Bei Olmütz in Böhmen liegt die schöne Landschaft Padrutz.
Sie hatte die Herrschaft eines tüchtigen Grafengeschlechts zwei
Jahrhunderte ertragen, war dabei leidlich gediehen. Etwa dreitausend
Menschen hausten hier, bebauten das Land, waren Schmiede, Schreiner,
Spengler, Bäcker, und was die Notdurft noch erfordert. Der Graf war
Kirchenpatron und ließ Katholiken und Protestanten, dazu ein paar
hergelaufene verwachsene Kalvinisten und dienstbeflissene Juden
gleichermaßen ungeschoren. Die Linie erlosch nun im Mannesstamm und der
letzte Graf hatte festgelegt, daß seine blühende Tochter das Reich
übernehmen sollte, um mit einem rasch zu erwählenden Herrn Gemahl die
Regierung über die dreitausend Menschen, Protestanten, Katholiken,
Kalvinisten und Juden in die Hand zu nehmen. Leopold Christoph, Herzog in
rheinisch Lobenstein bei Kurhessen, hörte davon und schickte seinen
Generaloberst Ekbert hin, der sollte die Erbin heiraten. Sie mochte ihn
nicht; wolle überhaupt keinen Generaloberst und im übrigen nur einen Mann
aus Olmütz und zwar einen ganz gewissen. Das machte Leopold Christoph,
genannt Stoffel, nachdenklich; er setzte sich mit seinem ältesten
Kabinettsrat in die Bibliothek und diktierte dem Mann nach Einsicht in ein
älteres Ehestandsregister, daß er ihre Wahl billige, im übrigen aber auf
Grund einer genau explizierten Verwandtschaftstafel sie besuchen werde, aus
welcher Tafel klipp und klar hervorgehe, daß man mit Fug von einer
Padrutzer Seitenlinie der Lobensteiner Dynastie sprechen könne. Den Beweis,
Beleg usw. dafür werde er der schönen Dame in zwei Monaten selbst
überbringen. Vorläufig suspendiere er als Familienoberhaupt trotz
erheblichen Wohlwollens das Fräulein von der Herrschaft und setze sie ab
wegen landeskundiger Mesalliance.
Er schloß in Eile ein Schutz- und Trutzbündnis mit zwei kleinen
Reichsfürsten an der Grenze Hessens, die versprachen, dies Gebiet zum
Abschrecken auf sechs Meilen zu verwüsten, tobte waffenschüttelnd durch das
erstaunte Europa, das sich von den Kriegen des Napoleon sehr langsam
erholte und nicht daran dachte, wegen Lobenstein und Padrutz einem Soldaten
die Patronentasche umzuhängen. Der versprochene Beweis, Beleg gelang unter
diesen Umständen dem entschlossenen Stoffel außerordentlich glatt; er zwang
die kratzbürstige Philine von Padrutz, die sich mit einer neumodischen
Krinoline wichtig tat, sich sofort mit jenem gewissen Hauptmann und
Fouragehändler aus der Stadt zu verheiraten, obwohl sie erklärte in
Anbetracht der sechshundert blanken Gewehrläufe, daß sie sich besonnen
hätte im letzten Augenblick und leidenschaftlich für Familientradition
schwärme; auch Herr Ekbert wäre nicht ohne nennenswerten Charme. Aber der
Herzog Christoph erklärte, daß eine schwankende Gesinnung keinen guten
Eindruck auf ihn mache, bei den Lobensteinern auch der entfernten Linie nie
vorkomme und daß er sich daher des Verdachts nicht erwehren könne, mit ihr
als einer untergeschobenen Tochter zu verhandeln. Angesichts dieser
Sachlage und des passiven Verhaltens der Wiener kaiserlichen Behörden ließ
Philine dann ihr Reich, samt allem Volk, Kirchen, Boden, Vieh und Vogel auf
knapp fünfundzwanzigtausend Gulden abschätzen, wurde Frau Hauptmann, zog
nach Prag in die Nepomukgasse und war erledigt.
Einmal da, besah sich Herzog Stoffel Land und Leute, ließ alles Hab und Gut
von seinem Sekretariat in zwei Folianten nebst Anhang und Register
aufschreiben; die bemerkenswerten Menschen- und Tiertypen des Gebiets ließ
er zeichnen und kolorieren, und zog wieder unter großem Gedröhn, furiösen
Siegesbulletins quer durch das schlafende Deutschland nach dem stillen
Lobenstein. Da sagte er: »Wir wollen uns jetzt einmal in Ruhe des neuen
Besitztums erfreuen.« Stracks ging die Regiererei los. Herzog Christoph
verlangte von seinem Ministerium täglich nach dem Morgenkaffee eine gewisse
Mindestzahl von Edikten, Erlassen zur Unterschrift; lieferte das
Ministerium weniger Erlasse, so war es notorisch faul. Jetzt schwelgte er;
genoß die Padrutzer Akquisition; in Stößen rückten die Manuskripte und
Aktenbündel an, krachten auf seine Dielen, Das Kabinett lieferte dem
Padrutzer Lande, Mann und Maus, in Vor- und Nachsitzungen neue Schlachten.
Es waren die mannigfachsten Behörden einzusetzen über die Padrutzer
Erblande, Steuer-, Kirchen-, Verwaltungsbehörden, Gendarmerie,
Obergendarmerie, ein Heroldsamt, Unter- und Oberrechnungskammer. Man gab
den Metzgern die Lobensteiner Originalvorschriften über das Schlachten, den
Böttchern einen erprobten Anweis über die Zahl der Hiebe, nach denen ein
regelrechtes Faß rund wird; sollte es in dieser Zeit nicht rund werden, so
fange man getrost ein neues Faß an, denn aus dem widerwilligen alten wird
doch nichts. Um etwaigen Hungersnöten vorzubeugen, belehrte das bewegte
Kabinett die Insassen der Padrutzer Erblande im vornherein, man könne mit
den Bissen in guten Zeiten sparen; ein Maul, das sich gewöhnt hätte, in
zehn und zwanzig Bissen einen Wecken klein zu kriegen, würde viel eher dem
grausen Hungersgespenst entrinnen als eins, das »Haps« macht und schon ist
alles verschlungen wie ein biblischer Jonas von seinem gefräßigen
Leviathan. Man hatte damals noch keine regelrechten Posten oder
Telegraphen; das Befördern der herzoglichen Edikte stieß auf
Schwierigkeiten; jetzt waren immer an zweihundert Mann mit Pferden, Wagen,
Gewehren, großem Proviant unterwegs, zogen zur Donau herunter, durch das
rauflustige Bayerland, auf Schlängel- und Schleichwegen, heimlich und
verschwiegen mit ihren gewichtigen Dokumenten, fingen, sobald sie zwischen
den Padrutzer Grenzpfählen einrückten, ein gräßliches Tuten und Trompeten
an auf Lobensteiner Art und rächten sich in dieser Weise für ihre
Verschwiegenheit während der Fahrt.
Die Padrutzer waren wie Bauern, kümmerten sich den Teufel um Grafen,
Patrone und Erbfolge, um Ekbert, Wien und die Nepomukgasse, stachen ihre
Schweine, fuhren ihren Mist. Wie der Lobensteiner Herzog für das Regieren
sein Kabinett hatte, so hatten sie für das Regiertwerden ihre drei
Schultheiße. Die schwitzten sich zusammen auf ihren Ämtern die Kleider naß,
wenn eine Fuhre Erlasse gekommen war. Als sie aber mit dem Lobensteiner
Stil nicht fertig wurden und ihre Frauen gewalttätig gegen sie verfuhren
wegen ihres langen Ausbleibens, hingen sie den ganzen Plunder an ein paar
Scheunentore, damit die Bauern selbst nachläsen, was sie tun und
unterlassen sollten, ließen die Sonne drauf scheinen, den Regen drüber
gehen. Die Bauern besahen sich den Behang, wußten nicht genau, was das
bedeutete, und dachten, das mochte wohl zum Auslüften dahängen oder von der
Art der neuen Herrschaft sein und waren damit ganz zufrieden. Als alle
größeren Scheunentore des Hauptdorfes Padrutz behängt waren, und nun auch
die kleinen Kaschemmen und Kossätenbuden um ihre Erlasse einkamen,
bestimmten die Schultheiße hochfahrend: »Nein, wo das Papier blaß geworden
ist, da gehört neues hin.« Diese Ungerechtigkeit trieben sie einige Monate
so, bis einmal vor die Kuriere beim Einzug das Schimpfen drang, warum sie,
die Kuriere, nicht selbst die Papiere an die Bauern verteilten und zwar mit
gleicher Hand; denn wer schon zehn schöne dicke Lagen auf seiner Tür hätte,
kriegte noch zehn mehr und ein kleiner Mann kriege nichts. Die aufsässigen
Bauern schleppten ihren lamentierenden Schultheiß vor die erstaunten
Kuriere, verlangten Ordnung und Bestrafung. Die Kuriere stießen sich mit
den Ellbogen an, knauten »hm hm und so so,« schnitten sich eine Kerbe in
ihre Gewehrläufe, um diese absonderliche Sache nicht zu vergessen, gaben
vorläufig den Schultheißen einen kräftigen Kolbenstoß gegen die Schulter
auf Abzahlung, weil Gerechtigkeit in jedem Falle zum Lobensteiner Regime
gehörte.
In Lobenstein, dem Herzog und dem Kabinett hinterbracht, verursachte die
Meldung höchlichstes Befremden. Der Herzog tanzte in seinem blaugrünen
Schlafrock hin und her vor seinen Ministern, er schrie den ganzen sonnigen
Tag: »Da haben wir's, da haben wir's.« Als Ursache für die ganze
erschreckende Angelegenheit entdeckte er gegen Abend, als er sich nach dem
Mittagessen erkundigte und die Schloßtore zugemacht wurden, das Fehlen
eines Erlasses über die Aufbewahrung von Edikten und Verordnungen in
Kolonien. Wie aber am nächsten Morgen nach dem Kaffee zur Unterschrift
dieser Erlaß hereingetragen wurde, saß der kleine Herzog schon auf dem
Balkon in voller prächtigen Uniform mit wallender Schärpe, hohen
Glanzstiefeln. Er trug ein rotes Jägerhütchen mit goldenem Trottelband, war
in heiterster Laune; mit seinem Fernglas blickte er nach Kurhessen herüber
und sagte zu dem verblüfften Kavalier: »Heute schreiben wir nicht, rühren
wir keine Feder an. Heute wird geredet. Eins, zwei, drei, in einer
Viertelstunde sind alle Minister da!« Die Minister stürzten Hals über Kopf
aus ihren Häusern, banden sich noch im Laufen ihre Orden zurecht,
zwirbelten ihre Schnurrbärte und probierten mit ein paar Versen ihren
Stimmklang, denn seine Durchlaucht liebte es nur, wenn man mit tiefer
kloßiger Stimme zu ihm sprach; das schien ihm respektvoll. Sie wischten in
das Schloßtor herein, an den Schranzen vorbei; der probierte: »Guten
Morgen, schöne Müllerin,« der lächelte: »Frei ist die Schweiz,« der gröhlte
andächtig: »Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas, einen Fleck, einen
Fleck auf der Nas.« Sie waren so im Eifer und mit ihren Vorbereitungen noch
beschäftigt, daß nicht viel fehlte, daß sie seine herzogliche Gnaden
begrüßten mit einem zarten: »Guten Morgen, schöne Müllerin« und melodisch
»Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas.«
Der Herzog aber frisch gewaschen, adrett, in seiner strahlenden Uniform sah
sie ungemein verächtlich und überlegen an; sie wußten sofort, hier war
etwas geschehen, was vernichtend für sie war. Der Kloß sank ihnen in den
Magen. Der vierschrötige Kriegsminister suchte abzulenken, indem er
untertänigst fragte, ob Parade befohlen werde. »Nein, nein, mein Lieber,«
winkte der Herzog ab, »lassen Sie mal. Bleiben Sie ruhig etwas da stehen.
Ich sage schon alles.« Damit ging er mehrmals säbelklirrend an der
Herrenreihe auf und ab; der knüpfte sich noch heimlich die Weste zu, der
polkte sich den Schlaf aus den Augen. Er blickte sie von Zeit zu Zeit
triumphierend an, winkte nach einer reichlichen Pause seinem Kavalier; er
solle Wein, Gernsheimer Auslese, bringen lassen. »Trinken Sie nur, meine
Herren,« ermutigte er; es war ihnen klar, er bereitete einen Schlag von
langer Hand vor. »Na,« fragte er dann den kirschroten Kriegsminister, der
einen viereckigen Mund hatte wie ein Nußknacker, und zwei Schultern, die
aussahen, als hätte er sich zwei Prellblöcke unter die Uniform gestopft,
»was denken Sie nun? Was fällt ihnen nun ein?« Der kaute nach einer Pause:
»Die Gnade Eurer Durchlaucht.« Der Herzog zum dickbauchigen Kultusminister:
»Na Ihnen wohl auch nichts?« Und dann lächelnd: »Dann trinken wir noch
eins.« Der Kammerdiener, wie eine Eidechse, brachte jedem ein frisches
Glas, es war Rüdesheimer. Der Herzog spazierte weiter, hob den Finger:
»Unbesorgt trinken.« Dann: »Wie steht's nun, Herr Kriegsminister?« Als der
nur mit den Fußspitzen wackelte und etwas Tiefergebenes brummte wie »Guten
Morgen, schöne Müllerin,« schüttelte der Herzog nicht unbefriedigt den
Kopf, daß seine Troddeln schwankten, blickte lange auf seine Reiterstiefel,
wippte versuchend seine schmächtige Figur hoch, seufzte beendend aus tiefem
Herzen: »Na, nu setzen wir uns, meine Herren.«
Er sah zu, wie sie auf den Stühlen Platz nahmen, bemerkte schwermütig: »Ein
Herr nach dem andern; sechs Herren, sieben Herren. Ich bin der achte.« Er
rückte gemütlich dicht vor sie, lächelte ihnen unter die Augen: »Ja, da
sitzen wir nun, acht leibhaftige Herren, alles echte Lobensteiner, bis auf
unsern Konsistorialrat, der ist noch aus Zeuthen. Ja, Sie sind aus Zeuthen,
lieber Konsistorialrat, aber selbst Zeuthen ist nicht das Land, in dem
Milch und Honig fließt. Machen wir keine Vorreden. Die Gebrechen meines
Staates sind mir heute nacht durch den Kopf gegangen, die schweren
Ereignisse, über die wir gestern konferiert haben, ließen mir keine Ruhe.
Durch Politik und unvergeßliche Taten sind meiner Dynastie die Padrutzer
Erblande zugefallen, und: da haben wir's. Die Sache funktioniert nicht. Das
Land liegt zu weit von unserem Mutterland entfernt.«
Der Kriegsminister beugte vor: »Näher bringen geht nicht, aber ich möchte
vorschlagen, systematisch und sukzessive die zwischenliegenden Gebiete zu
erobern, die Armee ist bereit.« Der Monarch spitzte kühl den Mund: »Sehr
richtig. Ist alles von mir schon erwogen. Wird für später geplant. Für den
Moment schaltet dieser Punkt aus. Es liegt überhaupt nicht an dem Lande,
meine Herren; es denkt gar nicht daran. Das Land kann im Mond liegen. Das
Land ist unschuldig an dem ungeheuerlichen Affront. Sondern es liegt,« und
da bog er sich über den Tisch vor und spielte seinen ersten Trumpf aus, »es
liegt an den Menschen, an den bodenständigen leiblichen Padrutzern.« Die
Minister blickten sich an, wie aus den Wolken gefallen, der Stoffel genoß
ihre Verstörtheit, er donnerte siegesbewußt: »Ändern Sie die Padrutzer, so
ändern Sie die Verhältnisse. Das haben wir übersehen, als wir das Land
eroberten. Setzen Sie die Menschen hin, die gehorchen, so tritt kein
Ungehorsam ein. In den Padrutzern steckt Gedankenarmut, Leichtfertigkeit,
Rebellenblut, vom jüngsten bis zum ältesten. Ich rasiere das Land, schaffe
mir ein neues Padrutz.« Der schattenhafte Konsistorialrat konnte nicht an
sich halten; er schrie: »Es lebe Groß-Lobenstein, es lebe seine erlauchte
Dynastie.« Die Minister, fortgerissen, schwenkten die Arme. Stoffel stand
auf, klopfte leutselig einem der Herren nach dem andern auf den Rücken:
»Meine Herren, wir werden uns nicht lange unterhalten; wir werden
kolonisieren. Trinken Sie nur aus. Es ist guter Wein, selbstgepflanzt.
Lobensteiner müssen nach Padrutz. Ich mache keine Vorwürfe.«
Die Vorhänge wurden heruntergelassen an dem Balkon; ein gedämpft angenehmes
Licht herrschte in dem zeltartigen Bereich. Denn der Herzog liebte es, sich
bewaffnet in Räumen wie auf einem Feldzug aufzuhalten. Man debattierte noch
hin und her. Den Ministern wurden die Stimmen freier. Dies war der
politische Auftakt zu großen, erregenden Ereignissen im Lande. Es erschien
am nächsten Morgen, getragen von büschelgeschmückten Soldaten, unter
Trompetensignalen, ausgerufen an den Straßenecken, auf den Feldern, ein
herzogliches Reskript. Wie es sich begeben habe in Padrutz, wo die
bestgemeinten Erlasse an die Scheunentore gehängt wurden aus barem
Padrutzer Unverstand. Wie sich herzogliche Regierung bemüht habe, dort in
dem fernen Gebiet Glück und Ordnung zu schaffen. Vergeblich, vergebens!
weswegen, weshalb und warum nunmehr beschlossen sei, die tüchtigsten
Lobensteiner Bauern geradewegs nach Padrutz zu verpflanzen, auf daß sie
dort Wurzel fassen, keimen und Blüten treiben auf die herkömmliche Art.
Rundweg: Volksversammlung auf dem Gänsemarkt in acht Tagen. Trompeten
schmetterten, Ausrufer wischten sich den Schweiß ab, Bauern und Bürger
zogen weiter.
Der Gänsemarkt war eine riesige Fläche Land. Da strömten nach acht Tagen,
wie nur die Sonne aufging, die Menschen zusammen. Es war ihnen allen
vorgeschrieben, was sie mitbringen sollten: den Bauern zwei Paar Stiefel,
ein Paar dreckige fürs Land, ein Paar weniger dreckige für die Stadt. Den
alten Weibern über sechzig je zehn Flaschen Pfefferminzgeist und
Karmeliter, wenn ihnen üblig würde im Gedränge, jungen Weibern Brausepulver
zur Beruhigung. Die Städter hatten Nahrungsmittel für zwei Tage und eine
Nacht zu bringen; der Grund war nicht angegeben; bei den Ministerialbeamten
aber war bekannt, daß man den Bauern das Schleppen der vielen Lebensmittel
und noch dazu zweier Stiefelpaare ersparen wollte; man vertraute darauf,
daß die kräftigen Bauern, wenn sich Hunger bei ihnen einstellen sollte, den
Städtern das entsprechende Eßquantum wegnehmen würden, dazu den Weibern die
Hälfte der Fläschchen. Man hatte Vorsorge getroffen, daß der Schutt und
Müll des Herzogtums, der auf dem Gänsemarkt abzuladen war, schon drei Tage
vorher zurückgehalten wurde; so daß also am Tage der Volksversammlung
mächtige Massen anfuhren und den Kehricht dampfend und staubend zwischen
die Menschen schleuderten; die Menschen, das berechnete man richtig, würden
auseinander rennen und wenigstens um den Kehrichthaufen war kein Gedränge.
Besonders viel Frauen und Männer mit Beingeschwüren, Hühneraugen und
Krampfadern waren aus dem gleichen Grunde eingeladen worden und zwar
planmäßig; man hoffte so Polizei zu sparen und Stauungen der Menge und
großes Gedränge zu verhindern; die hühneräugischen Leute würden schon im
Gedränge, getreten oder gestoßen, von Zeit zu Zeit ein derartig
mordsmäßiges Geschrei erheben, daß sich die Menschenmassen wie Blasen von
ihnen abheben würden, und so hatte man Fluktuation, Bewegung. Einzelne
Dorfbehörden waren töricht genug, den Einwohnern ihres Bezirks Hängematten
mitzugeben, zu bequemer Lagerung bei der Beratung usw., wobei sie ganz
übersahen, daß auf dem Gänsemarkt keine Bäume wuchsen, abgesehen von zwei
Wacholderbüschen und einer Radieschenpflanzung, welche der Frau Raspel
gehörte. Es wäre noch sonst mancherlei zu berichten über die sonderbaren
und einfältigen Vorbereitungen zu dem großen Fest; zum Teil zerschlugen
sich diese Pläne; so die Absicht des Fürsten, sich dem Volk überhaupt nicht
zu zeigen, sondern unnahbar hinter einem blaugrünen Vorhang zu thronen, der
so groß sein sollte wie der ganze Gänsemarkt; man konnte in der Eile nicht
genügend farbige Leinwand auftreiben; schließlich: wie hoch sollte der
Vorhang sein, bis zum Himmel? Darüber zerfiel die Sache.
Das große Geheimnis des Tages war, daß bis zuletzt niemand aus dem Volk
wußte, was man denn auf dem Gänsemarkt sollte. Kein Minister wußte es,
nicht einmal der Fürst; weit gefehlt, das dies irgendeine der Instanzen
beunruhigte, erhöhte es nur die Feierlichkeit der Stimmung. Es konnte nach
drei Tagen niemand leugnen, daß die Sache außerordentlich drängenden
Charakter hatte. In den Ministerien saß man schwermütig herum; man zog sich
schon jetzt festlich an und trug sämtliche Orden; man blickte erregt zum
Fenster hinaus und erschrak beim Knarren der Gemüsewagen; man trank in den
letzten Tagen nur Rum und aß eine gewisse Sorte gepfefferte Roulade, die,
von der Witwe eines bei Zeuthen gefallenen Feldwebels hergestellt, das
Allerheiligste des Ministeriums darstellte.
Am Tage vor dem Ereignisse wurden die Sachen des Herzogs auf dem Gänsemarkt
gründlich ausgeklopft; er selbst mußte währenddessen im Bett bleiben. An
solchen Tagen schwebte der Herzog in der größten Angst, daß ein Attentat
auf ihn erfolgte oder daß man sich unziemlich gegen ihn benehmen könnte,
denn wie Simson in seinen Haaren, fühlte er sich nur in seinen Kleidern
geborgen. Heute rief er rasch die Minister in sein Schlafzimmer, befahl,
seinen Holzelefanten, auf dem er Paraden abnahm, neu anzustreichen, und
irgendein vertrauenswerter Mensch solle statt seiner während des ganzen
morgigen Tages sich auf dem Ungetüm aufhalten; er selbst werde auf dem
Pferde sitzen, so daß also das Volk nicht aus dem Staunen herauskäme, daß
sein Herrscher einmal auf dem Elefanten, das andere Mal auf dem Pferde
säße. Dies sei eine Überraschung, die er sich für morgen ausgedacht habe;
es würde ein gewisses überirdisches Aufsehen geben. Die Minister bemerkten,
das wäre ein grandioser Einfall, sie würden alles recht in die Wege leiten.
Alles kam wie vorausgesehen; die Bauern brachten zwei Paar mehr oder
weniger dreckige Stiefel, die alten Weiber tranken Anis, die Hühneräugigen
schrien und der Mist dampfte. Dann gab's ein Lamento, weil die Bauern mit
den Hängematten nach Bäumen suchen gingen und sich überall Weg bahnten, und
als sie keine fanden, rechts und links beschuldigten, man hätte ihnen zum
Schabernack die Bäume ausgerissen. Schließlich zogen sie über den
Gänsemarkt hinaus, wo hinter den ersten Straßen ein kleiner Park war, da
hingen sie ihre Gurte an, legten sich hinein, schimpften gewaltig, daß sie
nun nichts von der Versammlung hätten und die Häuser ständen ihnen gänzlich
im Wege. Ein weiterer Trupp drang ganz frech in das herzogliche Schloß
selbst ein und mußte mit Gewalt daraus verjagt werden; in ihrer Verfügung
stand, sie sollten nicht vergessen, dem Herrn Herzog guten Tag zu wünschen;
und weil der grauhaarige Bauernführer meinte, sein Gedächtnis wäre schon
schwach, wollten sie es gleich bei der Ankunft abmachen. Man aß und trank
und raufte sich; das Wetter war sehr schön. Als gegen Mittag alles verzehrt
war, die Bauern sich in den Hängematten ausgeschlafen hatten, wollte alles
zufrieden nach Hause gehen. Da sprengte der Fürst aus dem Schloß hervor und
schrie: »Halt!« Rasch sagten die Bauern: »Guten Tag« und latschten weiter,
waren guter Dinge, daß alles vorbei wäre und ihnen nichts zugestoßen. Der
Herzog rief nochmal: »Halt.« Und in demselben Augenblick tauchten an den
vier Seiten des Platzes mit erschreckendem Ernst Trompeter auf, schwenkten
Fahnen, und neben ihnen blitzten gepanzerte Herolde mit riesigen schwarzen
Schalltrichtern, die tuteten: es sollten alle Obacht geben auf den Herzog;
er wolle jetzt die Tüchtigsten auswählen, die nach Padrutz, dem gesegneten
Lande, übersiedeln dürften.
Sofort entstand große Zwietracht unter den Leuten. »Wer der Tüchtigste
ist,« gifteten sie, »das wollen wir mal sehen!«
Sie ballten sich zu Haufen zusammen und bewegten sich nicht. Sie hielten
sich fest an den Röcken. »Keiner läuft hin zum Herrn Herzog. Das machen wir
erst unter uns ab.«
Und so standen sie mit funkelnden Augen in zusammengeknäulten Horden,
bissig einer den andern einklemmend.
Plötzlich keifte und keuchte einer: »Was drückst du mich so. Willst mich
wohl schwach machen?« Der andere: »Hältst mich für deinen Affen, daß du mir
ein Bein stellst? Nimmst du das Bein weg!« »Laß du deine Hand von meiner
Schulter.« »Reingeschmettert kriegst du eins, daß du Matthäi für Ostern
hältst und deine Backen für eine Kesselpauke.« »Wo die Kesselpauke ist,
wirst du bald besser wissen, als wo dein Maul steckt.« Und rasch sausten
die Hiebe. Die Fesseln lockerten sich. Zwei stürzten in den Kreis hinein.
Die entfernteren bekamen es mit der Angst, daß die beiden sich für die
Besten hielten und hier ihren Entscheidungsmatsch ausfochten, ließen ihren
jeweiligen Gegner los, sperrten um die Kämpfenden mit ihren Leibern ein
Gitter. Rockzipfel, Kragen wurden frei. »Haut euch!« hetzten sie, freuten
sich und griffen sich dabei eisern um die Taillen. »Nicht rauslassen, nicht
heraus!« Zwei andere stürzten sich aber in den Kreis, Vettern der Kämpfer,
ergriffen Partei, wieder andere wirbelten wie Häscher hinterher, einige
lauerten im Hintergrunde. Und diesen Moment benutzten ein paar lange Kerle,
die sich schon vorher bedeutsame Winke gegeben hatten, rasten wie die
Windhunde davon zum Herzog. Ein Wutschrei der Hinterbliebenen, eine kurze
Starre. Dann wälzte sich das strampelnde schlagende Feld über den Markt,
mit Knuffen, Stoßen, Würfen, Purzeln. Die beiden Boxer blieben allein,
bearbeiteten sich das Fell, blickten plötzlich um sich, schrieen, gaben
sich verloren, verprügelten sich noch einmal in Verzweiflung und Ingrimm,
schleppten ihre Lächerlichkeit über den Gänsemarkt.
Bei den Leuten, die mit den Hängematten gekommen waren, herrschte von
vornherein Eintracht; sie sagten zueinander: »Wer mag wohl der Tüchtigste
von uns sein, hä? Sepp, lauf du!« Und der lief. Damit waren sie zufrieden
und sahen sich alles in Ruhe an.
Der Herzog Stoffel saß in seiner prächtigen Generalsuniform auf dem Pferde.
Die Minister hatte er auf den Balkon geschickt, damit sie ihn gehörig
bewunderten. Blindlings sprengte er in die Menge, geradenwegs und in Bogen
sauste er, fünf Offiziere neben ihm. Er schwang den Ehrendegen, den ihm
sein Kabinett nach der Okkupation von Padrutz überreicht hatte, und schrie:
»Hierher die Tüchtigsten, hierher!« Er ritt den Menschen voran, die ihm wie
eine Meute Hunde folgten. Wie der Blitz notierten die landeskundigen fünf
Begleiter die Namen derer, die zuerst Hals über Kopf angeschossen kamen.
Ein Jammer war bei alledem der Anblick biederer Bürger. Diese würdigen
Männer traten sonst ansehnlich als Seifensieder, Tuchverkäufer in ihren
Läden auf, drückten sich als Bürokraten gewichtig den Hosenboden durch. Der
Herzog sah sie stehen, spannte sich in dem Bügel hoch, schwenkte ihnen den
Degen zu. Die Ehefrauen keiften und stießen sie: »Lauft doch.« Sie drehten
sich verlegen, schielten hochrot um sich, probierten unglücklich ihre Beine
auf dem Fleck. Die Frauen schrieen: »Er ruiniert uns, er ruiniert Frau und
Familie; die Kinder müssen betteln.« »Wo müssen denn die Kinder betteln?«
»Wir verlieren alles. Sieh, der kleine Drogenmax von drüben läuft schon.
Zieh dir die Stiefel aus, Vater.« Stoßseufzend ließen die Väter mit sich
geschehen: »Gott mit uns;« sie sockten davon.
Sooft Stoffel den Haufen wachsen sah, gab er den Offizieren einen Wink; sie
schwenkten um und horridoh! ging die Jagd einen unerwarteten Weg über den
Markt. Während er am Balkon vorüberritt, riefen die Minister herunter: »Es
gibt Schwierigkeiten, Durchlaucht.« »Warum?« »Die Stadt wird leer.« »Lassen
Sie mich nur machen,« rief er im Feuer seiner Tätigkeit zurück, galoppierte
weiter. Und während die Minister sich stritten, reizte, lockte unentwegt
sein: »Hierher die Tüchtigsten, hierher!«
Einen drolligen Eindruck machten die Kaufleute, die sich nach und nach bis
auf die Hosen entkleideten und sachte Bogen auf Bogen abschnitten von einem
Kampfplatz zum andern. Sie trabten ruhig und geduldig. In dieser trägen Art
liefen ganze Gilden zusammen nebeneinander; es hieß immer an der Spitze:
»Jetzt geht's dahin. Jetzt geht's dahin.« Während sie zuerst vor Eile die
Blicke nicht von dem Boden nahmen, sahen sie jetzt gelassen um sich. Sie
waren ganz friedlich, amüsierten sich: »Die Hutmacher habens aber mal
eilig. Immer mit der Ruhe.« Bei diesen Kämpfern verbreitete sich das
Gerücht, daß es überhaupt nicht auf die Schnelligkeit ankomme; solche
Dummheit habe herzogliche Regierung nicht vor, sondern auf die Qualität des
Laufens, die Beherrschung der Gangart. Die Vorsicht in der Bewältigung des
Geländes, überhaupt auf die durchscheinenden Charaktere. Der Herzog wolle
auch sehen, ob sie zusammenhielten oder nicht. Und so explodierte von Zeit
zu Zeit, wenn der Herzog mit Halloh an ihnen vorbeiflitzte, aus der Mitte
einer geschlossenen Mannschaft ein kerniges: »Hoch die Dynastie!« »Hie gut
Lobenstein!« Dieser friedliche Wettstreit brachte ein gewisses männlich
ruhiges Element in das Hasten und Jagen.
Inzwischen vollendete der Herzog sein Examen. Die großartigsten Evolutionen
ließ er sein gesamtes Volk machen, die Masse folgte in stufenweiser
Behendigkeit. Der Staub schwebte über dem Markt, die Luft hallte von
Schreien, Brüllen, Juchzern. Unter dem Trampeln wogte der Boden; der
Schweiß eines ganzen Volkes machte die Luft feucht.
Vor dem Palast, zur Seite des Balkons, stand der hölzerne Elefant, sein
Leib war grün bemalt, die Augen rot, die Ohren schwarz und weiß; das Gesäß
hatte man planvoll angestrichen mit den Farben Kurhessens. Oben im
blaugrünen Zelt saß ein einsamer Lobensteiner und ließ es sich gut sein
beim Weine, hochbeneidet von den wissenden Ministern. Der Herzog hatte das
Arrangement längst vergessen und brauste in heller Begeisterung an seinem
thronenden stummen Widerpart vorüber.
Dann war der Streit beendet. Steifbeinig stieg Stoffel vom Pferd. Über
tausend Namen standen auf den Tafeln. Das treue Volk wurde entlassen und
nach Hause geschickt. Während sich tosend das dunkle Feld leerte, plumpste
eine reife Frucht vom Elefanten herunter ins Gras: »Jetzt kommen wir;
hierher die Tüchtigsten, hierher!«
Nun verstrichen Wochen, während derer das ganze Land unter den
Vorbereitungen der Padrutzer Reise stand. Keine Kuriere wurden mehr dorthin
geschickt; man überließ die Padrutzer sich selbst; der Stoffel sagte, sie
hätten kein anderes Schicksal verdient. Den Padrutzern schwante nichts
Gutes; sie dachten bei der eingetretenen Stille an die blanken Gewehre zu
Lebzeiten der seligen Philine, nunmehrigen Fouragehändlerin zu Prag. Die
Schultheiße und ein großer Teil des Volkes machten heimlich Hab und Gut
mobil, um, sobald das Massaker losging, Reißaus zu nehmen. Der Bischof von
Prag, von Philine gedrängt, schickte den Schultheißen durch Sendboten
seinen Segen, verhieß den Padrutzern für schwierige Fälle freies Asyl.
In Lobenstein waren mit Weib, Kind und Kegel an dreitausend tüchtige
Menschen auf die Beine gestellt, um nach Böhmen zu reisen. Festliche
Gottesdienste fanden allerorten statt. Eine Woche vor der Abreise
veranstaltete der Herzog eine große Feier im Schlosse für die Obrigkeiten
des Landes. Es kam bei dieser Gelegenheit auch die Frage der
Musikinstrumente zur Entscheidung, die gelegentlich während des langen
Marsches geblasen werden sollten. Nämlich verlockt durch die vielen
sonderbaren Begebenheiten, Feste und Affären in Lobenstein war damals grade
eine südländische Musikkapelle an dem Hof eingetroffen, welche dem Herzog
enorm imponierte. Sie brachte mit aus Verona ein wunderbar gebogenes Horn,
auf dessen einer Biegung ein schlafender Bernhardinerhund in Silber
angebracht war, ferner zwei verschiedene Posaunen, die je einen tiefen
kräftigen Ton von sich gaben und wie Fernrohre von den Musikern vor die
Münder gefahren wurden auf einem Holzgestell mit Räderchen. Der Herzog
hörte sich bei schönem Wetter täglich die neue Musik an und schalt auf die
einheimischen Künstler, die den Auszug der Kolonisten mit Trommeln und
Pfeifen begleiten wollten, was er im höchsten Maße ordinär und direkt
gräßlich fand. Als er bei der gedachten großen Feier wieder die Südländer
lobte, erklärte der bullenbeißige Kriegsminister untertänigst mit massivem
Kloß, daß sich die Instrumente anhörten wie das perpetuirliche Leibweh und
in Gegenwart von Frauenzimmern leicht unziemlich wirken können. Der Herzog
aber, der sich die Nase putzte, fand, es höre sich an wie das Rülpsen und
Röcheln eines Zugstieres voll Kraft und Zufriedenheit; soweit die Posaune.
Das gebogene Horn freilich mit dem silbernen Bernhardinerhund keifte
erbärmlich, und man könne dies nicht anders vergleichen als mit dem Schmerz
eines eingewachsenen Nagels am Fuß, günstigsten Falls wirke es beunruhigend
wie ein Faserchen Fleisch nach der Mahlzeit, das zwischen den Zähnen
stecken geblieben sei und sich mit dem Zahnstocher nicht fassen lasse. Dazu
fiele ihm zum Überfluß jetzt auf, daß das Ding verschiedene Töne blase,
welche wechselnden Äußerungen für ein Instrument von so gewaltiger Größe
wie eine Armbrust ungehörig seien und bei Bürgern und Bauern leicht
schlechtes Beispiel gäbe. So wurde bei der Gelegenheit allein die
welschländische Posaune in die Lobensteiner Staatsmusik aufgenommen, das
Horn aber, trotz Anerkennung seiner unglaublichen Biegung und prunkvollen
tierischen Ausstattung, blieb den Fremden überlassen zu ihren übrigen
Kinkerlitzchen.
Und im Monat Juni, an einem schönen Sonntag, läuteten im ganzen lieblichen
Herzogtum die Kirchenglocken, gingen alle Menschen in festlichen Kleidern,
Musik und Tanz fing am frühen Morgen an; heute sollten die Lobensteiner
ihre Wanderung antreten. Die Erwählten trugen blaugrünrote Bänder am Hut,
die bis auf die Erde schleiften; das Rot war zu den Landesfarben
hinzugekommen und bezeichnete das herzlich ersehnte Padrutz. Die Reisenden
benahmen sich seit der Volksversammlung gerade so, als wenn sie das große
Los gewonnen hätten; sie fühlten sich ganz als die Elite des Volkes. Einige
hatten sich gleich nach jener Auslese Siegel und Stempel angeschafft, und
wenngleich sie nicht lesen und schreiben konnten, so patzten sie überall,
wo es ihnen gut dünkte, ihr schnörkliges Wappen hin, als wenn es ein Titel
wäre. Die Auserlesenen hielten im ganzen Lande zusammen, hatten geheime
Versammlungen und Beratungen, die nach außen immer damit endeten, daß eine
Deputation an Stoffel abging und Treue über den Tod hinaus schwor. Stoffel
sammelte solche Ergebenheitskundgebungen und klebte sie in ein Lederalbum
ein, das er später seinen hohen Besuchern vorlegte. Ihre Äcker, Häuser und
Güter hatte jene Elite längst verkauft und verschleudert. Den Batzen Geld,
den sie bekommen hatten, verjubelten und vertranken viele, setzten
Stiftungen für die hinterbliebenen Landsleute aus. Die vorsichtiger waren,
schlugen öffentlich unter Lamento irgend einen Hund tot, zogen ihm jammernd
das Fell ab und gruben den Leib in die Erde ein, nicht ohne heimlich ihr
Geld mit in das Grab fallen zu lassen; sie hielten ihre Habe in dieser
stinkenden Umgebung für doppelt sicher. Von Kurhessen her erfolgte damals
ein großer Zustrom liederlicher Personen, die den vorhandenen Lobensteiner
Übermut ausbeuteten; man sagte später nicht zu Unrecht, daß dieser Afflux
staatlicherseits von Hessen begünstigt wurde; wo Lobenstein ein Abbruch
getan werden konnte, war Kurhessen immer voran. Die Schankwirtschaften
schossen in die Höhe, über Nacht bildeten sich Ruderklubs, Wandervereine,
Keglerbünde und ähnliche Nichtstuereien, die sich mit einer Aureole von
Heldentum umgaben und auf allen Plätzen breit machten. Allgemein hieß es in
der Nachbarschaft: in Lobenstein geht die Welt unter.
Unter Böllerschüssen und Raketen setzte sich am Spätnachmittag der Zug in
Bewegung. Sie mußten mit Pferd und Wagen und allem Gepäck erst den
Rößleberg hinauf und dann in feierlicher Prozession an der anderen Seite
herunter, wo der Herzog auf der Kuppe seines asiatischen Geschöpfs sie an
sich defilieren ließ; der Herzog meinte, dieses Hinauf und Hinab mache sich
weihevoll in der Abendbeleuchtung. Zweihundert Soldaten bedeckten den Zug
mit zwei Batterien, hundert voran und hundert am Schluß; der Herzog selbst
kam in einer sechsspännigen Kutsche nach und begleitete die Kolonne fünf
Tage weit nach Deutschland hinein. Zigeuner, Diebsvolk, Dirnen,
Gaukelspieler erwarteten sie an der Lobensteiner Grenze in Massen, sie
umschwärmten den Zug wie Fliegen und Feldmäuse.
Sobald man über die blaugrünen Grenzpfähle hinausgeschritten war,
veränderte sich rasch das Bild. Das lärmende Treiben verbot sich von
selbst; man konnte nicht wissen, wie das von den anwohnenden Staaten
aufgenommen würde. Das Einherspazieren mit Fahnen mußte aufgegeben werden;
die Fahnen wurden sachte eingezogen und die ganze gestickte und bemalte
Herrlichkeit fuhr man auf verdeckten Ochsenwagen hinterdrein. Die Gaukler
und der ganze üble Troß roch frühzeitig den Braten, verzettelte sich,
flirrte durch Deutschland, war lange vor den Bauern in Padrutz, wohin sie
das Gerücht der drohenden Ereignisse trugen. Still und geduckt, nicht
anders als sonst die Kuriere, mußten die Lobensteiner jetzt ziehen. Was war
aus der schönen Staatsmusik geworden, aus den welschländischen Posaunen, wo
lagen die Trommeln und Pfeifen, die man zur Reserve mitgenommen hatte?
Nicht besser als eine gewaltige Diebs-Bettlerbande zog man einher, bei
Nacht an den zweifelhaften Städten vorüber, bei Tag in Furcht vor jedem
höheren Kirchturm.
Bei Kinzelheim im Bayrischen, nächst der Stadt Augsburg, gab es eine große
Affäre. Kinzelheim war freie Reichsstadt geblieben und übte in seinem
kleinen Gebiet eine Souveränität aus, die sich von besonderen
Gesichtspunkten leiten ließ. Es herrschte da auf dem Magistrat neben den
eigentlichen Magistratsbeamten gewissermaßen unbeamtet eine gelehrte
Körperschaft, der alle Juristen, Professoren, Historiker, Ärzte der Stadt
angehörten; an den Rathaussitzungen nahmen, das war Gewohnheitsrecht, immer
vier, fünf der Gelehrten teil; sie schrieben sich gewisse autonome
Funktionen zu; es war üblich, daß bei wichtigen Beratungen der
Professorenpartei direkt Stimmrecht verliehen wurde und sie trotz ihrer
privaten Natur eingreifen durfte. Nun waren durch die Napoleonischen
Feldzüge, besonders durch die Truppenbewegungen nach Österreich zu, welche
mit der Schlacht von Aspern zusammenhingen, in der ganzen Umgebung von
Kinzelheim die Straßen ruiniert worden; die fliehenden Truppen hatten
hinter sich von den Bergen herab Felsblöcke auf die Straßen rollen lassen;
rücksichtslos war jede Brücke demoliert, Wegweiser waren abgerissen oder
böswillig vertauscht; es herrschte um Kinzelheim ein kulturwidriges
Durcheinander. Im Rathaus standen sich zwei Parteien gegenüber; die einen,
es waren die Gelehrten, hielten den Zustand belanglos für die Entwicklung
der Stadt; sie betonten die Kostspieligkeit der Neuanlagen, ja der Verfall
der Straßen wäre opportun, weil er gleichsam eine Mauer um Kinzelheim setze
und der Stadt ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten garantiere. Sie sahen
nämlich mit dem zunehmenden Verkehr die Unabhängigkeit der Stadt gefährdet.
Die andern von der Magistratspartei aber traten für Ausbau der Wege und
freien Verkehr ein; hier ging man soweit, von Zollbündnissen mit Augsburg
und der übrigen Nachbarschaft zu reden, von gemeinsamen Interessen mit
Augsburg, gemeinsamen Wegebaukommissionen. Es waren die Händler, Krämer,
Steuerzahler, die so zu Wort kamen, die glaubten, für ihr Geld auch etwas
haben zu müssen; sie waren wie immer wütend auf die autoritativen
Gelehrten, denen sie aber nicht beikommen konnten. Nachdem man sich
beiderseits mancherlei vorgeworfen hatte, wurde der Streit durch eine
Maßnahme des wegefreundlichen Magistrats auf die Spitze getrieben. Nämlich
die Ehefrau eines Bürgermeisters hatte zu ihrer Steinkrankheit einen
berühmten schwedischen Arzt, der sich Lysarius nannte, aus der Lausitz, wo
er wohnte, zugezogen; der Fremde hatte damals nicht nur die Frau
überraschend schnell kuriert, sondern auch durch sein kenntnisreiches
weltmännisches Wesen sowohl Gelehrte wie Magistratler fasziniert. Als die
Debatten über den Wegebau erregter wurden, faßte man im Rathaus den
Beschluß, sich diesen Schweden zu verschreiben, er sollte sich rasch in die
Materie einarbeiten und sagen, was er meine. Diese kompetente
Persönlichkeit war mit vier Dienern angefahren, hatte sich über alles
orientieren lassen und sich dann kurzerhand auf Seite der Gelehrten
geschlagen. Er stöberte im Rathauskeller unter alten Büchern umher, las und
kroch in die Kisten, bis sein langer brauner Bart voll Spinnweben hing, und
entdeckte schließlich ein Edikt aus der Zeit Karls des Sanftmütigen, wonach
alle Versuche, der Stadt Kinzelheim ihre Reichsunabhängigkeit zu nehmen,
als Hochverrat zu bestrafen seien; als Strafe war für den mindesten Fall
der Pranger genannt. Heimlich stellten nun die Gelehrten, die über den Fund
des Lysarius entzückt waren, Nachforschungen nach dem Pranger an, sie
konnten ihn aber in der Stadt nicht entdecken. So lange wollten sie nicht
mit der Sache hervortreten. Erst als der Nachtwächter ein Liebespärchen auf
dem Balkon eines verlassenen Hauses erwischte, -- ein Pärchen, das durch
sein allnächtliches ungeniertes Schwärmen und Küssen Aufsehen erregte, noch
mehr freilich Neid eines benachbarten hagestolzen Ratsherrn, -- kam man
hinter das Geheimnis. Man sah, daß diese sonderbar schwebende Laube, dieses
enge Asyl der Verliebten der ehemalige Pranger war. Noch konnte man die
Richtschwerter sehen, die beiderseits an den Wänden aus dem Stein gehauen
waren, noch bläkte oberhalb der Laube eine scheußliche Frauenmaske die
Zunge; aber dem Pärchen hatte der schreckliche Wust nicht die Brust
beklommen. Entschlossen holten die Gelehrten nach diesem Fund zu einem
Streiche aus. Sie schickten, als die Ratsversammlung ohne sie tagte,
Spitzel hinein in der Gestalt von Federschneidern, Sandstreuern, ließen auf
Blättchen notieren, was ein Mann namens Schaffelhuber dort geredet hatte
über den Weg nach Strunzelbach, und denunzierten den Schaffelhuber sowohl
bei Gericht als beim Magistrat, da es sich um eine staatsfeindliche
Angelegenheit handele. Sie verlangten Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person
und nach dem Buchstaben Anwendung des Ediktes Karls des Sanftmütigen. In
aller Form verlangten sie, daß sofort in den Etat einige hundert Goldgulden
eingestellt würden zur Ausstattung und Wiederherstellung des alten
Prangers. Die Erregung über das entschiedene Auftreten der
Gelehrtenkorporation war allgemein; man war sicher, daß die Gelehrten noch
andere Schritte planten. Der Name Lysarius' ging von Mund zu Munde; man
amüsierte sich weidlich, was sich der biedere Magistrat für einen Floh ins
Uhr gesetzt hatte. Am liebsten hätte der Rat ihn sofort ausgewiesen, aber
man fürchtete, es mit dem Königreich Schweden zu verderben. Lysarius fuhr
so stolz durch die Straßen; er war anzusehen wie die inkarnierte Arroganz,
wenn er mit halbverschlossenen Augen die Rathaustreppe hinaufstieg; seine
Diener in brauner Livree mit dem schnörklichen Wappen seines Herrn und dem
schwedischen Löwen rissen vor ihm die Türen auf. Die jungen Männer in den
Kantinen schlossen Wetten, wer siegen würde; die Bevölkerung begann sich zu
gruppieren, auf den Straßen nach Gesinnung zu applaudieren und zu pfeifen.
Die Gelehrten blieben dickfellig, sie traten mehr und mehr aus ihrer
Reserve heraus und waren entschlossen, sich auf keine Konzession
einzulassen und den Schaffelhuber auf den Pranger zu schaffen, koste es was
es wolle. Da traf dicht hintereinander der Entscheid von Magistrat und
Magistratsgericht: beide Instanzen lehnten ab, auf das Edikt Karls des
Sanftmütigen zu rekurrieren, erklärten den Schaffelhuber für frei und
gesetzlich; der Magistrat trieb die Sache sogar so weit, dem Beklagten, da
er Steinmetz war im Privatleben, den Strunzelbacher Weg zur Pflege zu
überantworten. Damit war der Krieg in brutalster Form erklärt. Die
Gelehrten erließen Tags drauf eine Proklamation, die auf blaue zierliche
Zettel geschrieben an alle Mauern angeschlagen wurde: Recht, Ansehen,
Autorität werde in Kinzelheim zum öffentlichen Gespött gemacht, die
Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei ruiniert, Magistrat und sein
Gericht strebten nach Tyrannei; nicht anders könne daher die Parole von nun
ab lauten als: Karl der Sanftmütige contra Schaffelhuber. »Lanzen heraus!
Kinzelheimer, beißt zu! Euer Heiligstes steht auf dem Spiel!« Beide
Parteien gingen mit glühenden Backen herum; die Magistratler waren
gedrückt, weil sie ohne Hilfe der Professoren keine Gegenproklamation
verfassen konnten, und das Elaborat der Gelehrten stach ihnen, wo sie
gingen, mit seinem satten Meeresblau in die Augen. Lysarius, obwohl nur
Fremder, wenngleich Schwede, ließ seine vier Diener mit sonderbaren
Hellebarden bewaffnen; sie lungerten in den Straßen und tauchten überall
plötzlich auf, wo Menschen vor dem künstlerischen Maueranschlag standen und
einer sich anheischig machte, er wolle das Blatt abreißen. Im Rathaus
schwitzten die Magistratler ihre Giftigkeit aus; auf sonniger Straße unter
jenem Pranger ratschlagten mit großem Pathos die Gelehrten; die wüste Laube
war die Rednerbühne; und der Beschluß, den man unter Abnehmen der
bekränzten Mützen und Aufheben der Hände faßte, lautete: man wirft alle
Staatsgeschäfte dem verräterischen Magistrat vor die Füße; Diplomatie,
Gericht, Unterricht, Gottesdienst werden den Kinzelheimern genommen, bis
daß der Steinmetz Schaffelhuber auf dem Pranger angekettet schreit und die
Gassenjungen mit Kieseln nach ihm werfen. Die Gelehrten aber werden jeden
Stein zählen, den er nach Strunzelbach legt und ihn heimzahlen. Sie nehmen
feierlich nunmehr vor aller Welt den Namen »Karolinger« an; sie verlassen
die Stadt und beziehen vor der Mauer ein Lager.
Und dies war der Zustand, in dem die reisenden Lobensteiner die Stadt
Kinzelheim antrafen. Sie hatten schon vorher bemerkt, daß man sich einem
besondern Stadtwesen näherte, denn weit und breit waren die Chausseen
verlassen, Leichen gefallener Pferde verwesten auf den Straßen, die Äcker
brach; eine drückende Stille in der ganzen Umgebung. Vorsichtig brach die
herzogliche Avantgarde in das verzauberte wüste Gebiet ein; man mußte auf
Strickleitern und Balken über haushohe Steine klimmen. Wenn eine Kompagnie
sich an eine gefährliche Partie machte, stellten zwei, drei Mann die
Nachhut, schossen: piff paff ihre Gewehre in die Luft ab, recht oft
hintereinander, um den Anschein einer großen Armee zu erwecken, auch die
Wandernden schossen, sobald sie die Hände frei bekamen. So gelangten sie
nach drei mühseligen Tagen und Verbrauch vieler Munition an einen weiten
Platz, dessen letzte Barrikade sie unter Geknatter überwanden, als sich
ihnen unvermutet und erschreckend der Anblick eines mächtigen
wimpelgezierten Lagers bot; Zelte waren aufgeschlagen, Feuer brannten,
Tiere wurden getrieben, Menschen in unbekannten Uniformen mit wilden
Feldzeichen wimmelten in den Gängen; lautes Geschrei und Brodeln von
Stimmen schwoll. Stoffel, benachrichtigt, stieg aus seinem Wagen, schwang
sich auf seinen Hengst. Da er von dem langen Sitzen im Wagen mutig geworden
war, wollte er erst das Zeichen zum Angriff geben, zumal ihm sein
Kammerdiener einen samtumwickelten Feldherrnstab in die Hand drückte, mit
dem sich große und mächtige Bewegungen machen ließen. Im letzten Augenblick
besann sich der Held aber auf die Regeln der Strategie, schickte eine
Umzinglungsmannschaft von achtzig Soldaten ab; einem Leutnant, der eine
gute Figur hatte, zeigte er dann den graden Weg über den morgenlich
beschienenen Plan ins Lager der Widersacher, ließ ihm eine weiße Fahne
geben und die Augen mit einem Taschentuch verbinden; denn Stoffel hatte
gehört, daß ein Parlamentär nur mit verbundenen Augen sich dem feindlichen
Gebiet nähern dürfe. Der Marsch des blinden Leutnants begann. Alle
Lobensteiner mit Sack und Pack machten halt, Allein über den großen Sand
tappte der Parlamentär. Oft stürzte er, manchmal, wenn er hochkroch,
verfehlte er die Richtung und kam mit vorgestreckten Armen auf die
Lobensteiner zurück, aber orientierte sich immer wieder an dem Brüllen der
Kühe im Lager. Denn nach den Stimmen der Menschen hätte er sich nicht
richten können; wenn auch zuerst eine rege Bewegung von den Feinden
herlärmte. Bald ließ alles nach; diesseits und jenseits standen die Scharen
stumm, auf einander gemauert, und beobachteten atemlos und staunend, was
der Leutnant mit den verbundenen Augen und der weißen Fahne machte und ob
er sich wohl zurecht finden würde. Die Karolinger hatten sofort erfaßt, daß
er zu ihnen wollte als Parlamentär; Lysarius hielt es sogar nicht für
ausgeschlossen, ja für wahrscheinlich und verkündete volltönig, daß man ein
nordisches Heer vor sich habe, das ihm zu Hilfe eile. Sobald aber der
Offizier in die Nähe eines Zeltes tappte, -- Stoffel strahlte vor
Vergnügen, die Lobensteiner jubelten, -- die Fahne schwang und rief: »Wer
da? Wer da?« wichen die Karolinger vor ihm aus; keine Stimme antwortete; er
stand allein vor einer Lagerstange, die er abtastete, hörte dicht neben
sich die Kühe brüllen, ein Hund sprang an ihm hoch, beleckte seine Hand.
Den Karolingern schien der Vorfall im letzten Augenblick zu wichtig; sie
waren fortgeschlichen hinter die letzten Zelte und wollten beratschlagen.
»Wer da, wer da?« schrie der blinde einsame Offizier; ein ganzes Rudel
Hunde bellte besessen um ihn. Als der Herzog von seinem Pferd aus diese
Behandlung seines Abgesandten beobachtete, sah er darin eine schnöde
Verletzung des Völkerrechts; er gebot Ruhe, schwenkte mit der Linken den
Samtstab; die beiden Posaunen des Veronesen, die man rechtzeitig neben ihm
aufgestellt hatte, bliesen und dröhnten mit warnender Gewalt über das Feld.
Und während Stoffel den Degen mit der Rechten zog und an der Spitze von
fünfzig Reitern dahingaloppierte auf die blendende breite Sandfläche
tauchte auf der anderen Seite des Lagers plötzlich die
Umzinglungsmannschaft vor den flüsternden Karolingern auf, warf sich in
Schützenlinie hin und legte an. Nicht Lysarius war es, der in diesem
gefährlichen Augenblick der höchsten Verwirrung, der Todesrufe das Unheil
abwehrte, sondern ein älterer Gerichtsdiener. Diesem tat schon vorher der
adrette Leutnant leid, wie er so oft hinstolperte, sich den sauberen Anzug
beschmutzte und sich wehtat. Er war heimlich zu dem Offizier geschlichen,
hatte ihm die Binde abgenommen, ihn unter vielen Beileids- und Koseworten
abgeklopft; dann gebeten, an der Stange einen Augenblick zu verweilen. Er
selbst lief nun mit der Fahne, die er hoch schwenkte, spornstreichs an die
Beratungsstelle zurück. Wenngleich er die Fahne weniger schwenkte, um
Friedensliebe zu zeigen, als um seine Freude an dem schönen echt
lobensteinisch prunkhaft bestickten Instrument zu bekunden, so bewirkte er
doch, daß man vorn und rückwärts halt machte, hüben aus dem Sande sich
unmutig erhob und herüberlugte, drüben von den schäumenden Pferden absaß.
Der Herzog selbst stolperte, die Hand am Zaum, neben seinem Schimmel her;
er zog, von zwei Mann gefolgt, kaltblütig ins Lager. Der Parlamentär
salutierte; in einer Lagergasse trat Lysarius an der Spitze von zwanzig
alten Männern heran und rührte sich dann nicht vom Fleck. Rasch sprang der
Parlamentärleutnant her, entwand dem verblüfften Gerichtsdiener die weiße
Fahne; hin- und herwandernd zwischen den beiden starren Gruppen vollzog er
Vorstellung und Annäherung. Bald stand Stoffel in einem leutseligen
Gespräch mit Lysarius, der sich vergeblich als Souverän aufspielte, vom
Herzog aber wegen seines langen Bartes nicht estimiert wurde.
Was die Lobensteiner, die nun in Scharen friedfertig und neugierig,
anzogen, bei den Karolingern vorfanden, war so merkwürdig, wie sie nie
erlebt hatten. Die Karolinger hatten sich mehr oder weniger fragmentarisch
in geradezu vorweltliche Kostüme geworfen. Alles, wessen man in Kinzelheim
habhaft werden konnte an Panzern, Arm- und Beinschienen, heldenhafter
Maskengarderobe, legendären Perücken hatten sie an sich gerafft und trugen
es am lichten Alltag. Da tänzelte mit einem Besen in der Hand eine junge
Dame einher in grünem ungegürteten Kleid, blonde Haare bis auf die Hüften,
von der Achsel an bloße Arme; sie fegte ein Zeltdach und war wie Thusnelda
anzusehen, hätte sie nicht ein spitzbübisch kleines kokettes Mundwerk nach
allen Richtungen hören lassen. Man mochte von Karl dem Sanftmütigen und
seiner Zeit nur eine unklare Vorstellung haben, denn durcheinander hatten
diese Historiker geschlitzte grellfarbige Pluderhosen an, Bärenfelle, die
vielleicht sonst als Bettvorleger dienten, Lederriemen, Fuß- und
Kniebinden, die aus der Südsee zu stammen schienen. Theatralisch
stolzierten junge Herrchen in roten und braunen Togen; sie schnitten
finstere, prähistorische Grimassen, ließen ihre gekräuselten oder
aufgelockerten Haare von Zeit zu Zeit auf die Stirn und dann zurück in den
Nacken fallen; sie lugten eifrig, ob ihnen einer mit Gefallen zusähe;
keiner von ihnen hielt die rechte Hand anders als unter der Toga verborgen,
den Dolch im Gewande. Friedlich spazierten neben der Römerin klobige
Urgermanen, die ihre Stammesangehörigkeit durch mitgeschleppte Methörner
mächtigen Volumens, Fellkleidung und rasselnde Armspangen kundtaten; die
glatten Holzkeulen schwangen sie verbrüdert neben dem kurzen Schwert jener
Gladiatoren; sie taten Wachdienst auf den Chausseen und vor den Stadttoren.
Das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten hatte seine Vertreter entsandt vor
Kinzelheim; die Geistlichen gingen wie spanische Großinquisitoren in
wallenden Federhüten, in engem schwarzem Talar mit Ordensketten. Nicht mehr
brauchten die Pärchen sich nachts auf jenem verhängnisvollen Pranger
treffen; sie legten die Gewande der klassischen Liebespaare an, als Hero
und Leander begegneten sie sich und niemand konnte den Schlauköpfen mehr
die Aufwallung klassischer und authentisch belegter Gefühle verwehren. In
diesen heißen Tagen erstach sich zahllose Male die unselige Lukretia,
Gemahlin des Königs Tarquinius Collatinus, nicht ohne vorher von einem der
vielen Söhne des Tarquinius Superbus mit schmachvoller Gewalt umarmt zu
sein. Den Lobensteinern wurde in der Umgebung schwül, mancher leckte sich
die Lippen. Der Herzog aber bewies ungerührt materielle Gelüste. Er ließ
zum allgemeinen Erstaunen seine beiden Kanonen auffahren zwischen Stadt und
Lager, dann schickte er trotz der Vorhaltungen des Lysarius einige Männer
in die Stadt, um in den Büchern nachzuforschen, ob eine Verwandtschaft
zwischen ihm und irgend jemand, gleichviel auf welcher Seite, bestände. Er
plante dann die andere Partei niederzuwerfen und einige Lobensteiner hier
auf der Etappe anzusiedeln. Als sich nichts Verdächtiges ergab, der Herzog
auch keinen sonderlichen Gefallen fand an der Stadt und der Umgebung,
bestimmte er den Abzug.
Da zeigte sich bald, wie heimtückisch die Karolinger an ihm gehandelt
hatten. Nämlich zwei tüchtige Lobensteiner Offiziere, darunter der
Parlamentär, waren zu den Gelehrten übergetreten. Bei Gelegenheit der
mehrfach geübten Ermordung einer gewissen klassischen Dame hatten die Opfer
vor ihrem jeweiligen Tode die fremden Henker ausspioniert und die so
erlangte Kenntnis schnurstracks bei ihren Vätern verbreitet; die
Karolinger, noch wütend über das anmaßliche Auftreten des entschwundenen
Stoffel, schickten alsdann Kundschafter weithin auf die Dörfer und Städte,
warnten vor den nahenden Lobensteinern; die hätten wenig Geld, täten nur
schießen und würgen und seien von einer ganz afrikanischen Wildheit. Sobald
Stoffel hiervon Lunte bekam, trennte er sich zorngeschwollen von den
Lobensteinern. Er kehrte mit achtzig Mann Bedeckung und einer Kanone um.
Von nun an waren die Lobensteiner ohne ihren Herzog und vollendeten allein
ihre Reise nach Padrutz.
Stoffel langte vor Kinzelheim in Kürze an, wagte aber nicht, die Gelehrten
anzugreifen, weniger aus humanitären Rücksichten, als weil seine tüchtigen
Offiziere schon eine ansehnliche Jungmannschaft ausgehoben und gedrillt
hatten und mit bemerkenswerter Verve daran gingen, den Sturm auf die Stadt
auszuführen. Er schlich sich nach Umgehung der Belagerer hinein zu der
Partei der armen Sünder; so nannten sich die Magistratler, einmütig mit dem
zum Pranger verurteilten Schaffelhuber. Drin in der Stadt stockte jede
Rechtspflege, Verwaltung. Es ging drunter und drüber; keine Kindtaufen
fanden statt, der Küster predigte am Sonntag, aber mit so bellender Stimme
und großmäulig, daß die verwöhnten Kinzelheimer keine Freude dran hatten.
Wie groß die Wut der Eingeschlossenen war, ließ sich auf Schritt und Tritt
erkennen; so stellten sie Tag aus Tag ein einen verkommenen Trottel in den
Mittagsstunden an den Pranger, angetan mit karolingischen Lumpen, zum
Schmerz der zurückgebliebenen Verliebten, die ihr Geheimasyl entweiht
sahen, sich überhaupt beeinträchtigt fanden gegenüber ihren glücklichen
Genossen draußen, in jenem freien Paradies der Ebene. Stoffel tat drin so,
als schlösse er sich den armen Sündern an. Er ließ auf die friedlichen
alten Männer, die sich am Lagerrande ergingen, einen Ausfall machen. Unter
höllischem Krakeel, wilden Sprüngen drangen die Lobensteiner Soldaten an;
fünf schöne Mädchen von erlesener Grazie wurden erbeutet und die dazu
gehörigen Väter; sie wurden gefesselt und vor den Rat geführt. Jetzt
forderte Stoffel hochfahrend von den Karolingern seine Offiziere zurück.
Sie antworteten mit lateinischen Zitaten, die niemand übersetzen konnte.
Der Herzog, in eine außerordentliche Situation getrieben, angestaunt von
den Kinzelheimern, sann, wie er sich rächen und auch wahrhaft Größe
bezeigen solle. Erst dachte er die Gefangenen gebunden an die Erde werfen
zu lassen und auf der Mauer hinter seinem Wagen her zu schleifen; aber das
würde nicht ohne Blutvergießen abgehen. So spannte er die fünf erbeuteten
Greise vor eine große Egge außerhalb der Mauer; zehn Knechte mußten zur
Seite gehen, mit geknoteten Peitschen die Männer antreiben. Er selbst unter
dem Schutz einer trommelnden Kompagnie saß auf einem breiten Rollwagen,
angeschirrt an die Egge, und ließ sich oben von den fünf liebreizenden
Karolingerinnen bedienen, die in Armesündertracht, dem Seil um den Hals,
Schenkendienste tun mußten angesichts ihrer Brüder und Geliebten in dem
Lager. Sehnsüchtig blickten die armen Mädchen herüber; drüben war es still;
nichts ließ sich erblicken von rettenden Gladiatorenschwertern und von
Keulen. Was mußten die Karolinger drüben erdulden! Da senkte sich plötzlich
die Egge an einem Rain, in dem aufgeweichten Boden überschlug sie sich; die
Greise stürzten hin, getroffen von dem Eisen kamen sie jämmerlich zu
Schaden. Ihr Wehegeschrei tönte über das Feld. Die Sünderinnen auf den
Wagen kreischten, sie warfen die Gläser hin, faßten sich bei den Händen; es
wurde an der Lagergrenze regsam. Der Herzog, vertieft und verblüfft,
übersah nicht rasch die Situation, obwohl gewarnt von einem Soldaten.
Während ungehindert vier der Mädchen vom Wagen herunter ihren Vätern zu
Hilfe liefen, schlang sich eine das Seil ab und warf es mit einem Ruck um
Stoffel. Schlagend und wälzend stürzten der Herzog und das Mädchen von der
Plattform; der Strick lag fest um seinen Arm; er konnte sich in der
aufgelockerten Erde schwer erheben. Die Person verlor bei dem Fall das
Bewußtsein. Er selbst beschmutzt, mit blutender Nase wurde wie ein Kind von
seinen Soldaten gerafft und noch rechtzeitig in die Stadt getragen, bevor
die feindliche Mannschaft, die aus dem Lager herjohlte, sie erreichte. Die
Egge, sämtliche Gefangenen, dazu einige der begleitenden Knechte und
Trommeln fielen in die Hände der Karolinger. Der Herzog war tagelang
gänzlich außerstande zu sprechen; er saß meist mit rotem Gesicht in seinem
Zimmer und bearbeitete Teppiche und Wände mit dem Degen. Dann zog er seine
Mannschaft zusammen. Ohne der Stadt einen Gruß zu entbieten, verließ er
Kinzelheim heimlich bei Nacht. Er kehrte in Eilmärschen zurück. Vor Scham
konnte er in Lobenstein zuerst seine Minister nicht empfangen; sehr langsam
stellte sich seine Ruhe wieder ein. Der Kriegsminister mußte ihm
wöchentlich Angriffspläne auf Kinzelheim vorlegen, später ließ er alles
fallen, erzählte vor Paraden von einer ganz unmilitärischen Bevölkerung in
Bayern, die er wie Hammel hätte zu Paaren treiben können, aber er hatte ja
Besseres zu tun: »Eine Sandwüste, was soll man in einer Sandwüste? Und
außerdem Kinzelheim, haben Sie schon von Kinzelheim gehört?« Und alles
krähte mit ihm vor Vergnügen; er klatschte seinen Reitstiefel mit der
Peitsche. Bald gehörte es auch zu den beliebten Gepflogenheiten der
herzoglichen Regierungskunst, daß er gegen mißfällige Personen auf dem
Ausweisungsdekret bemerkte: »Gehört nach Kaledonien oder Kinzelheim.« Ein
Jahr drauf bekam er einen abschließenden authentischen Bericht von der
sonderbaren Gemeinsame. In der Stadt und außerhalb der Stadt war bald
Hungersnot ausgebrochen; die neidischen verliebten Leute innerhalb der
Mauern benahmen sich rebellisch und wollten zu den Karolingern gehen. Die
alten Männer draußen entbehrten der Pflege; sie sahen auch, wie ihre
Angehörigen in der Freiheit verwilderten, in die vorweltlichen Kostüme
hineinwuchsen; dazu war niemand da, den die grauen Knasterbärte ihre
bösartige Überlegenheit kosten lassen konnten; so fielen sie sich
untereinander an und kamen aus dem Keifen nicht heraus. Schließlich
verschwand Lysarius. Seine vier Diener erzählten, daß er gar kein Schwede,
sondern ein vielgewandter Barbiergehilfe aus der Niederlausitz sei; mit der
steinkranken Frau des Ratsherrn hätte er eine Liebschaft gehabt; zu den
Karolingern habe er sich nur geschlagen, weil die nach seiner Äußerung so
dumm wären, daß sie ihm nie auf die Schliche kommen würden. Darum habe er
auch die ganze Aktion so betrieben. Man jagte die Diener mit Schimpf aus
dem Lager. Griesgrämig hockte man in den albernen Kostümen herum, fror, sah
sich gegängelt von einem Schwindler. Als die Vermittlungsverhandlungen
schon in die Wege geleitet waren, erschienen Ratsherren von Augsburg und
erklärten eine Einigung herbeiführen zu wollen. In den Karolingern flammte
der alte Stolz auf, sie lehnten jede Einmischung ab. Aber es war zu spät.
Die armen Sünder, die Praktiker in den Mauern, hielten eine feste Hand über
sich für besser als einen gelehrten Mund. Sie luden Augsburg zu einer
Besprechung ein. Soldaten machten die Wege frei, massenhaft blökendes Vieh
wurde angetrieben unter das verhungerte Volk. Das Augsburger Wappen, das
Säulenkapitäl mit dem Oleanderbaum, hing bald an dem Rathaus Kinzelheims.
Inzwischen bekamen die wandernden Lobensteiner alle Wechsel des Glücks zu
kosten. Ihre Fahnen stahl man ihnen von den Wagen, vielleicht wurden sie
auch von Marketenderinnen und Mitläufern verkauft. Sie trauten sich vor
Angst, als man entdeckt hatte, was für dumme unter ihnen waren, nicht in
die Städte hinein, die sie einluden. Da die Witterung schlechter wurde,
froren sie viel, verloren den Mut. Zerrissen und geschunden traten sie in
das neue Staatsgebiet ein, das von seinen Bewohnern fluchtartig verlassen
war. Die Padrutzer waren fortgelaufen, weil der schlaue Bischof von Prag im
Einvernehmen mit der Philine entsetzliche Nachrichten über die nahende
Heeresmacht der Lobensteiner verbreitet hatte bei ihnen. Und während sich
die übrige Welt amüsierte über die Lächerlichkeit des wandernden
Lobensteiner Volks, stürzten die Padrutzer Hals über Kopf von ihren alten
Wohnsitzen, aus ihren warmen Betten, sobald das Knarren des vordersten
Wagens sich auf der Chaussee vernehmen ließ, fluteten beglückt über das
leere Prager Gelände, das der Bischof ihnen reserviert hatte. Er wollte mit
den Padrutzern nichts Besonderes anfangen, nur warten wollte er geduldig,
was aus den Lobensteinern werden würde. Philine kehrte mit ihrem Gemahl und
einem kleinen dicken Mädchen manchmal bei den Vertriebenen ein, lächelte
viel herum und gluckste wie eine Henne im Stall. Dann tat sie so scharmant
mit einem Schultheiß, daß die Padrutzer trotz allen Respekts vor Lachen
tobten und sie heimtückisch einluden zu öfterem Besuch, der ihnen einen
ganz neuartigen Spaß bereitete. Philine war hochbeglückt in dem frohen
Kreise ihrer Landeskinder.
Die ersten menschlichen Wesen, welche den Lobensteinern an der Grenze von
Padrutz begegneten, waren jene Bettler, Zigeuner, Schauspieler und das
ganze durchtriebene Volk, das sie am Rhein verlassen hatte. Unter den
Girlanden und Ehrenbögen, welche die Gauner ihnen errichtet hatten, zogen
sie in die neue Welt ein. Es war genug Platz drin für sie; Häuser,
Stallungen, Schulen, Kirchen, hier und da blökte ein vergessener Hammel,
schlüpften Kücken zwischen den Latten hindurch. Sonst war nur das Rauschen
der schönen vollen Obstbäume, der alten Kastanien und das Summen einiger
Bienenvölker zu hören auf dem weiten verlassenen Gebiet. Die Lobensteiner
gingen wie Rentiers herum, die Pfeife schief im Mund und besahen ein jedes.
Alles lag und stand, als wäre es einem plötzlich Verschiedenen aus der Hand
geglitten.
Rasch sprangen die Behörden ein mit Listen und Registern, in einem Tage
vollzog sich die Aufteilung des ganzen Geländes. Keine Mißhelligkeit, die
Lobensteiner waren gewohnt zu gehorchen. Während man noch mit dem Verstauen
des Gepäcks, der Unterbringung des mitgetriebenen Viehs beschäftigt war,
langte der erste Stoß der Verfügungen an. Die Kuriere waren rascher auf den
Beinen als der anfängliche Troß. Und als wichtigste Verfügung wurde unter
Trommelwirbel der ganzen Gemeinde verkündet, daß jede Verbindung und
Vermischung mit der neuen Umgebung verboten werde, ein für allemal und in
Ewigkeit, jede Hinzuziehung fremder Arbeiter sei untersagt, die
Lobensteiner sollten sich und ihre Art rein erhalten; sollten etwa
Lobensteiner mit Ausländern Kinder haben, so würden die nicht höher
geachtet werden vor dem Gesetz als Mulatten und Mongolen. Als das
notwendigste wurde ihnen bei der Verfügung daher die Grenzsicherung
bezeichnet; die Regierung befahl an, Stachelzäune, Mauern und Fallgraben
allenthalben an den Grenzen vorzusehen, Gruben mit stinkenden oder
gefärbten Flüssigkeiten anzufüllen, damit Eindringlingen ein für allemal
der Appetit verginge. Der nächste Kurierposten würde einen Transport von
blaugrünen Schildern heranschaffen, welche überall an den zuführenden
Straßen anzubringen seien: »Warnung! Todesgetahr! Lobensteiner Edikt 1829.«
Von den mitreisenden Beamten wurde nach dem erprobten alten System regiert.
Als nun einige Bauern daran gingen, ihre Ställe aufzubessern, fehlte es an
Mörtel. So hieß es in dem Lobensteiner Manuale für Verwaltungstechniker:
man holt sich Mörtel aus Krummbach an der Lahn. Einer las es den Bauern vor
aus dem Buch; so antwortete ein Bauer: »Dann gehn wir eben rüber nach
Krummbach. Ja, gehen wir nach Krummbach; den Mörtel braucht man eben.« Der
Registrator aber zupfte sich die Nasenspitze, meinte mürrisch, es sei recht
weit und der Mörtel würde trocken bis da; er würde einmal in einem andern
Buche nachsehen; er hätte noch ein älteres. In dem stand aber nur, wie man
die Balken zusammenschlägt, daß sie fest zusammensitzen und das Haus nicht
bei Sturm aus den Fugen geht. So sei es geschehen bei Quantberg 1408 im
November. Die Bauern meinten, es ginge auch so, aber mit Mörtel ginge es
noch besser, sie wollten doch lieber nach Krummbach. Da zupfte sich der
dürre Mensch noch heftiger die blasse Nasenspitze, murmelte entrüstet etwas
von Ungeschicklichkeit, unmodernem Wesen, sie könnten sich nicht in die
Verhältnisse fügen, und er würde die nächsten Kuriere beauftragen, von
Krummbach einige Lasten Mörtel heranzuschaffen. Die Stellbauer nickten
friedlich und sagten: »Schönen Dank.« Bald kamen einige daher, zogen die
Mütze und sagten, ihre Pferde müßten neu beschlagen werden. Der Registrator
hüpfte auf seinen Schemel, tauchte in die Aktenmappe und verschrieb aus
Lobenstein einen Hufschmied.
Als bei den Pferdebesitzern nach ein paar Wochen noch kein Hufschmied
vorgesprochen hatte, stellten sie sich selbst an den Amboß, um das Eisen zu
schlagen. Sie verbrannten sich die Hände, tobten und wimmerten, ohne etwas
zustande zu bringen, bis das Schmieden verboten wurde.