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Othello
Wilhelm Hauff
Wie? Wann? und Wo? Die Götter bleiben stumm!
Du halte dich ans Weil, und frage nicht Warum?
Goethe
1.
Das Theater war gedrängt voll; ein neuangeworbener Sänger gab den Don
Juan. Das Parterre wogte, von oben gesehen, wie die unruhige See,
und die Federn und Schleier der Damen tauchten wie schimmernde Fische
aus den dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn mit
dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen, und
heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden Farben der
reichen Turbans, der wehenden Büsche, der bunten Schals an das Licht
hervor. Wie glänzend sich aber auch der reiche Kranz von Damen um
das Amphitheater zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches,
liebliches Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und
hold die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht zu
wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, denn
diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich reinen,
milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe--nicht zur Verehrung
aus der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzessin Sophie
diesen frevelhaften Gedanken geahnet hätte--auch ihr Anzug entsprach
diesem Bilde einfacher, natürlicher Schönheit; sie schien jeden
Schmuck, den die Kunst verleiht, dem stolzen Damenkreis überlassen zu
haben.
"Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist", sprach in einer der
ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen Gesandten, der
neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin durch das Opernglas;
"wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende Auge ein klein wenig
zudrückt und dann mit unbeschreiblichem Reiz wieder aufschlägt, wenn
sie mit der kleinen niedlichen Hand dazu agiert--man sollte glauben,
aus so weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen
zu können."
"Es ist erstaunlich!" entgegnete der Gesandte.
"Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur Maske sein?
Sie sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte unglücklich lieben
und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige Frau!" wandte sich der
Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, "gestehen Sie, Sie wollen mich
mystifizieren, weil ich einiges Interesse an diesem Götterkinde
genommen habe."
"Mon dieu! Baron", sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, "Sie glauben
noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich Ihnen sagte; sie
liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der
nichts dergleichen entgeht. Und wie? meinen Sie, eine Prinzeß, die
von Jugend auf zur Repräsentation erzogen ist, werde nicht Tournüre
genug haben, um ein so unschickliches Verhältnis den Augen der Welt
zu verbergen?"
"Ich kann es nicht begreifen", flüsterte der Fremde, indem er wieder
sinnend nach ihr hinsah; "ich kann es nicht fassen; diese Heiterkeit,
dieser beinahe mutwillige Scherz--und stille, unglückliche Liebe?
Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!"
"Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie ahnet wohl
nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung weiß; der
Amoroso ist in der Nähe--"
"Ist in der Nähe? o bitte, Madame! zeigen sie mir den Glücklichen,
wer ist er?"
"Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, die ich der
Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, daraus wird nichts.
Sie können zwar in Warschau wieder erzählen, was Sie hier gesehen und
gehört haben, aber Namen? Nein, Namen zu nennen in solchen Affären,
ist sehr unschicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden."
Die Ouvertüre war ihrem Ende nahe, die Töne brausten stärker aus dem
Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer waren fest auf den Vorhang
gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu sehen; doch der Fremde in
der Loge der russischen Gesandtschaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne,
kein Auge für das Stück; er sah nur das liebliche, herrliche Kind,
das ihm um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen,
freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen,
einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen aufgehört; sie
lauschten auf die Musik; Sophiens Augen glitten durch das gefüllte
Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu suchen. "Ob sie wohl nach
dem Geliebten ihre Blicke aussendet?" dachte der Fremde; "ob sie die
Reihen mustert, ihn zu sehen, ihn mit einem verstohlenen Lächeln, mit
einem leisen Beugen des Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu
begrüßen, welche stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge
beglückt, bezaubert?" Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über
Sophiens Züge, sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal
nach der Türe ihrer Loge; die Türe ging auf, ein großer, schöner
junger Mann trat ein und näherte sich einer der älteren Damen; es war
die Herzogin F., die Mutter der Prinzessin. Sophie spielte
gleichgültig mit der Brille, die sie in der Hand hielt; aber der
Fremde war Kenner genug, um in ihrem Auge zu lesen, daß dieser und
kein anderer der Glückliche sei.
Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, die
Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die
Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte freundlich auf,
sie schien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte,
der junge Mann wandte sich um, und--"mein Gott! Graf Zronievsky!"
rief der Fremde so laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner
Seite heftig erschrak und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der
Hand faßte und neben sich auf den Stuhl niederriß.
"Um Himmels willen, was machen Sie für Skandal", rief die erzürnte
Dame; "die Leute schauen rechts und links nach uns her; wer wird denn
so mörderisch schreien? Es ist nur gut, daß sie da unten gerade
ebenso mörderisch gegeigt und trompetet haben, sonst hätte jedermann
Ihren Zronievsky hören müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen?
Sie wissen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!"
"Kein Wort weiß ich", erwiderte der Fremde; "wie kann ich auch wissen,
wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit drei Stunden hier bin.
Warum vermeiden Sie es, ihn zu sehen?"
"Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können Ihnen nicht
unbekannt sein", sprach der Gesandte; "er ist verwiesen, und es ist
mir höchst fatal, daß er gerade hier und immer nur hier sein will.
Er hat sich unverschämterweise bei Hofe präsentieren lassen, und so
sehe ich ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die
Verhältnisse, daß ich ihn ignoriere. Überdies macht mir der fatale
Mensch sonst noch genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen,
wovon er lebe und so glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert
sind; und ich weiß es nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, Baron?"
Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah unverwandt nach
der fürstlichen Loge; er sah, wie Zronievsky mit der Fürstin und den
andern Damen sprach, wie nur sein feuriges Auge hin und wieder nach
Sophien hinglitt, wie sie begierig diesen Strahl auffing und
zurückgab. Der Vorhang flog auf, der Graf trat zurück und verschwand
aus der Loge; Leporello hub sein Klagen an.
"Sie kennen ihn, Baron?" flüsterte der Gesandte; "wissen Sie mir
Näheres über seine Verhältnisse--"
"Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient."
"Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; sahen Sie sich
oft? kennen Sie seine Ressourcen?"
"Ich habe ihn nur gesehen", warf der Fremde leicht hin, "wenn es der
Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein
braver Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier ist."
Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten glaubte, sei es,
daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch weitere Fragen Mißtrauen
zu zeigen. Auch der Fremde bezeugte keine Lust, das Gespräch weiter
fortzusetzen; die Oper schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und
dennoch war es ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele
unablässig beschäftigte. "Also hieher hat dich dein unglückliches
Geschick endlich getrieben?" sagte er zu sich, "armer Zronievsky!
Als Knabe wolltest du dem Kosciusko helfen und dein Vaterland
befreien; Freiheit und Kosciusko sind verklungen und verschwunden.
Als Jüngling warst du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler,
denen du folgtest, begeistert, man hat sie zerschlagen; du hattest
dein Herz so lange vor Liebe bewahrt, sie findet dich endlich als
Mann, und siehe--die Geliebte steht so furchtbar hoch, daß du
vergessen oder untergehen mußt!"
Das Geschick seines Freundes, denn das war ihm Graf Zronievsky
gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er versank in jenes
Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse vergißt, und der
Gesandte mußte ihn, als der erste Akt der Oper zu Ende war, durch
mehrere Fragen aus seinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch
das Klatschen und Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.
"Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt", sagte der Gesandte,--"sie
behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, wischen Sie diesen
Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge
führen und präsentieren."
Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst nicht warum;
erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging, als er sich der
fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude sei, was sein
Blut in Bewegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Wesen nahe zu
sein, dessen stille Liebe ihn so sehr anzog.
2.
Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter Güte. Sie
selbst präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und der Name Larun
schien in den Ohren des schönen Kindes bekannt zu klingen; sie
errötete flüchtig und sagte, sie glaube gehört zu haben, daß er
früher in der französischen Armee diente. Es war dem Baron nur zu
gewiß, daß ihr niemand anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte;
es war ihm um so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme
auf ihm, wie auf einem Bekannten, ruhte, als sie gerne die Rede an
ihn zu richten schien.
"Sie sind fremd hier", sagte die Herzogin, "Sie sind keinen Tag in
diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen sein; ich
fordere Sie auf, seien Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der Natur
geheimnisvolle Kräfte geben, die--die, wie soll ich mich nur
ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil
bringen können?"
"Sie sind nicht unparteiisch, Mutter", rief die Prinzessin lebhaft.
"Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, die Sinne
des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im
Zwischenraum von vielen Jahren von einem Hause nach und nach sechs
Dachziegel gefallen wären und einige Leute getötet hätten, würden Sie
nicht mehr an diesem Hause vorübergehen?"
"Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle Kräfte
liegen, welche--"
"Wie mutwillig!" unterbrach ihn die Herzogin, "Sie wollen mich mit
meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause schicken; aber nur Geduld;
das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz--"
"Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt", rief jene;
"die Sache ist so: wir haben hier eine sehr hübsche Oper, man gibt
alles Mögliche, Altes und Neues durcheinander, nur eines nicht, die
schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte
ich sie zum erstenmal hören; das erste, was ich tat, als ich hieher
kam, war, daß ich bat, man möchte sie hier geben, und nie wird mir
mein Wunsch erfüllt! Und nicht etwa, weil sie zu schwer ist, sie
geben schwerere Stücke, nein, der Grund ist eigentlich lächerlich."
"Und wie heißt die Oper?" fragte der Fremde. "Es ist Othello!"
"Othello? Gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich spricht selten
eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich auf lange Tage
feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn ich Desdemonas
Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe."
"Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, von Berlin,
Gott weiß woher--ich habe ihn nie gesehen, und dennoch schätzt er
'Othello' so hoch. Wir müssen ihn einmal wieder sehen. Und warum
soll er nicht wieder gegeben werden? Wegen eines Märchens, das
heutzutage niemand mehr glaubt."
"Freveln Sie nicht", rief die Fürstin, "es sind mir Tatsachen bekannt,
die mich schaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir
sprechen unserem Schiedsrichter in Rätseln; stellen Sie sich einmal
vor, ob es nicht schrecklich wäre, wenn es jedesmal, so oft 'Othello'
gegeben würde, brennte."
"Auch wieder ein Gleichnis", fiel Sophie ein, "doch es ist noch viel
toller, das Märchen selbst!"
"Nein, es soll einmal brennen", fuhr die Mutter fort. "'Othello'
wurde zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, schon vor fünfzig
Jahren; die Sage ging, man weiß nicht, woher und warum, daß, so oft
'Othello' gegeben wurde, ein gewisses Evenement erfolgte; nun also
unser Brennen; es brannte jedesmal nach 'Othello'. Man machte den
Versuch, man gab lange Zeit 'Othello' nicht; es kam eine neue
geistreiche Übersetzung auf, er wird gegeben--jener unglücklichste
Fall ereignete sich wieder. Ich weiß noch wie heute, als 'Othello',
zur Oper verwandelt, zum erstenmal gegeben wurde; wir lachten lange
vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um sein Opfer gebracht haben,
indem er jetzt musikalisch geworden--Desdemona war gefallen, wenige
Tage nachher hatte der Schwarze auch sein zweites Opfer. Der Fall
trat nachher noch einmal ein, und darum hat man 'Othello' nie wieder
gegeben; es ist töricht, aber wahr. Was sagen Sie dazu, Baron? aber
aufrichtig, was halten Sie von unserem Streit?"
"Durchlaucht haben vollkommen recht", antwortete Larun in einem Ton,
der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; "wenn Sie erlauben,
werde ich durch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung
bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete Tante, eine unangenehme,
mystische Person; wir Kinder hießen sie nur die Federntante, weil sie
große, schwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei Ihrem
'Othello', so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die
Federntante kam, mußte nachher eines oder das andere krank werden.
Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die Krankheit stellte
sich immer ein, und wir waren den Spuk schon so gewöhnt, daß, so oft
die Federntante zu Besuch in den Hof fuhr, alle Zurüstungen für die
kommende Krankheit gemacht und selbst der Doktor geholt wurde."
"Eine köstliche Figur, Ihre Federntante", rief die Prinzessin lachend;
"ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit dem Federnhut aus dem
Wagen streckte, wie die Kinder laufen, als käme die Pest, weil keines
krank werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um
den Doktor zu holen, weil die Federntante erschienen sei. Da hatten
Sie ja wahrhaftig eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!"
"Still von diesen Dingen", unterbrach sie die Fürstin ernst, beinahe
unmutig; "man sollte nicht von Dingen so leichthin reden, die man
nicht leugnen kann und deren Natur dennoch nie erklärt wird. So ist
nun einmal auch mein 'Othello'", setzte sie freundlicher hinzu. "Und
Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen ihr
Lieblingsstück schon wo anders aufsuchen."
"Und Sie sollen ihn dennoch sehen", flüsterte Sophie zu ihm hin, "ich
muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so recht sehen und hören
auf der Bühne, und sollte ich selbst darüber zum Opfer werden!"
"Sie selbst?" fragte der Fremde betroffen; "ich höre ja, der
gespenstische Mohr soll nur brennen, nicht töten?"
"Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!" flüsterte sie noch
viel leiser, "die Sage ist noch, viel schauriger, noch viel
gefährlicher."
Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann,
und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu verlassen. Die
Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens sah er sich nach
dem Gesandten um, er war wohl längst in seine Loge zurückgekehrt.
Unschlüssig, ob er rechts oder links gehen müsse, stand er im
Korridor, als eine warme Hand sich in die seinige legte; er blickte
auf, es war der Graf Zronievsky.
3.
"So habe ich doch recht gesehen?" rief der Graf, "mein Major, mein
tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir auf! Ich werfe diese
unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie
sonst! Vive Poniatowsky, vive l'emp-"
"Um Gottes willen, Graf!" fiel ihm der Fremde in das Wort; "bedenken
Sie, wo Sie sind. Und warum diese Schatten heraufbeschwören? Sie
sind hinab mit ihrer Zeit, lasset die Toten ruhen."
"Ruhen?" entgegnete jener; "das ist ja gerade, was ich nicht kann; o,
daß ich unter jenen Toten wäre, wie sanft, wie geduldig wollte ich
ruhen. Sie schlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie
mächtig sie auch rufe, schreckt sie auf. Warum darf ich allein nicht
rasten?"
Ein düsteres, unstetes Feuer brannte in den Augen des schönen Mannes;
seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein Freund betrachtete ihn
mit besorgter Teilnahme, er sah hier nicht mehr den fröhlichen,
heldenmütigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regimentes in
den Tagen des Glückes gesehen; das zutrauliche, gewinnende Lächeln,
das ihn sonst so angezogen, war einem grämlichen, bittern Zuge
gewichen, das Auge, das sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen
Mutes, frei und offen um sich blickte schien mißtrauisch jeden
Gegenstand zu prüfen, durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine
Wangen bedeckte, war nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in
den Salons von Paris den Namen des schönen Polen erworben hatte, und
dennoch, auch nach dieser großen Veränderung, welche Zeit und Unglück
hervorgebracht hatten, mußte man gestehen, daß Prinzessin Sophie sehr
zu entschuldigen sei.
"Sie sehen mich an, Major?" sagte jener nach einigem Stillschweigen,
"Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen
Zügen herausfinden? Geben Sie sich nicht vergebliche Mühe, es ist so
manches anders geworden, sollte nicht der Mensch mit dem Geschick
sich ändern?"
"Ich finde Sie nicht sehr verändert", erwiderte der Fremde, "ich
erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber eines finde ich
nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein gewisses Zutrauen
verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. Alexander Zronievsky
scheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch", setzte er lächelnd
hinzu, "und dennoch war mein Geist immer bei ihm, ich weiß sogar die
tiefsten Gedanken seines Herzens."
"Meines armen Herzens!" entgegnete der Graf wehmütig; "ich wüßte kaum,
ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmut pochtet.
Welche Gedanken wollen Sie aufgespart haben, als die unwandelbare
Freundschaft für Sie, Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es
nicht mehr fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen,
ich habe mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen
sagen, daß ich noch immer der Alte bin."
"Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken Ihres
Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor Unmut; was hat denn
ein gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr Herz so gar unmutig pocht?"
Der Graf erblaßte; er preßte des Fremden Hand fest in der seinigen:
"Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine Silbe über diesen
Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie meinen, ich will sogar
zugeben, daß Sie recht gesehen haben; der Teufel hat Ihre Augen
gemacht, Major! Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu
schweigen? Es hat noch keiner vom achten Regiment seinen Kameraden
verraten."
"Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies eine noch;
vom achten verratet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad
sich selber nicht verrät?"
"Kommen Sie hier auf diese Treppe", flüsterte der Graf, denn es
nahten sich mehrere Personen; "Jesus Maria, sollte außer Ihnen jemand
etwas ahnen?"
"Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, so will ich
beichten."
"O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher sagen, was Sie
haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer Ihnen--"
Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser Stadt angekommen,
seine Depeschen seien bei dem Gesandten bald in Richtigkeit gewesen,
man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die
Prinzessin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt,
daß Sophie in ein Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. "Sie
traten ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß
niemand als Sie der Geliebte sein könne."
"Und die Gesandtin?" rief der Graf mit zitternder Stimme.
"Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre sprach sie auch von einer
Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht habe."
Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er schien mit
sich zu ringen, er blickte einige Male den Fremden scheu von der
Seite an--"Major!" sprach er endlich mit klangloser, matter Stimme;
"können Sie mir hundert Napoleon leihen?"
Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, sein
Freund werde etwas Weniges über sein Unglück jammern, wie bei
dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte sich daher nicht gleich in
diese Frage finden und sah den Grafen staunend an.
"Ich bin ein Flüchtling", fuhr dieser fort; "ich glaubte endlich eine
stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig rasten könnte,
da muß ich lieben--muß geliebt werden, Major, wie geliebt werden!"
Er hatte Tränen in den Augen, doch er bezwang sich und fuhr mit
fester Stimme fort: "Es ist eine sonderbare Bitte, die ich hier nach
so langem Wiedersehen an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten.
Kamerad, gedenken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden,
gedenken Sie des Tages von Mosjaisk?"
"Ich gedenke!" sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte und seine
Wangen sich höher färbten.
"Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute auffuhr,
wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten und der Verräter
Piolzky zum Rückzug blasen ließ?"
"Ha!" fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, "und wie Sie ihn
herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr zuckte, wie die Husaren
rechts abschwenkten, wie Sie 'vorwärts!' riefen, vorwärts Lanciers
vom achten, und die Kanonen in fünf Minuten unser waren!"
"Gedenken Sie?" flüsterte der Graf mit Wehmut; "wohlan! ich
kommandiere wieder vor der Front. Es gilt einen Kameraden
herauszuhauen, werdet Ihr ihn retten? En avant, Major! vorwärts,
tapfrer Lancier! wirst du ihn retten, Kamerad?"
"Ich will ihn retten", rief der Freund, und der Graf Zronievsky
schlug seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine Brust und eilte
dann von ihm weg, den Korridor entlang.
4.
"Gut, daß ich Sie treffe", rief der Graf Zronievsky, als er am
nächsten Morgen dem Major auf der Straße begegnete, "ich wollte eben
zu Ihnen und Sie um eine kleine Gefälligkeit ansprechen--"
"Die ich Ihnen schon gestern zusagte", erwiderte jener, "wollen Sie
mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für Sie bereit."
"Um Gottes willen, jetzt nichts von Geld", fiel der Graf ein, "Sie
töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, selig,
überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel gesagt, daß
man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen werde, denn in
ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht anzubeten, ist mir
unmöglich."
"Und darf ich wissen, was sie sagte?"
"Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten Menschen;
'was ist es auch'", sagte sie, "man kann uns gewiß nichts Böses
nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis entdeckte, so will ich
mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben lassen; wo lebt ein
Mensch, der nicht einmal einen beginge?'"
"Eine gesunde Philosophie", bemerkte der Major; "man kann nicht
vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn gerade die sind
meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie können alle Menschen
blenden. Doch ist mir noch eine Frage erlaubt? wie es scheint, so
sehen Sie Ihre Dame allein? Denn was sie mir erzählten, wurde
schwerlich gestern im 'Don Juan' verhandelt."
"Wir sehen uns", flüsterte jener, "ja, wir sehen uns, aber wo, darf
ich nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch jene Menschen
nicht ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst ein, lange Zeit kann
es nicht mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad,
und Ihre Hilfe soll mich retten, wenn indes meine Gelder nicht
flüssig werden. Doch gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen
die Neige der köstlichen Zeit'; ich will noch glücklich, selig sein,
weil es ja doch bald ein Ende haben muß."
"Und wozu kann ich Ihnen dienen?" fragte der Major, "wenn ich nicht
irre, wollten Sie mich aufsuchen."
"Richtig, das war es, warum ich kommen wollte", entgegnete jener nach
einigem Nachsinnen. "Sophie weiß, daß Sie mein Freund sind, ich habe
ihr schon früher von Ihnen erzählt, hauptsächlich die Geschichte von
der Beresina-Brücke, wo Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie
hat gestern mit Ihnen gesprochen, und von Othello', nicht wahr? Die
Fürstin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend
einem Märchen, das ich nicht mehr weiß."
"Sie waren sehr geheimnisvoll damit", unterbrach ihn der Freund, "und
wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht zugeben?"
"Und doch, ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die
Prinzessin bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen,
ohne daß ich ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste
Miene an und sagte: 'Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins
Publikum kommt, ist es wie der Wind in den Gesandtschaften, und kam
es einmal so weit, so darf man nicht dafür sorgen, daß es in acht
Tagen als Chronique scandaleuse an allen Höfen erzählt wird.' Die
Fürstin gab mir recht; sie sagte, wiewohl mit sehr bekümmerter und
verlegener Miene zu, daß das Stück gegeben werden solle; doch, als
sie wegging, rief sie mir noch zu: sie gebe das Spiel dennoch nicht
verloren, denn wenn auch 'Othello' schon auf dem Zettel stehe, lasse
sie die Desdemona krank werden."
"Das haben Sie gut gemacht!" rief der Major lachend, "also die Furcht
vor der Chronique scandaleuse hat die Gespensterfurcht und das Grauen
vor den Geheimnissen der Natur überwunden?"
"Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freude, daß sie ihren Willen hat.
Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm
vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer
Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen
mich zu ihm begleiten."
"Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese
Summe überbringen?"
"Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekt von einigen
Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor,
oder was in unseren Kram paßt. Er wohnt nicht weit von hier und ist
ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur hier
um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem
Erker."
5.
Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher
als Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen
Lorbeeren. Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen
Hoheit und Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas
gestört wurde; er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze,
welche er nur ablegte, wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die
Glatze setzte. Auffallend stachen gegen diese bequeme Hauskleidung
des Alten ein moderner, enge anliegender Frack und weite,
faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten, daß der Herr Regisseur
trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte, dennoch für die
Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den Füßen trug er weite,
ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich im Zimmer herumfuhr,
ohne sichtbar die Beine aufzuheben; den Fremden kam es vor, als fahre
er auf Schlittschuhen.
"Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch", sagte
der Regisseur, als ihn der Graf mit dein Zweck ihres Besuches bekannt
machte, "weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein
einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise
zu delektieren, aber--aber, ich werde denn doch submissest wagen
müssen, einige Gegenvorstellungen zu exhibieren."
"Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?" rief der Graf.
"Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf
die allerhöchste Familie! Nein, nein! wenn mein Wort in der Sache
noch etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben."
"Hätte ich doch nie gedacht", entgegnete der Graf, "daß ein Mann wie
Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Verwunderung
vernahm ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren
gefeierten Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich
brannte vor Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte,
verkleinern Sie dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz."
Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln
zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen
und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab.
"Allzugütig, allzuviel Ehre!" rief er; "ja wir waren unserer Zeit
etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende.
Aberglaube belieben Sie zu sagen; ich würde mich schämen, irgend
einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von
Aberglauben nicht die Rede sein."
"Tatsachen?" riefen die Freunde mit einer Stimme.
"O ja, verehrte Messieurs, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus
hiesiger Stadt und Gegend zu sein, daß Sie solche nicht wissen?"
"Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört", sagte der
Major; "es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen,
und--"
"Brennen? Daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal
brennt; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man
kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber
sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Kasus."
"Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?"
"Nun, das ist kein Geheimnis", erwiderte der Regisseur; "sooft
Othello gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der
fürstlichen Familie sterben."
Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der
prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas
Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen
über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das
übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.
"Sie lachen?" sprach er; "ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie
übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren
lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur
schreibt."
"Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren", rief der
Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien, und der Regisseur rutschte
mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen
in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor.
Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der
Chronik. "Bemerken Sie", sagte er, "Wegen des Nachfolgenden,
erstlich, hier steht: 'Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice
Charlotte Fandauerin im hiesigen Theater erstickt worden. Man führte
das Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.'"
"Wie?" unterbrach ihn der Major, "Anno 1740 sollte man hier
Shakespeares 'Othello' gegeben haben, und doch war es, wenn ich nicht
irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearesche
Stück in Deutschland aufführen ließ?"
"Bitte um Vergebung", erwiderte der Alte. "Der Herzog sah auf einer
Reise durch England in London diesen 'Othello' geben, ließ ihn, weil
er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter
aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort:
'Obgedachte Charlotte Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist
durch die Bettdecke, womit sie in dem Stücke selbst getötet werden
soll, elendiglich umgekommen. Gott sei ihrer armen Seele gnädig!'
Diesen Mord erzählt man sich hier folgendermaßen: die Fandauer soll
sehr schön gewesen sein; bei Hof ging es damals unter dem Herzog
Nepomuk sehr lasziv zu; die Fandauer wurde des Herzogs Geliebte. Sie
aber soll sich nicht blindlings und unvorsichtig ihm übergeben haben;
sie war abgeschreckt durch das Beispiel so vieler, die er nach
einigen Monaten oder Jährchen verstieß und elendiglich herumlaufen
ließ. Sie soll also ein schreckliches Bündnis mit ihm gemacht und
erst, nachdem er es beschworen, sich ihm ergeben haben. Aber wie bei
den andern, so war es auch bei der Fandauer. Er hatte sie bald satt
und wollte sie auf gelinde Art entfernen. Sie aber drohte ihm, das
Bündnis, das er mit ihr gemacht, drucken und in ganz Europa
verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch, daß sie diese Schrift
schon in vielen fremden Städten niedergelegt habe, wo sie auf ihren
ersten Wink verbreitet würde.
Der Herzog war ein grausamer Herr, und sein Zorn kannte keine Grenzen.
Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen
wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab
daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den 'Othello'
aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen
Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der
Akteur machte seine Sache nur allzu natürlich, denn die Fandauerin
ist nicht mehr erwacht.'"
Der Graf schauderte; "und dies soll wahr sein?" rief er aus.
"Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt wen Sie wollen, Sie
werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den
Gerichten eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber
der Herzog schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine
Dienste und erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag
gerührt. Aber acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein
Prinz von zwölf Jahren."
"Zufall!" sagte der Major.
"Nennen Sie es immerhin so", versetzte der Alte und blätterte weiter.
"Doch hören Sie; 'Othello' wurde zwei Jahre lang nicht mehr gegeben,
denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog dieses
Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren, in diesem Buch
steht jedes Lustspiel aufgezeichnet, nach zwei Jahren war er so
ruchlos, es wieder auffuhren zu lassen. Hier steht's: 'Den 28.
September (1742) Othello, der Mohr von Venedig', und hier am Rande
ist bemerkt: 'Sonderbarlich! am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste
verstorben. Gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren
der höchstselige Prinz Friedrich.' Zufall, meine werten Herren?"
"Allerdings Zufall!" riefen jene.
"Weiter! 'Den 6. Februar 1748, Othello, der Mohr von Venedig.' Ob es
wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! das hat der
Souffleur hergeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe
Hand, die hier in margine bemerkt: 'Entsetzlich! die Fandauerin spukt
wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben. Acht Tage nach
Othello.'" Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend an, sie
schwiegen, er blätterte weiter und las: "'Den 16. Januar 1775, zum
Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig. Richtig
wieder! Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell
versterben? Gestorben 24. Januar 1775.'"
"Possen!" unterbrach ihn der Major; "ich gebe zu, es ist so; es soll
einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben;
geben Sie mir aber nur einen vernünftigen Grund an zwischen Ursache
und Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am 'Othello' versterben
lassen wollen!"
"Herr!" antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, "das kann ich
nicht; aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem
auch dieser unglückselige 'Othello' abstammt.--Es gibt viele Dinge
zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen
lassen!'"
"Ich kenne das", sagte der Graf; "aber ich wette, Shakespeare hätte
nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel
Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!"
"Es ist möglich", erwiderte der Sänger; "hören Sie aber weiter. Ich
komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern
kann, an den Herzog selbst."
"Wie", unterbrach ihn der Major; "eben jener, der die Aktrice
ermorden ließ...?"
"Derselbe 'Othello' war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben
worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum
Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte
eine der fremden fürstlichen Damen 'Othello' zu sehen. Der Herzog
ging ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die
diesem Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und
glaubte an nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und
Frevel seiner Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte
Abscheu vor diesem Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts
abschlagen mochte, sei es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das
Stück mußte Hals über Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem
Lustschloß gegeben. Sehen Sie, hier steht es: 'Othello, den 16.
Oktober 1793 auf dem Lustschloß H.... aufgeführt.'"
"Nun, Alter! und was folgte, geschwind!" riefen die Freunde
ungeduldig.
"Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben."
"Nicht möglich", sagte der Major nach einigem Stillschweigen; "lassen
Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist
nichts in margine bemerkt."
"Nein", sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; "aber hier
seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst
nachsehen?"
Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las:
"Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793
höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn--dummes Zeug!" rief er
und sprang auf; "das könnte mich um den Verstand bringen. Zufall!
Zufall! und nichts anders! Nun--und wissen Sie noch ein solches
Histörchen?"
"Ich könnte Ihnen noch einige aufführen", erwiderte der Alte mit Ruhe,
"doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur
aus der neuesten Zeit noch einen Fall. Rossini schrieb seine
herrliche Oper 'Othello', worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte,
daß er es verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der
menschlichen Brust anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht
verlangt, daher wurde er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die
Kapelle aber unternahm es, diese Oper für sich zu studieren, es
wurden einige Szenen in Konzerten ausgeführt, und diese wenigen
Proben entzündeten im Publikum einen so raschen Eifer für die Oper,
daß man allgemein in Zeitungen, an Wirtstafeln, in Singtees und
dergleichen von nichts als 'Othello' sprach, nichts als 'Othello'
verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten, die das Schauspiel
'Othello' begleitet hatten, war gar nicht die Rede; es schien, man
denke sich unter der Oper einen ganz andern 'Othello'. Endlich bekam
der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und machte den
Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die Szene zu
setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel waren da, das
Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen
nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht--uns alle wehte ein
unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als
sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche
Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter,
es war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in
derselben Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen,
trotz der Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes
Zittern, als der Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der
fürstlichen Loge, wo so viele blühende, kräftige Gestalten auf unser
Spiel herübersahen, 'wirst du wohl durch die Töne, die deinen Tod
begleiten, dich besänftigen lassen, blutdürstiges Gespenst der
Gemordeten?' dachte ich. Es war so; fünf, sechs Tage hörte man
nichts von einer Krankheit im Schlosse; man lachte, daß es nur der
Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen Geist gleichsam irre zu
machen; der siebente Tag verging ruhig, am achten jedoch wurde Prinz
Ferdinand auf der Jagd erschossen."
"Ich habe davon gehört", sagte der Major, "aber es war Zufall; die
Büchse seines Nachbars ging los und--" "Sage ich denn, das Gespenst
bringe die Höchstseligen selbst um, drücke ihnen eigenhändig die
Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem unerklärlichen,
geheimnisvollen Zusammenhang."
"Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt; wo
steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd 'Othello'
gegeben wurde?"
"Hier!" erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle
in seiner Chronik wies; der Graf las: "'Othello', Oper von Rossini,
den 12. März", und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: "Den 20.
fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd."
Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie
schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten
Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse
tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major
blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien über
etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand
gestützt. Endlich sprang er auf: "Und dies alles kann Ihnen dennoch
nicht helfen", rief er, "die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die
Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch
diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein
Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie
Ihnen zustellen, um Ihren 'Othello' recht glänzend auftreten zu
lassen. Kaufen Sie davon, was Sie wollen", setzte er lächelnd hinzu,
"lassen Sie Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen
Hexenapparat kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu
vertreiben--nur geben Sie uns 'Othello'."
"Meine Herren", sagte der Alte, "es ist möglich, daß ich in meiner
Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter
hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die
man nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich
werde es auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den
strengsten Befehl werde ich 'Othello' geben lassen. Ach Gott und
Herr!" rief er kläglich, "wenn ja der Fall wieder einträte wenn das
liebe, herzige Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!"
"Seien Sie still", rief der Graf erblassend, "wahrhaftig, Ihre
wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen
Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello' auf jeden
Fall gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und
Fieber, mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim
Teufel, wenn Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der
Erwürgten heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt."
Der Alte bekreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen
umher; "welche Ruchlosigkeit", jammerte er; "wenn sie nun erschiene,
wie der steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie, wer
weiß, wie nahe jedem sein eigenes Verderben ist."
Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab, und noch lange diente
der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den
Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.
6.
Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen,
seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich,
lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die
Gesellschaft durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem
Leben unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering
sein, auf eine sinnige, feine Weise zu verbinden, so daß er der
Liebling aller, von vielen angebetet, wurde, so war er in andern
Momenten gerade das Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu
werden, seine Augen, senkten sich, sein Mund preßte sich ein. Nach
und nach ward er finster, spielte mit seinen Fingern, antwortete
mürrisch und ungestüm. Der Major hatte ihm schon abgemerkt, daß dies
die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft entfernt werden müsse, denn
jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog er mit leicht aufgeregter
Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf sich und fing an zu wüten
und zu rasen.
Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse
Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn
vor diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren;
desto greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er
fluchte in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. "Bin ich
nicht ein elender, verworfener Mensch?" sprach er einst in einem
solchen Anfall; "meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste
Liebe von mir zu stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig
anhängt! Leichtsinnig schweife ich in der Welt umher, habe mein
Glück verscherzt, weil ich in meinem Unsinn glaubte, ein Kosciusko zu
sein, und bin nichts als ein Schwachkopf, den man wegwarft Und so
viele Liebe, diese Aufopferung, diese Treue so zu vergelten!"
Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. "Sie sagen
ja selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je
eine andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die,
welche die Verhältnisse erlauben?"
"Ha, woran mahnen Sie mich!" rief der Unglückliche, "wie klagen mich
Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch sie, auch sie betört! Wie
kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie
sah mit dein lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen! Da fing
mein Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß,
wem ich allein.gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von
Lust, ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!" Er fing an zu
weinen, die Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. "Und konnte
ich", flüsterte er, "konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich
sah es an jeder ihrer Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, sie
liebte mich; sollte ich fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte
der Liebe in ihren Wangen aufging, wie der erste, leuchtende Strahl
des Verständnisses aus ihrem Auge brach, auf mich niederfiel, mich
aufzufordern schien, ihn zu erwidern?"
"Ich beklage Sie", sprach der Freund und drückte seine Hand; "wo lebt
ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?"
"Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir mit
stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute,
entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger
Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man
tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde,
einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen
Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem
Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank! Wie
reich wußte sie zu geben, wie viel Liebe wußte sie in ein Wort, in
einen Blick zu legen; und ich sollte fliehen?"
"Und wer verlangt dies?" sagte der Freund gerührt. "Es wäre grausam
gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer
brachte, zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke,
noch ist nicht alles verloren!"