehmen.
Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein seltsames
Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast
gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hörte das
Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem,
obwohl es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich alles! Das
Innere der Kugel war vollständig leer! Das Zischen entstand durch das
Eindringen der Luft vermittels einer Öffnung, die sich durch die
Lockerung der Schraube gebildet hatte.
Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß die in der Kugel
vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein
dürften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben
mußte, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte!
Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach
Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wände mit
einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter,
aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus
Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm sie mit der
größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. Auf dem verkohlten
Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so
mürbe, daß es mir beinahe in der Hand zerfiel.
Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu
führen und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte
ich darüber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete
ich mich zu den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte,
richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente,
mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr
überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen einen größeren Widerstand
leisten würden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig
jedes Blatt des Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen
gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels
Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der
Übertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben,
wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich
miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht
unmöglich abzulesen.
Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so
weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit
weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der über den
Vorfall berichtete ... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit,
geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, daß es
von einem der fünf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem
Monde verfaßt und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.
Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen für sich
selbst sprechen.«
Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes vorausging,
fügte der Assistent einen kurzen Bericht über die Vorgeschichte der
damaligen Expedition bei.
Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen Astronomen
O'Tamor ausgegangen war, der einen glühenden Anhänger in dem jungen,
seinerzeit in Brasilien berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter
Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen
Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen zur
Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur
Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den
Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes
und wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung der
Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschäftigten
sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die
ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen
Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen
Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es
auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein
Kapital zur Verfügung, das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte,
von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.
Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf Personen bestehen,
darunter O'Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden
Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte
Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; statt
seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In
das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die
Brüder Remogner.
Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher
über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins
kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form
eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das
man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen
hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen
besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die
Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie
beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und
endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die
Vorräte des »transportablen Zimmers« auf.
Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon
lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und -- einseitig kennen. Trotz
der großartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des
zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen
Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen,
daß man alle Einzelheiten seiner Oberfläche erforschen könnte. Sich in
der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern
um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher
Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu
sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet.
Schärfere Gläser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden,
da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen Helligkeit
der Erdatmosphäre, nur ein unklares Bild erhält, so daß es sogar
unmöglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwächere Gläser
ganz deutlich beobachten kann.
Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugänglich.
Der Mond macht nämlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig
Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine
Drehung um seine Achse, so daß er immer mit derselben Seite seiner
Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine
zufällige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nähert sich,
seiner Form nach, einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der
Erde bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr
kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden
könnte.
Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt jedoch, ihn ganz
und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, die vom Bewohnen anderer
Planeten als der Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren
Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen
als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren
Anzahl mächtiger, kraterähnlicher Ringberge besät ist. Diese Bergriesen,
deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen
Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen Teil der uns
zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe großer, kreisförmiger
Flächen, die die ersten Selenographen »Meere« nannten. Diese Ebenen mit
steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet
werden, sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten
durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen
versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine ähnlichen Erscheinungen
vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal über hundert Kilometer lang und
einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern und
mehr.
Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche fast gar keine
Atmosphäre hat, daß der »Tag« auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn
unserer Tage gleichkommt, daß während dieses endlosen Tages ein
beständiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung
annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht einen Winter
repräsentiert, der kälter ist als die Winter in unseren antarktischen
Ländern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt,
diesen Planeten als ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der
Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich
in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern
und sichere Nachrichten über das der Erde am nächsten liegende Gestirn
geben zu können.
Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel
so schnell wie möglich zu durchdringen und auf die andere Seite des
Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne
Grund, erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl
der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, daß auch auf
der anderen Seite die Atmosphäre zu dünn sei, um atmen zu können; aber
O'Tamor nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen
stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens
vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdürftigsten
Nahrung genügend. Diese tollkühnen Forscher waren bereit ihr Leben zu
wagen, nur um dem sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse,
die er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. Der
Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie
ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurückgebliebenen, mit Hilfe des
mitgenommenen telegraphischen Apparates, würden mitteilen können,
verstärkte noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres
Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des
Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies vorfinden könnten, eine neue
Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie träumten, dann neue
Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu
gewinnen, -- von der Gründung einer neuen Gemeinschaft dort auf der
hellen Seite der in die stillen Nächte leuchtenden Kugel, -- von einer
neuen, vielleicht glücklicheren Menschheit ...
Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft-
und wasserlose wüste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde
zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine
Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast elftausend Kilometer;
wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten
Scheibe fallen würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu
machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen
und leben zu können. Das Projektil, in der Form eines länglichen, auf
der einen Seite kegelförmig geschlossenen Zylinders, war so
eingerichtet, daß es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln
ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, Wasser,
Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die für fünf Personen auf
ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heißt also noch für länger, als
man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.
Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen,
eine kleine Bibliothek und -- eine Hündin mit zwei Jungen. Es war dies
eine schöne große englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und
die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte.
All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in K.... erschienenen
Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung zu dem kurz darauf
herausgegebenen Manuskripte.
Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der
ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfaßt, setzten
sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden
sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des
wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der an ein
fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen
Meter über der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt.
Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes, von dem Assistenten
des Observatoriums in K.... herausgegeben und zusammengestellt ...