Der vertauschte Knecht

Der junge Graf Bertran vertrieb sich in Abwesenheit seines Vaters auf der

Burg Beaucair die Zeit mit Spielleuten, Seiltänzern, Gauklern und anderem

fahrenden Volk. Hinter dem Frauenhaus stand eine niedrige Halle mit kleinen

Galerien, in der er das zweifelhafte Gesindel amüsierte mit Kampfwachteln,

flinken kräftigen Tierchen, die sich in der Arena eines roten Holzbottichs

anfielen. Die Wartung dieser Vögel unterlag einem Knecht, namens Philipp.

Der alte Graf schätzte den dicken zuverlässigen Mann sehr, der

jahrzehntelang in seiner unmittelbaren Umgebung gelebt hatte. Und Bertran,

der Sohn, behandelte ihn gut wie alle Leute aus den niederen Ständen;

ignorierte Verstöße, die sich Philipp herausnahm im Hinblick auf seine

angeblichen Verdienste um die herrschenden Grafen, so als er sich weigerte,

die damals beliebten anderen Kampfvögel anzuschaffen und zu pflegen. Sogar

die schlimme Sitte des Philipp, viel von gestohlenem Cypernwein zu trinken,

beachtete Bertran nicht.

Dies wurde auch zunächst nicht anders nach der plötzlichen Abreise des

regierenden Grafen. Die Ringkämpfer, Balanciermeister, Taschenspieler,

Rezitatoren füllten das Haus Bertrans täglich; elegante Courtisanen wurden

mit ihnen eingeführt und Philipp verfehlte nicht, seine Abneigung gegen

diese Gesellschaft zu äußern, die sich auf der Burg den Leib vollstopfte,

stahl, und offen über Bertran lustig machte. Die Schimpfszenen zwischen ihm

und den geschäftskundigen Leuten waren an der Tagesordnung. Es gehörte zu

den unvermeidlichen Späßen für die Besucher, den Neulingen Philipp als

ehemaligen Burgvogt vorzustellen, der durch seine Wettleidenschaft bei

Wachtelkämpfen sein Vermögen, seinen Rang, und was hinreichend laut gesagt

wurde, seinen Verstand verloren hätte.

Einmal führten die Schauspieler nachmittags aus einem Kriegsstück eine

Szene auf, in der der Sohn eines regierenden Grafen anscheinend schlafend

einer Verschwörung gegen den Vater beiwohnt. Man suchte den Schauspieler,

der diese Rolle zu übernehmen pflegte. Über den hinteren Hof in den

Schneeballgärten laufend sahen zwei der Burschen Philipp vor seinem

Wachtelstall schlafen, betrunken, in der Sonne.

Sie hoben ihn, noch zwei hinzurufend, auf, schleppten ihn in die

Theatergarderobe, schminkten und putzten ihn, und als die Szene herankam,

saß Philipp in dem prächtigsten braunen Pelzrock mit fliegenden Ärmeln auf

der Bühne; seine schmutzigen Strohsandalen hatte man ihm angelassen, der

edelsteinbesetzte Säbel hing am Silbergehenke über seine Brust; friedlich

daneben der zerschlissene Strohhutteller des Tierwärters.

Das so harmlos und spaßhaft begonnene Spiel erhielt durch das ganz

außerordentliche Vergnügen, das der vornehme Bertran an dem Anblick nahm,

eine erregtere Wendung. Bertran ließ, als Philipp zu rülpsen und erwachen

begann, das Spiel abbrechen, rief fünf Diener, befahl Philipp zu behandeln

als wäre er ein Sohn des regierenden Herrn, man solle ihn rasch von der

Bühne herunter in den Saal tragen; er selbst werde die Vorgänge durch einen

Seitenvorhang beobachten.

Die Durchführung des Einfalls wurde im Beginn gehindert durch einen

wasserköpfigen Meßdiener. Der klagte, man dürfe nicht Scherze treiben mit

der Seele eines Christenmenschen, und suchte Philipp mit seinem dünnen

Körper zu decken. Die Gaukler stülpten ihm einen Sack über, rollten ihn auf

den Hof.

Leicht gelang dann alles bei dem eitlen, halb schwachsinnigen angetrunkenen

Mann. Nach der ersten Verwunderung wurde mit starkem Realismus von dem

Hofmeister Bertrans vorgetragen: Bertran sei in völlige Ungnade beim

regierenden Herren gefallen; ein Kurier habe aus Toulouse einen gnädigen

Brief gebracht, wonach dem alten verdienten Philipp der Rang eines

Grafensohnes verliehen und das ehemalige Besitztum Bertrans übertragen sei.

Ein Schriftstück mit dem hängenden Siegel, das in italienischer Sprache

gehalten war, zeigte er dem glotzenden Fettwanst vor, der nicht italienisch

lesen konnte und nur den gräflichen Siegel an der Rolle, einem Steuererlaß,

erkannte.

Überaus rasch ernüchterte er sich; nahm das Schreiben des gnädigen Herrn

mit Ehrfurcht an sich, riß sich den Strohhut ab, schimpfte grob über die

unsaubere oberfächliche Art, mit der man ihn angezogen hatte; wo der Hut

mit der Seidenbinde sei, und zeigte sich in seinem Benehmen derart völlig

seiner Rolle gewachsen.

Bertran zog sich zurück, sobald er sah, wie rasch sich Philipp in die

Situation einlebte, und gab Auftrag, die Täuschung nach Möglichkeit zwei

drei Tage durchzuführen. Ihn fesselte die ungewollte Travestie auf sich.

Der Knecht warf den größten Teil der Lumpen und Schauspieler, der

Nimmersatts heraus, rieb den vielen Bedienten ihre Unterschlagungen und

sonstige Betrügereien unter die Nase, keifte über die eingerissene

Lotterwirtschaft, war besorgt, seinen Stall in gute Hände zu bringen. Er

ging in die Backstube, sah dem Werkmeister in den Teig, er zählte das

Schlachtvieh, forschte nach den Frohngaben der Bauern.

Der schwachsinnige Mensch zeigte sich in einer bald langweilenden Weise

vernünftig, mäklig. Er führte den Namen seines gräflichen Beschützers mit

einer peinlichen Häufigkeit im Munde, trug sich damit, einen Besuch bei dem

alten Herrn in Toulouse vorzubereiten, um ihn zu trösten über das

schimpfliche Verhalten Bertrans, Äußerungen, die Bertran bestimmten, am

dritten Tage seinen Spielgefährten den Auftrag zur Beendigung der Sache zu

geben.

Man wollte nun den Spaß so enden, wie er begonnen hatte, aber dieser Plan

scheiterte an der Entschiedenheit, mit der Philipp die Einladung zum

Saufgelage ablehnte, sich sogar piquiert fühlte und einem von den

Schauspielern, der ihm besonders zusetzte, einen derben Backenstreich

überzog. Der Geschlagene, in Wut versetzt, fing an auf Philipp zu

schimpfen, als wenn er noch Tierwärter wäre, ließ sich durch die

Flüsterworte der beiden Kameraden nicht begütigen. Als der Knecht, außer

sich, sein Schwert zog, blieb freilich auch diesen beiden nichts weiter

übrig, als über ihn herzufallen. Und nun benützten sie die Gelegenheit, um

ganze Arbeit zu machen: der feiste Mann wurde halbnackt ausgezogen, zwei

Dirnen liefen, hinzu und halfen kreischend und kichernd, den Fettwanst

durch den Kot zu rollen. Mit Schmutz beschmiert, verprügelt, warfen sie den

Hilflosen auf den Hof vor seinen Stall.

Diese Szene hatte Bertran nicht mit angesehen; er wohnte wieder in seinem

Palaste, nachdem er die beiden Tage vorher bei dem Burgvogt logiert hatte,

und dachte nicht mehr an den langweiligen Einfall. Gegen Abend öffnete

heimlich jemand ohne Anmeldung die Tür seines Zimmer. Im Dunkel schlich

etwas Großes über den Teppich und der ganz entstellte Philipp, der alte

Tierwärter, flegelte sich, die Arme über sein stinkendes Lumpenkleid,

seinen Arbeitskittel verschränkend, vor den Grafen hin, der in eine Ecke

gewichen war, aus Angst vor der Berührung. Philipp brach in lautes Höhnen

und Lachen aus; also das sei die Ursache! Das verstoßene degradierte

Gräflein habe die Abwesenheit seines Vaters benutzt und sich mit Hilfe

seiner lausigen Spießgesellen wieder in den Besitz des Hauses gesetzt.

Bertran wehrte ab; er bat Philipp zu gehen; die Gaukler hätten sich einen

Spaß mit ihm gemacht, und es sei doch das ganze Grafenspielen nur ein

Scherz gewesen.

Das versetzte den Mann in die größte Heiterkeit, die in Wut umschlug; es

sei vielmehr ein Übermaß von Frechheit, jetzt die Sache noch damit zu

krönen, daß er behauptete, auch das gräfliche Siegel mit der Ernennung sei

falsch. Er habe lange genug in Treue, Anhänglichkeit neben dem gnädigen

Herrn gelebt, um sein Siegel zu kennen. Was soll denn noch alles falsch

sein? Vielleicht, sei er, Philipp, schon gar tot?

Bertran bat ihn wieder, doch zu gehen, er sei mit Cypernwein wie so oft

betrunken gelegen, die Urkunde enthielte einen Steuererlaß in italienischer

Sprache. Aber Philipp blieb ungerührt, der das alles nur als Ausflüchte

ansah, den jungen Grafen ruhig betteln ließ, und ihn angrinste: ob es nicht

wahrscheinlicher sei, daß Bertran degradiert als daß er selbst betrogen

sei, er der Günstling des gnädigen Herrn, wie der Dummkopf sich in diesen

Tagen nannte. Kurz und gut, schloß er violett vor Zorn, Bertran solle keine

Umstände machen und seiner Wege gehen.

Als er dabei die Schulter des Herrn berührte, sank dieser halb um und

schlotterte aus dem Zimmer.

Philipps Freude war kurz; er wurde nach einer Viertelstunde in den Stall

gesperrt, erhielt zwanzig Hiebe auf die Hände mit dem Stecken.

Es konnte bei dieser Strafe nicht bleiben. Dem jungen Grafen, der nach

diesem Abend in den entsetzlichsten Zuständen lebte, konnte keiner helfen;

nichts beruhigte ihn; der Gedanke, daß der schmutzige Tierwärter ihn

angefaßt hatte, brachte ihn fast um.

Dann entwich der Knecht nach einer Woche aus dem Stall. Der rasende, von

seinem Recht überzeugte Schwachsinnige wurde noch innerhalb der Burg

festgenommen, wo er sich bei dem schmächtigen Meßdiener aufhielt; er wollte

wirklich nach Toulouse hin, um seinen alten Herrn aufzuklären.

Der Jungherr raste, weil der Mensch schon unter dem Gesinde von der

angeblichen Degradation Bertrans erzählt hatte, von seiner eigenen

Beförderung; diesen Gerüchten mußte Einhalt geboten werden. Es ging nicht

an, Philipp dauernd in seinem Stall festzuhalten. Ehe Bertran in seinen

Zweifeln noch zu einer Entscheidung gekommen war, erzwang Philipp selber

einen raschen Beschluß und ein Ende.

Nachdem die Schauspieler ihn in seinem lärmenden übelduftenden Vogelstall

besucht hatten, ihn anflehend, die Verneigungen und Begrüßungen der

Wachteln huldvoll anzunehmen und sich in diesem wahrhaft gräflichen Palast

bei herrlichem Gesang und Geruch wohlzufühlen, wurde er vor Bertran

geführt, der dem gereizten, gehässigen Mann freundlich zuredete, ihm

Belohnungen versprach. Wie ein Käufer, der merkt, daß er übertölpelt werden

soll, schüttelte der giftige Alte schlau seinen kugligen Kopf. Er stellte

sich in eine gewisse vornehme Positur, die er dem alten Herrn abgesehen

hatte, den Hals eingezogen, das Gesicht in strenge Falten geworfen, die

Hände in die Hüften gestützt, einen Fuß vor den andern geschoben, lächelte

ab und zu verständnisinnig. Dieses Benehmen des Mannes vor den Bedienten

und Schauspielern ertrug Bertran nicht. Er stampfte mit dem Fuß, drehte

sich um, gab einen raschen Befehl. Nach wenigen Stunden, vor Anbruch des

Abends, schrillten hohe grauenvolle Töne über die Höfe.

Man hatte Philipp mit Tüchern umhüllt, mit Wachs begossen, wie ein Licht

angezündet.

Der Meßdiener, allein mit ihm auf dem Hof, wirbelte die Arme vor dem

Balkon, wie ein Wechselbalg anzusehen, einen grauenvollen Fluch schmetternd

auf die, die einem Christenmenschen die Seele gestohlen hätten und den Leib

als eine Teufelskerze ansteckten. Er sprang tränenüberströmend um die

lodernde Puppe, küßte sie und wurde halb verbrannt mit Zangen von ihr

losgerissen.

Der große Bischof von Toulouse erschien nach einer Woche mit fünfhundert

Mann vor Beaucair; den Meßdiener trug man dem Heere voran. Graf Bertran

ließ die Fallbrücken herunter, öffnete die Tore der Burg und setzte sich an

die Spitze seiner Knechte und der jubilierenden Gauklerbande. In einem

blutigen Treffen schlug er wider alles Erwarten den Bischof auf der schönen

Wiese Langedraine. Er zeigte mit seiner Lanze nach der Bahre, auf der jener

angesengte Freund Philipps lag; unter Gelächter und kampfberauscht zog man

mit ihm zurück auf die Burg. Als der wehleidige bigotte Geselle dort

trotzig tat, geiferndes Gerede machte von der sündhaft vertauschten Seele

des Knechts, ließ Bertran ihn zunächst in den Wachtelstall einsperren. Am

Sonntag wurde dann die Glocke der Kapelle geläutet, aber statt in die

Kirche, wie die Strolche unter Grinsen dem Mann versprochen hatten, führten

sie ihn in einen runden Käfig, eine Art großen Vogelbauer, der vor der

Kapellentür aufgestellt war im Grünen. Der Boden des Käfigs war aus Eisen,

und wie die Orgelmusik drin anfing zu spielen, tanzte der gläubige Ankläger

sonderbar, weil ein paar klingelnde Spielleute ein sanftes Holzfeuer

schürten unter seinen Fußsohlen. Da über dem Kopf des Meßners die blanken

Knochen des alten Philipp von den Käfigstangen herabhingen, so sah es aus,

als ob ein Vogel nach den Knochen schnappte. Am Schluß der Andacht klirrte

Graf Bertran waffenstrahlend an der Spitze seiner bunten Spießgesellen her,

ließ den Mann fragen, da er sich vor ihm ekelte, ob also dieser betrunkene

Philipp mit Recht gegen seine Behandlung protestiert hätte. Auf das

bejahende Geschrei zuckte er mit der Achsel und ging weiter. Die Spielleute

ließen den Meßner höher hüpfen. Eintönig brüllte der Krüppel seine Flüche,

rief den Himmel an zur Bestrafung der teuflischen Sünder. Die Gaukler

fiedelten.

Die Rückkehr des alten Grafen machte dem allen ein Ende. Er hatte schon von

dem Sieg gehört und freute sich über seinen Sohn. Der alte Philipp tat ihm

leid, und als er von dem Getu des Meßners hörte, sah er sich im

Vorübergehen den krummen Narren an. Das Hüpfen langweilte ihn, auch das

wichtigtuerische Beten des Menschen langweilte ihn, und so ließ er denn die

springende Heuschrecke, wie er sich ausdrückte, auf eine neumodische Art

mittels Rädern umbringen, auch für ein paar Tage in den Käfig hängen zu den

andern Knochen. Dem Bischof von Toulouse nahm er noch ein Stück Land weg,

das lange strittig war, so daß er schließlich meinte, im ganzen bliebe es

doch erstaunlich, wie die Wege des Himmels seien. Und es hätte wohl niemand

gedacht, wozu letzten Endes der abgelebte schwachsinnige Philipp gut wäre,

angesichts der fünfzig Morgen Weideland und dieses reich bestandenen

Weinberges.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 30 / 32 题