Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde zogen flüsternd

durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang--ihren

Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen diese

melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so kindlich ist dieses

Lied, und doch von so hohem tragischem Effekt! Man fühlt sich bange

und beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schicksal ihrer warte, man

glaubt den Mörder in der Ferne schleichen zu hören, man fühlt die

unabwendbare Macht des Schicksals näher und näher kommen, es

umtauscht sie wie die Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft,

arglos wie ein süße Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut

zittert in weichen Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen,

liebewarmen Herzen, für das der Stahl schon gezückt ist. Sie

flüstert Liebesgrüße in die Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird;

ihre Sehnsucht scheint ihn in ihre Arme zu rufen, er wird kommen--

sie zu morden; sie betet für ihn, Desdemona segnet ihn der ihr den

Fluch gibt.

Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und Sophien. Sie

lauschte in Wehmut versunken auf das Lieblingslied, eine Träne hing

in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt über ihr eigenes Geschick; die

Akkorde der Harfe vorschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor sich

hin. "Wenn ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein",

klang es in der Erinnerung des Majors; "wahrlich! sie hat wahr

gesagt", sprach er zu sich, "es war der Schwanengesang ihres Glückes."

Othello trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr auf

die Oper gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie spielte mit

dem Schloß; ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmut, ihre Blicke

streiften nach der Loge des Majors herüber--er strengte angstvoll

seine Blicke an--Gott im Himmel, sie schiebt das unglückselige

Papier hervor und verbirgt es in ihr Tuch--er glaubt zu sehen, wie

sie heimlich das Siegel bricht--verzweiflungsvoll stürzt er aus

seiner Loge den Korridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn

mit unsichtbarer Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch

einige Schritte entfernt--da hört er ein Geräusch in dem. Haus, man

kommt aus der Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich an ihm

vorüber, eine schreckliche Ahnung sagt ihm schon vorher, was es,

bedeute, er fragt, er erhält die Antwort. "Prinzessin Sophie ist

plötzlich in Ohnmacht gesunkenen!"

9.

Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach diesem

Vorfall der Major Larun in seinem Zimmer. Seine Stirne ruhte in der

Hand, sein Gesicht war bleich, seine Augen halb geschlossen, der

sonst so starke Mann zerdrückte manche Träne, die sich über seine

Wimpern stehlen wollte. Er dachte an das schreckliche Geschick, in

dessen innerstes Gewebe ihn der Zufall geworfen; er sah alle diese

feinen Fäden, die, wenigen Augen außer ihm sichtbar, so lose sich

anknüpften; er sah, wie sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und

gedoppelt zu einem nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches

Herz sich schlangen. Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese

trüben Erinnerungen; sein alter Waffenfreund, ein so glänzendes

Meteor am Horizont der Ehre, ein so braver Soldat und jetzt ein

Elender, Ehrvergessener, der, ohne nur entfernt einen andern Ausgang

erwarten zu können, mit allen Künsten der Liebe die unbewachten Sinne

eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes betörtet. In diese Gedanken

mischte sich das Bild dieses so unendlich leidenden Engels, mischte

sich die Angst vor einer Szene, welcher er in der nächsten Stunde

entgegengehen sollte. Eine angesehene Dame, die Oberhofmeisterin der

Prinzessin Sophie, hatte ihn diesen Nachmittag zu sich rufen lassen.

Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von einer schweren Krankheit

befallen sei, daß die Ärzte wenig Hoffnung geben, denn sie nennen

ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte ihm weiter, die

Prinzessin habe ihr alles gesagt, sie habe ihr kein Wort dieses

strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß in der

Residenz nur ein Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher

gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit einer Angst, einem

Verlangen, das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf,

mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. Die Oberhofmeisterin wüßte wohl,

wie sehr dies gegen die Vorschriften laufe, welche die Etikette ihr

auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies

eine Geschäft auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über

die Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den

Vorschlag zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu

der Kranken zu gehen.

Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr nichts

Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so tiefen Gram

das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich werden müsse.

Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, von ihrem

Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten Tage so bestimmt zu

werden, daß sein lauter Schmerz sie noch unglücklicher machte? Er

war noch in diese Gedanken versunken, als ihm gemeldet wurde, daß man

ihn erwarte; die alte Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem

Hause; er setzte sich schweigend neben ihre Seite.

"Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden", sagte diese Dame

mit Tränen; "ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken,

daß in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes

liegen könne. Wenn Sie ihr keinen Trost geben können, so verlischt

sie uns wie eine Lampe, die kein Öl mehr hat, um ihre Flamme zu

nähren; und wollten Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese

Gefühle in ihren Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich

beinahe wünschen müßte, sie möge eher sterben, als ihrem Hause

Schande machen."

"Also werde ich ihr den Tod bringen müssen", sagte der Major bitter

lächelnd;--"weiß man in der Familie um diese Geschichten? Was denkt

man von der Krankheit?"

"Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt

weiß nicht anders, als daß sie sich erkältet haben muß; die törichten

Leute bringen auch noch die fatale Oper ins Spiel und lassen sie am

'Othello' sterben. Was wir beide wissen, weiß sonst niemand; es gibt

einige Damen, die dieses Verhältnis früher ahnten, aber nicht genau

wußten."

"Und doch fürchte ich", entgegnete der Major, indem er seinen

durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite heftete, "ich

fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. Man hat

dieses Verhältnis geahnt, nachgespürt, es wurde zur Gewißheit, man

suchte eine Trennung herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des

Grafen aus--"

"Glauben Sie?" sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit bebenden

Lippen, indem sie umsonst versuchte, den Blick des Majors auszuhalten.

"Man forschte diese Verhältnisse aus", fuhr der Major fort; "man

suchte ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm drohte, der

Prinzessin zu sagen, daß er verheiratet sei. Bis hieher war der Plan

nicht übel; es gehörte einem solchen Elenden, daß man nicht gelinder

mit ihm verfuhr. Aber man ging weiter; man wollte auch die

unglückliche Dame schnell von ihrer Liebe heilen, man machte sie mit

dem Geheimnis des Grafen bekannt, man glaubte, sie werde alles über

Nacht vergessen. Und hier war der Plan auf die Nerven eines

Dragoners berechnet, aber nicht auf das Herz dieses zarten Kindes."

"Ich muß bitten, zu bedenken", entgegnete die Oberhofmeisterin mit

ihrer früheren Kälte, aber mit flehenden Blicken, "daß dieses zarte

Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses ist, daß sie erzogen

wurde, um mit Anstand über solche Mißverhältnisse wegzugehen. Sollte

wirklich irgend ein solcher Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich

die Handelnden nicht tadeln, sie haben wahrhaftig geschickt operiert

-"

"Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben", unterbrach sie

der Major.

"Ich hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten--"

"Sie?" sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; "von Ihnen, gnädige

Frau, sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, die

Operierenden."

Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige Augenblicke

nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais angelangt. Ein

alter Diener führte sie durch ein Labyrinth von Korridoren und

Treppen. Endlich wurden die Gänge breiter, die Beleuchtung auf

elegantere Art angebracht, der Major bemerkte, daß sie in den

bewohnteren Flügel des Schlosses gelangt seien. Der Alte winkte in

eine Seitentüre. Der Weg ging jetzt durch mehrere Gemächer, bis in

einen Salon, der wohl zu den Appartements der Prinzessin gehören

mochte, als die Oberhofmeisterin dem Major zuflüsterte, er möchte

einstweilen in einem Fauteuil sich gedulden, bis sie ihn rufen lasse.

Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. Sie

sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein

mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als 'Garde de Dame' an die

Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, wenn man nicht gar zu

laut spreche. Übrigens dürfe er nicht länger als eine

Viertelstunde bleiben. Der Major trat ein. Das prachtvolle Gemach

mit seinen schimmernden Tapeten und goldenen Leisten, die reiche

Draperie der Gardinen, die bunten Farben des türkischen Fußteppichs

taten seinem Auge wehe, denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen

kranken Körper nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und

wie groß war der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung und

diesem zarten, lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand

auf einer prachtvollen Ottomane lag.

Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes Wesen zum

erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die

Seele des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte Schönheit,

ihre stille Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher

Liebenswürdigkeit, was ihn angezogen hatte. Wohl blendete ihn damals

der Glanz der frischen, jugendlichen Farben, die lebhaft strahlenden

Augen, jenes gewinnende, huldvolle Lächeln, das ihre feinen rosigen

Lippen umschwebte. Ein Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift;

aber gab ihr nicht diese durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in

dem sinnigen Auge, dieser wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr

scherzte, eine noch erhabenere Schönheit, einen noch gefährlicheren

Zauber? Der Major stand einige Schritte von ihr stille und

betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie winkte ihm nach einem

Taburett, das zu ihren Füßen stand, sie sprach, ihre Stimme hatte

zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre heiteren Scherze,

ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese weichen, rührenden

Töne drangen tiefer.--"Es wäre töricht von mir, Herr Baron", sprach

sie, "wollte ich Sie lange in Ungewißheit lassen, warum ich Sie rufen

ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als seinen besten Freund, von

einem Verhältnis unterrichtet hat, das nie hätte bestehen sollen.--

Erinnern Sie sich noch des Abends in 'Othello'? Ich sagte Ihnen von

einem Billet, das ich bekommen habe, ich erinnere mich, daß Sie mir

es wiederholt abforderten; warum haben Sie das getan?"

"Warum, fragen Euer Durchlaucht? weil ich den Inhalt ahnte, zu wissen

glaubte."

"Also doch!" rief sie, und eine Träne drang aus ihrem schönen Auge;

"also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie

sah, für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältnisse des Grafen

wußten, warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht

den Schmerz erspart, ihn verachten zu müssen?"

"Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre schwören",

entgegnete der Major, "daß ich kaum eine Stunde, bevor ich zu Eurer

Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse durch ein Papier

erfahren habe, das durch Zufall, statt in des Grafen Hände, in die

meinigen kam. Als ich den Grafen darüber zur Rede stellen wollte,

hatte er schon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnte

aus gewissen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch Sie nicht

verschont bleiben würden; umsonst versuchte ich das unglückliche

Blättchen Eurer Durchlaucht abzuschwatzen."

"Sie glauben also an diese Erfindung?" fragte Sophie, indem ihre

Tränen heftiger strömten; "ach, es ist ja nur ein Kunstgriff gewisser

Leute, die ihn von uns entfernen wollten. Lesen Sie dieses Billet,

es ist dasselbe, das ich erhielt; gestehen Sie selbst, es ist

Verleumdung!"

Der Major las: "Der Graf v. Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt

in Avignon; drei kleine Kinder weinen um ihren Vater.--Sollte eine

erlauchte Dame so wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, ihn

diesen Banden noch länger zu entziehen?"

Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes Billets, das

er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in diese Zeilen; er

wagte nicht, aufzuschauen, er wußte nicht zu antworten; denn seine

strengen Begriffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen seine

Überzeugung zu sprechen; das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn

ihre Hoffnung nicht so grausam niederschlagen.

"Sehen Sie", fuhr sie fort, als er noch immer schwieg "wie ich dieses

Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten mich jene

schrecklichen Worte Gatte, Vater wie eine Stimme des Gerichtes. Die

Sinne schwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber so oft ich

nur eine Stunde mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder;

ich glaube, Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein,

er kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch,

Major, seien Sie freundlich.

--Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verspotten, weil ich mich durch

diese Zeilen so ganz außer Fassung bringen ließ--aber nicht wahr,

Sie meinen selbst, es ist eine Lüge, es ist Verleumdung?"

Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie hing so

erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte ein Wort von ihm

sie ins Leben rufen ihr Auge strahlte wieder, jenes holde Lächeln

erschien wieder auf ihren lieblichen Zügen--sie lauschte wie auf die

Botschaft eines guten Engels.

Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand

allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge senkte sich,

der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, das zarte Rot, das

noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; sie senkte ihre Stirne

in die schöne Hand, sie verbarg ihre weinenden Augen.

"Ich sehe", sagte sie, "Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen zu

schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden müßten. Ich

danke Ihnen, auch für diese schreckliche Gewißheit. Sie ist immer

besser als das ungewisse Schweben zwischen Schmerz und Freude; und

nun, mein Freund, nehmen Sie dort das Kästchen, suchen Sie es ihm

zuzustellen, es enthält manches, was mir teuer war--doch nein,

lassen Sie es mir noch einige Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es

nicht mehr brauche.

Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben", fuhr sie nach

einigen Augenblicken fort; "ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber

warum muß ich gerade nach diesem fatalen 'Othello' krank werden?"

"Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen Augenblick Ew.

Durchlaucht Sorge machen könnte!" sagte der Major.

"Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man

mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben.

Eine ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter

Seide auf mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer

stärker auf mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein

Großoheim, der Herzog Nepomuk, geradeso, wie er gemalt in der Galerie

hängt, und befreite mich von dem beengenden Druck, und das

Sonderbarste ist--"

"Nun?" fragte der Baron lächelnd, "was fing denn der gemalte Herzog

mit Desdemona an;"

Die Prinzessin staunte. "Woher wissen Sie denn, daß die Dame

Desdemona ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?"

Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. "Was ist natürlicher",

antwortete er dann, "als daß Sie von Desdemona träumen? Sie hatten

sie ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen."

"Sonderbar, daß Sie auch gleich auf den Gedanken kamen. Das

Sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite,

ich wachte in der Tat auf und sah--wie jene Dame mit dem Plumeau

unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träume

ich immer dasselbe, immer beengender wird ihr Druck, immer später

kommt mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus

dem Zimmer schweben Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen

ließ und mein liebes Desdemona-Liedchen spielte, da--spotten Sie

immer über mich! da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer

und nickte mir zu."

Sie hatte dieses halb scherzend, halb in Ernst erzählt; sie wurde

ernster; "nicht wahr, Major", sagte sie, "wenn ich sterbe, gedenken

Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert."

"Prinzessin!" rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu

bezwingen suchte, "entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich

zu Ihrer Genesung heilsam sein können!"

Die Oberhofmeisterin erschien in der Türe und gab ein Zeichen, daß

die Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand

zum Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe

und Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er erhob sein Auge

noch einmal zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut

auf ihm ruhten. Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher;

der Major stand auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten

gesellschaftlichen Formen sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in

wenigen Minuten so teuer geworden war.

"Ich hoffe", sagte er, "Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz

hergestellt wiederzusehen."

"Sie hoffen, Major?" entgegnete sie schmerzlich lächelnd; "leben Sie

wohl, ich habe zu hoffen aufgehört."

10.

Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der Krankheit der

geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie bald sehr krank, bald

gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für alle, die sie näher

kannten, schrecklich war. An einem Morgen, sehr frühe, brachte ein

Diener dem Major ein Kästchen. Ein Blick auf dieses wohlbekannte

Behältnis und auf die Trauerkleider des Dieners überzeugten ihn, daß

die Prinzessin nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche

Wesen ihm, ihm allein gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde,

und doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele

berührt als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch ein Geschäft

auf der Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an seinen Ort zu

befördern; er würde diese Stadt, die so drückende Erinnerungen für

ihn hatte, sogleich verlassen haben, hätte ihn nicht das Verlangen

zurückgehalten, ihre sterblichen Reste beisetzen zu sehen. Als die

feierlichen Klänge aller Glocken, als die Trauertöne der Musik und

die langen Reihen der Fackelträger verkündeten, daß Sophie zu der

Gruft ihrer Ahnen geführt werde, da verließ er zum erstenmal wieder

sein Haus und schloß sich dem Zuge an. Er hörte nicht auf das

Geflüster der Menschen, die sich über die Ursachen ihrer Krankheit,

ihres Todes besprachen; er hatte nur einen Gedanken, nur jener

Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf ihm geruht hatte, wo seine

Lippen ihre Hand berührten, stand vor seiner Seele. Man nahm die

Insignien ihrer hohen Geburt von der Bahre, man senkte sie langsam

hinab zum Staub ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich, die Begleiter

löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle; der Major warf

noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden war, und ging.

Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann,

der heftig weinte.--Als der Major an seiner Seite war, sah jener

sich um, es war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm,

sah ihn lange an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann:

"Möchten Sie nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes

liebliche Kind, das man begraben hat, wäre noch am Leben?"

"Warum mahnen Sie mich!" rief der Major mit unwillkürlichem Grauen;

"ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir

beide gehen nebeneinander von ihrem Grab."

"Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen", sagte der Alte

mit trübem Ernst. "Ist es heute nicht elf Tage, daß wir 'Othello'

gaben? Am achten ist sie gestorben."

"Zufall, Zufall!" rief der Major. "Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch

jetzt noch fortsetzen? weiß ich nicht nur zu gut, an was sie starb?

Wohl hat ein Dolch ihre Seele, wie Desdemonas Brust, durchstoßen; ein

Elender, schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber

dennoch ist es Aberglauben, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre

Oper zusammenreimen!"

"Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig", sagte der Alte mit

Tränen. "Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie

ich es weiß, in meiner Opernchronik notifizieren. Es hat so kommen

müssen!"

"Nein!" erwiderte der Major beinahe wütend, "nein, hat nicht so

kommen müssen; ein Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet.

Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren 'Othello' nicht ins Spiel; es

ist Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!"

"Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung.

Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine

Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen", setzte der Alte

hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte,

"das Faktum ist da, sie starb--acht Tage nach 'Othello'."

Ende diese Projekt Gutenberg Etextes Othello, von Wilhelm Hauff.

Othello(#6725) · 第 3 / 3 段