Da erschien eines Tages ein Zug von mehreren Männern auf der Landstraße.

Den Lobensteinern war verboten, Fremde einzulassen, aber die Neugierde war

bei allen Ständen groß, und so hatten die Behörden gestattet, daß unter

strenger Aufsicht Reisende durch das Land geleitet und nach Neuigkeiten

ausgeforscht werden dürften. Das besorgte eine bewaffnete Wegekommission.

Diese saß eines Tages vor dem Tore von Padrutz und blies Posaunen auf dem

Wall, wie sie es gewöhnt war, um Reisenden den Weg zu zeigen. Da kamen

sechs Handwerker zwischen den Bäumen daher, hörten erst neugierig zu,

flogen dann auf die tönende Musik wie Motten aufs Licht. Sie rannten rasch

wieder in das stille Land, als sie die drei mit Gewehr und Helm wie

Gendarme sitzen sahen. Die ließen sich nicht beirren, bliesen vollmundig

weiter. Jene sechs studierten aus dem Gebüsch die eigentümlich ernsten,

enttäuschten Mienen der Posaunisten. Es schien ihnen sogar, als ob bald

der, bald jener verstohlen nach ihnen mit der Hand winkte, freilich konnte

es auch eine versehentliche Bewegung sein. Ein Handwerker nach dem andern

schlüpfte nach einer Weile aus dem Busch, auch wie versehentlich, gähnte

verschlafen, blinzelte gegen die Sonne, schlenderte ein paar Schritte des

Weges heran; sie unterhielten sich dann, zu einer Gruppe zusammentretend,

erstaunt über die Musik, ließen sie andächtig über sich ergehen und nickten

gelegentlich träumerisch mit den Köpfen. Schließlich faßten sie sich unter,

trollten erquickt an das Tor und begrüßten die drei Musikanten. Sie fragten

nebenbei, ob sie nicht irgendwo Unterricht im Posaunenblasen nehmen

könnten; diese Musik hätte es ihnen allen zumal angetan. Als man sich die

blitzenden Instrumente besehen hatte, baten die sechs um eine Unterkunft

für die Nacht; was die Wegekommission nach abseitiger Diskussion huldvoll

gewährte. Die schlauen Käuze nahmen im Dorfe Quartier. Sogleich fiel ihnen

auf, wie freudig man sie ansah, freilich auch, wie wenig eigentlich die

allgemeine Verwahrlosung in Einklang stand mit der herrschenden

Festesstimmung. Die Hausfrau erklärte, es fehle noch am Notwendigsten am

Orte, man hätte noch keine Instruktionen über die Zahl der erlaubten

Butterfässer usw.; es schwatzte nämlich jeder Lobensteiner, sobald er in

die Schule kam, von Instruktionen und gebrauchte gegen ahnungslose Menschen

unversehens den Kurialstil. Die Handwerker hielten die Augen offen,

durchschauten die Situation, und bevor sie am nächsten Morgen abgeschoben

wurden, baten sie, man möchte sie zum Hauptregistrator führen; sie wüßten

allerhand Lebenswichtiges. Dem Oberregistrator erklärten sie in einem

scheunenartigen Gebäude: die letzten Kuriere seien, bei Kinzelheim, wo ein

Lobensteiner sein Gewehr verloren hatte, überfallen und ihrer Papiere

beraubt worden; neue Kuriere kämen erst in sechs Wochen; denn inzwischen

fiele Fronleichnam, und der bestellte Hufschmied könne auch nicht früher

kommen, weil seine Schwägerin entbunden habe, einen reizenden dicken

Knaben, Paul heiße er, geradeso wie sein Vater; aber kommen täte sein Onkel

nicht vor der Taufe. Der Registrator fand das sehr begreiflich, er dankte

ihnen für den Bescheid, und wenn sie den Vater Paul wieder träfen, sollten

sie ihn schön grüßen, und ihm Glück und der jungen Frau ein gesundes

Wochenbett wünschen. Die Boten verneigten sich, wedelten mit der Mütze,

berichteten weiter: Der Hufschmied Paul habe sie beauftragt, ihn so lange

zu vertreten, rein privatim, für eilige Fälle, und den Neupadrutzern

vorläufig allerlei Handgriffe des Schmiedens zu zeigen. Wofern dies

angenommen würde, wären sie bereit, stellten sich zur Verfügung usw. Man

war des sehr zufrieden. Die Handwerker waren zwar jung, aber von guten

Manieren und erweckten Vertrauen. Dazu drängte die Schmiedearbeit aufs

äußerste; die Pferde hinkten im ganzen Lande; vor die Pflüge spannten

couragierte Frauen ihre Männer und sonstiges Gesinde; zu schwere Lasten

blieben liegen und das Land schien übersät von Abfall. Man räumte den

Handwerkern ein schönes kleines Haus ein mitten im Dorf, setzte ihnen eine

Wirtschaftsfrau hinzu und hieß die Frau, die Fremden ordentlich

herauszufüttern, damit sie zu ihrer Arbeit gut im Stand wären. Die Schelme

ließen sich das gefallen. Sie erklärten, fünf, sechs Tage zu brauchen zu

den Vorbereitungen für die große Schau. Nachdem sie schön rund gemästet

waren, ließen sie vernehmen, sie wären jetzt so weit. Und am achten Tage

stellten sie sich auf dem Markt ein, mit einer Fahne, die noch weit über

Lobensteiner Art war. Grün schillerte das Tuch; in einem roten Feld drin

sprangen sechs muntere Füllen und rupften das Gras; von allen vier Ecken

her schwammen veilchenfarbene Fische, es mochten Karpfen sein oder Hechte;

sie sperrten die Mäuler und schienen in das rote Feld hinein zu wollen.

Sogar die Fahnenstange war nicht ohne Pracht; sie hatte einen goldenen

Anstrich; in der Mitte der Stange stand auf einem kleinen Vorsprung, wie

auf einem Altar, ein ganz weißer Mann, ohne Hut, mit einem riesigen

Zwickelbart; seine Augen waren geschlossen; er hatte eine richtige Klingel

in der Hand; es mochte sein, daß er im Schnee ging und daher geblendet war.

Das Bild machte auf die Lobensteiner einen besonderen Eindruck. Sie trauten

sich nicht zu fragen, was es bedeute, um nicht lächerlich zu erscheinen vor

den Fremden, aber sie gingen immer auf und zu, besahen den stolzen

Fahnenträger und sein Kunstwerk; wenn er sich bewegte, klingelte oben leise

das Männchen mit der Glocke, und alle sechs Handwerker machten dann ein

ernstes, ja schwermütiges Gesicht. So viel war allen Lobensteinern klar,

daß die Sache etwas auf sich hatte. Man fand sich in großen Haufen und

wartete auf den Verlauf der Dinge. In der Mitte des Marktes war ein Amboß

mit allem Zubehör gerichtet. Plötzlich ertönte zu aller Schreck ein Schuß;

aus dem Fenster eines Hauses am Markte scholl Geschrei; eine Frau erschien

mit aufgelöstem Haar, einen Rahmen in der Hand, brüllte hinaus, der Spiegel

sei entzwei, die Waschschüssel sei entzwei, ganz entzwei: »Mord, Mord, man

schießt!« Ungerührt lud einer der Handwerker noch einmal und schoß nach

einer andern Seite, während die fünf übrigen ihn deckten und drohend die

Fahne rauschen, das Männlein klingeln ließen. Die Leute vor ihnen stoben

auseinander; ein paar Beherzte fuhren hinterrücks auf sie zu, was das zu

bedeuten habe. Höhnend erwiderten sie, das sei bei ihnen so Brauch. Da kam

aus dem angeschossenen Haus schon die Frau mit ihrem Rahmen gerannt, das

Gesicht puterrot, ihre Röcke flatterten, sie schwang einen Regenschirm,

zwei andere Frauen und ein Mann mit Feuerzange und Besen flitzten

hinterdrein. Die Handwerker zückten die Fahne auf sie wie einen Spieß,

schrieen: »Wehe, wehe über Lobenstein; es wird vergehen wie der große

Napoleon!« Und damit nahmen sie ihre Beine in die Hand und rannten davon.

Sie konnten aber nicht so schnell laufen wegen ihrer ungewohnten

Leibesfülle, schnauften in ein grade offnes Haus, dessen Besitzer nicht

anwesend war, und verbarrikadierten sich. Da saßen die Schelme nun fest.

Sie waren die Tage vorher in Verzweiflung gewesen, wußten nicht, wie heraus

aus der Klemme, da sie Schneider und Schuster waren, aber keiner Schmied.

Das Essen schmeckte immer besser, und in ihrer Verlegenheit fingen sie an,

sich die Fahne zu sticken und zusammenzuflicken; sie hofften todesmutig auf

irgendeinen rettenden Zwischenfall. Die Beine schlotterten ihnen, als sie

auf den Markt zogen, das Gewehr hatten sie noch zu guter Letzt in der

Dachkammer des Hauses aufgestöbert und mitgenommen. Jetzt schoß der eine in

einer Art ängstlicher Berauschtheit, in einem unsicheren Gefühl, daß hier

etwas geschehen müsse, bevor der Registrator eintraf; der Amboß erschien

allen wie ein Richtblock; er schoß in Todesfurcht und hätte, wenn es sein

müßte, die ganze Stadt und seine Kameraden erschossen. Die Lobensteiner

rissen aus, und die Gesellen, Hals über Kopf, brüllend flohen hinterher.

Ab und auf wogte die Menge vor dem Kastell; bisweilen steckte ein Schelm

den Kopf zum Fenster hinaus und schrie etwas Befehlendes in einer fremden

Sprache. Gegen Mittag erschien der uniformierte Oberregistrator vor dem

Haus. Sie riefen ihm zu, es liege ein Bruch des Völkerrechts vor; man hätte

sie verjagt, mit Besen und Feuerzangen bedroht. »Wehe, wehe.« Warum hätten

sie geschossen? -- Geschossen? Das seien Salutschüsse gewesen, wie sie in

ganz Böhmen, Mähren, Istrien, Venetien bis zur Lombardei herunter täglich

bei freudvollen Ereignissen losgingen; und wenn schon ein Spiegel dabei

zerbräche, was mache das aus! Ein Spiegel! Wehe, wehe! Sie würden ihn

bezahlen. -- Dem Registrator wurde fade zumut bei diesen Reden; das

Völkerrecht gebrochen zu haben, war für einen Lobensteiner kein kleiner

Vorwurf; er hatte dazu das Bewußtsein, überhaupt ein Unrecht begangen zu

haben mit der Zulassung dieser Fremden. Er gab innerlich klein bei und

parlamentierte herum. Da öffnete sich unversehens oben eine Dachluke, auf

einer Leiter stieg geheimnisvoll heraus an die Luft ein weiß bemalter Mann,

anzusehen wie jenes Schneemännchen, klingelte laut, eine Stille trat ein

und sprach einen furchtbaren Fluch über Lobenstein aus. Dann sank er wie

ein Geist nieder. Es war ein entsetzlicher Moment; die Bauern standen da

wie Steine. In dem anhaltenden Schweigen pochte der Beamte an die Tür,

versprach Genugtuung. Aber lange dauerte es, bis sich drin etwas rührte.

Die Türe öffnete sich. Stumm zogen die verstörten sechs Handwerker heraus,

reichten feierlich dem Regierungsvertreter die Hand. Ihr Schutzgeist, das

Männlein im Schnee, hätte sie verlassen; das hätte sie bekümmert; es sei

einen Moment von ihnen gegangen, eben im Häuschen, von der Stange sei es

heruntergeschritten die Treppen hinauf; sie seien froh, jetzt stünde es

wieder ganz klein auf seinem Eckchen. Ein paar Lobensteiner Frauen ächzten:

»Des hat ja auf dem Dach gestanden; geklingelt hat es.« Schwermütig winkten

die Gauner, scharten sich um die Fahne und blickten zu dem Klingelgeist

herauf. In der gesammelten Stimmung begegnete man nun einander mit Ruhe.

Der Beamte lud die sechs Fremden in sein Haus zum Mittagsmahle ein. Vorerst

übten die Gesellen an ihrer Fahnenstange eine umständliche Art Neuweihe vor

dem Haus unter einer Laube, umzogen die Stange, murmelten allerlei,

besprengten sich und das ragende Holz, verhüllten zum Schluß das

umfangreiche Möbel in ein bereitgehaltenes blaues Tuch. Nunmehr nahmen sie

auch den Fluch von Lobenstein zurück und begaben sich an die Mahlzeit. Dann

wie es Zeit war, hieß es Abschied nehmen. Sie waren zu erschüttert, um noch

zu guter Letzt, wie sie vorhatten, den Stallbauern ein paar

Schmiedehandgriffe beizubringen im Auftrag ihres verhinderten Freundes; sie

baten um den gern gewährten Dispens. Von der Wegekommission unter

Posaunenstößen an die Grenze geleitet, sagten sie allen Hinterbliebenen

ihren Dank, sprachen auch den ausdrücklichen Wunsch aus, daß jener

spiegellosen Witwe von Staatswegen Ersatz geschaffen würde. Sie selbst

nahmen neben vielen sonstigen Grüßen eine Empfehlung an den König von

Böhmen mit, dem sie dienten. Es wurde von ihnen dem Anführer der

Wegekommission eine Art Schärpe überreicht, mit welcher der Älteste der

Gesellen selbst paradiert hatte; unter Segenswünschen und beiderseitiger

Erleichterung ging es dann den Wall hinunter in das heimatliche stille Land

hinein.

Keineswegs war mit dem Abzug der sechs Schelme die Angelegenheit erledigt.

Der Anführer der Wegekommission bemerkte schon bald, nachdem er die Schärpe

angelegt hatte, einen eigentümlichen Geruch an sich. Er schämte sich, gab

das Blasen auf und schwand nach Hause. Während er in Anbetracht seiner

Auszeichnung würdevoll spazierte, merkte er doch, daß er hinterwärts

tropfte und daß die Schärpe auch seitlich etwas sickern ließ. In seiner

Kammer vor der Welt verborgen, stellte er fest, daß das bunte Tuch mit

saftigen Kuhfladen gefüllt war. Er hätte drüber geschwiegen, nur seine

Frau, die ihn im Verpacken der ungewohnten Massen antraf, meldete den

Betrug dem Amtmann, und heimlich vor dem Volk wurden im Schoß der Padrutzer

Regierung Nachforschungen, Verhöre und Beratungen angestellt.

Die Einwohner blieben ruhig. Man diskutierte öfter, ob der Fluch des

Schneemännchens seine Geltung habe oder nicht. Die mit der Sache nicht

Vertrauten berichteten ihren Bekannten, es seien Vertreter einer großen,

fischfangenden Nation dagewesen, aber abgewiesen worden, die Lobensteiner

gäben sich nicht für fremde Affären her. Während die Regierung noch beriet,

ob die sechs Gesellen Musikbeflissene oder Spione einer der umliegenden

Großmächte wären, verfiel das Volk in einen kläglichen Zustand. Das Geld,

das die Leutchen wenig brauchen konnten, nahmen ihnen die Zigeuner und

Gaukler weg. Viele Padrutzer kamen aus der einmal überkommenen

Feiertagsstimmung nicht heraus; sie blieben bei ihren Großmannsmanieren,

der Spaziergängerei und dem Wirtshaussitzen. Sie waren die Auserwählten und

bewiesen es in mannigfachen Wettläufen zu jeder Unzeit; es ließe sich nicht

dran rütteln, wie tüchtig sie wären, und sie lauerten nur auf den Moment,

wo sich junge Burschen der Nachbarschaft hereinverirrten nach Padrutz, um

sie einzuladen und mit Trompeten unterliegen zu lassen. Mit dem

Hereinverirren war es freilich solche Sache; die Stachelzäune um Padrutz

waren hoch, viele Fuchsfallen hatte man gestellt und schon waren an

dreihundert Mann damit beschäftigt, die Gräben und schlau versteckten

Tümpel anzulegen, in die sich Eindringlinge stürzen sollten; es stank im

Umkreis nach dem Unrat, den man hier anhäufte. Reich waren die Seen und

Bäche des neuen Gebietes an Fischen, starke Karpfen sah man sich tummeln,

räuberische Hechte und sonstiges Schuppengetier; man griff sie heimlich mit

den Händen; aber Netze besaß man nicht; es war außerdem noch nicht heraus

und stand nicht fest, ob die Behörden den Übergang von Fleisch- zur

Fischnahrung billigten. Schon stach der Hunger und man verschlang, was in

die Hände fiel. Da liefen traurige Räsonneure herum, die geradezu

behaupteten, sie könnten die Fäuste nicht dauernd, bis alle Materialien und

Erlasse kämen, in die Tasche stecken, und die Glieder würden ihnen klamm

vom vielen Herumhocken. Schöne Weinberge gab es in Padrutz; scharf fuhr die

Polizei dazwischen, wenn sich solch Räsonneur an den Reben zu schaffen

machte; er solle gehen, wo er hingehöre; welschländische Sitten hier

einzuführen solle niemand sich unterstehen; man bliebe Lobensteiner unter

jedem Himmel. So trockneten die Weinberge; aber auch die Äcker wurden

schlecht bestellt und brachten wenig, herein durfte nichts, die Amtmänner,

Kommissare fingen an, selber unruhig zu werden. Es starben Leute weg, weil

sie schlecht ernährt wurden; die Kinder sahen blaß aus und quarrten. Die

Kommissare faßten Mut, schickten Boten in die nahen Ortschaften, ließen

Brot und frisches Vieh aufkaufen. Nachts saßen sie in Gebüschen bei den

duftenden Tümpeln mit den Juden, die hier ehemals gehaust hatten, und

handelten. Bei Tag taten sie streng, sahen übernächtig aus und benahmen

sich zum Schein, als ob sie nicht übel getafelt hätten. Erlasse und Verbote

liefen weiter ein; es besserte sich manches, aber das meiste ließ sich

nicht ändern. Die Lobensteiner waren nur an Lobensteiner Verhältnisse

gewöhnt, dazu an das Drängen und Schieben von oben; hier wußte sich niemand

aus; sie trösteten sich, sie stöhnten: »Unsere Kinder werden es besser

haben.«

Von der Unbehilflichkeit der Leute sind zahllose Geschichten im Schwange.

Sie alle zu erzählen ist ein einzelner gar nicht fähig. Worauf die Leute

verfielen, zeigt sinnfällig die Geschichte von der Kuh. Eine Mutter hatte

ein kleines Kind, das sie mit Milch füttern mußte. Weil sie nun viel

ausging und ihr Mann zu den eingebildeten Springern und Flaneuren gehörte,

so legte sie das Kindchen oft im Stall in eine Ecke, damit sie es gleich

zur Hand hätte, wenn sie die Kuh melkte. Bald schien ihr auch das zu viel;

sie flocht sich ein Körbchen und band es der Kuh auf den Rücken; oben lag

in einem Bettchen das Kind und sie brauchte sich nicht zu bücken. Damit nun

die Kuh niemanden heranlasse und das Kind ihr nicht gestohlen werde, vergaß

sie nicht, dem Vieh einen großen Stein an den Schwanz zu knüpfen, damit es

Angreifern eins vor die Brust versetzte. Es hätte natürlich nicht viel

gefehlt, daß statt dessen das unvernünftige Tier das Kindchen in seiner

Unruhe schlug. Wie die Mutter am Morgen das Tier wild mit dem Schwanz

fechten sah, -- sie hatte sich schon Bänderchen um den Kopf und eine rote

Schärpe umgehängt, weil heute ein noch unbekannter Heiliger durch eine

Prozession verehrt werden sollte, -- traute sie sich nicht an die Kuh

heran, denn das schlagende bewaffnete Wesen schien es nun auch direkt auf

sie abgesehen zu haben. Das Kind schrie nach seiner Milch und in ihrer Not

und Einfalt holte sie sich einen kleinen dünnen Schlauch, stieg, von dem

grimmigen Rindsvieh entfernt, auf eine Leiter, rutschte auf einem

Dachsparren entlang, bis sie über dem Kindchen saß mit ihrer Spritze und

ließ die Milch dem Kind von oben in den Mund fließen, sachte und unter

vorsichtigem Zielen. Es versteht sich, daß das Geschöpf sich oft

verschluckte und völlig begossen wurde; daß auch die Kuh hin- und hertrabte

und nach den Beinen der schwebenden Mutter schnappte. Bei dieser Prozedur

kam eine andere Frau an, blieb im Stalleingang stehen und schrie, die

Mutter solle der Kuh ordentlich eins mit dem Schuh auf die Nüstern geben.

Die Mutter tat es, und diesen Augenblick der Verblüffung des Viehs benützte

jene Frau, um hinterrücks anzuspringen, den Schwanz zu packen und den

gefährlichen Stein abzuschirren. Froh kletterte die Mutter abwärts, lief,

um mit der Hand noch einmal die Schwere des Steines zu prüfen. Die

Nachbarin aber hielt sie mit schlauer Miene bei der schönen Schürze fest,

steckte den Finger in den Mund, und nun setzten die ungezogenen Weiber

folgendes ins Werk: sie drehten sachte das Körbchen, aus dem sie das

Geschöpfchen herausgehoben hatten, abwärts, ließen es an dem Strick, der um

die Kuh reichte, heruntergleiten um die Bauchwölbung des Tieres, bis es

unten hing. Da hinein versenkten sie den Säugling, nahe dem Euter und der

frischen Milch. Sie schlüpften zurück und bewunderten von der Stalltür

entzückt ihre Arbeit, und wie gut das Würmchen aufgehoben war an der warmen

Quelle. Es wäre wohl alles so verblieben, hätten nicht die Kuh selbst und

zwei daneben stehende Ochsen der Sache ein Ende gemacht. Das Kindchen noch

naß, ließ sein Stimmchen aus dem wogenden Versteck erschallen; die Kuh,

wahrscheinlich in der Meinung, daß sie Bauchrednerin geworden sei, stand

stumm und unbeweglich, glotzte entgeistert und horchte. Die beiden Ochsen

stellten sich herzu, senkten die Köpfe und schwankten zwischen Ehrfurcht

und Mitgefühl, äußerten sich in einem ungeheuren Brüllen, fragend,

antwortend, tröstend. Auf das unglaubliche Getöse lugten einige Männer

herein. Diese klärten die Situation allseitig. Sie holten das Kind; dann

nahmen sie ihre Hosengürtel und schlugen damit den Weibern ums Maul;

vielfach holten sie aus; die eine verlor dabei ihre Bänder, die andere

verwünschte ihre Schlauheit. Kuh und Ochsen fanden sich erleichtert.

Es wohnte da auch in einem dunklen Hause ein älterer Barbier. Der hatte von

seinem Vater ein großes Ofenrohr geerbt, welches unten zugelötet war. Warum

es zugelötet war, ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls stand es

seit altersher in der Wohnstube des Barbiers. Eine besonders finstere Ecke

wurde stets ausgewählt für das Ofenrohr; da hielt sich das rauchschwarze

zylindrische Instrument auf, zwischen hochlehnigen Stühlen und Körben, die

vergeblich suchten, den ungewöhnlichen Gegenstand zu verdecken. Das

zugeschweißte Ding wurde von dem Barbier benutzt als Opferstock und

vorübergehende Depositenkasse; wenn er etwas wieder haben wollte, so nahm

er eine reservierte Schere seiner Barbierstube, deren beide Flügel durch

mächtige Holzgriffe verlängert waren und ließ sie in die Tiefe nach der

Beute schnappen. Oder er griff zu einem übermäßig gestreckten Löffel,

scharrte und angelte am Boden. Die Röhre war mit nach Padrutz gewandert, in

dem Barbierhäuschen hatte sie ihren angestammten Eckplatz gefunden. Einmal

ging der Mann am Feierabend in die Ecke, packte die Röhre bei ihrer

Öffnung, wippte und drehte sie leicht, ließ Schere und Löffel herabspielen.

Aber wie sie auch schnappten, sie fanden nichts. Der angeschweißte Boden

hatte sich nämlich gelöst von dem Rohr; Geld und Boden stand etwas entfernt

auf der Erde. Er schob alle Kästen, Koffer und Stühle beiseite, rollte die

polternde Röhre an das Fenster, richtete sie auf und begann das Visitieren

von neuem. Der Schweiß lief dem kleinen kahlköpfigen Mann über die

Nasenflanken, sein schmales graues Gesicht vibrierte: mit Löffel und Schere

spazierte er auf und ab, umging seinen Tresor, ließ seine Füße dagegen

pendeln; aber kein herzliches Geld klapperte. Wie er auch entsetzt und

giftig über die Röhre herfiel, sie drückte und rüttelte, ihr Bauch blieb

still, »es ist weg!« Er hatte vor einer Stunde noch die letzten Heller

hinuntergeworfen, nicht aus dem Zimmer war er gegangen! Der Barbier lief zu

seinem Nachbar, der sein letzter Kunde gewesen war, holte ihn in die Stube

und fragte, ob er ihn nicht vor grad einer Stunde barbiert hätte nach allen

Regeln seiner Kunst. Der schmunzelte: »Ei ja,« und seine Frau habe ihn

bewundert, weil er so schön gerochen hätte und acht Heller habe er dafür

geleistet: »Ei ja, ist schon alles recht.« Der Mann wollte dem Barbier

wieder die Hand geben, aber der verängstigte Mensch hielt ihn beim

Rockkragen: »Und die acht Heller, die hab' ich da aus dem Fenster

geschmissen oder aus dem?« »Ei nein,« brummte der andere und nahm die

Pfeife aus dem Mund, »wie wirst du denn meine guten acht Heller aus deinem

Fenster werfen. Das Geld steht zwar schlecht im Kurs hierzulande, aber hast

sie dir doch sauer verdient an meinen Stoppeln.« Er lachte behaglich,

betrachtete seinen Mann zweifelnd. Der ließ den Rockkragen los. »Es ist

weg, die acht Heller sind weg; die zwanzig Heller für Pomade sind weg; das

ganze Geld vom langen Tag ist weg.«

Der Nachbar begütigte unverändert lächelnd: »Ei nein. Wie wird doch das

ganze Geld weg sein, für die Pomade und das Barbieren? Wo wird es sein? In

der Röhre, in der Röhre; bei der alten Tante.« Der Barbier auf dem

niedrigen Schemel, der mit Blutflecken bedeckt zum Zahnziehen diente,

stöhnte: »Nicht bei der Tante.« Resolut nahm der Nachbar Löffel und Schere

vom Fensterbrett, suchte erst in der Ecke nach dem Rohr, stieg am Fenster

in den Abgrund. Er machte den Mund nicht wieder zu. Flüsternd kam er hinter

dem Barbier her: »Bist du nicht rausgegangen?« »Nicht rausgegangen.«

»Giebst dein Wort drauf, Barbier?« Da pfiff der Nachbar, ging auf den

Spitzen mit Löffel und Schere ans Fenster, legte alles vorsichtig

nebeneinander, schlüpfte ohne eine Silbe, nur mit der Hand den Barbier

leicht am Ärmel streifend, zur Tür hinaus. Allein saß der kleine Meister in

der Stube mit der schwarzen Ofenröhre.

Nach einer Viertelstunde stiegen drei Männer unter Führung des Nachbarn

ein, flüsterten mit dem Nachbarn, der zeigte: »Da am Fenster.« Sie hatten

alle vier bebänderte Mützen in der Hand, taten sich ein Langes und ein

Breites mit Dienern und Grüßen vor dem Barbier im Angststuhl, umstanden,

Arme über den Leib geschlagen, im Kreis die schwarze stille Blechrundung.

Der Nachbar klopfte dagegen: »Es ist Blech.« Die nickten: »Blech, von oben

bis unten.« Als ein jüngerer die Fingerspitze nach dem Rand ausstreckte,

hielt ihn mit hohen Augenbrauen ein anderer zurück: »Was mußt du gleich

anfassen?« Der ernste Nachbar bog die Knie, stelzte zum Barbier, hauchte

ihm gebückt ins Ohr: »Verhext.« Der Barbier stellte sich leicht zitternd

unter sie; die drei neuen befühlten nacheinander das glatte Kinn des

offiziell dreinschauenden Nachbarn, der auch seinen Geldbeutel klappern und

drücken ließ. Im Gänsemarsch zogen sie hinaus, schüttelten draußen ihre

Jacken. Vorübergehend sagte der Nachbar noch, nicht anrühren sollte der

Barbier die Röhre; wer weiß, wenn man sie sich über den Kopf zieht, wird

man unsichtbar und nachher findet man nicht heraus oder was sonst.

Am nächsten Morgen rückte die Bauernkommission an, sechs Mann stark, nahm

vor der Tür den blanken Barbierteller ab, damit sie keiner störe und begann

das Untersuchen. Zwei Goldgulden hatte jeder mitgebracht, darauf das

Kreuzzeichen mit Kohle gemalt. Das graue Männchen rollte seine Röhre in der

dunklen Ecke; dann wurde er beiseite gewiesen. Ein Bauer trat nach dem

andern an die Höhlung heran, warf seine Gulden herunter. Man hieß den

Barbier nun das Möbel ergreifen, und während alle beiseite traten, an das

Fenster wälzen und aufrichten. Gewichtig trampste ein Bauer an das Regal,

nahm Schere und Löffel herunter und fing an nach abgelegter Jacke zu

scharren, zu angeln und zu schnappen. Es währte geraume Zeit, bis er

abließ. Von allen Seiten versuchten sie ihr Heil, schweißtriefend scharrten

sie sich um das wackelnde Rohr und unternahmen Angriffe. Nunmehr hieß der

Anführer der Kommission den Barbier, das Rohr zu kippen; zwei Mann luden es

sich auf die Schulter und postierten sich damit vor ihren Befehlshaber. Der

ließ Platz machen und schaute in die Höhlung hinein. Er setzte sich auf

einen Stuhl. Als das Fenster geöffnet war, richtete er sich auf, schüttelte

den Kopf: »Der Boden ist durchsichtig, völlig durchsichtig! Man sieht den

leibhaftigen Himmel.« Die Übrigen nahten sich hintereinander, das

Kopfschütteln und betretene Herumblicken nahm kein Ende: »Man kann den

Himmel erblicken durch den Boden.« Der Barbier hatte die Nacht über geweint

nach seinem Geld; nunmehr drückten ihm die Bauern einer nach dem andern die

Hand, sahen ihn ernst und gefaßt an und verschwanden. Draußen standen sie

noch in einer Reihe unter dem Scheunendach, guckten und zeigten nach dem

Haus herüber. Bald hinter ihnen her spazierte der Nachbar mit Frau und

Schwagersleuten herein zum Barbier, sie hatten die Kommission draußen

parlamentieren hören und wollten einmal sehen, was die Röhre blicken lasse.

Abwechselnd hielten sie das Blech auf ihren Buckeln; der Nachbar äußerte

befriedigt: »Ja es ist ein schöner Durchblick.« Und alle sahen hindurch und

freuten sich des schönen Himmels; und erzählten zu Hause, welch schönen

Himmel man dies Jahr durch die Wunderröhre des Barbiers sehen könne, so daß

am selben Nachmittag schon welche gelaufen kamen mit Würsten, Pulswärmern,

Messingknöpfen, Schnupftabak und zu der Stube hereindrangen. Der wollte

wissen, ob man auch fragen könne, wie es der Schatz mit einem meine, der,

wie das Bier wird, der, ob das Rohr auch wisse, wo Geld vergraben liege; er

wüßte nämlich ein sonderbares Loch in der Nähe. Der angestaunte Besitzer

ging erregt durch das Zimmer: »Man muß halt alles versuchen: fragt's mich

nicht. Die Haare können einem zu Berge stehen ob dero Geschichten.« Er

erinnerte sich in all dem Gedränge, daß sein Großvater, der erste Besitzer

des Rohrs, ein frommer, seliger, freilich auch verdächtiger Mann gewesen

sei, sofern er nämlich unter merkwürdigen Umständen starb mitten beim

Essen, nachdem er dreimal auffällig mit dem Mund geschnappt hatte. Das war

ein Zeichen, er hatte etwas sagen wollen wegen des Rohrs. Ein altes Weib

tat wehmütig einen flüchtigen Blick durch das Rohr, dann machte sie den

Mund ganz schief, schluchzte und bellte: »Man kann den Himmel sehen samt

den Englein. Mein Philipp ist da, ja mein Philipp ist da.« Ein dickes

junges Wesen mit vielem Putz tröstete die Witwe, meinte: »Ich schau nicht

durch. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen. Der Magen könnt' sich einem

umkehren.«

Der Barbier machte hinter den Leuten die Tür zu; er stellte das Rohr in

seinen finstern Winkel, legte das Ohr an das Blech; er hörte es deutlich

flattern und pfeifen von vielen himmlischen Vögeln; dann gab es eine

beängstigende Stille. Er warf einen Heller hinein, wartete etwas; dann

kniff er die Augen zu, faßte sich ein Herz, angelte und schüttelte das

Blech. Die Buben standen vor dem Fenster, schrieen: »Gold macht er, Gold

macht er.« Er drohte hinaus, zog die Vorhänge zu, schmunzelte bösartig:

»Nun, wenn ich schon Gold mache; ihr kriegt nichts ab, verschmutztes

Gesindel.«

Mariandel hieß seine Tochter, sie war nicht sonderlich schön; sie erlebte

in diesen Tagen eine feine Zeit. Die Burschen liefen ihr zu Dutzenden nach.

Sie ließ ihre böse Zunge, wegen der sie auch gehaßt war, gehen, fischte

sich die am meisten umschwärmten Burschen heraus und führte ein großes

Getue mit ihnen beim Kirchgang und auf dem Marktplatz. Die Burschen, ob der

drohenden fabelhaften Mitgift, ließen die Weinflaschen anspringen,

schmeichelten der dürren eitlen Person um Schulter und Brust. Die Mädchen

weinten zu Dutzenden. Ein furchtbares Regiment führte sie, ja der ganze

Tanzhoden zitterte vor ihr, und manche Wirte klagten über das hochmütige

Volk, weil die Barbierstochter den großen Schwarm der Burschen hinter sich

herzog und sich nach Laune bald da, bald da blicken ließ.

Für den Barbier lief die Sache nicht gut ab. Ein anderer Bartscherer trug

gegen ihn eine große Wut zur Schau, weil zu dem Zauberer die Leute liefen

wie in eine Schenke; es hofften nämlich viele, der Barbier würde

gelegentlich etwas für sie abfallen lassen. Jener Bartscherer gewöhnte sich

in seinem Grimm ein besonderes Zucken der linken Backe an; er kehrte den

Spieß um; der alte Barbier und Kollege sei ein Hexerich, und was für einer,

und was es da zu bewundern und was es zu beneiden gäbe? Seit wann werden

Hexeriche angestaunt? Wer garantiere, was dieser Mann alles vor habe?

Alles, alles, noch alles! An euren Früchten soll man euch erkennen; man

frage einen gewissen Wirt zum Goldenen Elch, wie lange sich nächtens eine

gewisse unansehnliche Dame, Fräulein oder Jungfer, Mariandel geschimpft, in

einem gewissen Garten mit Burschen aufhalte, heute den, morgen den, und

übermorgen den umhalse? Wie gewonnen, so zerronnen, hieße es, und ferner:

Untreue schlägt seinen eigenen Herrn, und ferner: es ist noch nicht aller

Tage Abend. Der Widersacher, in seiner mageren Existenz bedroht, bestimmte

einige ausgeschlossene Freiersleute, dazu eine kleine Horde unbegüterter

Mädchen, sich ihm anzuschließen und einen Vorstoß zu unternehmen gegen das

Hexen- und Zauberwesen im neuen Padrutz. Sie schmiedeten mancherlei Pläne

und schließlich wurde ein Komplott reif gegen den Barbier. Eines sehr

dunklen Abends rückte eine Schar Mädchen mit wenigen Männern in den Garten

zum Goldenen Elchen ein, schwang Besenstiele und Stangen, vertrieb und

prügelte die hinter Bäumen lauernden Burschen, die auf einer Wiese kosende

Mariandel wurde aus ihren Träumen gerissen, windelweich gegerbt, alsdann

gebunden in eine entfernte Scheune transportiert. Inzwischen marschierte

der hetzende Widersacher mit seiner Mannschaft vor das Barbierhaus; ganz

still war es da und schöne Sommerluft wehte; der gewandte Mann schwang sich

anschleichend durch ein offenes Fenster, wand sich ohne zu poltern in die

Nähe der gefährlichen Röhre und plötzlich, als er den Barbier schnarchen

hörte, gab er einen lauten Schrei von sich, die Mannschaft stürmte herein

durch die springende Türe. Eine rasende Schlägerei entspann sich mit

Möbeln, Gegenständen, denn man fürchtete überall Hexenkram. Der Zauberer

suchte in seiner Todesangst nach dem Rohr zu entwischen; sobald er nackt

den Angreifern ausglitt und fortschlüpfte, stand der andere Pomadenkünstler

drohend mit seinem Knüttel da, wie der Erzengel vor dem Paradies, und die

Hiebe sausten auf den kollegialen Buckel. Wie man ihn im Finstern

überwältigt hatte und zwischen Betten festgeschnürt auf den Boden legte,

stürzte unvermutet das Rohr um; es hatte sich nämlich der Widersacher unter

heftigem Zucken seiner Backe daran zu schaffen gemacht, um hinterrücks zu

seinem Glück zu kommen. Aber in dem kleinen Zimmer purzelte alles

durcheinander; mehrere rutschten aus über das rollende Blech; es war im Nu

verbogen, und wurde von einem, der sich die Hose daran aufriß, in der Wut

zertreten, zerbogen und völlig seiner Form beraubt. Nachdem die höllische

Schar das Geschirr im Laden, Seifenbecken, Waschkanne und Zierkrüge kurz

und klein geschlagen hatte, verschwand sie im Dunklen, von wo sie

angeschwirrt war. Unter den heißen Betten wimmerte der geprügelte Barbier;

die unansehnliche Tochter wurde vor Anbruch des Tages noch von drei

Mädchen, die in ihrer Rachsucht nicht schlafen konnten, zwei- dreimal in

einen der nahen Stinkseen getaucht und so besudelt am Ufer hingeworfen. Mit

der nächsten Morgensonne ward alles aufgedeckt. Der Barbier erstattete

Anzeige, er sah sich vor dem Ruin. Bei der ersten Vernehmung jedoch ließ er

die Anklage fallen, denn er durfte nichts von dem Zauberrohr verlauten

lassen vor der Behörde. So wäre der graue geplagte Mensch schrecklich von

dem Schicksal gefoppt worden, nachdem er sein Rohr, viel Handwerksgeschirr

und manchen Kunden verloren hatte. Aber wie er einmal auffegte in jener

dunklen Stubenecke, sehnsüchtig bei der Erinnerung an sein Rohr, erfüllte

sich ein Wunder: plötzlich lagen da, von Staub bedeckt, zahlreiche blanke

Goldgulden und massenhaft kleine Heller. Auch der Boden des Rohres lag da,

freilich das Trümmerstück war ganz gewöhnliches Blech und nicht mehr

durchsichtig. Beglückt und gequält sammelte er alles zusammen; er dachte,

am Boden hockend, den Fund im Schoß, was sich alles hätte erreichen lassen

mit dem Rohr, wenn es sogar in der Abwesenheit an seiner Wohnstatt Geld

hinstreute, wie eine Henne, die nach ihrem Tode noch Eier legt. Als er

jegliches in Gedanken durchgegangen war, hob er sein mageres Körperchen

auf, legte alles Geld in seinen Beutel, umstellte nun die Fundstelle, wie

früher das Rohr, mit Kästen, hohen Stühlen und Gerümpel. Er gelobte in dem

ungezäunten Revier über Jahr und Tag wieder zu fegen. Die mißachtete

Mariandel wagte sich kaum ans Licht; sie war von ihrer Höhe gestürzt. Es

dauerte lange, bis sie ihr Zünglein wieder entdeckte, und das Zünglein,

nicht mehr als zehn Zentimeter lang, fünf breit und kürbisrot, half dem

schweren verzagten Körper wieder auf. Mit Schnattern und Sticheln kam

Mariandel wieder angerückt. Das Geheimnis der Ofenröhre hat bis heute kein

Lobensteiner entdecken können.

Im Laufe von wenigen Monaten vollzog sich in Padrutz ein mächtiger

Umschwung. Die Beamten, die das Volk zugrunde gehen sahen, duldeten

bedenkenlos mehr, daß Fremde eingelassen wurden. Insbesondere war die

Sehnsucht der alten Padrutzer groß nach ihrer Heimat. Philine schmeichelte

zwar, sie möchten zusammenhalten, aber sie mischten sich mehr und mehr

unter die Lobensteiner, wurden Gläubiger der lustigen Rheinländer und

setzten sich nach und nach in ihre Häuser. An den Herzog Stoffel ließ man

nichts verlauten. Er wußte nicht, daß nach einer scharfen Hungersnot viele

Stacheldrähte entfernt und die Stinkseen eingetrocknet wurden, daß die

Beamten die alten Landstraßen wiederherstellten. Ihn ehrte man nach wie vor

mit den fröhlichsten Berichten und feierte seine Erlasse, die zweifellos

nach dem Abgang der Kuriere in einen der Seen versenkt wurden, friedlich zu

heimlicher Nachtzeit. Die Scheunentore, wie einstmals die alten Padrutzer,

wagte man nicht zu behelligen. Was für Fälle man dem Stoffel in dieser Zeit

zur Beurteilung und Anweisung unterbreitete, soll an dem Beispiel der

fatalen Tür gewiesen werden.

Da hatte man in ein sonst unbrauchbares Häuschen ein altes Männchen

hineingesetzt, das dort allein wohnte. Einige Zeit, nachdem die Erregung

über den Barbier verklungen war, verfaßte dieses Männchen eine Eingabe an

das Padrutzer Amt, daß auch er in einem verhexten Hause wohne. Drei Türen

gäbe es hier, alle, soweit er sehen könne, gut gezimmert und in Angeln

befindlich, aber keine vermöchte er zu schließen. Soviel man an den Klinken

zöge, die Türen fielen nicht zu, und er sei, soviele Schlosser er auch

gefragt habe, nicht mehr imstande, mit privatem Verstand die Sache zu

klären und sich vor Zugluft zu schützen. Zwei behördlich ernannte Schreiner

wurden angewiesen, die Türen herauszunehmen, alles gut abzumessen, zurecht

zu hobeln; ein Schlosser hatte von neuem das Schloß zu kontrollieren. Alles

vollzogen, lief eine neue jammernde Eingabe des Greises ein: nichts sei

geholfen, die Sache vielmehr erschwert. Bei den Bemühungen, die Türe zu

schließen, hätte er sich schon die Füße zerschunden; dick seien sie und

verbeult; nur in Filzschuhen könne er noch gehen. Man lud den klagenden

Herrn auf das Amt; es erwies sich, daß er tatsächlich in Filzschuhen ging;

auch waren seine Füße rot und in einem unschönen Zustand allgemeiner

Schwellung. Die Berichte von Schreiner und Schlosser ging man durch, die

Türen seien nunmehr vollkommen und fügten sich in den Rahmen wie ein guter

Lobensteiner in das Gesetz. Der Schlosser resümierte sich: die drei

Schlösser sind tadellos, täten schnappen und schließen, wie man wolle;

alles sei freundlich und adrett, daß man seine Freude an dem artigen Ding

haben könne. Aber die Füße des Greises sprachen dagegen; er trug nicht ohne

Not Filzschuhe. Ein junger Beamter, ein Referendar, wurde damit beauftragt,

Pantoffeln und Füße des Greises zu beschreiben, dann die Akten

zusammenzubinden und mit dem nächsten Kurier nach Lobenstein an den Herzog

Stoffel zu schicken. Stoffel, im Besitz des Manuskriptes, dachte lange über

den Fall nach; der Verdacht der Hexerei war nicht von der Hand zu weisen.

Ein Entschluß war eilig zu fassen, da man fürchten mußte, daß dem

verdienten Greis die Füße gänzlich abgequetscht wurden. Er schrieb: Die

Füße des Greises sind mit Speck einzureiben und nicht zu benutzen, bis sie

sich verdünnt haben; das Häuschen schlage oder schieße man ohne viel

Aufsehen zusammen. Der alte Mann geriet außer sich, als ihm dieser

Entscheid wurde; er weigerte sich, sein Haus zu verlassen, und der gute

Speck jammere ihn. So griff die Regierung zu einem Gewaltmittel, um den

offenbar Lebensüberdrüssigen zu retten. Sie versteckte eines Abends sechs

Mann in dem Häuschen und ebensoviel vor der Tür, alle scharf bewaffnet, um

einen eindringenden oder entweichenden Schatten sofort zu stellen; sollte

sich nichts ergeben, so wollten sie den Todeswütigen kurzer Hand im Schlaf

packen, herausschleppen und das Gebäude anzünden. Als die sechs nun

verstreut im Hause herumlagen, sollten sie die Sache in einer

überraschenden Weise geklärt sehen. In der Dunkelheit schlurrte der alte

weitsichtige Mann an, suchte auf dem Tisch unter Käsetellern,

Zeitungsblättern und Kartoffelpellen nach seiner Brille; die fand er nicht,

aber einen Teller und mehrere Gabeln warf er herunter, so daß er mürrisch

davon abstand herumzukramen und in dem fast leeren Zimmer ab und auf

spazierte; der Greis konnte offenbar nicht den Abstand der Gegenstände

richtig schätzen, denn er ging forsch auf nahe Dinge los, auf einen Stuhl,

gegen das Bett, auf das Fenster, rannte im Sturmschritt gegen sie an. Mit

Bedauern sah die versammelte Mannschaft, wie der verehrte Greis in seinem

Ungestüm Beulen und Blessuren davontrug und nach kurzem Ausruhen die Jagd

von neuem begann. Nebenan lag eine Kammer. Die Beobachter stellten fest,

daß der Interpellant mit einem gewissen Argwohn vor der Tür herumschritt,

sich über seine Füße ein Paar ungeheure Wollschuhe zog, die ihm von der

Regierung zur Verfügung gestellt waren. Ein kühler feuchter Zug kam herein

von nebenan; er schien den Greis zu beschweren. Er wich der Zugluft aus,

stellte sich vor die Tür, ging wieder seitlich und rückte abermals an. Man

sah, nicht er war der Angreifer. Mit einem Sprung packte er die Türklinke

und riß die Tür wie einen Bock bei den Hörnern. Aus den Ecken, unter den

Sofas richteten sich blasse Gesichter auf, Gewehrläufe wiesen ihre

Mündungen gegen den Kampfplatz. Pappelnd und murmelnd arbeitete der Greis,

ein lautes Stöhnen schwang aus seiner Brust; aber wie er zog, die Tür ging

nicht zu. Ein Ingrimm schien den alten Mann bei den Schultern zu schütteln;

er trommelte und spuckte gegen die rabiate Tür, er trampelte mit den Füßen

gegen die Füllung, und schon hatte er sie wieder bei den Hörnern und

zerrte. Aber statt des ersehnten Einschnappens hörte man nur das

Jammergeschrei des Geklemmten. Ein Führer der Mannschaft unter dem Sofa

vergoß Tränen bei dem Anblick, es war ein klügerer Bauer, den das Unglück

der Lobensteiner gewitzigt hatte; er sah wie der Alte sich zwischen Tür und

Schwelle klemmte; ja, zwischen Tür und Schwelle stand der altersschwache

Lobensteiner Mensch, mühte sich die Türe zu schließen und wunderte sich,

daß unten seine armen gepanzerten Füße gequetscht wurden. Neben diesem

Führer lag einer, der flüsterte: »Wir müssen ihm die Brille geben; er weiß

nicht, wo er steht.« Der erfahrene lächelte wehmütig: »Die Brille macht's

nicht.« Er räumte heimlich die Porzellansplitter vor sich weg, gab den

andern ein leises Signal, während der gequälte Greis in den höchsten Tönen

Zetermordio schrie. Dann schmetterte ein Soldat einen Teller gegen die

Wand; in gellender Angst stürzte der Greis, der sich von seinem Quälgeist

übermannt glaubte, auf den Boden. Und nun packten ihn die Soldaten,

schleppten ihn vor das Häuschen, nagelten rasch die Haustür zu. Die

benachrichtigten Nachbarn, hinaustrabend ins Dunkle, fanden den Alten bei

halber Besinnung vor seiner Wohnung hingestreckt. Sie fragten ihn, was

geschehen wäre; er jammerte verwirrt, tastete nach seinen Füßen, sie mußten

alle seine Füße anfassen und sagen, daß sie noch dran wären. Er wurde von

den gutmütigen Leuten, da er nicht zu seinem Sohn ziehen wollte,

aufgenommen. Von seinem Wunsch, in dem Teufelshaus zu wohnen, war er

geheilt. Die Nachbarn banden ihm seine Brille an einer festen Schnur um den

Hals, so konnte er sie nicht verkramen; die Füße heilten sie aus mit Binden

und lauem Fencheltee. Dem Herzog Stoffel wurde der erfreuliche Verlauf der

Sache mitgeteilt; er war befriedigt, daß in seinen Landen sich nichts

Überirdisches und Abnormes ereignete. Aber er sann doch ernst in dem hohen

Vortragszimmer vor sich hin: wie rasch das Augenlicht der Menschen abnehme;

ob es sich nicht empfehle, schon frühzeitig die Lobensteiner daran zu

gewöhnen, eine Brille zu tragen. Freilich; es sehe nicht schön aus: aber

man könnte vielleicht für die Füße der Bauern Vorsorge treffen; bei kräftig

entwickelten Füßen des Greisen wäre es auf die Stöße der Tür nicht zu

Schwellungen und Schmerzen gekommen. Schmerzlich sei ein Hühnerauge nur,

wenn es vereinzelt vorkommt; dagegen breit ausgedehnt über die ganze Fläche

des Fußes könne es nur wohltuen. Die Minister notierten ehrerbietig die

Weisung.

In Padrutz wurde es Winter. Das Land hatte ein anderes Gesicht bekommen,

auch das Volk sah anders aus. In Amt und Würden saßen noch die Lobensteiner

Beamten, Registratoren, Oberregistratoren, Kirchenbehörden. Ihre Gaukler

aber waren in die weite Welt zerstreut. Bei Fremden taten viele der

Auserwählten Dienst, in Häusern, die ihnen selbst einmal gehört hatten, und

waren damit zufrieden: denn überall in der Welt, so sagten sie, muß einer

befehlen und einer gehorchen. Sonderbar waren manche anzusehen, die als

Knechte Dung und Stroh fuhren und dabei nicht von ihren blaugrünen Schärpen

ließen, mächtige Uhrketten aus Tombak trugen und allabendlich im Wirtshaus

die hohen stolzen Lieder von Lobenstein und dem Stoffel sangen. Die

Fremden, teils Böhmaken gewöhnlichen Schlages, teils ehemalige Padrutzer,

blieben in der Minderzahl; sie behandelten die Lobensteiner wie große

Kinder, aber auch boshaft, mit Ironie und als Ausbeuter. Wo die Fremden

konnten, ließen sie die Lobensteiner ihre Dummheit spüren; sie engagierten

sich aus ihnen Spaßmacher und Tölpel zur Belustigung der Familien. Darin

sahen die Lobensteiner nichts; denn jene gaben ihnen Brot und Arbeit und

waren ihre Herren. Die Fremden luden sich von weither, aus Prag und Wien,

Gäste ein und zeigten ihnen ihre Tölpel, die großen gehorsamen Deutschen,

die mit Bändern und Ringen einhergingen, von ihrem fernen Herzog sangen und

die Windel der Kinder wuschen. Sie lockten auf jede Weise die eigentümliche

Leichtgläubigkeit der Lobensteiner zutage, und hier ist wieder eine derart

traurig-spaßige Geschichte zu melden und läßt sich schwer unterdrücken.

Die Fremden hatten einen Schornsteinfeger mitgebracht, der viel mit den

Lobensteinern zusammensaß und sich an ihnen delektierte. Dieser erklärte

eines Tages, er könne den Blitzschlag aus den Wolken herunterholen; er

wolle eine Wette schließen auf zehn Gulden, daß er es vermöchte. Die

Lobensteiner fanden, das wäre ein billiges Geschäft für eine so große

Sache, schlugen ein und vertagten sich bis zum nächsten Gewitter. Als nach

ein paar Tagen die ersten Wolken hinter dem Gemeindewald heraufzogen, stieg

der Schornsteinfeger, ein langer Schlacks mit veilchenblauen Augen, auf das

Dach des Wirtshauses und benahm sich da oben sonderbar unter Pfeifen,

Flöten und Herumtänzeln, als ob er das Gewitter verlocken wollte. Wie er

lange genug gewinkt hatte und halsbrecherisch seine dünnen Knochen über die

Schiefer schleppte, standen auch ein Häufchen schwarzer Wolken über dem

Dorf; es grollte recht vernehmlich, dicker blähte sich oben das finstere

Getümmel, das Rumoren nahm erschreckende Formen an. Und immer noch ließ der

Schornsteinfeger nicht ab zu locken, zu rufen, zu winken. Plötzlich riß

sich der erste gezackte Blitz vom Himmel los, krachend warf sich der Donner

hinterher und prasselte seinen Grimm aus mit Hall und Widerhall über

Straßen, Türme und Giebel. Gleich nach diesem Vorkommnis tönte die Stimme

des Schornsteinfegers herunter: »Teller herauf, Geschirr, Glas, Porzellan,

was ihr mir bringen könnt.« Der Lobensteiner Widerpart unten im Gastzimmer

kaufte in Eile dem Wirt ab an Flaschen und zerbrechlichem Hausrat, was sich

entbehren ließ, schickte es nach oben durch eine Magd. Und nun hörte das

Flöten auf dem Dache auf; zwischen den langsamen schiebenden Geräuschen der

geballten Luftmassen, klatschte und klirrte es Schlag um Schlag in den

Kamin hinein, auf den Kochherd, splitterndes Glas, zerknackendes und

zerstäubendes Porzellan; in Angst schrieen die Gesellen in der Stube, sie

verkrochen sich vor den Splittern in alle Ecken, unter Tisch und Stühle.

Dabei schrie der Dachbewohner zum Himmel: »Hoho, so so, so so, noch

einmal!« Immerhin erreichte er durch seine Maßnahmen schon, daß es im

Umkreis nicht einschlug; noch aber brummten und kolksten die Wolken und

hatten sich nicht entleert; und plötzlich fing es erst richtig an, das

Unwetter, das mit grausamem Pauken- und Trommelschall um die kleinen Häuser

toste. Da benahm sich der verregnete Schornsteinfeger wie ein Narr. Man

hörte ihn jauchzen in den Pausen zwischen den Donnerschlägen: »Jetzt hab,

ich ihn! Noch einen! Immer her, immer ran!« Den Moment, wo es am Himmel

aufflammte, machte er einen Satz in die Höhe, sperrte die Hand auf, griff

zu in die Luft und steckte die geschlossene Faust sofort in die Tasche.

Einen Lacher stieß er aus, wenn es hell wurde, das Gewitter erschreckte ihn

nicht, er arbeitete droben in seinem Element. Als eine längere Stille

eintrat, rief er atemlos durch den Schornstein herunter: »Sepp,« so hieß

sein Hauptgegner, »komm ran, faß zu. Schon hab ich ihn. Ich schick dir

runter den ersten Beweis, ho ho, vom Blitz. Sollst sehen, ho ho! Ich hab

ihn, ho ho, den Beweis.« Sepp stelzte vor, streckte die Hände und Arme aus

unter den Schornstein, dabei duckte er sich etwas, weil es eine schwere

Last werden mußte. Und während er wartete, regnete es herunter, eine heiße

Flüssigkeit, immer über die Finger weg, und dann einige absonderliche

weiche latschige Klumpen, die von den Händen und Armen Sepps herabliefen.

Der stieg mit seinen Beweisen wieder ins Zimmer zurück, wagte sich erst

verdutzt, wie er war, nicht an den Tisch, sagte unter der Hängelampe

stehend: »Man möcht's für was Menschliches halten.« Die anderen Wetthalter

krochen heran, hielten sich die Nasen, tupften hinein: »Aber brühwarm ist's

noch.« Sepp bestätigte unsicher: »Wie das heiße höllische Feuer brennt's.«

Sie standen mit dem Wirt um den betroffenen Sepp herum, der seine Arme und

Hände von sich abhielt und sie mit den Augen alle um Entschuldigung zu

betteln schien. Sie sagten: »Gekommen ist's doch von oben?« »Freilich von

oben, ganz von oben.« Sie schwiegen und blickten sich an. »Jedenfalls

waschen wir's mal ab.« Sepp verduftete. Sie saßen finster und zweifelnd um

den Tisch. Einer fing an: »Na, und ob's nun menschlich oder nicht

menschlich ist, irgendwohin muß es der Blitzschlag doch auch tun.« »Ja, ja

in die Luft geht's da auch nicht. Bei keinem Kaiser und Herren geht das

so.« »Das meine ich auch.« Der Schornsteinfeger rief durch den Kamin:

»Ist's angekommen?« »Ja, ja,« riefen sie gemeinsam, »ist alles schön

angekommen. Ist schon da, jawohl.« »Kommt noch mehr.« »Nein, nein, ist

nicht nötig; es langt schon.« Trotzdem bemerkten sie bald darauf, wie es

rumorte im Kamin und dunkle dampfende Massen in großer Menge niedersausten

auf den Herd. Der Wirt nahm einen Knüppel und schrie herauf: »Hast nicht

gehört, es langt schon. Glaubst ich werd' mir den ganzen Herd versauen

lassen mit deinen Beweisen? Es langt schon!« »Nun also,« klang es zurück,

»dacht' nur, sicher ist sicher.«

Als das Gewitter abgezogen war, kam der Schornsteinfeger pitschnaß vom

Dach, stellte sich in die Stube und sagte: »Hier riecht's aber nicht

schön.« Sepp meinte traurig: »Freilich riecht's. Sind die Beweise.« »So so,

die Beweise. Da haben wir's, da ist es heraus; wie ich gesagt habe, die

Beweise. Es ist deutlich zu spüren.« Und dann stellte er sich hohnlachend

an die Wand, hatte beide Fäuste in den Taschen, sah sie aus seinen

veilchenblauen Augen an und sagte kein Wort. Sepp fuhr trotzig auf: »Was

lachst denn du?« »Weil du wirst zahlen müssen, Sepp. Was glaubst du wohl,

Sepp, was ich hier habe in beiden Taschen? Hä? In meinen Taschen?« »Deine

Fäuste wirst du drin haben.« »Und was werd' ich wohl in den Fäusten haben?

Hä?« Sie tuschelten untereinander, der lange Schlacks ließ sich nicht

beirren. »Zeig einmal her,« rief Sepp. »Das könnte dir so gefallen. Damit

du's mir wegnimmst, davonläufst und ich kriege keinen Heller. Was ich in

der Faust habe, hä? Ich habe ihn selber, ja, ja, ich habe ihn eben.« »Na

zeig ihn doch.« »Den Blitzschlag. Ich hab, ihn geholt. Drüben die in der

Scheune haben gesehen, wie ich ihn geholt habe; dreimal; einmal ist er mir

vorbeigefahren.« Als sie nichts erwiderten, schlängelte er sich vorsichtig

näher an den Tisch, langte eine Faust heraus und schlug sie auf den Tisch:

»Jetzt sollt Ihr einmal sehen, daß euch die Augen übergehen werden.« Und

wie er die Faust öffnete, hatte er darin eine kleine Schachtel aus Holz;

und wie er den Deckel der Schachtel abhob, saßen in der Schachtel zwei

kleine Käfer. Die Bauern schoben die Köpfe übereinander, starrten hinein.

Der Schornsteinfeger riß den Mund bis zu den Ohren auf, triumphierend

spießte er seine Finger hinein: »Der Blitzschlag.« Die Bauern staunten: »Es

sieht aus wie ein großes Marienkäferchen und ein kleines.« »Man möchte

glauben nach dem Anblick, es sind zwei Marienkäferchen.« Der

Schornsteinfeger bekräftigte nach einem kritischen Blick: »Ja, es hat eine

gewisse Ähnlichkeit mit einem Marienkäferchen. Aber schon der Gang ist

anders; ihr hättet sehen müssen, wie sie gehen, wie sie fliegen. Ich mach's

euch nachher vor wie das Volk geht. Ich habe sie mit der Waschleine fangen

müssen, als sie grade aufs Dach fahren wollten. Ungestüm wie zehn Männer

haben sie daran gezogen und wollten mich runter kriegen, aber, da sitzen

sie, und ich steh hier!« Er holte die andere Faust aus der Tasche: »Da sind

noch zwei; aber fest, fest muß man sie halten, sonst schlüpfen sie davon

und explodieren.« Er steckte sie sogleich in die Tasche und trank Sepp das

Bier weg. Sepp fragte: »Sind immer zwei beisammen?« »Immer zwei sind ein

Blitzschlag. Aber groß wie die Bullen sind sie, wenn sie aufs Dach stürzen.

Erst wenn man sie fängt und in die Schachtel tun will, werden sie klein.«

Die Bauern waren ganz gedrückt. Der Schornsteinfeger schlurrte an die Wand,

zog seine nasse Jacke aus, nahm einen wollenen Überrock; seinen braunen

Kinnbart streichelte er vor dem viereckigen Wandspiegel, über dem

ausgestopft ein Igel und ein Marder hingen: »Das ganze Ohr haben sie mir

zerkratzt, die Untiere, die mörderischen.« »Na sag aber mal, du

Turnmeister, was ist denn da heruntergekommen von oben, und der Sepp hat's

in die Stube tragen müssen auf den Armen; da liegt's noch auf dem Herd?«

»Ja, das ist gekommen -- man möchte sagen, wie es gekommen ist. Direkt ist

es gekommen. Gekommen ist es von ihnen, wie sie mich nur gespürt haben.

Sind einmal an den rechten geraten, die Untiere, die Landsverderber. Man

möchte es Angstschweiß nennen. In ihrer Not ist es von ihnen gelaufen. Ich

hab' sie grade über den Schornstein gehalten, damit Ihr was merkt.« »Oh ja,

man merkt's. Daß kleine Tiere so stark schwitzen können.« »In ihrer Angst,

in ihrer Angst.« Nachdenklich saß man bei offenem Fenster um den Tisch.

Draußen tropfte es sanft, Der vielfarbene Regenbogen spannte sich über den

Kirchturm. Sie fragten den Schornsteinfeger noch einmal, ob in der

Schachtel also der wirkliche Blitzschlag säße; und sie wollten das auch

schriftlich haben von ihm. Er gab ihnen den geschriebenen Beleg und sie

bezahlten darauf die Wette. Als der Fremde fortging, saßen sie noch

stundenlang beisammen, beobachteten, wie der Wirt wütend die »Beweise« vom

Herd räumte; er schimpfte, es sei leibhaftiger Menschendreck und der

Schornsteinfeger ein Durchtriebener. Sie legten Streichhölzchen in die

beiden Schächtelchen, aus denen der Fremde je ein Tier herausgenommen hatte

und stritten sich über den Gang des Tieres. Urteilen könne man ja über die

Sache nicht, da nur ein Tier noch drin säße, aber der Schweiß der Käfer

rieche sehr verdächtig. Der Wirt meinte, Sepp stinke so, aber Sepp blieb

dabei, es habe seine Richtigkeit, die Käfer hätten einen beweiskräftigen

Geruch, einen sehr überzeugenden Geruch. Und alle schüttelten an der

Schachtel, schüttelten daran und suchten die Tiere zum Stinken zu bringen.

Und dann wurde man grob gegen den Wirt, wies auf den Zettel und parlierte

ostentativ über die Wunder dieser Welt. Bis der Nachtwächter blies und der

Wirt kurz Feierabend gebot.

Solche Stücke blieben keineswegs ohne Einfluß auf die Lobensteiner. Die

vielen Nasführereien machten die Leutchen kopfscheu. Sie nahmen etwas

Mürrisches an, das ihnen sonst ganz fremd war. Das Mißtrauen schlich sich

bei ihnen ein gegen alle Welt. Sie brachten einen summarischen Widerwillen

hervor auf dies böhmische Land. Ihre Erbitterung machte sich in häufigen

Schlägereien mit den Fremden Luft. Schließlich überkam sie der Unmut über

sich in so verzweifelter Weise, daß sie beschlossen, die Nachbarschaft

einmal gründlich allerlei kosten zu lassen. Das war ein Vorhaben, aus dem

Nichts geboren und momentan feststehend wie eine bereits geschehene Tat.

Agitatoren rollten in den Häusern mit den Zungen: »Sind wir Laffen, daß man

uns zum Besten hält? Wir sind fröhliche Leute und tun unsere Arbeit.« Den

Behörden gaben sie nichts kund davon. Die Frauen weinten, aber billigten

die Sache. An zweihundert Lobensteiner kamen in den Wirtshäusern zusammen,

trotzige ehrenhafte, wenn auch etwas langsame Männer, gute Bürger und

Bauern; sie nahmen sich vor, in der Padrutzer Umgebung bis nach Olmütz hin

totzuschlagen, was ihnen in die Quere kam. Einige kramten bedächtig ein

paar Fähnchen aus, die sie aufbewahrt hatten von dem Herzog Stoffel und dem

Auszug; man wies sie zurück und ohrfeigte sie, auch die, welche mit Bändern

und Gürteln ankamen. Bei der Padrutzer Grafschaft lagen zwei große

Ortschaften, Reutte und Kamsen. Da hinaus liefen die Padrutzer eines

Morgens. Nicht schön waren sie anzusehen. Wie sie von ihrer Morgenarbeit

kamen, stelzten sie. Viele trugen keine Waffen und Geräte; an den Armen

baumelten ihre schweren Fäuste; die sollten Hämmer sein. Einige beugten die

dicken Schädel und glaubten, die besten Sturmböcke da zu haben. Geschosse

führten sie nicht, aber laufen konnten sie wie Kugeln. Wenn sie brüllten,

sollte keiner Trommeln vermissen. Die, welche Waffen trugen, hatten sich

auf ihre Weise versehen. Auf den Schürzen und Jacken schaukelten ihnen wie

Hampelmänner die Bilder ihrer besten Heiligen, aus buntem Papier roh mit

der Schere geschnitten. Einige sah man lose Wagenräder neben sich rollen;

die waren an einer Speiche mit einem Strick befestigt; die Bauern wollten

sie um sich wirbeln über die Köpfe und alles einklaftern um sich. Viele

hatten weiter nichts bei sich, als das kurze breite Messer, mit dem man

Schweine absticht. Rodehacken und Eisen von zerbrochenen Pflugscharen nahm

man mit, ließ aber manches davon unterwegs fallen. Wie überhaupt der Zug

der zweihundert Lobensteiner über den Grenzäckern von Stunde zu Stunde

weniger kriegerisch erschien, so daß man sie bald gänzlich für betrübte

Bittsteller halten konnte. Gegen Mittag, eine halbe Stunde vor Reutte,

standen auf einem Acker zwei junge Männer mit Dünger in der Schürze; die

grinsten behaglich, und zogen in demütiger Unverschämtheit ihre Mützen, als

sie die Lobensteiner erkannten. Nach einer knappen Minute waren sie

erstochen von den vordersten Wanderern, ohne daß die folgenden die Köpfe

hoben. Ein paar Weiber liefen darauf unter entsetzlichem Gekeif und

Händeschwingen querfeldein auf Reutte zu. Die Bauern hielten am Kragen fest

zwei hitzige Kameraden, die mit Beilen hinter den Weibern her wollten. »Wir

sind keine Füchse und Bären, daß wir springen.« Ein Viertelstündchen vor

Reutte hörte man es blasen in dem Ort, wie wenn Feuer wäre. Als die

Lobensteiner über die Brücke gingen, fing man an auf sie zu schießen. Wer

getroffen war kippte rechts und links in das helle Wasser und kam nicht

wieder hoch. Die Schützen von Reutte hatten sich in einigen Häusern dicht

am Fluß verschanzt und schossen in Ruhe die vordringenden Lobensteiner ab;

zwanzig kamen immer über die Brücke, acht warfen die Hände in die Luft,

machten einen Bogen nach rückwärts wie Fische im Netz, und ließen den Boden

unter den Füßen. Jenseits des Flusses im Ort fing das Schlagen und Morden

an. Die von Reutte wußten nicht, was die Lobensteiner im Sinn hatten; darum

hielten sie sich eifrig daran sie umzubringen. Man schob sich ineinander

und suchte zu sehen, was sich machen ließ. Sehr langsam kamen neue

Lobensteiner über die Brücke, und das war ihr Fehler. Denn die ankommenden

Haufen wurden von denen drüben nur erwartet, empfangen, und nach einigem

Stich, Stoß und Wurf auf den Boden gelegt. Die Reutter arbeiteten wie eine

Walkmühle. Fünfzig bis sechzig Mann waren zum Schluß übrig von den

Padrutzern, die blieben jenseits der Brücke stehen, drohten herüber. Die

Reutter foppten und hetzten: »Späßchenmacher, Zigeunerchen, Zigeunerchen!«

Wütend liefen sie davon: »Wir holen uns Gewehre!«

Und während sie rannten, wurden sie so giftig, daß sie sich an Bäumen

vergriffen, Scheunentüren einen Tritt gaben, ja, daß sie sich beim Kragen

packten, wenn einer zufällig den andern mit der Schulter stieß. Hinter

ihrem Rücken aber, ohne daß sie es bemerkten, rückten die von Reutte und

Kamsen gewaltig an, dreihundert Männer, und noch mehr kamen zu, mit

Gewehren, Spießen und Sensen, machten gar keinen Lärm. Wenn es schoß, sah

sich kein Lobensteiner um im Lauf; wenn einer fiel, schimpfte der Nachbar:

»Wer purzelt, bleibt liegen,« und war noch zornig auf ihn, weil er nicht

mitkam. An den beiden erstochenen Jünglingen vorbei, über Stoppelfelder

nach Padrutz.

Als in Padrutz die Behörden die ausgerückten Krieger am Mittag vermißten

und zu untersuchen anfingen, wo sie verblieben waren, läutete es Sturm vor

dem Grenzwall. Schüsse fielen, das Schießen näherte sich. Die kleine

zerfetzte blutende Schar der Kämpfer brach über dem Wall herein und wie sie

kam, verstreute sie sich finster in die Häuser, sagte kein Wort, suchte nur

nach Waffen. Den Rückweg nach Reutte konnten sie sich ersparen. Denn das

Sturmläuten hörte dicht hinter ihnen auf. Die Lobensteiner Polizisten und

Beamten klapperten mit ihren Stiefeln auf den Straßen, um zu sehen, was

war. Da sprangen um die Ecken die von Reutte und Kamsen her, hatten ihre

Schießprügel und Kolben und Dengel und schlugen die Lobensteiner, Mann und

Weib, auf den Straßen tot. Die Polizisten und alle, die Vernunft behielten,

verschlossen sich in die Häuser und fingen ihrerseits mit Schießen an auf

die Eindringlinge. Und so heftig wurde das Knattern der Verteidiger, daß

die von Reutte und Kamsen sich in den Gassen nicht halten konnten, sich auf

dem Markt sammelten und da in einigen Häusern Feuer anlegten. Bei diesem

Handwerk wurden sie überrascht von einer Handvoll der verzagten

Lobensteiner, die gewillt waren, mit ihren Gewehren nach Reutte zu laufen

zur Brücke. Der Berserkerwut dieser Männer, denen sich ihre Frauen

beigesellten, -- sie warfen ein paar Reutter gradewegs ins Feuer, --

vermochten die schon stark zusammengeschmolzenen Reutter nicht

standzuhalten, sie schlugen sich unentschlossen eine Zeitlang herum, bis

sie auf das Signal eines ihrer Hauptmänner eine Art Sturmangriff vom Markt

her auf die Peripherie unternahmen und so tatsächlich ungestört entflohen.

Die in Padrutz aber wagten sich nun nicht mehr hinaus; sie besahen sich den

Schaden. Den Brand löschten sie in traurigem Schweigen. Man suchte, sobald

man sich hinaustraute vor das Dorf, Tote und Verwundete zusammen, schleppte

sie auf Wagen in das Dorf hinein. Dort standen in einer Reihe mit grimmigen

Gesichtern die behördlichen Personen. Sie behaupteten, durch ihre

Entschlossenheit die Situation gerettet zu haben, und nahmen schon beim

Zählen der Toten einen bedrohlichen Ton gegen die gebrochenen Insurgenten

an, welche ohne ihre Genehmigung den Ausfall gemacht hatten; sie stellten

eine peinliche Untersuchung in Aussicht. Die verbrecherischen Toten, welche

außerhalb gefallen waren, ebenso die dort Verwundeten hießen sie sich

besonders zusammenzuhäufen. Mit Polizeiaugen beschauten sie sich

Ausstaffierung der Blessierten und Märtyrer und kritzelten alles in eine

große Anklageakte. Wenngleich die Beamten nun keineswegs vorhatten, dem

Herzog reinen Wein über die Vorgänge einzuschenken, so planten sie, ihn um

militärische Hilfe zu bitten unter Zugrundelegung des Materials zugleich

zur Bewältigung der inneren und äußeren Unruhen.

Sie waren völlig verblendet. Drei Wochen liefen die Akten den Instanzenweg.

Inzwischen geschah im Lande alles, was notwendig war.

Die Lobensteiner kamen nicht zur Ruhe. Sie hatten keinen Groll auf die von

Reutte und Kamsen, mehr auf sich, und den heftigsten auf die Behörden. Es

konnte nicht so weiter gehen. Da die Straßen wieder gesperrt werden mußten

wegen befürchteter Attacken von außen und die Not groß wurde, berieten sie

untereinander und schickten eine heimliche Deputation an die wieder

befreundeten beiden Orte und zugleich an die alten Padrutzer, ihnen

beizustehen, mit ihnen Frieden zu schließen und nach Padrutz zu kommen. Die

nahmen alle die Einladung mit Freuden an. Sie kamen nacheinander, und da

sie keinen weiteren Widerstand fanden als bei der neueingesetzten

Wegekommission, welche vergeblich ihre rostigen Posaunen blies, so nahm die

Absetzung der Lobensteiner Behörden, die Überflutung des Landes mit fremdem

Volk ihren glatten Verlauf. In ihrem Kummer und ihrer Erbitterung wanderten

manche Lobensteiner aus, in die Nachbarschaft und weiter weg; wenige zogen

in die Heimat zurück, aber es hieß, daß auch dort Kriegszustand herrsche.

Damals lieferte Herzog Stoffel mit schwankendem Glück die letzten

Schlachten dem Kurhessen; noch zwei Jahre dauerte es, bis Hessen seine Hand

auf Lobenstein legte und den Herzog samt seinem Hofstaat zu dauerndem

Kuraufenthalt nach Bad Pyrmont verbannte. Als einige alte Lobensteiner von

ihrem Fenster in Padrutz sahen, wie die ganz veränderten Landsleute selbst

die Behörden fortschleppten ins Gewahrsam, weinten sie und riefen herunter:

»Vertragt euch, Kinder, vertragt euch! Wenn das unser guter Stoffel wüßte!«

Aber nicht einmal der Appell, daß sie, vom Herzog selbst als die

Tüchtigsten erwählt, nun solche Undankbarkeit erwiesen, fruchtete mehr; in

diesen Entmenschten unten waren alle patriotischen Regungen erstorben. Es

war kurz und gut zu Ende mit den Lobensteinern, und so weit war es

gekommen, daß die Lobensteiner selbst wünschten, unter Fremdherrschaft zu

leben und ihre Heimat zu vergessen.

Nach wenigen Monaten war in Padrutz alles auf ein gesundes Geleise geführt.

Altpadrutzer, Neupadrutzer, Männer von Reutte und Kamsen, die sich so

kriegerisch befeindet hatten, wohnten durcheinander, zwischeneinander. Die

böhmische Stadt Olmütz hatte die Herrschaft übernommen in teilnehmender

Angst, daß unter den Dörfern in ihrer Nähe Rangstreitigkeiten entständen;

auch erhob sie deswegen im Namen des Königreichs Böhmen Steuern von allen.

Manchen Lobensteinern ging das Akklimatisieren schwer an; sie hatten ihr

festfrohes Blut noch nicht besänftigt. Das war oft noch ein schmerzliches

Prahlen, Stolzieren, Schmuckreichtum auf den belebten Plätzen von Padrutz;

ja diese taten sich, als wenn sie adlig wären unter den anderen und

sprudelten ihre Meinung wie sonst heraus. Da griff aufgehetzt die

königliche Stadt Olmütz ein und benutzte ihre Kreishoheit dazu, den

Leutchen in umschriebener Weise ihren Adel zu bestätigen: sie ließ von

einigen geübten Kupferstechern und Holzbrandmalern Schablonen herstellen

mit dem Lobensteiner Doppeladler; diese Schablone ließ sie bei offenem

Markt einigen ertappten rheinischen Herrschaften auf das unbekleidete

Rückgrat drücken und nunmehr dort als unvergängliches Signum mit Ätzstichen

befestigen. Die Stadt Olmütz stellte den kehrseitig so gezierten frei,

jederzeit ihr approbiertes Wappen offen zur Schau zu tragen, verfügte

sogar, sobald einer sich auf Lobensteiner Manier öffentlich erginge,

sollten alle Padrutzer Männer und Frauen das Recht haben, sich zu

überzeugen, ob jener durch sein Wappen zu solchem Tun ermächtigt sei.

Dies war also das Grabsiegel, das endgültige, das auf die Lobensteiner

Regierung gedrückt wurde. Zu guter Letzt stellte sich noch eines Tages die

kratzbürstige Philine aus der Nepomukgasse zu Prag ein; Sie hatte vom Rhein

vernommen, daß der Stoffel in Pyrmont wohne, wie sie in Prag; nur bezöge

der Herzog eine kurhessische Apanage, eine Oppositionspartei unterhielte er

in Lobenstein und geheime Akten liefen nur so hin und her wie geölt. Das

hatte einen gewissen Anstrich. Sie fuhr deshalb eines schönen Vormittags

von Olmütz her die Chaussee nach Padrutz hinauf; sechsspännig fuhr sie. Vor

dem letzten Wirtshaus ließ sie halt machen, Pferde und Begleiter tränken,

Laternen, Räder putzen und blank machen. Dann ging es feierlich mit

Trompetengeschmetter nach Padrutz hinein. Das alte grafschaftliche Wappen

prunkte an dem Wagenschlag, auf den Schabracken; zwei Kutscher auf dem Bock

in gelbroter Livree mit Schnüren an den Ärmeln und goldgezierten Chapeaus;

drei Vorreiter mit blitzenden Trompeten und Degen; drei Jäger hinterdrein.

Im Wagen die pompöse Philine mit rotem Gesicht, Puderperücke. Eine Hofdame

ihr gegenüber auf dem gelbseidenen Polster, das pausbackige Kind im Arm,

dessen Kleidchen himmelblau bis auf den Boden floß. Das war ein Gedrehe und

Geziere im Wagen. Über das unerwartete Ereignis liefen die Leute von allen

Seiten herbei. Philine lächelte immer gnädig aus ihrem fetten Antlitz, ließ

jeden Augenblick halten, sprach mit Bekannten, reichte die rechte Hand, die

linke Hand, tat als wenn sie wiederkehrte: »Wie froh bin ich, daß es euch

gut geht. Und da steht ja auch der Franzel, der ist aber schön groß und

rund geworden. Und das Häuschen drüben ist abgebrannt samt den

Kuchenkringeln, ja Ihr habt nette Sachen gemacht bei eurer Revolution! Aber

es wird alles gut werden, verlaßt euch drauf. Guten Tag, Sepp, guten Tag,

Gottlieb.« Die Altpadrutzer rieben sich unentschlossen die Nase, sagten

zumeist: »Guten Tag,« dachten, lebt denn die auch noch und zogen ihrer

Wege. Viele grinsten offen über das Getue. Auf dem Markt, wo die abgesetzte

Dame lange verweilte und mehrfach im Kreise herumfuhr, stellten sich auch

bald Magistratspersonen ein. Ein alter Mann trat aus seiner Haustür, über

der ein großer vergoldeter Schirm hing. Dieses war ein bekehrter

Lobensteiner, der sich dem Olmützer und königlich-böhmischen Regiment

verschworen hatte. Er sah mit Grimm die verflossene Philine einherkariolen.

Als die Kutsche in seiner Nähe war, bewegte er den schweren Leib hin an

ihren Wagenschlag, streckte den Kopf vor und bat Philine knurrig, sich sein

neues Schaufenster anzusehen. Sie rauschte gerührt in ihrer gelbrosa Pracht

hinaus, wackelte vor dem Laden leutselig mit dem puderstäubenden Haupte. Er

aber, als sich viel schmunzelndes Volk angesammelt hatte, grunzte grob, er

wolle sie sich auch einmal betrachten. Sie hätte eine so schöne runde Figur

von allen Seiten; da eigne sie sich ja vorzüglich für die hier moderne Art

der Wappentracht. Die Lobensteiner wüßten darüber Bescheid; sie solle sich

einmal informieren, zur Rechten oder Linken; er selbst würde dafür Sorge

tragen, daß ihr der neue Orden verliehen würde, der Doppeladler, wenn sie

das nächste Mal vorbeikäme. Sie dankte von oben herab, wußte nicht, was das

brüllende Lachen bedeute und der unflätige Ton des Menschen. Sie ließ den

Wagen umkehren nach einer Nebenstraße, aber zwei junge Leute, die Söhne des

Alten, fühlten sich berufen noch mitzusprechen. Sie baten mit wenig

merklichem Hohn und großer Fixigkeit um die Erlaubnis, ihre geliebte

Herrscherin kutschieren zu dürfen. Und während die galonierten Kutscher zur

Seite marschierten, lenkten oben die ernsten augendrehenden Gesellen, und

sie lenkten, ob die verehrte Landesmutter wollte oder nicht, die Kutsche

aus dem Ort hinaus, nach Olmütz hinein in einem glatten Trapp und setzten

die Herrscherin ab vor dem Verleihinstitut, aus dem Kutsche und Pferde

stammten. Dort verneigten sie sich, verzichteten auf jedes Trinkgeld und

versprachen allseits das Beste, wenn man wiederkäme. Philine stand mit der

blauseidenen Erbprinzessin auf der Straße und vergoß Tränen. Sie hatte

zuletzt die beiden Burschen noch am Dialekt als ihre alten Lobensteiner

Feinde erkannt, und der Tort, den man ihr antat, schmerzte darum doppelt.

Ein Korbwägelchen mußte sie besteigen; das Kind und die Perücke hatte sie

auf dem Schoß. In Prag warf sie sich in die Arme ihres Fouragehändlers; der

welterfahrene Mann legte erst das Kind trocken, dann tröstete er die

enttäuschte Landesmutter.

Und damit ist alles beendet von der Lobensteiner Reise nach Böhmen. Heute

wissen die Padrutzer nichts mehr von ihrer zusammengesetzten Natur. Sie tun

ihre Feldarbeit und vielerlei Handwerk tapfer und wohl vergleichbar unter

selbst gewählten Schulzen. Einen Doppeladler sieht man auch jetzt bei

ihnen, aber über ihren Köpfen, an den Fahnenstangen. Denn das kaiserliche

Österreich führt sein stolzes Regiment über sie.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 32 / 32 题