Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein

glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. "Und

als sie mir mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne,

als sie erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund,

dessen Wünsche einem Volk Befehle waren, mein gehörte und die Hoheit

einer Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe--da, da

sollte ich sie lassen?"

"Wie glücklich sind Sie! gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses

muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief

verdammen? Fassen Sie sich. Das Urteil der Welt kann Ihnen

gleichgültig sein, wenn Sie glücklich sind. Denn im ganzen trägt ja

wahrhaftig dies Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich,

wie Sie es selbst sich vorstellen!"

Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen

färbten sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen; "nicht so mild

müssen Sie mich beurteilen", sagte er mit dumpfer Stimme; "ich

verdiene es nicht. Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern

sollten. O--daß ich Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre

auslöschen könnte aus meinem Gedächtnis.--Ich will vergessen, ich

muß vergessen, ich werde wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse;

schaffen Sie Wein, Kamerad! ich will trinken, mich dürstet, es wütet

eine Flamme in mir, ich will mein Gedächtnis, meine Schuld ersäufen."

Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über

diese verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage; "er

ist leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt", sagte er zu

sich; "solche Menschen kommen leicht von einem Extrem ins andere. Er

sieht jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in

ihren Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick

berauscht ihn wieder die Wonne der Erinnerung." Der Wein kam, der

Major goß ein; der Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er

ging mit schnellen Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder,

blieb vor dem Freunde stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte

seine stillen Empfindungen nicht unterbrechen; er trank und

beobachtete über das Glas hin aufmerksam die Mienen, die Bewegungen

seines Freundes.

"Major!" rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder;

"welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?"

Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien

nachzusinnen und sagte dann: "Ohne Zweifel das, was das freudigste

Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden.--Ehre, gekränkte Ehre."

Der Graf lachte grimmig. "Lassen Sie sich die Taler wiedergeben,

Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht

gaben. Gekränkte Ehre?! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab

in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es

lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt

über die Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er

hat noch die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu

waschen, aber tiefer, Herr Bruder", rief er, indem er die Hand des

Majors krampfhaft faßte, "tiefer hinab in die Seele; welches Gefühl

ist noch schrecklicher?"

"Von einem habe ich gehört", erwiderte jener, "das aber Männer wie

wir nicht kennen--es heißt Selbstverachtung."

Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah den

Freund lange an. "Getroffen, Kamerad", sagte er, "das sitzt noch

tiefer. Männer wie wir pflegen es nicht zu kennen, es heißt

Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf

die Erde, ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die

Qual des Wankelmutes, Major?"

"Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus

aufs Ziel!"

"Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich

noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere

Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen

hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere

Trompeten ließen jene Arien aus den 'Krakauern' ertönen, jene Gesänge,

die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten;

diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust;

Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?"

"Dem Vaterland!" sagte der Major gerührt; "ja, damals, damals war ich

freilich wankelmütig!"

"Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren; der Teufel weiß das recht

hübsch zu machen, er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und

dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor! "

"Möglich; aber der Mann hat Kraft, dem treu zu bleiben, was er

gewählt hat."

"Das ist es", rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies eine Wort;

"das ist es, und daraus die Selbstverachtung; und warum besser

scheinen, als ich bin. Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen

Sie mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie

sind ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst

verachten, wissen Sie, ich bin--"

7.

"Bedaure, bedaure unendlich", sprach der Regisseur der Oper und

rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, "ich unterbreche

Hochdieselben?"

"Was bringen Sie uns?" erwiderte der Major, schneller gefaßt als der

unglückliche Freund; "setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht

unsern Wein; was führt Sie zu uns?"

"Die traurige Gewißheit, daß 'Othello' doch gegeben wird. Es hilft

nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich

ließ die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin

gebracht, daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt

der Satan gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt

vom.... ner Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um

Gastrollen, und stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten

Sonntag 'Othello' zu. Ich habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt

wurde; jetzt hilft kein Gott mehr dagegen, und doch habe ich

schreckliche Ahnungen!"

"Alter Herr!" rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu

sammeln. "Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann

Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar

gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab

der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte

sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und mich zu erwürgen. Freilich hat

sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer

meiner Vorfahren hat auch eine Krone getragen!"

"Freveln Sie nicht so schrecklich", entgegnete der Alte; "wie leicht

kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht

zu scherzen. Überdies habe ich heute nacht im Traum einen großen

Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt."

"Schreckliche Visionen, guter Herr!" lachte der Major. "Haben Sie

vielleicht vorher ein Gläschen zu viel getrunken? Und was ist

natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag

mit Todesgedanken umgehen!"

Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. "Gerade

Sie, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben", sagte er.

"Ich habe Sie nie gesehen, bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit dem

Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht

miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig."

"Immer köstlicher wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hieher

kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!"

"Brechen wir ab", erwiderte jener, "was kommen muß, wird kommen, und

wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt.

Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen.

Sie haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein

Vergnügen daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue

Sängerin zu zeigen."

Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie

immer seine Heftigkeit zu bereuen, und diese Zerstreuung kam ihm

erwünscht; auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage

schwer und drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen

Ausweg an, um einer nähern Erklärung seines Freundes, die er eher

fürchtete als wünschte, zu entfliehen.

8.

Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht

mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die

Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen

das Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen

Lippen schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn

sogar einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese

Stadt gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese

pflegte gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust

an der Sache selbst, oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und

ihre Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in

jeder Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten

Reisen, sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten

unmerklich manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen

Kritikers, wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann

vergaß oft stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele

quälten, so sehr wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.

So war 'Othello' zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man

anfangs nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die

sonderbaren Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatte,

nicht nur dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein

Wunder, daß sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu

entsprechen, kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag

entgegensah, der den Mohren von Venedig auf die Bretter rufen sollte.

Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu

fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man

war neugierig, wie sie sich am Theater ausnehme, wie sie Desdemona

geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein

höheres tragisches Spiel verlangte. Hiezu kam das leise Gerücht von

den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal 'Othello' begleitet hatten;

die älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach,

zweifelten, vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums

glaubte, der Teufel selbst werde eine Gastrolle im 'Othello'

übernehmen.

Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese

Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof,

wo er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über 'Othello'

sprach; nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu

ihm: "'Othello', hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer

Krankheitstante, Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen

haben wir es zu danken; wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein

Desdemona-Liedchen; wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein

Schwanengesang werden."

"Gibt es Ahnungen?" dachte der Major bei diesen flüchtig

hingeworfenen Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll

klangen; "die Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des

alten Regisseurs, seine Träume vom Trauergeleite und dieser

Schwanengesang!" Er sah der holden lieblichen Erscheinung nach, wie

sie froh und freundlich durch die Säle glitt, wie sie, gleich dem

Mädchen aus der Fremde, jedem eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein

freundliches Wort darreichte--"wenn der Zufall es wieder wollte",

dachte er, "wenn sie stürbe!" Er verlachte sich im nächsten

Augenblicke selbst, er konnte nicht begreifen, wie ein solcher

Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele kommen könne--er suchte mit

Gewalt dieses lächerliche Phantom aus seiner Erinnerung zu verdrängen

--umsonst! Dieser Gedanke kehrte immer wieder, überraschte ihn

mitten unter den fremdartigsten Reden und Gegenständen, und immer

noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu hören: "Wenn ich sterbe

--sei es mein Schwanengesang."

Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war

nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf

dem Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut

durchnäßte. Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat

daher den Major, sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf

dem Kopf, in einen seiner Überröcke gehüllt, trat der Major aus dem

Hause, um in seine eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen

gegangen sein, und immer war es ihm, als schleiche jemand allen

seinen Tritten nach. Er blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter

ihm stand ein hagerer, großer Mann in einem abgetragenen Rock. "Dies

an Sie, Herr!" sagte er mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick,

drückte dem Erstaunten ein kleines Billet in die Hand und sprang um

die nächste Ecke. Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in

der völlig fremden Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen

sollte? Er betrachtete das Billet von allen Seiten, es war ein

feines, glänzendes Papier, in eine Schleife künstlich

zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee gesiegelt. Keine

Aufschrift. "Vielleicht will man sich einen Scherz mit dir machen",

dachte er und öffnete es sorglos noch auf der Straße; er las und

wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier

in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu.

Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht

gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein

der Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen.

"Elender! Du kannst Dein Weib, Deine kleinen Würmer im Elend

schmachten lassen, während Du vor der Welt in Glanz und Pracht

auftrittst? Was willst Du in dieser Stadt? Willst Du ein

ehrwürdiges Fürstenhaus beschimpfen; seine Tochter so unglücklich

machen, als Du Dein Weib gemacht hast! Fliehe; in der Stunde, wo Du

dieses liesest, weiß Pr. Sph. das schändliche Geheimnis Deines

Betrugs."

Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese Zeilen an den

Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht weil er in des

Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in seine Hände geraten

seien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Verzweiflung

klar; es war Reue, Selbstverachtung, die in einzelnen Momenten die

glänzende Hülle durchbrochen, womit er sein trügerisches Spiel

bedeckt hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch

immer in der Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts

anderes bedeuten als den Namen des holden, jetzt so unglückseligen

Geschöpfes, das jener gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen

hatte. Der Major war ein Mann von kaltem, berechnendem Blick, von

starkem, konsequentem Geiste; er hatte sich selten oder nie von einem

Gegenstand überraschen oder außer Fassung setzen lassen, aber in

diesem Augenblick war er nicht mehr Herr über sich; Wut, Grimm,

Verachtung kämpften wechselweise in seiner Seele. Er suchte sich zu

bezwingen, die Sache von einem milderen Gesichtspunkt anzusehen, den

Grafen durch seinen Charakter, seinen grenzenlosen Leichtsinn zu

entschuldigen; aber der Gedanke an Sophie, der Blick auf "das Weib

und die armen kleinen Würmer" des Elenden verjagten jede mildernde

Gesinnung, brausten wie ein Sturm durch seine Seele; ja, es gab

Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand hinzuckte, um die

Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann noch in dieser

Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn bewirkte, was

mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken konnten; "er muß fort,

noch diese Stunde", rief er; "die Unglückliche, die er betörte, darf

um keinen Preis erfahren, welchem Elenden sie ihre erste Liebe

schenkte. Sie soll ihn beweinen, vergessen; ihn verachten zu müssen,

könnte sie töten." Er warf diese Gedanken schnell aufs Papier, raffte

eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte den

unglücklichen Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an den

Grafen.

Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major

heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch glaubte er es der

Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten Warnung zu

bewahren. Er sann hin und her, wie er dies möglich machen könne, es

blieb ihm nichts übrig, als sie zu beschwören, keinen Brief von

fremden Händen anzunehmen.

Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen, als sein

Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen noch in der Hand.

"Seine Exzellenz sind soeben abgereist", sagte er und legte das Paket

auf den Tisch.

"Abgereist?" rief der Major, "nicht möglich!"

"Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; soll ich ihn

hereinbringen?"

Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend

einen Brief übergab. Er riß ihn auf "Leben Sie wohl auf ewig! Der

Brief, der, wie ich soeben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände

kam, wird meine Abreise sans Adieu entschuldigen. Wird mein Kamerad

von sechs Feldzügen einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen

Namen in allen Blättern aufrufen zu hören? wird er die wenigen Posten

decken, die ich nicht mehr bezahlen kann?"

"Wann ist Euer Herr abgereist?"

"Vor einer Viertelstunde, Herr Major!"

"Wußtet Ihr um seine Reise?"

"Nein, Herr Major! Ich glaube, Seine Exzellenz wußten es heute

nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute abend ins

Theater fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ

mich folgen. Da begegnete ihm an der reformierten Kirche ein großer,

hagerer Mann, der bei seinem Anblick sehr erschrak. Er ging auf

meinen Herrn zu und fragte, ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr

bejahte es; darauf fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein

Billet empfangen? Der Herr Graf verneinte es.

Nun sprach der fremde Mann eine Weile heimlich mit meinem Herrn; er

muß ihm keine gute Nachricht gegeben haben, denn der Herr Graf wurde

blaß und zitterte; er kehrte um nach Hause, schickte den Kutscher

nach Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer packen; der

Reisewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit den

Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Süder Tor

hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich glaube für immer."

Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl

ihm, den nächsten Morgen wieder zu kommen und fuhr ins Theater. Die

Ouvertüre hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er warf sich

auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge beobachten

konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und Anmut saß

Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor Freude zu

strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den

feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln.. vielleicht der

Nachklang eines heiteren Scherzes--sie hatte ja jetzt ihren Willen

durchgesetzt, 'Othello' war es, der den Saal und die Logen des Hauses

gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie

letzthin schien sie eifrig im Hause nach etwas zu suchen--argloses

Herz; du schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen

Blicke werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob

nicht sein Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den

schönen Nacken zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe,

gebietende Gestalt wird sich dir nicht mehr nahen.

Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung und

Trauer lagerte sich unter den blonden Locken, die schönen Bogen der

Brauen zogen sich zusammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen

des Unmuts sehen. Die feinen seidenen Wimpern senkten sich wie eine

durchsichtige Gardine herab, sie schien zu sinnen, sie zeichnete mit

der Lorgnette auf die Brüstung der Loge.--Sind es vielleicht seine

Chiffern, die sie in Gedanken versunken vor sich hinschreibt? Wie

bald wird sie vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele

füllt!

Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als er Sophie

betrachtete. "Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet", dachte er,

"aber nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den sie liebte."

Der Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich seiner aufs neue; er

drückte die Augen zu, verfluchte die menschliche Natur, die durch

Leichtsinn und Schwäche aus einem erhabenen Geist, aus einem tapfern

Mann einen ehrvergessenen, treulosen Betrüger machen könne.

Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten

Augenblicke in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten

Zwischenakt 'Othellos' in die fürstliche Loge kam. Es war ihm zu Mut,

als habe er selbst an Sophien gefrevelt, als sei er es, der ihr Herz

brechen müsse. Der Gedanke war ihm unerträglich, sie arglos,

glücklich, erwartungsvoll vor sich zu sehen und doch zu wissen, welch

namenloses Unglück ihrer warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten

ihm sogleich; sie hatte wohl oft nach der Türe gesehen. Mit hastiger

Ungeduld übersah sie einen Prinzen und zwei Generale, die sich ihr

nahen wollten, sie winkte den Major heran. "Haben wir jetzt unsern

'Othello'?" sagte sie; "Sind Sie nicht auch glücklich,

erwartungsvoll?--doch einen unserer Othelloverschworenen sehe ich

nicht", flüsterte sie leiser, indem sie leicht errötete; "der Graf

ist sicherlich hinter den Kulissen, um recht warmen Dank zu verdienen,

wenn er alles recht schön machen läßt?"

"Verzeihen Euer Hoheit", erwiderte der Major, mühsam nach Fassung

ringend; "der Graf läßt sich entschuldigen, er ist schnell auf einige

Tage verreist."

Sophie erbleichte; "verreist, also nicht in der Oper? Wohin riefen

ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist gewiß ein Scherz,

den Sie beide zusammen machen", rief sie, "glauben Sie denn, er werde

nur so schnell weggehen, ohne sich zu beurlauben? Nein, nein, das

gibt irgend einen hübschen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein

gewisses Briefchen zukam."

Der Major erschrak, daß er sich an dein nächsten Stuhl halten mußte.

"Ein Briefchen!" fragte er mit bebender Stimme, eine schreckliche

Ahnung stieg in ihm auf.

"Ja, ein zierliches Billetchen", sagte sie und ließ neckend das Ende

eines Papiers unter dem breiten Bracelet hervorgehen, das ihren

schönen Arm umschloß. "Ein Briefchen, das man recht geheimnisvoll

mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Sie sind im

Komplott. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es zu öffnen,

denn einen solchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber

sobald ich in mein Boudoir komme--"

"Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir das Billet",

sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen gefoltert; "es ist

gar nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte Hände gekommen."

"So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das soll mir

Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! An eine Dame

war es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, daß es gerade in

meine Hände kam."

Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber der Prinz fuhr

mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale fielen mit Fragen und

Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. Verfolgt von

schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge zurück, er preßte seine

Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu sehen, und immer

wieder mußte er von neuem hinschauen, mußte von neuem die Qualen der

Angst, die Gewißheit des nahenden Unglücks mit seinen Blicken

einsaugen.

Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in tausend

Lichtern, ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie drangen wie

tausend Pfeile in sein Herz. "Welchen Jammer verschließen jene

Diamanten! Wenn sie im einsamen Gemach diese Bänder öffnet, öffnet

sie nicht zugleich die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls

schlägt an diese unseligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten

pocht; wird es nicht stille stehen, wenn das Siegel springt und das

ahnungslose Auge auf eine furchtbare Kunde fällt?"

Othello(#6725) · 第 2 / 3 段